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WWDC 2019: Apple geht den wichtigsten Schritt seit Jahren

Auf seiner Messe WWDC hat Apple viel zu zeigen gehabt - und das neue iPhone-System iOS 13 war da nur eine Neuerung von vielen. Viel wichtiger war, dass Apple endlich einige große Baustellen anging. Und das sogar gleich mehrfach.

Neues iPhone-System: iOS 13: Diese sieben tollen Features kommen auf Ihr iPhone und iPad

Es war eine der längsten Apple-Keynotes seit Jahren - und eine mit dem höchsten Tempo. In gut 140 Minuten zeigten Tim Cook und sein Team auf der World Wide Developer Conference (WWDC) eine Neuerung nach der nächsten. Das Bemerkenswerte: Das sonst auf Apples Hausmesse so wichtige iOS spielte trotz wichtiger neuer Features nur eine Nebenrolle. Stattdessen ging Apple gleich mehrfach lange überfällige Baustellen an.

Das war am Anfang noch nicht abzusehen. Statt sich direkt ins Messe-Thema Software zu stürzen, machte man mit dem Serien-Projekt "For all Mankind" zu Beginn Werbung für den Streaming-Dienst Apple TV+. Doch schnell war klar: Tim Cook nutzte die Eigenwerbung nur als Übergang zu tvOS, dem Betriebssystem des Apple TV. Die Neuerungen, wie Konten für mehrere Nutzern und Unterstützung der beliebten Controller für Xbox und Playstation, waren schnell vom Tisch. Auch die Apple Watch wurde trotz zahlreicher neuer Features, wie neue Watchfaces, eigenen Apps und Funktionen wie Hörschutz und Perioden-Tracking, schnell abgefrühstückt.

iOS 13: Vom Star zur Nebenrolle

Als dann nach nur etwa 25 Minuten schon der einstige Star der Messe - das neue iOS - dran war, war klar: Hier kommt noch etwas Großes. Und tatsächlich: Nach einer guten Stunde hatte man alle der tollen neuen iPhone-Features von iOS 13 abgearbeitet: Wie einen Dark Mode, der das System im Dunkeln augenfreundlicher macht, die bessere Performance, neue Spielereien mit Emoji und Karaoke, die verbesserten Karten- und Erinnerungsapp, die starken Privatsphäre-Verbesserungen und die deutlich verbesserte Foto- und Filmbearbeitung. Und konnte sich endlich den wichtigen Dingen widmen.

Eine der wichtigsten Neuerungen fiel so manchem schon bei den Ausführungen zu iOS 13 auf: Das iPad kam nicht vor. Nachdem das Tablet jahrelang das iPhone-System mit nutzte und sozusagen ein riesiges Telefon geblieben war, zieht Apple nun die Leine: Mit iPadOS bekommen die Tablets endlich ein eigenes System, das ihnen erlaubt, ihr viel größeres Potenzial auszuschöpfen. Mit dem neuen System wird das iPad deutlich mehr zu einem Computer. Das beginnt beim Multitasking: Wie bei einem PC oder Mac darf man nun auch auf dem Tablet mehrere Fenster einer App gleichzeitig geöffnet haben, auch nebeneinander. Damit das übersichtlich bleibt, kommt auch die tolle Mac-Übersicht Expose auf das Tablet.

Doch Apple geht noch weiter. Nachdem man jahrelang das System unnötig einschränkte, wirken Features wie freier Datei-Import in Apps, ein Download-Manager, ein Desktop-Browser und die Unterstützung von externen Datenträgern wie USB-Sticks wie ein Befreiungsschlag. Ein gelungener  Kompromiss zwischen Tablet-Steuerung und Computer-Nutzung. Apple scheint sich hier die starken Surface-Geräte von Konkurrent Microsoft und ihr volles Windows sehr genau angeschaut zu haben. Möglich wird der große Schritt auch, weil der Apple Pencil, der Steuerungsstift des iPads, nun deutlich mächtiger wird, Texte markiert und annotiert. Eine Maus auf dem Tablet, sozusagen.

Leistung für die Profis

Der Schritt ist ein klares Signal an Apples einst wichtigste Kunden: die Profis. In den schweren Zeiten vor dem iPod hielten jahrelang vor allem Designer, Grafiker und andere Kreative als treue Kunden den leidenden Konzern am Leben. In den Erfolgsjahren des iPhones klagten diese Kunden allerdings besonders laut, dass ihre Bedürfnisse nicht erhört wurden. Die Apple-Geräte verkamen aus Sicht dieser Gruppe zu Konsum-Maschinen. Dass Apple das ändert möchte, zeigt man nun auch mit dem neuen iPad Pro.

