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Knappes Gas Putin verhilft Kohle zum Comeback – TÜV hält Weiterbetrieb von Akw für machbar, Regierung widerspricht

Schaufelrad eines Braunkohle-Baggers
Schaufelrad eines Braunkohle-Baggers: Weil Russland den Gashahn zudreht, muss die Bundesregierung wieder mehr auf Kohleverstromung setzen.
© Thanassis Stavrakis / AP
Die Mehrheit der Deutschen findet's gut. Da Russland den Gashahn zudreht, setzt die Bundesregierung trotz des beschlossenen Ausstiegs wieder auf Kohle. Und der TüV bringt die Atomkraft wieder ins Gespräch. So steht es um die Energieversorgung.

Der Kohleausstieg ist beschlossen, der Ausstieg aus der Atomkraft schon beinahe abgeschlossen. Doch der Ukraine-Krieg torpediert auch die Energiewende hin zu einer klimafreundlicheren Energiegewinnung. Russland lässt die Gasströme in den Westen zunehmend versiegen. Der grüne Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck ist daher gezwungen, gegen seine Überzeugung zu handeln, und angesichts der sich anbahnenden Notlage zur Sicherung der Energieversorgung wieder auf die klimaschädliche Kohleverstromung zu setzen. Das gilt nicht für die drei noch im Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke. Laut einem TüV-Gutachten scheint nun eine verlängerte Laufzeit aber möglich.

Da der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen in den vergangenen Jahren nicht ausreichend vorangetrieben wurde, gilt es nun "das seltene Gut Gas" (Habeck) angesichts der Lage einzusparen, um im Winter die Energieversorgung sicherstellen zu können. Wie können Kohle oder Atomkraft da helfen? Wie steht es um die Energieversorgung?

Wie war die Lage bei der Kohle vor dem Ukraine-Krieg?

Weltweit ist Kohle der wichtigste Energieträger in der Stromversorgung – aber auch der schmutzigste. In der Europäischen Union, die bis 2050 klimaneutral werden will, wurde die Kohleverstromung deshalb zuletzt zurückgefahren; Deutschland hat 2020 den Ausstieg aus der Kohle beschlossen. Zu Beginn des Jahres waren laut der US-Organisation Global Energy Monitor in der EU noch 202 Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 111 Gigawattstunden am Netz – die meisten davon, 63, in Deutschland. Im Jahr 2020 machte die Kohlekraft in der EU jedoch nur noch knapp 13 Prozent der Stromproduktion aus. Grund dafür sind auch die steigenden Preise für CO2-Zertifikate im Rahmen des europäischen Emissionshandels.

"Seit 2015 haben alle europäischen Länder Stück für Stück zugesagt, aus der Kohleverstromung auszusteigen", sagt Nicolas Berghamns vom Pariser Institut für Nachhaltige Entwicklung und Internationale Beziehungen. Sogar Polen, das stark auf Kohleverstromung setzt, machte entsprechende Zusagen. In der EU gibt es im Gegensatz zu anderen Regionen, beispielsweise Asien, auch keine Pläne für neue Kohlekraftwerke. Einzelne Länder, darunter Portugal, nutzen bereits jetzt keine Kohle mehr für die Stromerzeugung.

Was ändert der Ukraine-Krieg?

Die gedrosselten russischen Gaslieferungen bedrohen die Versorgungslage – um Gas zu sparen, haben mehrere europäische Länder angekündigt, kurzfristig wieder mehr Kohle zu verstromen. In Deutschland sollen einzelne Kohlekraftwerke länger laufen, befristet werden soll dies bis Ende März 2024. Die Bundesregierung betont jedoch: Am vorgezogenen Kohleausstieg im Jahr 2030 wird nicht gerüttelt. Die vermehrte Kohleverstromung ist aber schon Realität: In den ersten fünf Monaten des Jahres stieg die Kohleverstromung hierzulande laut der Analysefirma Rystad Energy um 20 Prozent. Auch Österreich, Italien und die Niederlande wollen wieder mehr Kohle verfeuern.

Europa selbst verfügt insbesondere über Braunkohle – diese ist auch im Vergleich zur Steinkohle besonders umweltschädlich. Da russische Kohle ab August nicht mehr in die EU importiert werden darf, müssen andere Lieferanten gefunden werden. Laut dem Verein der Kohlenimporteure (VDKI) könnten russische Kohleimporte aber schnell durch Lieferungen aus Ländern wie Kolumbien, Südafrika, Australien, Mosambik und Indonesien ersetzt werden.

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Welche Rolle kann Atomkraft noch spielen?

Anders als bei der Kohle geht Deutschland mit dem bereits vor elf Jahren beschlossenen Atomausstieg einen anderen Weg als die europäischen Nachbarn. Auslöser des Beschlusses war die Nuklearkatastrophe im japanischen AKW Fukushima am 11. März 2011. Neben grundlegenden Sicherheitsbedenken sprechen ungelöste Fragen der Entsorgung des über Generationen strahlenden nuklearen Abfalls gegen die Atomstromgewinnung. Die drei letzten AKW, die in Deutschland noch in Betrieb sind, sollen im Dezember außer Betrieb gehen. Eine angesichts der Notlage diskutierte Verlängerung der Laufzeit über den Dezember hinaus ist laut Experten aus Sicherheitsgründen und wegen nur schwer beschaffbarer neuer Brennstäbe nicht vertretbar. Das ist auch die Haltung der Bundesregierung, wobei die FDP sich offen für eine Debatte zeigt.

