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VW Touran Eco Fuel: Von Gashahn zu Gashahn

Der Kollege hatte gewarnt. "Du wirst etwa alle 250 Kilometer tanken müssen", sagt er. Ich habe das nicht ernst genommen. Kann nicht sein, dachte ich. Sein Hinweis hätte mich aufmerksam machen müssen, doch ich war im Bann der supergeringen Kosten.

Von Harald Kaiser

Für einen Liter Erdgas müssen in Deutschland nur zwischen 50 und 60 Cent bezahlt werden. Wenn sich das nicht lohnt, was dann? Im Gegensatz zu Benzin (ca. 1,45 Euro) und Diesel (ca. 1,38 Euro) ist Erdgas geradezu ein Sonderangebot - auch wenn die Qualität je nach Lieferant unterschiedlich ist und Einfluss auf die Reichweite hat. Die ist der springende Punkt. Um es gleich zu sagen: Die Reichweite kann einem das Fahren mit Erdgas vermiesen. Kaum waren wir pünktlich um sechs Uhr morgens von Zuhause in den Kurzurlaub nach Österreich losgefahren, schon musste ich knapp 180 Kilometer später in Osterode ein paar Kilometer abseits der Autobahn A7 zum Tanken raus. Bei der Harz Energie GmbH. Laut Quittung wurden um 7:58 Uhr morgens 17,3 Kilo Erdgas mit 200 bar Druck reingepresst. Meine Frau wurde nervös und fragte: "Wie lange reicht das?" Antwort: "Keine Ahnung, wenn es knapp wird, dann haben wir ja noch das normale Benzin im anderen Tank. Damit kommen wir locker zur nächsten Erdgastankstelle." Dieser Zusatztank erweitert die Reichweite je nach Fahrstil um 100 bis 120 Kilometer.

Wieder auf der Piste schnappte sich meine Frau den "Erdgastankstellen-Atlas Deutschland 2007/2008", rechnete die Reichweite überschlägig hoch und versuchte zu orten, wo wir mit dem VW Touran Eco Fuel wieder an den Zapfhahn müssen. Das war um 10:41 Uhr in Bad Brückenau der Fall, nach weiteren 220 Kilometern. Diesmal bunkerten wir 19 Kilo. Es folgten noch fünf weitere Tankstopps für Hin- und Rückreise in ähnlichen Abständen, die wir für insgesamt 1762 Kilometer einlegen mussten. Zusammen also sieben. Im Einzelnen ermittelte der Bordcomputer Reichweiten pro Gasfüllung von 190 bis 260 Kilometer. Die befreundete Familie, die neben uns wohnt und mit der wir zusammen in den Bregenzer Wald gefahren sind, musste ihren Audi A7 2,7 TDI dagegen nur zwei Mal tanken.

Geringe Durchzugskraft

Der VW ist zwar ein gutes Auto, geräumig und einfach zu fahren. Doch bereits leer zieht der Gas-Touran mit 109 PS keinen Hering vom Teller. Besetzt mit drei Personen und beladen mit viel Gepäck hat er es noch schwerer. Dann muss man es öfter ertragen, von flinken Kleinlastern auf der Autobahn überholt zu werden. Um auf ebener Strecke 150 km/h zu erreichen, braucht er viel Anlauf. Obendrein fehlt ein sechster Gang, der die Drehzahl und das Motorgeräusch deutlich senken würde. Die geringe Durchzugskraft der Maschine führt instinktiv dazu, an längeren Bergaufpassagen das Pedal ganz durchzutreten - im Glauben besser voran zu kommen. Das ist jedoch ein Irrglaube. Gar nicht zu reden von einer echten Bergfahrt mit Serpentinen. Da hilft nur viel zu schalten, um nicht zum Verkehrshindernis zu werden. Die vielleicht 50 Kilometer von der österreichischen Autobahn rauf in den Bregenzerwald hatten es jedenfalls in sich. Es ging ständig steil nach oben, mit vielen engen Kurven und zahlreichen Spitzkehren - der Zweilitermotor des Volkswagens hat ziemlich gekeucht.

Das Werk gibt in seinem Internet-Prospekt einen durchschnittlichen Verbrauch von 5,8 Kilogramm Erdgas auf 100 Kilometer an und eine Reichweite von 310 Kilometer. Ein Kilo Erdgas entspricht ca. 1,5 Liter Benzin oder 1,3 Liter Diesel. Am Ende unserer Reise, also nach 1762 Kilometern, zeigte der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 8,0 Kilogramm auf 100 Kilometern an. Gezuckelt sind wir nicht. Bei der größtenteils gleichmäßigen Autobahnfahrt, die vier Fünftel der Gesamtstrecke ausmachte, stand der Tempomat auf 150 km/h (Hinfahrt) beziehungsweise 160 km/h (zweite Hälfte der Rückfahrt). Finanziell war die Gasfahrt für den Geldbeutel von Vorteil. Wir haben auf dem gesamten Trip nur 117 Euro für 121,5 Kilo Erdgas (der Kilopreis schwankte zwischen 87 und 99 Cent) bezahlt. Die befreundete Familie hat auf der gleichen Strecke ca. 180 Euro für den Treibstoff ausgegeben, ihr Audi A6 schluckte durchschnittlich 7,0 Liter Diesel.

