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Weinbrand Von wegen Opa-Getränk: Warum es sich lohnt, endlich die Brandy-Flaschen zu entstauben

Brandy
Ein guter Brandy steckt so manche hippe Konkurrenz-Spirituose locker in die Tasche.
© Shaiith / Getty Images
Der gute alte Brandy, er hat es nicht leicht. Er muss sich mit dem Ruf herumschlagen, piefig zu sein, gerät immer mehr in Vergessenheit. Ein Fehler. Denn der Spruch "Brandy is Dandy" kommt nicht von ungefähr.

"Nur noch Brandy da. Ein Brandy am Nachmittag macht weichen Gang, schießt es ihm durch den Kopf. Hat Onkel Dings immer gesagt." So schreibt Heinz Strunk in "Es ist immer so schön mit dir". Nur noch Brandy da. Das sagt eigentlich alles. Brandy, das ist etwas, das wie ein Relikt aus vergangenen Tagen wirkt. Übriggeblieben aus einer Ära, als ältere Herren in Anzügen noch Mad-Men-like in Männersalons abhingen, zwischen holzvertäfelten Wänden und umnebelt von Zigarrenrauch. Ein Drink, der nicht mehr so richtig in die zeitgemäße Barkultur zu passen scheint, möchte man denken. Stimmt aber nicht. Denn der Brandy steht inzwischen vielleicht eher in der zweiten oder dritten Reihe, aber weg, weg war er nie. Und das ist auch gut so. 

Brandy is Dandy, stand mal für Luxus, war exklusiver Trunk fürs bessere Volk. Trauben waren teuer, Wein auch. Den Wein dann aber auch noch zu brennen, das war der Gipfel der Dekadenz. Wo der Brandy in Massen ausgeschenkt wurde, dort war der Wohlstand zu Hause. Und heute, tja, ist Brandy vielleicht immer noch Dandy, nur hat da eben kaum noch einer Lust drauf – viel zu antiquiert das Bild, angegraut und angestaubt. Und während Gin und andere zum Szenedrink mutierten, rückte der Brandy in der Wahrnehmung immer weiter in die Nische, dorthin, wo die konservative Gesellschaft sich zuprostet.

Vom Kognak zum Weinbrand zum Brandy

Brandy, das war mal vor vielen Jahren alles Kognak – zumindest in Deutschland. Dann wurden die Franzosen mucksch und ließen den Namen schützen. Cognac durfte sich fortan nur noch nennen, was in der gleichnamigen Region Cognac und nach speziellen Richtlinien gefertigt wird. Kennt man so unter anderem auch vom Champagner. Also taufte man die Destillate in Deutschland Weinbrand. Nicht zu verwechseln mit Branntwein. Weinbrand ist eine Spirituose auf Weinbasis. Branntwein hingegen ist der Überbegriff für alle Spirituosen, die aus Vergorenem gebrannt werden. Anderswo auf der Welt kannte man zu dieser Zeit längst für Weindestillate schon einen anderen Namen – Brandy.

Und diese haben in vielen Ländern der Welt eine lange Tradition, nicht nur in Deutschland und Frankreich, auch in Ländern wie Armenien und Georgien, sogar in Peru und Chile – dort als Pisco bekannt. Nirgendwo aber wird mehr Brandy destilliert als in Spanien. In großen Teilen wird er in Andalusien, in Jerez de la Frontera hergestellt – und das nach einem einzigartigen Verfahren. Klassisch reift Brandy in Eichenfässern, in denen zuvor Sherry reifte. Der Brandy de Jerez lagert und reift allerdings im Solera-System, dabei "durchläuft" der Brandy mehrere Fassreihen. Der wohl in Deutschland bekannteste spanische Brandy ist der von Osborne, allen voran der Carlos I. Kenner wissen das. Otto-Normal-Trinker eher nicht. Und was die meisten auch nicht wissen: Auch wenn sie keinen Brandy bestellen, bekommen sie ihn oft – nämlich als Zutat im Cocktail. Ha!

Brandy, der Traditionalist

Nein, hip wird der Brandy wohl in absehbarer Zeit nicht. Dafür ist er dann wohl doch nicht massentauglich genug - mehr extravagant als cool. Ein Comeback wie es der Gin hinlegte, ist nicht zu erwarten. Obschon das eigentlich gar nicht so abwegig ist. Denn Brandy mag vielen zwar immerhin als Pur-Version noch geläufig sein, vor allem wenn es um qualitativen Brandy geht. Dass er aber eine hervorragende Basis-Spirituose ist, fällt meist hintenüber. Tatsache ist: der Brandy steht nicht aus Dekorationszwecken in den Barregalen. Er ist nach wie vor ein gern genommener Aromatikbringer in Cocktails – und damit ist nicht nur der Brandy Alexander gemeint.

Der Mint Julep gehört dazu und natürlich der Klassiker: Sidecar. Wer Whisky Sour liebt, sollte mal einen Brandy Sour probieren. Die Liste ist lang. Und das aus gutem Grund. Denn ein guter Brandy schmeckt fantastisch. Je nach Reifegrad fruchtig, nussig, würzig, holzig. Weiß halt heute nur kaum noch einer. Schade. 


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