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Neue Strategie Huawei will das schaffen, woran Apple und Microsoft bisher gescheitert sind

Mit HarmonyOS will Huawei das schaffen, woran Apple und Microsoft bisher scheiterten
Mit HarmonyOS will Huawei das schaffen, woran Apple und Microsoft bisher scheiterten
© Li Sijia/ / Picture Alliance
Tolle Smartphones waren lange der wichtigste Verkaufsschlager des chinesischen Tech-Giganten Huawei. Dann kam Donald Trump. Nun hat der Konzern seine neue Strategie vorgestellt. Und klar die Weichen für die Zeit nach dem Smartphone gestellt.

Mit rasantem Tempo eroberte Huawei in den letzten zehn Jahren den Smartphone-Markt - bis der damalige US-Präsident dem Konzern einen Ast in die Speichen warf. Seitdem versucht Huawei sich vor den einbrechenden Verlaufszahlen in andere Geschäftsbereiche zu retten. Die ultimative Rettung soll nun nach Vorstellung des Konzerns nicht mehr aus den reinen Hardware-Verkäufen kommen - sondern in der Software liegen. Huawei will sich vom chinesischen Apple zum chinesischen Microsoft entwickeln.

Den Weg dahin stellte der Konzern gestern auf einer Pressekonferenz vor. Das dabei vorgestellte eigene Betriebssystem HarmonyOS soll viel mehr als eine Notlösung sein, um die durch die US-Sperre ausgeschlossene Zusammenarbeit mit Google zu ersetzen. Mit seinem System will Huawei nicht weniger erreichen, als die Zusammenarbeit zwischen Geräten neu zu denken - weit über Smartphone und Smartwatch hinaus.

Ein System für alle

Die Vision klingt tatsächlich beeindruckend. Mit HarmonyOS sollen sich Geräte nicht mehr nur gegenseitig erkennen und dann zusammenarbeiten, wie man es auch schon von Apples Ökosystem oder Google-Geräten erkennt. Stattdessen soll das System gekoppelte Geräte so sehr miteinander verschränken, dass sie quasi zu einem "Supergerät" werden, so der Konzern. Die Daten sollen quasi grenzenlos zwischen den Geräten hin- und herwandern und wahlweise auf dem jeweils passendsten Display angezeigt werden. Mit dem Smartphone kann man die Inhalte des Tablets steuern, die Smartwatch wird zur Zusatzanzeige des smarten Autos und so weiter. Damit würde es fast egal werden, welches Gerät man gerade benutzt.

Zumindest solange sie von Huawei stammen. Denn bisher funktioniert das System nur auf den Chips, die der Konzern selbst entwickelt hat. Die auf dem offenen Markt erhältlichen Prozessoren wie die von Intel oder Qualcomm werden bislang nicht unterstützt, gab der Konzern zu. Immerhin will man mit Partnern zusammenarbeiten: Von den 300 Millionen HarmonyOS-Geräten, die man bis Ende des Jahres zu verkaufen vorhat, sollen knapp 100 Millionen von Drittanbietern kommen, mit denen Huawei zusammenarbeitet. Und: Die Software soll in Zukunft auch mehr Herstellern zur Verfügung gestellt werden. 

Dabei bleiben aber noch einige Fragen offen. Etwa die, wie Huawei es schaffen will, allen Geräte-Formen und -Arten mit nur einem System gerecht zu werden. Die Herausforderung ist nicht zu unterschätzen. Selbst bei sehr ähnlichen Geräten wie Smartphones, Tablets und Laptops konnte bisher kein Hersteller eine Lösung anbieten, die in jeder Hinsicht und auf jedem Gerät gleichermaßen überzeugen kann. So gilt Apples Tablet-System iPadOS im Vergleich zur Mac-Software als zu eingeschränkt, bei Microsofts Surface-Tablets ist es anders herum, sie sind als Laptop besser als im Tabletmodus. Ob Huawei dieses Dilemma mit Jahrzehnten weniger Software-Erfahrung nicht nur lösen, sondern um Dutzende weitere Geräteklassen erweitern und dabei noch die Verknüpfung vertiefen kann, muss der Konzern erst einmal beweisen.

Neue Ausrichtung nach US-Bann

Die Strategie allerdings passt zu einer Ansage, die Firmenchef Ren Zhengfei vor einer Woche in einem internen Memo an die Angestellten des Konzerns gemacht hatte. Man solle sich in Bezug auf Software "trauen, wie Welt anzuführen", hieß es dort nach einem Bericht von "Reuters". Das Umschwenken auf Software sei nötig, weil die Entwicklung somit "außerhalb der US-Kontrolle" stattfinde. "Wir werden damit eine größere Unabhängigkeit und Autonomie erreichen können. 

Gleichzeit bietet es die Chance, einen noch viel größeren Einfluss in der Heimat China erreichen zu können. Während die chinesischen Tech-Konzerne bei der Hardware ihre Rückstände rasant eingeholt haben und immer öfter neue Maßstäbe setzen, sind bei der Software auch in China die Westprogramme Windows und Android das Maß aller Dinge. Könnte Huawei sich in der Heimat mit einem eigenen System durchsetzen, würde das nicht nur das Standing dort verbessern, gibt Zhengfei sich sicher. "Wenn wir erst einmal Europa, Ostasien und Afrika erobert haben", spiele es keine Rolle mehr, wenn die US-Standards nicht mehr mit den eigenen kompatibel seien, erklärt er selbstbewusst. "Dann können wir nicht mehr in das US-Territorium. Aber die USA kann auch nicht mehr in unseres."

Drang nach Mehr

Dass Huawei sich nicht mit dem Smartphone-Markt zufrieden geben würde, zeichnete sich schon seit Jahren ab. Auf dem Campus des Konzerns konnte man schon 2019 von smarten Straßenlaternen bis zu kompletten Überwachungssystemen für Großstädte jede Menge Zukunftstechnik des Konzerns bestaunen, die in chinesischen Großstädten auch da schon teilweise im Einsatz war (lesen Sie hier mehr zum Vorort-Besuch). 

Seine Strategie hatte der Konzern schon länger als "1+8+N" beschrieben. Die 1 steht da für das Smartphone, als wichtigstes Standbein, die 8 für acht weitere konkrete Geräteformen wie Tablets, Smartwatches, Kopfhörer und auch Autoterminals. Das N dürfte im Laufe der Zeit immer wichtiger für den Konzern werden: Es steht für die nahezu unendliche Menge an möglichen Zusatzgeräten und Diensten, von der Kartenanwendung bis zum Drucker und so weiter. Sie dürfte mit dem eigenen System nur weiter zunehmen.

Ob das Smartphone diese zentrale Rolle auch in Zukunft noch haben wird, muss sich zeigen. Schon im Frühjahr war gemunkelt worden, dass der Konzern die Sparte abstoßen könnte, um die Premium-Smartphones von den Straf-Maßnahmen des US-Banns befreien zu können. Bisher ist das aber nicht passiert. Das lange erwartete Spitzenmodell Huawei P50 wurde aber nur angeteastert. Die Bühne gehörte anderen wie Tablets, Smartwatches - und HarmonyOS.

Quellen:Huawei, Reuters,Spiegel

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