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Jahresrückblick

Tech-Branche: Sex-Partys, Killerdrohnen, Datengier: Wie das Silicon Valley 2018 seine Unschuld verlor

Genial, sehr nerdig und sympathisch naiv - so sah die Welt lange das Silicon Valley. Und auch die Tech-Branche selbst gefiel sich im Image der liberalen Weltverbesserer. Doch dieses Jahr fiel diese Fassade immer mehr zusammen. Und offenbarte eine Welt aus Sex, Gier und skrupellosen Geschäften.

Verruchtes Silicon Valley: Journalistin Emily Chang schreibt über Partys, Drogen, Sex und Alkohol (Symbolfoto)

Verruchtes Silicon Valley: In einem Enthüllungsbuch beschrieb Journalistin Emily Chang dieses Jahr die Sex-Partys der Techbranche (Symbolfoto)

Es hatte ein bisschen etwas von Woodstock in der Hippie-Zeit: Jahrzehntelang strömten talentierte Menschen in die Bucht von San Francisco, um an der digitalen Revolution zu arbeiten - mit frischen Ideen, einem unbändigen Willen zum Unkonventionellen und Kapuzenpulli statt Krawatte. Doch die Fassade vom einstigen liberalen Wunderland hat dieses Jahr gewaltig gelitten. Das einst so unschuldig wirkende Silicon Valley wurde 2018 von einem moralischen Erdbeben nach dem anderen erschüttert - von Sex-Skandalen über Datenlecks bis zu fragwürdigen Rüstungsprojekten.

Schon zum Jahreswechsel wurde dem männerdominierten Valley ein hässliches Bild im Spiegel vorgehalten: Nachdem die #metoo-Bewegung und ihre Enthüllungen Hollywoods Machtelite zum Wanken gebracht hatte, trauten sich auch zahlreiche Frauen aus der Tech-Branche über ihre Erfahrungen zu berichten. Und auch dort sah es wenig rosig aus. Von ständigen, unerwünschten Baggereien, über frauenfeindliche Einstellungen bis in die Chefetagen, bis zu ernsthaften Missbrauchsvorwürfen kamen Dutzende kleinere und große Skandale ans Tageslicht und ließen die testosterongetränkte Luft des Valley deutlich dünner werden. Als dann noch bekannt wurde, dass Agenturen Tech-Parties mit heißen Frauen versorgten und ein Buch enthüllte, dass einige der ganz Großen der Branche regelmäßig wahre Sex-Orgien feierten, war klar: Den Sexismus hatte die digitale Revolution nicht überwunden.

Geld oder Moral?

Doch auch um andere Grundsätze ist es immer schlechter bestellt. Während in anderen Branchen die Arbeit mit dem Militär und Diktaturen zum schmutzigen Alltag gehört, mieden viele der größten Tech-Firmen solche Geschäfte lange erfolgreich. Doch dieses Jahr entschieden sich immer mehr Unternehmen, das Militär-Geld anzunehmen. Selbst Google - einst für den Slogan "Don't be evil" ("tue nichts Böses") bekannt - schockte dieses Jahr gleich mit mehreren fragwürdigen Projekten. Unter dem Namen "Project Maven" unterstützte man etwa das US-Militär mit Künstlicher Intelligenz bei der automatischen Objekterkennung von Drohnen - und damit möglicherweise indirekt auch beim Töten von Menschen. Auch das "Project Dragonfly" sorgt für mächtig Ärger: Nachdem Google sich jahrelang vom chinesischen Markt zurückgezogen hatte, bastelt der Konzern nun eine eigene Suchmaschine für die Volksrepublik, inklusive automatischer Zensur gegen die lästigen Dissidenten.

Bei den Mitarbeitern sorgt das für Furore. In offenen Briefen und Protestmärschen machen sie ihrem Ärger Luft. Auch über den Umgang mit der Kritik wird geklagt. "In den letzten Monaten bin ich immer enttäuschter gewesen, wie die Firma reagiert und wie mit den Sorgen der Menschen umgegangen wird", erklärte einer der gegen Maven potestierenden Mitarbeiter gegenüber "Gizmodo". In einem offenen Brief beklagten Google-Mitarbeiter vor kurzem ein regelrechtes Kippen des Konzerns. Lange hätten sie geglaubt, dass Google seine Werte über den Profit stellte, "wir glauben nicht mehr, dass das der Fall ist". Der Konzern zeigte am Ende Einsicht: Project Maven wurde nicht verlängert, eine Bewerbung für einen weiteren Rüstungsauftrag eingestellt.

