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Neue Manipulationsvorwürfe: US-Abgaswächter nehmen VW jetzt richtig in die Zange

Der Ton zwischen Aufklärern und VW wird ruppiger. Die Umweltschutzbehörde EPA ist erkennbar unzufrieden mit dem Krisenmanagement. Sie konfrontierte VW mit neuen Manipulationsvorwürfen - in der Öffentlichkeit und ohne Vorwarnung.

Die großen Dieselmotoren wurden auch in teuren Flaggschiffen wie dem Porsche Cayenne verbaut.

Die großen Dieselmotoren wurden auch in teuren Flaggschiffen wie dem Porsche Cayenne verbaut.

Die Szene am Stammwerk des VW-Konzerns ist passend: Nebel erschwert die Sicht auf die Zentrale des Autobauers. Davor, auf dem Mittellandkanal, liegt ein Schiff namens "Tsunami". Nach den neuen Vorwürfen aus den USA ist die Lage bei Volkswagen seit Dienstag tatsächlich wieder nebulös - ob ein Tsunami droht, ist offen. Aus der US-Umweltschutzbehörde EPA schwappen neue, schwere Vorwürfe heran. Nach einer kurzen Ruhepause, die Ende Oktober mit der Vorlage der ersten roten Quartalszahlen seit 21 Jahren begonnen hatte, steckt VW nun schon wieder in Erklärungsnot.

Dürre Erklärung von VW

Noch stehen viele Fragezeichen hinter den jüngsten Anschuldigungen der EPA. Noch sind die Folgen für den krisengeschüttelten Autobauer lediglich mögliche Folgen. Doch der neue Vorwurf wiegt schwer, die EPA unterfüttert ihn konkret mit Indizien - und VW hält bisher nur drei Sätze dagegen. Dabei steht viel auf dem Spiel. Denn die neue Anschuldigung zielt gleich mehrfach auf bisherige Konstanten in der Volkswagen-Verteidigungsstrategie.

Dementsprechend reagierte die Börse: Die VW-Papiere sackten am Dienstag ans Dax-Ende ab. Denn die neuen Anschuldigungen bedrohen die zentrale Währung im VW-Konzern: Vertrauen in die Aufklärung und Transparenz, mit der die Vorgänge um Millionen manipulierte Dieselautos angegangen werden. "Falls sich die Vorwürfe bewahrheiten, kommt Volkswagen in erhebliche Erklärungsnot", sagt Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. "In jedem Fall müssen die Abweichungen schnell und plausibel erklärt werden."

Noch eine Schummel-Software?

Im Kern steht seit Dienstag Aussage gegen Aussage. Die EPA, die schon im September die erste Stufe des Dieselgate-Skandals lostrat, legte nach. Neben den Vierzylinder-Motoren mit 2,0 Liter Hubraum älteren Datums soll der VW-Konzern auch bei Sechszylindern mit 3,0 Litern eine illegale Software nutzen. Dabei geht es um aktuellere Motoren und vor allem: Es geht neuerdings auch um Dickschiff-Modelle der VW-Renditeperlen Porsche und Audi, mit denen der Konzern überall inder Welt, und auch besonders in den USA, viel Geld verdient.

 EPA beschwört Gesundheitsgefahren

Während die EPA schwere Geschütze auffuhr und mitteilte: "VW hat einmal mehr seine Verpflichtungen missachtet, sich an die Gesetze zu halten, welche saubere Luft für alle Amerikaner sichern", entgegnet der Autobauer, es sei keine Software vorhanden, "um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern". Damit herrscht Uneinigkeit.

Irrsinniges Überholmanöver

Software-Modul angeblich nicht offengelegt

VW erklärte, die EPA habe VW mitgeteilt, dass es eine Software-Funktion gebe, "die im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei". Beim "nicht hinreichend" hat die EPA dagegen eine Perspektive, die sich so liest: VW habe ein oder mehrere Zusatz-Instrumente zur Abgas-Kontrolle bei der Zulassung der Modelle "nicht offengelegt, beschrieben und begründet". Ins Visier der EPA geraten ist eine "Auxiliary Emissions Control Device" (AECD) genannte Software zur Abgaskontrolle. VW-US-Chef Michael Horn hatte die Installation bereits Anfang Oktober bei einer Anhörung im US-Kongress eingeräumt und als Grund dafür genannt, dass das Unternehmen den Zulassungsantrag für Dieselautos des Modelljahres 2016 bei der EPA vorerst zurückgezogen habe. Strittig ist, ob es sich bei den AECD-Programmen um Schummelsoftware handelt.

Mitte September, nach Bekanntwerden der Manipulations-Vorwürfe, räumte VW diese kurz danach ein. "Diesmal kam dagegen ein Dementi -und zwar sehr schnell", gibt der Autoexperte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler zu bedenken. Allerdings hatte die EPA vor den ersten öffentlichen Betrugsvorwürfen im September auch über Monate hinweg bereits mit VW über das Thema gesprochen, wie Nord-LB-Analyst Frank Schwope sagt. Die neuen Vorwürfe kommen mit vergleichsweise kurzer Vorwarnzeit.

VW muss Vorwürfe entkräften

Europas größter Autobauer steht nun wieder unter Zugzwang. Er muss erklären, warum die Funktion, die die EPA als eindeutige Prüfstandserkennung beschreibt, nichts mit einer gezielten Reaktion auf die Laborsituation zu tun hat. Und wenn VW die Software tatsächlich gegenüber der EPA nicht ausgewiesen hat, müsste der Autoriese erklären, warum er Informationen vorenthielt. Ohnehin herrscht bei der EPA großer Ärger über das Verhalten von VW bei der Aufklärung der Abgasaffäre, wie es in Washington hieß. Die Kommunikation des Autobauers müsse deutlich besser werden.

Der neue Vorwurf der EPA ist auch für VW-Konzernchef Matthias Müller brisant. Er war bis zum Rücktritt seines Vorgängers Martin Winterkorn Chef bei Porsche und trug als oberster Lenker der Sportwagenschmiede auch die Verantwortung für den US-Markt, auf dem Porsche neben China blendend unterwegs ist. Zu seinem Amtsantritt versicherte Müller, er habe von Manipulationen bei Abgastests nichts gewusst. Seine Glaubwürdigkeit als Aufklärer könnte leiden, müsste er die EPA-Anschuldigungen nun einräumen. Andernfalls könnte eine rasche Erklärung des Gegenteils und ein Lichten des Nebels für Müller auch eine Chance sein.

H. Lossie, F. Frieler/DPA

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