Drogen Generation Hasch


Ein verbotenes Kraut macht Karriere: Cannabis ist für Millionen Deutsche zur Alltagsdroge geworden. Gegen Haschisch und Marihuana kommen Polizei und Justiz nicht mehr an - eine neue Drogenpolitik muss her.

Die rosa Sonnenbrille von Chanel. Dazu das Motorrad oder das Mazda-Cabrio? Open Air jedenfalls, und ab zum Elbstrand, in die frische Brise. »Kann man so herrlich durchatmen«, strahlt Kirsten. Bevor sie eine dicke Wolke von süßem Qualm tief in die Lunge zieht.

Der fließt jetzt nicht aus dieser coolen Menthol-Zigarette, die sie sonst so liebt. Sondern aus einer dicken, weißen, schrumpeligen Tüte, in der ein kleines Lagerfeuer aus Haschisch glüht und knistert: ihr »Relax-Ding«, das sie in ihre Wunderwelt beamt, wo alles so leicht und lässig und entspannt ist. Nur Hippies kiffen? Kann die 30-jährige Screen-Designerin nur drüber lachen. »Kenn einen, der ne leitende Stelle bei Telekom hat, und einen anderen, der ganz oben bei Freenet ist«, kichert die blonde, langhaarige, sonnenbraune Hamburgerin. »Manchmal hast du das Gefühl, dass alle rauchen. Leute wie du und ich.«

Nach der Arbeit "einen durchziehen"

Andy setzt sich gern in ein gestyltes Berliner Restaurant, um eine gepflegte »Polle« durchzuziehen. »Kein Problem«, sagt der 31-jährige Strahlemann, der auch in schicken Bars und Szene-Clubs mit Freunden kifft, »ganz selten, dass der Wirt oder andere Gäste deswegen dicke Backen machen. Aber wir sehen ja auch nicht wie verpennte Nicht-Raffer oder No-Future-Punks aus.« Andy arbeitet in einer Werbeagentur in Berlin-Mitte, die Kampagnen für einen Automobilkonzern und eine Spirituosenfirma entwickelt. »Klar, vor einem wichtigen Kundengespräch würde ich keinen durchziehen«, sagt der Medien-Designer, »aber danach ist das gerade für die Kreativen ganz normal.«

»Hauptsache, es knallt«

Nicht nur für sie - auch für Thomas, der in Köln als Arzt in einer Klinik arbeitet. Nach Feierabend setzt sich der 33-Jährige gern in den Volksgarten. Andere Männer um ihn herum liegen auf Decken und zischen ihr Bierchen. Mütter säugen ihre Kinder. Thomas greift in sein Jackett und holt die »Grundausstattung« raus. Feinstes französisches Zigarettenpapier. Pappe für den Filter. Tabak, der auf ein Blättchen gebröselt wird. Dazu ein paar Krümel von der »Hausmarke« aus der kleinen Filmdose. Etwas ungelenk rollt der Mediziner mit der 70er-Jahre-Brille das Flug-Zeug auf dem rechten Knie zusammen. Bauzeit: zwei Minuten. Ein begnadeter Tütenbauer wird der Doktor der Medizin trotz 15 Jahren Praxis nicht mehr. Aber: »Hauptsache, es knallt.« Nach dem ersten Zug löst der Krawattenträger den Knoten und streckt die Beine von sich. In die Schwaden von gegrilltem Fleisch mischt sich eine Marihuana-Wolke.

Illegal, scheißegal, total normal - ein verbotenes Kraut hat klammheimlich Karriere gemacht in Deutschland. Während Edmund Stoiber gern mit einem Maßkrug posiert und Gerhard Schröder seine Havannas pafft, greift das Volk immer öfter zum Joint. Haschisch, das Harz der Hanfpflanze, und »Gras«, ihre weiblichen Blütenblätter, sind zur Alltagsdroge in Deutschland geworden - hinter Alkohol und Tabak die klare Nummer drei.

Cannabis verbreitet sich immer weiter

»Die Verbreitung hat ganz deutlich zugenommen«, bestätigt Roland Simon, Projektleiter beim Münchner Institut für Therapieforschung. Und staunt selbst über die Zahlen, die aus neueren Studien hervorgehen: Rund zehn Millionen Deutsche haben schon Cannabis probiert. 3,4 Millionen haben es in den zwölf Monaten vor ihrer Befragung genommen. Und 1,6 Millionen in den vergangenen 30 Tagen - ein Indiz für häufigen Konsum. »In meiner Klasse rauchen mindestens zehn«, schätzt Inka, 14 Jahre, 8. Klasse einer Realschule bei Stuttgart. »Ecstasy und Kokain sind scheiße, dieses Zeug werde ich nie probieren. Aber Kiffen gibt dir so ein Gefühl von Leichtigkeit, man kann Probleme vergessen. Und ab und zu auf einer Party kiffen ist doch nicht gefährlich.« Gefährlich wäre nur, wenn ihre Eltern etwas davon erführen.

