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Neue Entwicklungen beim VW-Dieselskandal: Tag der Abrechnung

VW-Chef Matthias Müller will den Dieselskandal zu einer kompletten Neu-Ausrichtung des Volkswagen-Konzerns nutzen. Eine neue Offenheit soll die bisherige Angst-Kultur ablösen. Dabei macht Müller die Digitalisierung zur Chefsache. Außerdem gibt es Neues zum Diesel-Skandal: Der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch verspricht eine schonungslose Aufklärung und will die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Das ist die Funktionsweise des Stömungsgleichrichters beim 1.6 TDI Motor (EA 189)

Das ist die Funktionsweise des Stömungsgleichrichters beim 1.6 TDI Motor (EA 189)

Vor der Pressekonferenz versprühte Matthias Müller betont gute Laune. Mit einem schalkhaften Grinsen fragte der VW-Chef einen der anwesenden Journalisten, warum er so eine kleine Kamera habe und die anderen so große? Die Antwort gab der VW-Chef in sich hineinlachend selber: "Das Baby-Modell!" Wenige Minuten später war die Zeit der Späße vorüber. Bei aller zur Schau getragenen Leichtigkeit des Seins, war dem drahtigen VW-Chef die Anspannung, unter der er die letzten Wochen stand, anzusehen. Schließlich hat der ehemalige Porsche-Chef eine Herkulesaufgabe zu stemmen, bei der es nicht nur um die Aufarbeitung des Dieselskandals geht, sondern auch um eine Neu-Ausrichtung des gesamten Konzerns.

Tag der Abrechnung
Das ist die Funktionsweise des Stömungsgleichrichters beim 1.6 TDI Motor (EA 189)

Das ist die Funktionsweise des Stömungsgleichrichters beim 1.6 TDI Motor (EA 189)

"Wir tun alles, um die aktuelle Situation zu bewältigen. Aber wir werden nicht zulassen, dass uns diese Krise lähmt. Im Gegenteil: Wir nutzen sie als Katalysator für den Wandel, den Volkswagen braucht", gab sich Müller kämpferisch. Die Leitlinie für diese grundlegenden Neuausrichtung ist der von Müller unlängst umrissene Fünf-Punkte-Plan. Statt der der Kultur der Angst, sollen offene Türen für eine transparente Kommunikation sorgen, Entscheidungen in Zukunft schneller und effizienter getroffen werden. "Ein Konzern dieser Größe, kann nicht mit den Strukturen von gestern geführt werden", rechnete Müller mit seinen Vorgängern ab.

Sein Credo des Machers lässt Müller auch bei seinen Entscheidungen durchblicken. "Ich werde es nicht zulassen, dass Ingenieure in Steuerungsgremien sitzen, anstatt zu entwickeln", knurrte er fast grimmig in das Mikrofon. Was er damit meinte, dass der Konzern schlanker und effizienter werden solle, illustrierte Müller gleich an zwei weiteren Beispielen: statt bisher 30 Manager werden in Zukunft nur noch 19 direkt an ihn berichten und wichtige Entscheidungen sollen in den dafür vorgesehenen Ebenen fallen. Das geht einher mit der größeren Eigenständigkeit der einzelnen Marken und Märkte, die nach dem Willen von Müller mehr gelebte unternehmerische Verantwortung praktizieren sollen. Dafür soll es auch einen neuen USA-Chef geben, der nach wie vor gesucht wird, da Ex-Skoda-Boss Winfried Vahland den Posten nicht antreten wollte.

Die Zukunftsfähigkeit von Europas größten Autobauer steht weit oben auf Müllers Agenda. Genauer die E-Mobilität und die Digitalisierung. Letztere hat Müller zur Chefsache erklärt und mit Johann Jungwirth schon einen ehemaligen Daimler-und-Apple-Mann nach Wolfsburg lotsen können. VW will bei der Digitalisierung voranschreiten und nicht hinterherlaufen. Deswegen verspricht Müller nicht nur 20 neue E-Fahrzeuge und Plug-in-Hybrid-Modelle bis 2020, sondern auch dass VW das autonome Fahren "auf breiter Front früher bringt, als andere Hersteller." "Wir brauchen etwas mehr Silicon Valley gepaart mit der Kompetenz von VW", gab Müller als Marschrichtung aus. Der komplette Umbau des VW-Konzerns soll bis Anfang 2017 abgeschlossen sein. Neben den internen Prozessen, die verhindern, dass so ein Vorfall noch einmal passieren kann, soll sich VW auch in der Außendarstellung grundlegend ändern. Die neue VW-Bescheidenheit fängt bei weniger protzigen Messeauftritten an und hört bei reduzierten Auslandsreisen der Mitarbeiter auf. Deswegen wird auch der konzerneigene Airbus, mit dem die Führungsmannschaft um die Welt jettete, verkauft.

Parallel dazu sind die Wolfsburger auch noch mit der Aufklärung des Dieselskandals beschäftigt. Neben einer internen Revision durchforsten auch externe Experten von Jones Day zusammen mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte die Unterlagen des Konzerns. Bisher haben die rund 450 Experten über 100 Terrabyte an Daten gesichtet, das entspricht etwa 50 Millionen Büchern. Die Aufklärungsarbeit ist noch nicht abgeschlossen, aber nach dem derzeitigem Stand der Dinge, war nur ein kleiner Personenkreis in die Manipulations-Affäre verwickelt. Der Vorsitzende des VW-Aufsichtsrates Hans Dieter Pötsch ließ dennoch keine Zweifel aufkommen: "Die Verantwortlichen werden zur Rechenschaft gezogen!"

Drängler wird von Polizei überrascht.

In Europa scheint VW das Gröbste überstanden zu haben. Das Kraftfahrzeug-Bundesamt KBA hat die von den Wolfsburger Technikern vorgeschlagenen Nachrüstlösungen akzeptiert. Demnach reicht bei den 1,2- und 2.0-Liter Diesel-Aggregaten eine neue Software. Beim 1.6-Liter-Problemmotor kommt ein Gitter dazu, das direkt vor dem Luftmassenmesser die Strömung der Ansaugluft beruhigt. Beim großen V6-Diesel, der auch bei Audi und Porsche zum Einsatz kommt, wird es wohl auf einen neuen Katalysator hinauslaufen. Die Umrüstaktionen sollen das ganze nächste Jahr andauern, beginnend mit dem Zweiliter-Diesel, danach kommt der 1.2 TDI dran und erst im dritten Quartal der 1.6-Liter Motor. Das liegt einfach an der Vorlaufzeit, um die entsprechenden Teile zu produzieren. Das alles ist natürlich kostenlos. Außerdem verspricht VW, auch für etwaige Steuerforderungen an die Besitzer der betroffenen Modelle einzustehen.

Technisch komplizierter wird es in den USA aufgrund der strengeren Absatznormen. Aber auch da sieht sich Müller auf einem guten Weg. Er traut sich sogar zur Messe nach Detroit, will mit den Behörden konstruktiv sprechen, selbstbewusst auftreten und keinesfalls auf die Knie fallen. Doch bei allem zur Schau gestellten Optimismus: Das dicke Ende kommt erst noch, wenn die Sammelklagen aus den USA auf den VW-Tisch flattern. Dann kann es noch einmal richtig teuer werden. Das weiß auch Matthias Müller.

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