Der TÜV Süd legte am Freitag nun ein Gutachten im Auftrag der bayerischen Landesregierung vor, demzufolge er keine sicherheitstechnischen Bedenken gegen einen Weiterbetrieb des Kernkraftwerks Isar 2 über das Jahresende hinaus habe. Auch eine Wiederinbetriebnahme des Blocks C in Gundremmingen sei "aus technischer Sicht möglich", heißt es darin. Das Schreiben stammt vom 14. April, wurde aber erst jetzt bekannt und liegt der Deutschen Presse-Agentur (DPA) vor. Die TÜV-Experten gehen davon aus, dass der Weiterbetrieb beziehungsweise die Wiederaufnahme des Betriebs für einige Monate mit vorhandenen Brennelementen möglich wäre. Für Isar 2 sehen sie Potenzial, bis August 2023 zusätzlich 5160 Gigawattstunden Strom zu produzieren. In Gundremmingen sei es "plausibel", mit vorhandenen Brennelementen einen Reaktorkern zusammenzustellen, der für etwa 6 Monate laufen und 4900 Gigawattstunden Strom erzeugen könnte. Das entspricht etwa 2,4 Prozent des 2021 in Deutschland verbrauchten Stroms. Für Isar 2 wäre laut TÜV Süd sogar eine Nachbestellung von Brennelementen binnen 12 Monaten möglich – das wäre noch rechtzeitig vor dem Ende der als möglich eingeschätzten Stromproduktion bis Ende August 2023.

Als Reaktion auf die TÜV-Studie stellten Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium nochmals klar, dass die genannten Punkte bereits in Erwägung gezogen worden seien. Ein "Streckbetrieb" der Akw sei über 80 Tage hinweg möglich. Dieser sei aber verbunden mit einer Absenkung der Leistung im laufenden regulären Betrieb, sprich: Im Sommer würde weniger Strom produziert, so dass unter dem Strich nur unwesentlich länger, aber nicht mehr Strom erzeugt würde. Der Effekt für die Energieversorgung sei daher minimal und stehe in keinem Verhältnis zu vorhandenen Sicherheitsbedenken und den dafür notwenigen Gesetzesänderungen. Neue Sicherheitsüberprüfungen würden zudem zu lange dauern. Die Reaktoren wären dadurch in diesem Jahr nicht mehr verfügbar, könnten also kurzfristig keinen Strom erzeugen.

Welche Rolle spielen die Erneuerbaren?

In der Krise steckt auch eine Chance: Aus der EU kam wiederholt die Forderung, die Energiekrise für mehr Investitionen in Erneuerbare zu nutzen, anstatt wieder auf fossile Brennstoffe zu setzen. Zwar würde die erhöhte Kohleverstromung zu einem kurzfristigen Anstieg der Emissionen führen, sagt Energie-Experte Berghamns. "Aber der Vorteil an der Nutzung dieser Kraftwerke ist, dass es keine Investitionen in neue Kapazitäten geben wird." Das unterscheidet Europa von Asien: Dort werden noch immer neue Kohlekraftwerke gebaut, die voraussichtlich noch Jahrzehnte lang in Betrieb sein werden.

In der EU wird aktuell ein Plan unter dem Namen RepowerEU diskutiert, mit dem die Investitionen in Erneuerbare erhöht und der gesamte Energieverbrauch abgesenkt werden soll. Eine Umsetzung dieses Plans könnte es Europa laut Berghamns erlauben "die Kurve zu kriegen" und die eigenen Klimaziele zu erreichen.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) besteht in der EU zumindest etwas Spielraum, temporär auf Kohle auszuweichen, ohne die Emissionen in die Höhe zu treiben. Rund 14 Prozent der russischen Gasimporte könnten laut Berechnungen der Organisation ohne zusätzliche Treibhausgasemissionen durch Kohleverstromung ersetzt werden.

Mehrheit der Deutschen für Kohle- und Atom-Nutzung

Die Mehrheit der Deutschen befürwortet angesichts der hohen Energiepreise und der Probleme mit Gasimporten aus Russland eine stärkere Nutzung von Kohle und Atomkraft. Im ARD-"Deutschlandtrend" vom Donnerstag gaben 56 Prozent der Teilnehmenden an, sie seien dafür, Kohlekraftwerke verstärkt zu nutzen. Eine Mehrheit für diese Position gab es demnach bei Menschen über 50, bei Jüngeren dagegen nicht. Einen Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke über das bisherige Ausstiegsdatum Ende dieses Jahres hinaus befürworten 61 Prozent der Umfrageteilnehmer und -teilnehmerinnen. Unter den Männern waren 67 Prozent dafür, unter den Frauen lediglich 55 Prozent.

Verwendete Quelle: Mitteilung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz

dho AFP DPA

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