US-Wirtschaftskrise Deutschland und die Lehman-Pleite


Die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers hat an den Börsen weltweit Schockwellen ausgelöst und die Finanzkrise in den USA zu einem neuen Höhepunkt geführt. Welche Auswirkungen hat die Krise auf Deutschland? Was sollten Anleger jetzt tun?
Von Marcus Gatzke und Leonie Seifert

Die Finanzkrise in den USA hat sich am Montag dramatisch zugespitzt. Zwei der größten und traditionsreichsten US- Investmentbanken sind gescheitert. Merrill Lynch wurde von der Bank of America übernommen, und die mehr als 150 Jahre alten Lehman Brothers sind nach vergeblichen Rettungsversuchen pleite.

Weltweit gingen die Börsen auf Talfahrt. Notenbanken und Finanzbehörden standen bereit, zur Stabilisierung der Märkte einzugreifen. Zehn internationale Bankkonzerne, darunter die Deutsche Bank, legten einen 70 Milliarden Dollar schweren Unterstützungsfonds auf, um sich gegenseitig auszuhelfen.´Der Dax fiel auf den tiefsten Stand seit Oktober 2006. Der Leitindex sackte unter die wichtige Marke von 6000 Punkten, noch vor gut einem Jahr hatte er bei knapp über 8150 Punkten einen Rekordstand erreicht. Welche Konsequenzen haben die neuerlichen Pleiten für das globale Finanzsystem? Wenn trifft es als nächsten? Was sollen die Anleger jetzt machen? stern.de gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Welche Auswirkung hat die Lehman-Pleite auf das globale Finanzsystem?

Schon seit Wochen wurde an der Wall Street über das Ausmaß der Schieflage der Investmentbank Lehman Brothers spekuliert. "Niemand hat jedoch gedacht, dass Lehmann Insolvenz anmelden muss", sagt Michael Schröder, Finanzmarktexperte vom Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.

Die zentrale Frage sei jetzt, inwieweit hinter der Pleite Risiken für das gesamte System stünden. Bei den beiden Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac sei dies eindeutig der Fall gewesen, so Schröder. Hier hätte eine Pleite "verheerende Folgen" nicht nur für Amerika, sondern für die gesamte globale Finanzwelt gehabt.

Um weitere Finanzmarktturbulenzen zu verhindern, hatte die US-Regierung erst Anfang vergangener Woche die Kontrolle über die angeschlagenen US-Hypothekenfinanzierer übernommen. Bei Lehman weigerte sich die Regierung dagegen, potenziellen Rettern finanziell unter die Arme zu greifen. Die Konkurrenten Barclays und Bank of America sahen auch deshalb von einer kurzfristigen Übernahme ab. Das Risiko war ihnen zu hoch.

Nach Ansicht von Schröder ist die harte Haltung der US-Regierung bei Lehman ein richtiger Schritt gewesen. "In diesem Fall besteht kein Systemrisiko", sagte er. Es handelte sich zwar um eine große Investmentbank, aber die Auswirkungen auf die Geschäftspartner seien eher gering. "Das ist gut verkraftbar", ist Schröder überzeugt. So sind die deutschen Banken nicht eng mit Lehman verknüpft.

Sind weitere Pleiten zu erwarten?

Finanzmarktexperte Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geht davon aus, dass "es weitere Überraschungen geben wird". Bereits jetzt werde spekuliert, dass weitere Hedge-Fonds pleite gehen könnten. "Es gibt noch haufenweise Immobilienkredite, die von einem Ausfall bedroht sind," sagte Schröder. Bis mindestens Mitte 2009 werde diese Situation anhalten.

Auch Fidel Helmer, Aktienexperte vom Privatbankhaus Hauck und Aufhäuser, will weitere Pleiten nicht ausschließen. "Noch ist kein Ende der Finanzmarktkrise in Sicht", sagte er stern.de. Als nächstes seien Versicherungsgesellschaften wie die AIG betroffen. Versicherer legen einen Großteil des Geldes ihrer Kunden in Wertpapieren an - Börsen und andere Finanzkrisen treffen sie also ähnlich hart wie Banken.

Der Versicherer American International Group (AIG) hat Medienberichten zufolge die US-Notenbank um kurzfristige Finanzhilfe gebeten. AIG-Chef Robert Willumstad habe am späten Sonntagabend Kontakt zur Fed aufgenommen, berichtete das "Wall Street Journal" . Der Vorgang sei als Überbrückungsmaßnahme gedacht.

Sind deutsche Banken in Gefahr?

Nein - meint zumindest der Professor an der TU Darmstadt, Dirk Schiereck: "Die Banken in Deutschland und Europa werden zwar weitere Abschreibungen vornehmen müssen - da können sich ganz große Milliardenlöcher auftun", sagte er. "Pleiten sind aber nicht zu erwarten."

Die großen deutschen Banken wie der Branchenprimus Deutsche Bank hätten die Krise bislang besser überstanden als viele Mitbewerber - das Schlimmste sei überwunden. Aus der Krise könnten die deutschen Banken zudem gestärkt hervorgehen, weil die US-Konkurrenten geschwächt und mit eigenen Problemen beschäftigt seien.

Die neu aufgeflammte Krise wird nach seiner Meinung die bereits begonnene Konsolidierungswelle im europäischen Bankensystem anheizen. "Die Fusionen werden zunehmen", sagte der Experte. In den vergangenen zwei Wochen hatten die vier verbliebenen deutschen Großbanken zwei Blöcke geschmiedet: Die Commerzbank übernahm die Dresdner Bank, die Deutsche Bank stieg als größter Einzelaktionär bei der Postbank ein.