Der an eine Käsereibe erinnernde Super-Rechner Mac Pro dürfte die Herzen vieler Fans höherschlagen lassen. Nicht nur bietet er bis zu 28 Kerne und Unmengen weitere Möglichkeiten, ihn mit allerfeinster Technik vollzustopfen. Anders als beim iMac können die Teile durch die Nutzer bei Bedarf sogar selbst und unkompliziert ausgetauscht werden.

Gerade dieser Schritt ist extrem wichtig: Während sicher auch viele Profis das schier unglaubliche Leistungspotenzial des neuen Mac Pro ausnutzen können, gibt es viel mehr von ihnen, die bei aktuellen Macs die Flexibilität vermissten. Das schnelle Einbauen neuer Komponenten ist für viele Arbeitseinsätze schlicht unverzichtbar. Der letzte Mac, der das erlaubte, kam Ende 2013 auf den Markt - und war durch seine merkwürdige runde Bauform deutlich weniger versatil. Dass sich der neue Mac Pro nicht an Konsumenten richtet, zeigt auch sein enorm hoher Preis: ab 6000 Euro geht es los.

Ähnlich viel dürfen Fotografen, Video-Bastler und Spieleentwickler für Apples neues Display hinlegen. Auch bei den Bildschirmen hatte Apple lange geschlafen, mit dem Pro Display XDR will man das endlich angehen. Bei dem 6K-Display in 32 Zoll setzt Apple auf extrem hohe Auflösung, einen enorm hohen Farbgamut und einen maximalen Kontrast von 1.000.000:1. Beim Gehäuse hat Apple ebenfalls kräftig Hand angelegt. Endlich gibt es einen Pivot-Modus für Hochkant-Arbeiten, durch die Lüftung soll ein durchgehender Betrieb bei einer enorm hohen Helligkeit von 1000 Nit möglich sein. Das lässt sich Apple aber königlich bezahlen: Ab 5000 Dollar kostet das Display, der Profi-Standfuß für den Hochkant-Modus ist da noch nicht enthalten – er kostet noch mal 1000 Dollar. Viele Profis werden das dankbar zahlen.

Ende einer Ära

Der letzte wichtige Schnitt brauchte Jahrzehnte: Mit dem neuen Mac OS Catalina streicht Apple iTunes. 18 Jahre lang schleppte Apple die Software aus iPod-Zeiten mit, stopfte immer mehr Features hinein. Eine Entscheidung, für den der Konzern viel gescholten wurde – und über den sich nun Software-Chef Federighi sogar auf der Bühne lustig machte. Jetzt ist das ikonische Programm am Ende. Stattdessen gibt es nun drei eigene Apps, eine für Musik, Podcasts und Apple TV. Wer sein iPhone über den Rechner synchronisiert, tut das nun ebenfalls nicht mehr über iTunes sondern über den Finder – als würde es sich beim iPhone um eine Festplatte handeln. 

Auch sonst will Apple seinem Mac-Betriebssystem mal wieder richtig Schwung verleihen. Da ist die Sprachsteuerung, die nahezu das komplette System mit der Stimme steuerbar machen soll. Viel wichtiger ist aber Projekt Catalyst. Dadurch werden Apps für Mac und iPadOS auf dieselbe Programm-Basis gehievt – und sorgen so dafür, dass es mit einem Schlag viel mehr Programme für den Mac gibt. Apples Rechner litten in den letzten Jahren drastisch darunter, dass Mobilgeräte des Konzerns für Entwickler deutlich attraktiver waren. Mit Catalyst dürfte sich das sehr schnell ändern.

So dürfte Apple gerade eine der wichtigsten WWDCs seit Jahren abgeschlossen haben. Dass man sich lange auf den iPod und das iPhone als Geldmacher für Privat-Kunden konzentrierte, hat den Konzern zu einem der reichsten Unternehmen der Welt gemacht. Dabei vergaß Apple allerdings, dass es die treuen Business-Kunden im Kreativ-Bereich waren, die dem Konzern durch schwere Zeiten gebracht haben. Viele von ihnen fühlten sich zurecht von Apple vergessen. Das dürfte sich heute geändert haben. Und das, ohne dass man die Privatkunden vergraulen musste. Für Apple dürfte sich diese Entscheidung auszahlen.

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