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Ärger um Messenger Raubkopien, Hass und Waffen: Telegram ist längst das neue Darknet

Im Rahmen der Morddrohungen gegen Politiker wird der Ruf nach einem Verbot des Messengers Telegram laut. Dort fühlen sich nicht nur Extremisten, sondern auch Kriminelle längst so sicher, wie es früher nur im Darknet der Fall war.

Ob Hassbotschaften von Attila Hildmann, Mordrohungen gegen Politiker, islamistischer Terror, Waffen- und Drogenhandel, Hackertools oder Raubkopien: Eine App taucht in Zusammenhang mit den unzähligen problematischen und oft illegalen Machenschaften des Internets immer wieder auf: Telegram. Der Messenger hat sich längst zur neuen Version des Darknets entwickelt. Und das nicht ohne Grund.

Aktuell ist der Messenger Telegram vor allem wegen der Nutzung bei Querdenkern und anderen rechten Gruppierungen in den Schlagzeilen. In der Chat-Gruppe "Dresden Offlinevernetzung" hatten nach Recherchen von "Frontal" radikale Coronaleugner den Mord des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer geplant. Nach Verhaftungen wird nun das Verbot des Messengers diskutiert.

Erfolgsgeschichte Telegram

Der hat in den letzten Jahren eine beachtliche Erfolgsgeschichte hingelegt. Seit 2018 hat sich die Anzahl an monatlichen Nutzern mit einem Zuwachs von 175 Prozent nahezu verdreifacht, sie liegt mittlerweile bei 550 Millionen. Gut 55 Millionen dieser Nutzer machen den Messenger sogar täglich auf. Das weltweite Wachstum liegt sicherlich auch an der stärker werdende Skepsis gegenüber dem mit zwei Milliarden monatlichen Nutzern weiter deutlich größeren Whatsapp. Zumindest für einen Teil der Nutzer spielt aber auch eine Rolle, dass Telegram zunehmend die Plattform der Wahl für allerlei illegale Handlungen wird.

Dabei geht es nicht nur um die ungestörte Organisation von politischen Extremisten. Denn egal ob Raubkopien, Drogen, Waffen oder Hacker-Werkzeuge: Nahezu alles wird bei Telegram gehandelt. Der Grund, warum diese Art von Aktivitäten sich aus dem Darknet in den Messenger verlagert, ist nach Ansicht des Security-Forschers Tal Samra sehr einfach: "Es ist einfach bequemer zu nutzen." Während der Zugang zum Darknet spezielle Software und Kenntnisse der einschlägigen Webseiten voraussetzt, muss man bei Telegram einfach die App herunterladen. Doch auch die Tech-Experten setzen mittlerweile darauf: "Wir beobachten ein 100-prozentiges Wachstum bei der Nutzung von Telegram für Cyberkriminelle", klagte Samra gegenüber der "Financial Times". "Wegen seiner verschlüsselten Nachrichten wird der Dienst immer populärer bei Hackern, um illegale Aktivitäten zu organisieren oder gestohlene Daten zu verkaufen."

Querdenker bei Telegram: Eine gesichtslose Person im Kapuzenpullover steht vor Telegramnachrichten mit Waffenfotos.

Keine Hilfe für Behörden

Das hat mehrere Gründe. Zwar spielt sicher auch eine Rolle, dass Chats zwischen zwei Teilnehmern verschlüsselt werden können und dass anders als bei Whatsapp in Gruppen-Chats nicht die Telefonnummern der anderen Teilnehmer zu sehen sind. Noch wichtiger dürfte aber sein, dass der Messenger - anders als etwa der Konkurrent Whatsapp - alles andere als bemüht ist, mit den Behörden zusammenzuarbeiten.

Und das ist kein Zufall: Das Ziel der App war von Anfang an, gegen den Zugriff von staatlichen Behörden sicher zu sein - allerdings nicht unbedingt gegen den von westlichen Geheimdiensten. Denn eigentlich sollten vor allem die russischen Schnüffler nicht verstehen, was in der App besprochen wurde. Die Entwickler von Telegram, die russischen Brüder Nikolai und Pawel Durow, wurden oft als russische Mark Zuckerbergs bezeichnet. Sie mussten Russland verlassen, nachdem sie sich geweigert hatten, Nutzerdaten aus dem von ihnen gegründeten sozialen Netzwerk Vkontakte an die Behörden weiterzugeben. Als Reaktion darauf programmierten sie ihre eigene, sichere Chat-App: Telegram.

Und auch heute verweigert der Messenger weitgehend die Arbeit mit den Behörden. Briefe der deutschen Strafverfolgungsbehörden werden routiniert ignoriert. Die Handhabe ist schwierig. Nach mehreren Umzügen, unter anderem auch nach Berlin, sitzt der Messenger mittlerweile in Dubai. Und auch dort würde man schnell verschwinden, wenn die Behörden Druck machten, erklärte Pawel Durow unumwunden.

Ermittlungs-Spielraum

Das heißt nicht, dass die Behörden völlig machtlos sind. Die Chatgruppen, in denen kriminelle oder extremistische Inhalte geteilt werden, sind zum Teil öffentlich, viele Akteure agieren ungeniert unter Klarnamen. Die Strafermittlungsbehörden können dort unproblematisch ermitteln, Beweise sammeln und Täter identifizieren, die dann angeklagt werden können. Auf die Löschung entsprechend dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) können sie indes nicht hoffen. Zwar wird Telegram mittlerweile wegen seiner öffentlich zugänglichen Kanäle vom Bundesjustizministerium als eine Art soziales Netzwerk gewertet und fällt damit anders als andere Messenger unter das Gesetz. Bisherige Versuche, rechtsextreme Beiträge löschen zu lassen, blieben aber weitgehend erfolglos.

Das dürfte auch so bleiben. Man wolle "keinesfalls Nutzer daran hindern, auf friedliche Weise alternative Meinungen zum Ausdruck zu bringen", heißt es auf der Seite des Messengers. Nur terroristische und islamistische Inhalte, die eine Zeitlang ebenfalls dort boomten, werden mittlerweile schnell und teilweise sogar automatisiert gelöscht. Das bestätigte sogar das BKA gegenüber "Netzpolitik."

Wie geht es weiter?

Wie die deutschen Behörden nun vorgehen sollen, ist umstritten. Zur Debatte steht etwa die Option, den Messenger nicht mehr über die offiziellen App-Angebote von Google oder Apple beziehen zu können. Der Effekt dürfte sich aber in Grenzen halten. Auf diese Weise ließen sich nur die Neuinstallationen einschränken, wer die App schon installiert hat, könnte sie weiter nutzen. Zumindest, solange nicht ein künftiges Update die alten Versionen abknipsen sollte.

Dass ein reines Verbot des Messengers wenig bringt, hatte schon Telegrams Heimat Russland lernen müssen: Bereits 2018 verbot der Kreml den Messenger wegen mangelnder Zusammenarbeit mit den Behörden und sperrte die Verbindungen. Mit geringem Erfolg: Schnell machten Anleitungen die Runde, wie man die Sperren per VPN umgehen konnte. Letzten Sommer gab Russland dann offenbar auf: Nach zwei Jahren Verbot ist Telegram dort wieder ganz offiziell nutzbar.

Quellen:Telegram, Financial TimesNetzpolitik, Capital

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