Auch die Bundesregierung warnt vor einer Panik in Deutschland: Die Auswirkungen der Lehman-Pleite auf den deutschen Markt seien "verkraftbar", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von Finanzaufsicht, Bundesbank und Bundesregierung. Ministerium, Bafin und Bundesbank stünden in engem Kontakt mit den internationalen Partnerbehörden und den Spitzen der deutschen Kreditwirtschaft. Die weitere Entwicklung werde "sehr genau" beobachtet, hieß es.

Welche Folgen sind für die US-Wirtschaft zu erwarten?

Wie stark sich diese Krise auch auf den Rest der Wirtschaft in den USA auswirkt, ist unter Experten umstritten. Richard Portes von der London Business School hält die derzeitige Panikmache für übertrieben. "Wir sehen außerhalb des Finanzsektors keine großen Folgen", sagte er in einem Interview mit der "Welt am Sonntag". In den USA gebe es trotz der Finanzkrise ein ziemlich beträchtliches Wirtschaftswachstum.

Andere Experten halten dem entgegen, dass der Staat bislang durch ein massives Konjunkturprogramm einen Einbruch der Wirtschaft mindestens abgemildert, wenn nicht gar verhindert hat. "Es muss abgewartet werden, was passiert, wenn diese Maßnahmen in den kommenden Quartalen auslaufen", sagte Michael Schröder vom ZEW in Mannheim. Aber auch er ist überzeugt, dass die Wirtschaft deutlich stärker leiden wird, "als wir dies noch vor wenigen Wochen gedacht haben". Vor allem der private Konsum, eine Triebfeder der exportschwachen US-Wirtschaft, dürfte an der Krise auch mittelfristig leiden. Viele Amerikaner haben ihr Vermögen auf Wertpapiere und Immobilien aufgebaut - und jetzt deutlich weniger Geld zur Verfügung beziehungsweise arg geschrumpfte Vermögenswerte, die zur Vorsicht bei Ausgaben führen.

Schröder ist jedoch überzeugt, dass das Hauptproblem im Interbankenmarkt besteht. Unternehmen kämen immer noch gut an Kredite, sagte er. Die befürchtete Kreditklemme sei bislang ausgeblieben.

Welche Folgen ergeben sich für Deutschland?

Michael Schröder vom Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ist überzeugt, dass die negativen Folgen der Pleiten deutlicher ausfallen werden, als bislang gedacht. "Schon jetzt weisen viele Indikatoren nach unten", sagte er. Es sei aber sehr schwierig, genaue Prognosen zu wagen, da es kaum Modelle gebe, die ein solches Szenario abbilden könnten.

Was klar ist: Bereits im zweiten Quartal ist die Wirtschaft in Deutschland geschrumpft. Auch aufgrund der überraschend starken ersten drei Monate, sank das Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,5 Prozent. Für das dritte Quartal rechnen einige Experten ebenfalls mit einer leicht rückläufigen Wirtschaftsleistung. Damit wäre Deutschland in einer Rezession.

Wie sollten sich die Anleger verhalten?

"Finger weg von Bankenaktien", rät Fidel Helmer vom Privatbankhaus Hauck und Aufhäuser. Stattdessen sollten Anleger lieber Aktien von Unternehmen anderer Branchen kaufen. Hier sei das Kurs-Gewinn-Verhältnis oft noch sehr gut, die Aktie also vergleichsweise günstig.

"Gerade herrscht erhöhte Unsicherheit am Finanzmarkt", sagt Markus Reinwald, Aktienstratege bei der Helaba. Er rät: "Ruhe bewahren, den Markt beobachten, warten, bis die Lage am Aktienmarkt wieder übersichtlicher ist." Bis zum Jahresende rechnet der Experte damit, dass der Deutsche Aktienindex wieder auf fast 6800 Punkte steigen wird.

Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?

"Wir brauchen eine intelligentere Regulierung", fordert Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). "In Europa haben wir mit Basel II schon eine Regelung, die einige Lücken schließt." Es fehle jedoch immer noch an Transparenz. "Die eine Bank weiß nicht, welche Risiken die andere in ihrer Bilanz versteckt", kritisierte Schröder. "Auch das Quartalsdenken ist ein Fehlanreiz. Ein kurzfristiges Gewinnstreben könnte solche Krisen verstärken."

Die EU hat bereits angekündigt, die Kontrolle zu verschärfen. Vier Fünftel der Banken genügten bereits ihren Kriterien für die Offenlegung von Risiken, sagte die amtierende Vorsitzende der EU-Finanzminister, die französische Ressortchefin Christine Lagarde, am Wochenende in Nizza. Die Transparenz nehme zwar zu. "Nötig sind aber 100 Prozent", betonte die Ministerin.

Deutschland unterstützt den französischen Vorschlag einer Gruppenaufsicht für Versicherungen und Banken, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück nach Abschluss der Konferenz. Diese - schon länger diskutierte - Neuerung soll in getrennten Gesetzgebungsvorschlägen der EU-Kommission im Herbst für die Versicherungs- und Bankenbranche untergebracht werden. Es geht laut Experten darum, für grenzüberschreitend tätige Finanzkonzerne Aufsichtskollegien zu schaffen. Dabei hat diejenige Behörde die Führung, in deren Land der Konzern sitzt.


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