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Krieg in der Ukraine Offensive bei Cherson – Kiews letzte Chance, den Krieg zu wenden

Ukrainischer Panzer im Norden der Frontlinie
Ukrainischer Panzer im Norden der Frontlinie
© Scott Olson / Getty Images
Im Süden haben sich Kiews Truppen an die besetzte Großstadt Cherson herangearbeitet. Gelingt es ihnen, das Tor zur Krim zu befreien, käme Russlands Position trotz der jüngsten Erfolge im ganzen Land ins Wanken. Doch das Risiko ist hoch.

Am 24. Februar hat Putin die Ukraine überfallen. Doch der erste Ansturm der russischen Streitkräfte scheiterte – an Unfähigkeit auf allen Ebenen der Kriegsführung. Die russische Armee musste sich aus der Umgebung von Charkow und Kiew zurückziehen. Große Gebiete im Norden wurden zurückerobert, die als übermächtig geltenden Armee Russlands war angeschlagen, auf einmal schien es möglich, den Giganten zu besiegen.

Erfolge bei Kiew und Cherson

Doch dieser Erfolg ist inzwischen verwelkt, denn seitdem hat der Krieg eine andere Richtung genommen. Anstelle kühner Operationen hat Moskau die Front im Donbass in einen riesigen Fleischwolf verwandelt. Gestützt auf die Überlegenheit zur Luft bei Raketen und Artillerie wurden die ukrainischen Stellungen Stück für Stück pulverisiert. Nun ging die ganze Oblast Luhansk verloren. Doch auch nach dem Rückzug aus Lyssytschansk stehen die ukrainischen Streitkräfte dort weiter unter Druck so wie im ganzen Donbass. Die Strategie, durch zähen Widerstand in den befestigten Dörfern und Städten des Donbass Russlands Armee ausbluten zu lassen, hat nicht funktioniert.

Kiew braucht dringend einen Erfolg. Politisch, damit die Moral der eigenen Truppen nicht weiter sinkt. Und militärisch. Eine siegreiche Offensive würde die Russen dazu zwingen, aus dem Donbass Kräfte abzuziehen und sich verstärkt einer anderen Zone zu widmen. Eine Region, in der das Momentum bei Kiew läge. In der jetzigen Situation kann diese Offensive nur bei Cherson ansetzen. Von mehreren Vorstößen Kiews in den letzten Wochen blieb nur der Vormarsch auf Cherson von Erfolg gekrönt. Die strategische Bedeutung der Stadt liegt auf der Hand. Zusammen mit dem besetzten Kachowka auf dem anderen Ufer des Dnipro ist Cherson für Moskau eine Sprungschanze Richtung Odessa. Für Kiew ist die Großstadt das Tor zur Krim, gelingt es, Cherson zu nehmen, würden die ukrainischen Streitkräfte die Landverbindung zwischen den Separatisten-Republiken und der Krim unmittelbar bedrohen.

Unmittelbar an den Vororten

Nun sind Kiews Einheiten bis an die Vorstädte von Cherson herangerückt. In den letzten Wochen konnten sie den Russen einen breiten Streifen im Vorfeld der Stadt abnehmen. Wenn eine Offensive Aussicht auf Erfolg hätte, dann wäre es dort. Doch der bisherige Vormarsch ist keine Großoffensive, bislang haben die Russen nur hinhaltenden Widerstand geleistet. Die für eine Bodenoffensive notwendige Übermacht von 3 zu 1 oder gar 4 zu 1 wurde von Kiew nicht erreicht. Im Donbass haben die russischen Truppen diese Übermacht auch nicht, sie haben den Mangel an Bodentruppen durch Artillerie ausgeglichen. Das könnte nun wieder geschehen. Nämlich dann, wenn Kiew die Lieferungen westlicher Artilleriesysteme nicht Stück für Stück an die Front schickt, sondern für die Gegenoffensive aufspart. Eine Offensive könnte dann Erfolg haben, wenn die russischen Verluste tatsächlich so hoch sind, wie berichtet. Und es ihnen nicht gelingt, neben der Donbassfront auch dem Süden neue Truppen zuzuführen.

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Anspruchsvolle Operation

Bislang zeigten sich die Ukrainer als Meister der Verteidigung. Ein eigener Vormarsch, der bewegliche Kampf verschiedener Waffengattungen ist weit anspruchsvoller und größeren Risiken ausgesetzt. Kiews Truppen müssten sich in der deckungslosen Ebene voran arbeiten und auch den Dnipro überqueren. So wie Kiew die Dörfer im Donbass in Festungen verwandelt hat, so haben die Russen die Orte in der Umgebung mit Gräben durchzogen und betonierte Bunker angelegt, die auch schwerer Artillerie widerstehen. Dazu kommt ein weiteres Problem. In der Region schlagen nicht alle Herzen für Kiew. Die ukrainischen Streitkräfte klagen, dass Zivilisten auch im Teenageralter ihre Standorte und Bewegungen an den Feind verraten.

Das Hilfs-Dilemma

Es wird eine riskante Operation. Doch Kiew kann sie nicht verschieben, bis man besser vorbereitet ist. Die Lage im Donbass benötigt jetzt eine Entlastung. Und Kiew benötigt politisch den Erfolg. Militärstratege Franz-Stefan Gady hat auf ein Paradox hingewiesen. Kiew kann nicht einfach auf Waffenlieferungen aus dem Westen warten, bis die Armee besser ausgestattet ist. Erst ein Sieg im Feld würde die Zweifler im Westen überzeugen, dass eine massive Unterstützung der Ukraine sinnvoll ist und nicht nur dazu dient, eine unvermeidliche Niederlage hinauszuzögern. Umgekehrt gilt auch, sollte die Offensive verfrüht sein, sollte sie zusammenbrechen und dann einen russischen Vormarsch in der Region auslösen, würde sie den gegenteiligen Effekt auslösen. Kiews Sache würde dann als aussichtslos gelten und der Druck eine Verhandlungslösung nach Putins Diktat anzunehmen würde steigen.


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