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Covid-19: Wie das Coronavirus die Weltwirtschaft verschiebt

Der Ausbruch des Corona-Virus wirft die chinesische Gesellschaft aus der Bahn. Und das dürfte länger anhalten als die Krankheit selbst. Die Weltwirtschaft orientiert sich um - und andere Länder profitieren zum Leidwesen Chinas.

Nicht nur in chinesischen Einkaufszentren sind die wirtschaftlichen Aspekte des Corona-Ausburchs zu spüren.

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Gebannt schaut die Welt auf China. Die Corona-Krise hat das Land seit Wochen fest im Griff. Angesichts von 74.000 bestätigten Infizierten und über 2000 Toten entschied sich die Regierung zu drastischen Eindämmungsmaßnahmen und stellte ganze Regionen unter Quarantäne. Doch während die Strategie in Bezug auf den Schutz der Menschen erfolgreich scheint, könnte sie China auf andere Art noch lange beschäftigen.

Als Weltfabrik hat sich China über Jahre für ganze Industrien unverzichtbar gemacht. Ob die Kleidungsbranche, die Autoindustrie oder die Technologie-Konzerne: Ein großer Anteil der Fabrik-Produktionen ist "Made in China". Nun stehen die Maschinen still. Und die Weltwirtschaft orientiert sich neu.

Schneller Umschwung

Nachdem die Konzerne für einen kurzen Moment in einer Art Schockstarre auf ein schnelles Ende der Krise hofften, beginnen nun viele, ihre Produktion von China in andere Teile der Welt zu  verlagern. Eine der schnellsten Reaktionen kam aus der Textilindustrie. Alleine bei türkischen Fabriken seien die Aufträge in Folge der Krise um zwei Milliarden Euro nach oben gegangen, berichtet das "Handelsblatt". Einer der großen Vorteile der Branche sind die niedrigen Hürden: Es müssen nur Materialien und Schnitte bekannt sein, spezielle Bauteile oder komplexe Pläne sind nicht nötig.

Prof. Dr. med. Johannes Knobloch

Bei anderen Branchen wie der Tech-Industrie ist der Wandel langsamer. Nachdem die Techgiganten zwei Wochen ausharrten, beginnen nun die ersten, ihre Produktion ebenfalls zu verlagern. Samsung fing etwa an, seine Bauteile nach Vietnam zu schiffen, um sie dort final zusammenbauen zu lassen, berichtet "The Register". Apple dagegen setzt nun auf Taiwan, um die Produktion von Apple Watch, iPad und den AirPods am Laufen zu halten. Die Konzerne hatten schon zu Anfang der Krise angekündigt, eventuell ihre Verkaufsziele nicht einhalten zu können. 

Bisher ist der Umschwung in der Tech-Branche wohl vor allem auf die Endproduktion beschränkt. Das größte Problem stellt aber das Zulieferergeschäft dar. Mindestens fünf Millionen Unternehmen weltweit beziehen Teile ihrer Produkte aus China, berichtet die Datenfirma "Dun & Bradstreet". Sollte sich die Quarantäne fortsetzen, gehen die Vorräte an Bauteilen bald zu Ende - und die Unternehmen müssen sich anders orientieren. Apple-Chef Tim Cook kündigte bereits vor einem Monat an, sich nach Alternativen von in Wuhan produzierten Bauteilen umzusehen.

Viele Branchen vom Coronavirus betroffen

In der Autoindustrie steht der Umschwung noch aus. Doch bald wird er kommen müssen. Mit jedem Tag, der verstreiche, würden die Auswirkungen "überproportional größer", warnte jüngst der Chef des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr. Die Provinz Hubei, aus der sich der Virus zuerst verbreitete, ist einer der wichtigsten weltweiten Standorte für die Autoproduktion. Die Produktion laufe zwar teilweise wieder, wegen der Sicherheitsmaßnahmen käme die Wertschöpfungskette aber trotzdem ins Stocken, warnte auch die Bundesbank.

Auch an anderer Stelle müssen die Firmen umdenken. China ist nicht nur die Fabrik, sondern auch der größte Markt der Welt. Und auch die Verkäufe leiden unter der Quarantäne. Man sei ganz auf den Absatz über den Online-Handel angewiesen, klagte etwa die Luxusmarke Bulgari. Doch auch dort sinken die Umsätze. Daniel Zhang, Chef des Handelsriesen Alibaba, warnte bereits vor einem möglichen "Schwarzen Schwan Ereignis" - also einem Moment, mit dem vorher niemand rechnete. Er befürchtet Folgen für die ganze Weltwirtschaft. Wegen Personalmangels käme Alibaba mit den Lieferungen nicht hinterher, die Geschäfte würden darunter leiden. 

Langanhaltende Folgen

Neben dem Handel sind auch Industrien betroffen, die man nicht sofort mit China in Verbindung bringen würde. So erwartete Disney, sein 200 Millionen Dollar teures Remake von "Mulan" vor allem über die chinesischen Zuschauer zum Kassenschlager zu machen. Weil in China seit dem Ausbruch die Kinos leer bleiben, wurde der Start nun verschoben. "Wir sind nicht sicher, auf welchen Zeitpunkt", sagte Disney-Chef Bob Iger gegenüber "CNN". Er gehe davon aus, dass auch alle anderen Filmstudios vom fehlenden Kinomarkt im fernen Osten betroffen seien.

Doch selbst, wenn die Lage bald im Griff ist, dürfte China noch lange unter den Folgen leiden, glaubt Malcolm McNeil in einem Gastbeitrag bei "CNBC". Der Anwalt und seine Kanzlei vertreten internationale Konzerne im Land der Mitte. Und deren Wahrnehmung der Lage fällt einfach aus: "Aktuell gilt Wuhan als Seuchenstadt, als Krisengebiet unter Verschluss. Das chinesische Tschernobyl. Das wird nicht einfach abzulegen sein", ist er sich sicher. "Selbst unter den besten Umständen wird es mindestens sechs bis neun Monate dauern, bis die Lage wieder als stabil genug angesehen wird."

Quellen: Handelsblatt, CNN, Washington Post, The Register, CNBC, BBC, Taiwan News

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