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Anonymous gegen Terroristen: Warum der Kampf der Hacker gegen den IS mehr schadet als nützt

Anonymous hat der Terror-Organisation IS den Kampf angesagt und feierte gleich Erfolge. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber: Eigentlich hat die ganze Aktion nicht nur wenig gebracht - sondern eher geschadet.

Die Guy-Fawkes-Maske ist das Markenzeichen der Anonymous-Aktivisten (Symbolbild)

Die Guy-Fawkes-Maske ist das Markenzeichen der Anonymous-Aktivisten (Symbolbild)

Nach den Anschlägen von Paris stand die Welt unter Schock. Viele Menschen fühlten sich angesichts der exzessiven Gewalt mitten im Herzen Europas machtlos. Für andere dagegen war wohl klar: Man muss gegen den IS kämpfen. So auch das Internet-Kollektiv Anonymous. Schnell meldeten die Hacker erste Erfolge. Nun zeigt sich: Im Eifer des Gefechts hat Anonymous nicht nur Fehlalarme und jede Menge falsche Verdächtigungen ausgelöst - sondern die Arbeit der echten Antiterrorkämpfer vermutlich nur schwerer gemacht.

Zunächst einmal klangen die Meldungen von Anonymous vielversprechend. 20.000 Twitter-Accounts des IS und seiner Unterstützer wollen die Hacker entdeckt und aus dem sozialen Netzwerk geworfen haben. Am Samstag folgte der größte, vermeintliche Coup. Anonymous wollte herausgefunden haben, dass die Terroristen für Sonntag gleiche eine ganz Reihe von Anschlägen geplant hatten. In Paris, Atlanta, Rom und anderen Städten weltweit sollten große Events angegriffen werden, meldete die Zeitung "International Business Times" unter Berufung auf Anonymous. Die Hacker hätten die Pläne aufgedeckt.

Fehlalarm und falsche Anschuldigungen

Zum Glück bewahrheitete sich keiner der Anschlagspläne. Die Zeitung musste zurückrudern, nachdem sich der offizielle Twitter-Account von Anonymous äußerte - und klarstellte, nicht zu wissen, mit wem die Zeitung gesprochen hatte. Sogar die US-Bundespolizei FBI sah sich genötigt, sich zu den angeblich bevorstehenden Attacken zu äußern: Man habe keine glaubwürdigen Zeichen für bevorstehende Angriffe, sagte ein Special Agent der "International Business Times". Eine Einschätzung, die sich als richtig erwies.

Bei den gesperrten Twitter-Accounts bietet sich bei näherer Betrachtung ein ähnliches Bild, das zeigt eine Analyse des Tech-Blogs "Ars Technica". Kaum einer der Tausenden gemeldeten Nutzer scheint tatsächlich zum IS zu gehören. Viele bezeugen zwar Sympathie, zu Terroristen macht das die Nutzer aber nicht. Andere hatten sich eher über den IS lustig gemacht. Besonders irritierend: Eine ganze Reihe gesperrter Accounts hat gar nichts mit dem IS am Hut. Für Anonymous scheint die Tatsache, dass Tweets in Arabisch abgesetzt werden, als Terrorverdacht auszureichen.

Kritik von den Profis

Echte Hacker stehen dem Vorgehen des lockeren Kollektivs Anonymous entsprechend skeptisch gegenüber. Die Gruppe "Ghost Security Group" sieht das Ganze sogar noch kritischer. Die Gruppe arbeitet nah mit dem FBI zusammen, ihr wurde häufig eine Nähe zu Anonymous nachgesagt. Sie selbst distanzierte sich gegenüber dem Tech-Blog "The Verge" davon. Nicht ohne Grund: Die Aktionen der Möchtegern-Hacker treiben den IS aus dem offenen Netz zunehmend in geschlossene Kommunikations-Formen wie die Chat-App Telegram. So wird es schwieriger, die Gruppen zu infiltrieren - und daraus wirklich geheime Informationen zu gewinnen.

Die Geheimdienste selbst wissen durchaus um den Wert der offenen Twitter-Profile. Während sich die Schnüffler öffentlich kaum dafür stark machen dürften, dem IS eine unangefochtene Bühne bei Twitter zu lassen, sieht das unter der Hand schon ganz anders aus. Bereits im letzten Jahr wurde bekannt, dass US-Geheimdienste wegen besonders grausamer IS-Accounts an Twitter herantraten. Allerdings nicht, weil man die Accounts schließen wollte - im Gegenteil. Die Spitzel baten Twitter explizit, die Accounts aktiv zu lassen. Schließlich lassen sich so ohne großen Aufwand Erkenntnisse über die Kämpfer, ihre Zusammenarbeit und die Kampfhandlungen erfahren. Die Anonymous-Aktionen stehen dazu in direktem Widerspruch.