Ein Raser zerlegte bei einer sinnlosen Angeberaktion einen seltenen "La Ferrari", von denen nur rund 500 Exemplare existieren.

Tankstopps vorher planen

Aber Geld ist nicht alles. Meines Erachtens wiegen die gesparten knapp 60 Euro den Nachteil nicht auf, dass man zu den Tankstopps die Autobahn fast immer verlassen muss, um eine Zapfstelle mit Erdgas zu finden. Jedenfalls ist es auf der A7 vom Süden Hamburgs bis ins österreichische Bregenz so. Mitunter mussten wir zehn und mehr Kilometer fahren, um zu tanken und um anschließend wieder auf die Autobahn zu kommen.

Sinnvoll ist es also, die Tankstopps vor der Abfahrt zu planen. Dabei hilft entweder der Gastankstellen-Atlas mit genauen Adressen und Anfahrtskizzen, ein Ausdruck aus dem Internet (www.gas-tankstellen.de) oder, am besten, ein Navigationsgerät. Denn wer sich anhand einer einfachen Straßenkarte zu orientieren versucht, kann sich in der unbekannten Gegend leicht verfranzen und bemerkt womöglich nicht, dass der Gastank inzwischen leer gesaugt wurde. Spätestens jedoch, wenn der aufmerksame Bordcomputer "Benzinnotbetrieb. Erdgas tanken!" auf dem Display meldet, weiß es auch der Fahrer. Weil die Technik automatisch auf Benzin umschaltet und man weiterfahren kann, ist das zunächst zunächst nicht weiter schlimm. Doch spätestens nach 120 Kilometer muss entweder der Benzintank wieder gefüllt werden oder eine Gastankstelle gefunden worden sein. Ist das nicht der Fall und sollte obendrein inzwischen tiefe Nacht herrschen, dann ist man schnell aufgeschmissen - sofern die Tankstelle nicht 24 Stunden geöffnet hat. Also: Man muss sich auch noch vorher über die Öffnungszeiten informieren.

Irrfahrt

Unangenehm kann es ebenfalls werden, wenn die Erdgaszapfsäule der angefahrenen Tankstelle außer Betrieb ist. Das ist uns auf der Rückfahrt auf der Höhe von Ellwangen passiert. Punktgenau hat uns das Navi mittags zum Esso Maxi-Autohof, Max-Eyth-Straße Nr. 1, geführt. Wegen technischer Probleme war die Zapfsäule stillgelegt. Auf dem Papieraufkleber stand, dass sie in zwei Tagen repariert würde. Gott sei Dank war noch genügend Benzin bis zur nächsten Gasstation in Werneck im Tank.

Was aber, wenn das Navi zwar sagt "Sie haben das Ziel erreicht", jedoch weit und breit keine Gastankstelle zu sehen ist? In unserem Fall war das so: Wir hatten geplant, als letzte Station die Erdgastankstelle "Center Parks" an der Töpinger Straße 69 in Bispingen anzufahren. Das liegt in der Lüneburger Heide. Das Navi führte uns in Soltau-Nord von der Autobahn runter über die Bundesstraße 209 zur Einfahrt des Freizeitzentrums "Center Parks". Genau dort meldete sich die Frauenstimme des Navi und meinte, dass wir angekommen sind. Es war weder eine Gastankstelle zu sehen noch eine normale. Also weiter bis Bispingen. Auch dort war Essig mit Erdgas. Gut, dass der Benzintank noch voll war, so dass wir die restlichen 50 Kilometer bis nach Hause problemlos geschafft haben. Erst später hat meine Frau bei einem Blick in den Erdgas-Atlas festgestellt, dass sich die Tankstelle auf dem Gelände des Center Parks befindet. Ein Hinweisschild an der Einfahrt wäre hilfreich gewesen.

Tankstellennetz noch zu dünn

Selbst wenn der Tank für 500 oder 600 Kilometer reichen würde, ein Erdgasauto kommt für mich nicht in Frage. Jedenfalls nicht, wenn ich ständig größere Strecken fahren müsste. Für die Stadt ist solch ein Wagen schon eher eine Überlegung, weil man sich die entsprechenden Tankstellen leicht merken kann. Doch auch dann ist der Kostenvorteil nicht so groß, wie ich anfangs gedacht habe. Und obendrein ist das Tankstellennetz mit etwa 780 Stationen in Deutschland noch viel zu dünn - und die wenigsten davon liegen direkt an der Autobahn oder gehören gar zu einer Autobahn-Tankstelle.

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