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Main Battle Tank Challenger 2 – der schwerste Kampfpanzer der Welt soll nun die Russen aufhalten

Challenger 2 der Kings Royal Hussars (KRH) Battlegroup bei einer Übung.
Challenger 2 der Kings Royal Hussars (KRH) Battlegroup bei einer Übung.
© Sergeant Steve Blake RLC / wikimedia
Großbritannien liefert moderne Kampfpanzer vom Typ Challenger 2 nach Kiew. Dieser MBT besitzt eine treffsichere Kanone und ist extrem gut geschützt – doch es sollen nur 14 Stück kommen.

Großbritannien liefert den Challenger 2 an die Ukraine. Wie mehr oder minder alle Kampfpanzer stammt der Challenger 2 aus dem Kalten Krieg und wurde regelmäßig wieder modernisiert. Einfach ausgedrückt, entspricht er in etwa dem Leopard 2 seit der A6 Konfiguration – das heißt, es handelt sich um einen der modernsten und besten Panzer weltweit. Überhaupt ist der Challenger 2 erst 20 Jahre alt, der Leopard 2 hat fast doppelt so viele Jahre auf dem Buckel. Obwohl er auf dem Vorgänger Challenger 1 basiert, sind die Ähnlichkeiten doch gering. Nur drei Prozent der Teile sollen identisch sein.

Gezogener Lauf 

Bewaffnet ist er mit einer Kampfwagenkanone im Kaliber 120-Millimeter. Doch anders als beim Leopard 2 wurde kein Glattrohr verwendet. Das L30A1 -Panzergeschütz im Kaliber 55 benutzt Züge im Lauf, weil die Briten weiterhin HESH-Munition verwenden wollen. Über die Grundentscheidung zwischen gezogenem Lauf oder Glattrohr kann man lange diskutieren, doch der britische Weg hat im Feld einen Nachteil. Die Waffe nimmt keine Standard-Munition an.

Die Sekundärbewaffnung besteht aus einem Maschinengewehr und einer Chaingun – beide im Kaliber 7,62 Millimeter. Die "Kettenkanone" entnimmt die Kraft, die zum automatischen Feuern nötig ist, nicht dem Gasdruck der Schüsse. Sie wird über eine Kette – wie beim Fahrrad – angetrieben. Zusätzlich kann ein ferngesteuertes System am Turm montiert werden, das mit einem schweren MG bestückt werden kann.

Wirksame Panzerung

Der Challenger ist mit einer Chobham-Panzerung der zweiten Generation ausgestattet und gilt als sehr gut geschützt. Diese Schichtenpanzerung soll bei gleicher Dicke die doppelte Schutzwirkung gegenüber Stahl erreichen. Der Schutz der vierköpfigen Besatzung war eine Priorität des Entwurfes. Als Duell-Panzer dürfte der Challenger 2 allen T-Modellen, die in der Ukraine verwendet werden, überlegen sein. Vor allem dann, wenn er gemäß dem ursprünglichen Nato-Szenario in der verteidigenden Rolle eingesetzt wird.

Schutz und Feuerkraft kommen allerdings zu einem Preis. Der Panzer wiegt "nackt" schon 64 Tonnen, durch Module steigert sich das Gewicht sogar auf 75 Tonnen. Der Challenger 2 ist damit weltweit der schwerste Kampfpanzer. Der russische T-90 wiegt keine 50 Tonnen. Während der T-90 21,5 PS pro Tonnen mobilisiert, kann dieser Wert beim Challenger 2 auf bedenkliche 16 PS schrumpfen. Abseits von Straßen liegt die Höchstgeschwindigkeit bei nur 40 km/h, bei schwierigen Bodenverhältnissen werden es weniger.

Hohe und genaue Feuerkraft

Der britische Militärexperte Justin Crump hat selbst in einem Challenger 2 gedient. Er sagte: "Der Challenger 2 wurde entwickelt, um genau die Arbeit zu erledigen, die die Ukrainer von diesem Panzer erwarten. Unsere Panzer sind sicherlich weitaus besser als alles, was die Russen haben, denn alles, was wir während des Kalten Krieges entworfen haben – also Challenger 2, Leopard 2, M1 Abrams in den USA – all diese Fahrzeuge wurden so konzipiert, dass sie wesentlich besser sind als das russische Äquivalent."  Zielerfassung und Feuerleitsystem gelten als hervorragend – bis zu zwei Kilometer werden zuverlässige Treffer erreicht. Im Golfkrieg von 1991 soll ein Challenger 2 einen irakischen Panzer auf fast 5 Kilometer Entfernung (3 Meilen) ausgeschaltet haben.

