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Hessen-Wahlkampf im Web: "Yo, isch kann" - nicht

Der Wahlkampf in Hessen geht auf die Zielgerade - auf der Straße und im Internet. CDU-Landeschef Roland Koch und sein SPD-Gegner Thorsten Schäfer-Gümbel haben sich voll ins Netz gestürzt. Der Stimmenfang 2.0 der hessischen Spitzenpolitiker gleicht jedoch eher einem Systemabsturz als einem Update der politischen Kultur.

Von Sebastian Wieschowski

Wäre Facebook eine Wahlkabine, Thorsten Schäfer-Gümbel hätte die Landtagswahlen in Hessen längst haushoch gewonnen. Virtuelle Freunde in diesem sozialen Netzwerk hat der Herausforderer von Ministerpräsident Roland Koch reichlich: etwa 800 zurzeit, stündlich werden es mehr. Und der Freundeskreis macht seinem prominenten Kumpel Mut: "Habe eben Deine Rede auf der Saalburg gehört. Du hast mich sehr beeindruckt. Hessen braucht Dich als Ministerpräsident", schreibt einer. "Thorsten, du musst die Wahl gewinnen", ein anderer. Thorsten Schäfer-Gümbel fügt währenddessen fleißig neue Freunde hinzu. Dagegen die klägliche Bilanz seines Herausforderers Roland Koch bei Facebook: 19 einsame Unterstützer.

Wenige Tage vor der Landtagswahl erinnert im beschaulichen Hessen vieles an die Vereinigten Staaten von Amerika, wo sich im vergangenen Jahr Barack Obama auch unter Einsatz moderner Kommunikationsplattformen wie Twitter, Myspace und Facebook ins Weiße Haus gekämpft hat. Obama bat in personalisierten Massen-Mails um finanzielle Unterstützung, informierte seine Anhänger per SMS, ließ sich für Youtube-Botschaften in Szene setzen und versammelte bis heute knapp 3,7 Millionen Befürworter bei Facebook. In aller Welt wurde der junge Senator als erster "E-President" gefeiert.

TSG ist überall

Jetzt will es ihm die hessische Polit-Prominenz gleichtun. Immerhin hatte das Internet bei vergangenen Landtagswahlen oder der Bundestagswahl keine besondere Bedeutung für die Parteien - ein paar Kampagnenfilmchen hier, ein einsames Weblog dort. Ansonsten war das Internet vor allem eine virtuelle Sammelstelle für die Informationen, die auch am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone zu haben waren. Das soll sich nun ändern. SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel hat bei fast allen wichtigen sozialen Netzwerken in Deutschland sein Profil anlegen lassen. Egal, ob bei meinVZ, "Wer kennt wen" oder Facebook, überall ist "TSG" präsent. Die Vorstellung mutet skurril an: Thorsten Schäfer-Gümbel im Facebook neben studentischen Saufkumpanen, staatstragende Souveränität neben Exzessfotos. Doch über den Menschen Gümbel erfahren seine Facebook-Freunde wenig - alle Fotos in seinem Profil zeigen den hemdsärmeligen Politiker bei der Arbeit, in den Lieblingszitaten finden sich - Überraschung! - die SPD-Granden Willy Brandt und Carlo Schmid. Vom Hocker dürfte das nur die wenigsten Surfer reißen.