Volle Unterstützung für das Militär

Microsoft dagegen setzt voll auf das Militär als Kunden. Gerade wurde bekannt, dass der Konzern einen 480-Millionen-Auftrag des Pentagons gewonnen hatte, um die Truppen mit der Mixed-Reality-Brille Hololens auszustatten. Diese ist zwar für den zivilen Einsatz entwickelt worden. Beim Pentagon ist der Auftrag aber Teil des JEDI-Programms - und das soll laut dem US-Militär-Sprecher "die Tödlichkeit unserer Abteilung erhöhen".

Bei Microsofts Angestellten sorgt das für Bauchschmerzen. In einem offenen Brief bei  "Medium" forderten sie im Oktober, dass der Konzern seine Bewerbung um einen gigantischen Militärauftrag zurückzieht. "Wie sollen wir Mitarbeiter, die diese Dienste entwickeln und pflegen, wissen, ob unsere Arbeit bei der Erstellung von Personen-Profilen, bei der Überwachung oder beim Töten benutzt wird?", fragen die Mitarbeiter darin. Sie fordern klare, moralische Richtlinien und entsprechende Grenzen, wofür die Technik des Konzerns verkauft werden darf. Die Verfasser des Briefes dürften aktuell ziemlich enttäuscht sein. In einer Rede machte Microsoft-Präsident Brad Smith am Wochenende klar, dass der Konzern das Militär auch weiter "mit der besten Technologie versorgen wird, die wir entwickeln. Und zwar aller Technologie, ohne Einschränkung." Wer damit nicht einverstanden sei, könne sich ja versetzen lassen, erklärte der Konzern schon im Oktober in einem Blogpost. "Wir unterstützen flexibles Arbeiten", heißt es dort trocken in Bezug auf Mitarbeiter mit moralischen Bedenken.

Geschäfte im Skandal

 Amazons Angestellte haderten im Sommer ebenfalls mit einem moralisch schwierigen Projekt. Der Konzern suchte Gespräche mit dem US-Grenzschutz ICE um seine Gesichtserkennungs-Software zu verkaufen, auch hier gegen Proteste seiner Angestellten. Die Behörde macht seit Monaten Schlagzeilen, weil sie im Auftrag der Trump-Regierung illegale Einwanderer von ihren Kindern trennt. Zuvor hatte Amazon die Software schon an Polizei-Einheiten in Oregon und Florida ausgeliefert.

Für die größte Erschütterung sorgte indes Facebook - zumindest in den USA. Mit dem Skandal um den US-Wahlkampf 2016 und die Rolle des von Steve Bannon mitgegründeten Schnüffel-Unternehmen Camebridge Analytica ist der Konzern in seiner Heimat in eine gigantische Vertrauenskrise geschlittert. Dabei müssen sich Mark Zuckerberg und sein Team jede Menge unangenehme Fragen gefallen lassen, welche Daten der Konzern eigentlich erhebt und wie genau sie genutzt werden. Unter anderem wurde bekannt, dass Dutzende Unternehmen die Daten von Millionen Nutzern direkt abrufen konnten, in internen Mails wurde gar über den direkten Verkauf der Daten nachgedacht. Bisher nutzt Facebook sie nach eigenen Angaben nur für Werbung.

Das Ende der Unschuld

Als Hort des Datenschutzes galt Facebook zwar noch nie, das Ausmaß des Skandals ist aber ein neues. Zuckerberg musste vor dem US-Kongress und dem EU-Parlament aussagen, der langjährige Sicherheits-Chef Alex Stamos legte gar sein Amt nieder. Das Facebook Motto "Move fast and break things" (etwa: Handle schnell und fürchte dich nicht, etwas kaputt zu machen) klang nicht mehr nach mutigen Kreativen, sondern nach rücksichtslosen Geschäftemachern.

In den Nachbeben werden nun auch andere Tech-Größen wie Google-Chef Sundar Pichai vor den Kongress zitiert und muss sich für vermeintliche Benachteiligungen republikanischer Kandidaten bei Google-Suchen rechtfertigen. Auch Apple-Chef Tim Cook mischte sich in die Daten-Debatte ein - und forderte reichlich untypisch eine Regulierung der Tech-Konzerne bei der Datenverarbeitung.

Ob die Konzerne aber tatsächlich Konsequenzen fürchten müssen, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Von Seiten der Kunden und der Wirtschaft scheint zumindest aktuell keine Gefahr zu drohen. Die Nutzungs- und Verkaufszahlen sind weiter hoch. Schwankungen an der Börse lassen sich bisher mit wirtschaftlichen und nicht mit moralischen Entscheidungen erklären. Die unschuldige Naivität des Silicon Valley aber, sie scheint verflogen.

Quellen: LA Times, New York Times, Medium, Techcrunch, Microsoft, Daily Beast, Gizmodo