Großbritannien ist in einer vergleichsweise glücklichen Lage, derzeit "zu viele" Challenger 2 zu haben. So können Fahrzeuge in die Ukraine geliefert werden, die auf einem modernen Stand sind und nicht aufwändig erst wieder hergerichtet werden müssen. London hat entschieden, nur einen Teil der 2er-Flotte auf den Stand des Challenger 3 bringen zu lassen. Aus 227 aktiven Challenger 2 werden nur 147 zu Challenger 3 aufgerüstet.

Schwere Zeiten für alle Kampfpanzer

Trotz der oben genannten Vorzüge darf man sich keine Wunder von den Westpanzern erwarten. Generell sind sie besser geschützt und haben auch mehr Feuerkraft als die Sowjetpanzer. Das wird aber erkauft mit deutlich höherem Gewicht, komplizierter Logistik und eingeschränkter Mobilität. Bei der derzeitigen Schlammbildung bei Temperaturen um den Gefrierpunkt können schwere Kampfpanzer kaum außerhalb des Straßennetzes eingesetzt werden. Davon abgesehen behindert das Gewicht der Panzer die Bewegung. Die Brücken in der Ukraine sind auf das Gewicht der leichteren T-Modelle ausgelegt.

Im Ukraine-Krieg stießen die schweren Kettenfahrzeuge auf Probleme, die man zuvor auch schon kannte, die aber in der Ballung so noch nie aufgetreten sind. Dazu gehören folgende Faktoren. Heute ist die Infanterie in großem Maßstab mit wirksamen Panzerbekämpfungsmitteln ausgestattet. Von simplen Panzerknackern wie einer Panzerfaust 3 bis hin zu tragbaren Lenkwaffen. Durch den Einsatz von Drohnen lässt sich gerade das schwere Gerät, das häufig deutliche Spuren hinterlässt, auch tief im Hinterland aufspüren. In Kombination mit Artillerie werden gepanzerte Verbände schon in der Bereitstellung bekämpft. Und schließlich verlagern sich die Kämpfe in der Ukraine in Städte und urbanen Räume. Hier ist die Domäne der Infanterie, gepanzerte Fahrzeuge geben höchstens mobile Feuerunterstützung. Ihre eigentliche Stoß- beziehungsweise Schock-Wirkung können Kampfpanzer, Schützenpanzer und Grenadiere in diesen Trümmerfeldern nicht entfalten.

Vom Challenger wurden sehr viel weniger Modelle gebaut, als vom Leopard 2 oder dem US-Panzer Abrams – vom T-72 gar nicht zu reden. GB hat etwa 350 Stück bekommen. Die theoretisch denkbaren Dimensionen einer Lieferung sind also begrenzter als beim Leopard 2 von dem über 3000 Stück hergestellt wurden.

Die Menge ist entscheidend

Doch an große Zahlen denkt derzeit niemand. GB hat die Lieferung von 14 Panzern zugesagt. Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, General Walerij Saluschnyj, hält dagegen folgende Mengen für notwendig, um erneut in die Offensive zu gehen. Schon für eine begrenzte Operation wie im letzten Herbst sei die Zuführung von 300 Kampfpanzern, 600-700 Schützenpanzern und 500 Artilleriesystemen notwendig.

Davon sind die bisherigen Zusagen absurd weit entfernt. Doch wenn – wie zu erwarten – die anderen Verbündeten nachziehen und Berlin die Lieferung von Leopard 2 freigibt, kann in der Summe doch eine halbwegs eindrucksvolle Zahl zusammenkommen. Allerdings sind nur wenige Verbündete in der Lage, wie Britannien. Sie verfügen nicht über 70 moderne einsatzfähige Kampfpanzer, die sie anstatt in den Ruhestand in die Ukraine schicken könnten. Bei der Bundeswehr sieht das Bild so aus: Schon jetzt hat das Heer gemessen an den Aufgaben zu wenig einsatzfähige Leopard 2. Doch wenn die Ukraine im Frühjahr 2023 welche erhalten soll, müssten sie aus dem aktiven Bestand entnommen werden. Ein Neuaufbau der alten Leo-Hüllen würde in etwa zwei Jahre dauern.

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