Doch Schäfer-Gümbel kann im Internet auch mehr als nur "wichtig aussehen". Das offensichtliche Lieblingsspielzeug des Spitzenkandidaten: Der Kurznachrichtendienst Twitter. Hier gibt Schäfer-Gümbel die üblichen Wahlkampfparolen zum Besten (in Originalschreibweise): "Bei der Quote grundschueler pro lehrer liegt hessen auf dem letzten platz im bund. Wir wollen mehr lehrer einstellen", zwitschert er. Daneben gibt es Positionsbeschreibungen, die die Welt nicht braucht: "Nun zur Internationalen Bauausstellung: Da werde ich was Grundsätzliches zum Thema Modernisierungsprogramme sagen", schreibt er am 5. Januar. Im Angesicht solcher Mitteilungsbedürftigkeit wurde das deutschlandweit erste "Politiker-Twitter-Interview" zwischen Thorsten Schäfer-Gümbel und Blogger-König Robert Basic als echte Innovation gefeiert. Doch Erkenntnisse gab's bei der Befragung nicht. Einzige spannende Info: Thorsten Schäfer-Gümbel hat offenbar selbst im "Drivethrough" bei McDonalds Zugang zum Internet. Und: Den SPD-Spitzenkandidaten stört bei Politikern vor allem "inhaltsleeres geschwaetz und fehlende ziele." Bingo.

Ein gefälschter TSG

Die Netzwelt hat unterdessen auf die Invasion des roten Hessen-Obama reagiert. Denn das Web verzeiht keine halbherzigen Anbiederungsversuche - und überzieht Schäfer-Gümbel mit reichlich Hohn und Spott: Bei Twitter hat sich ein weiterer "Thorsten Schäfer-Gümbel" angemeldet, der im gleichen Design und Tonfall wie der echte SPD-Politiker regelmäßig Banalitäten von sich gibt: Über Beruhigungsbierchen, das Warten in der Kälte vor einem Auftritt und Komplikationen bei der Ernährung: "Bin erst ratlos. Dann Hinweis von Sekr.: Mittagessen vergessen. Befreites Gelächter. Jetzt aber los!" Und auf Youtube ist ein witziges Comic-Filmchen aufgetaucht. Darin rettet "Supergümbel" - noch immer mit klobiger Oberlehrer-Brille im Gesicht, aber muskelbepackt und wildentschlossen - Hessen und die Welt vor dem bösen Koch-Teufel. In einem anderen Video bekennt Thorsten Schäfer-Gümbel in betont US-amerikanisch gehaltenem Wahlkampf-Ambiente ganz obamaesk: "Yo, isch kann".

Koch hält sich zurück

Roland Koch hält sich währenddessen völlig zurück - auf dem technischen Niveau der letzten Bundestagswahl, als Angela Merkel und Co. neben Podcasts nicht viel im Internet zu melden hatten. In seinem Videoclip darf der gespannte Internetsurfer am 29. Dezember 2008 dabei sein, wie Roland Koch - Trommelwirbel - die neuen Wahlplakate der hessischen Union enthüllt. Dann folgen Fotoimpressionen von verschiedenen Wahlkampftouren sowie Hinweise auf Interviews in der Presse. Am 12. Januar dann etwas Webspezifisches: Diesmal lädt der CDU-Landesvorsitzende in einer kurzen Grußbotschaft zum Dialog im Internet ein. Ähnlich unspektakulär geht es im CDU-eigenen "Webcamp" zu: "Deine Botschaft an Roland Koch" heißt es, dazu dasselbe Koch-Video, welches bereits auf der Homepage des Politikers zu sehen war. Das Webcamp entsteht komplett ehrenamtlich, wird von einem jungen Wahlkampfteam am Leben gehalten.

Bis Deutschland zur "elektronischen Republik" wird und zehntausende Internetsurfer nach Massenmails bereitwillig Parteispenden locker machen, um ihren Kandidaten in den Bundestag oder die Staatskanzlei zu befördern, werden noch einige Jahre ins Land gehen. Die Bemühungen vor der Hessen-Wahl zeigen: Es reicht nicht aus, dass sich Spitzenpolitiker von ihren Wahlkampf-Managern in schlecht ausgeleuchteten und gänzlich unattraktiven Büroräumen vor eine Kamera zerren lassen, um Nähe zu simulieren. Die Internetgemeinde verzeiht solche halbherzigen Anbiederungsversuche nicht so schnell. Und bleibt möglicherweise vor lauter Unmut am Wahlsonntag gleich vorm Computer sitzen.