Keine »Schmuddelkinder-Geschichte« mehr

»Erfahrungen mit Haschisch haben heute schon Zwölfjährige«, weiß Dorothee Siefert vom Stuttgarter Sozialministerium. Die Suchtexpertin kann sich auf die neueste Umfrage stützen: Danach hat jeder vierte 12- bis 25-jährige Deutsche schon mal die verbotene Droge gekostet. Aber auch in Finnland, wo laut »Pisa«-Leistungstest die klügsten Schüler wohnen, stieg der Cannabis-Konsum unter Jugendlichen in den vergangenen Jahren rasant an. »Shit rauchen ist heute keine Schmuddelkinder-Geschichte mehr«, sagt Mun-ju Kim, Millionen Internetsurfern besser bekannt als »www.kimwillkiffen.de«. Die 32-jährige Koreanerin, in Stuttgart aufgewachsen und jetzt in den Berliner Underground abgetaucht, betreibt eine eigene Web-

site, auf der sie zeitgemäß für eine behördliche Erlaubnis zum Dope-Genuss wirbt. »Nicht diese Legalize-it-Scheiße in Wollsocken und Dreadlocks«, sagt ihr Anwalt Matthias Schillo, früher Richter am Berliner Kammergericht und nun Vorstand einer Hanfprodukte-Firma, »aus dieser Ecke wollen wir endlich raus.«

Kim kämpft auf ihre eigene Art gegen das deutsche Recht, das allein schon den Besitz von Cannabis als Verbrechen brandmarkt. Sie flirtet nicht mehr mit Bob Marley, sondern mit Gucci: »Ich bin konsumgeil«, gesteht die kleine schwarzhaarige Szene-Größe, die teure DJs für türsteherbewachte Techno-Clubs vermittelt und einen »Shopping Guide« schrieb, »ich gehe gern ins Kino, gehe gern gut essen. Kauf mir Lachs und edle Adidas-Schuhe.« Und manchmal auch, beim Händler um die Ecke, den kostbaren »Homegrown«.

»Bessa als arbeeten«

Es ist ein stinknormales Berliner Mietshaus, das da in einer stinknormalen Straße am Prenzlauer Berg steht, zwischen stinknormalen Hundehaufen. Ungewöhnlich bloß, wie schnell der Pitbull anspringt, wenn eine mehrfach gesicherte Tür zur finsteren Wohnung geöffnet wird. Ganz hinten in diesem Verlies, in einem abgeschirmten Verschlag, liegt das, was für Kiffer wohl das Paradies sein muss. Ein ganzer Wald meterhoher Hanfstauden. Wie auf einer Theaterbühne bestrahlt von vier 600-Watt-Scheinwerfern. Mit frischer Luft befächelt von Ventilatoren. Der ganze Stolz des Gärtners. »Drei Ernten pro Jahr, fünf bis sechs Kilo«, sagt Harry zufrieden. »Bessa als arbeeten jedenfalls.«

Haschisch: Cola mit Augenzwinkern

Harry ist nur einer von den Kleinhändlern, die ihr »Hausgewachsenes« für rund fünf Euro pro Gramm an persönlich bekannte Kunden verticken - nach telefonischer Voranmeldung natürlich. Solche Harrys gibt es überall in Deutschland. In Hamburg zum Beispiel betreibt Mehmet ein »Internet-Cafe« im Schanzenviertel. Nur surfen dort weder die Büroangestellten, die im Anzug am Tresen lehnen, noch die Halbstarken in den Bomberjacken oder die kichernden Mädchen vorn am Eingang. Dafür bekommt man Marihuana und Haschisch, wenn man augenzwinkernd eine Cola oder ein Bier bestellt.

Kein Unrechtsbewußtsein

»Allein in Hamburg gibt es Hunderte von Kiosken, konspirativen Wohnungen und so genannten Kulturvereinen, wo mit Cannabis Millionen gemacht werden«, wissen die Rauschgiftfahnder von der »Dienststelle Straßendeal« in St. Georg. Sie jagen Clan-Chefs, die sich die Stadt aufteilen. Den »König von Harburg« zum Beispiel. Der kassierte durch Dealen aus einer Wohnung 120 000 Mark pro Monat - oder ließ sich durch sexuelle Dienste von mittellosen Schülerinnen entlohnen. Als er hochgenommen werden sollte, hielt er einem Kripo-Verbindungsmann eine Waffe an den Kopf. Brutaler noch die Gruppe, die eine MP-Garbe durch eine Wohnungstür von Konkurrenten jagte. »Gewaltbereitschaft ohne Ende«, klagt der Kripomann mit schmuckem Ohrring, »und bei den Kunden ist das Unrechtsbewusstsein auf null.«

Die Hamburger Fahnder wissen von Managern, die sich ungeniert mit Stoff versorgen, von Football-Spielern, Anwaltssöhnen, einem Politiker. Sie beobachteten auch mal einen Familienvater, der seinen Wagen mit den Sprösslingen in den Kindersitzen vor einem »Shop« parkte, um sich mit Vorrat einzudecken. Frecher nur noch zwei deutsche Teenager, die zufällig an das Depot eines mit ihnen verwandten Schmugglers kamen. Sie druckten sich Visitenkarten mit der Aufschrift: »Drogendealerei zu jeder Tages- und Nachtzeit«.

In Bayern ist man Kleindealern auf den Fersen

In Bayern sollen die Hamburger Verhältnisse gar nicht erst einreißen. Sagt jedenfalls Hubert Halemba von der Münchner Drogenfahndung: »Wir sind den Kleindealern so dicht auf den Fersen, dass die wahrscheinlich mehr verdienen würden, wenn sie einer geregelten Arbeit nachgingen.« 18 Jahre Jagd haben sein Büro mit einer beeindruckenden Trophäensammlung aus Präzisionswaagen und schmucken Wasserpfeifen gefüllt. Im Land der Zwiebeltürme und der CSU werden nicht nur die Dealer gehetzt, sondern auch Konsumenten. So beschlagnahmten die Fahnder genau 136,9 Gramm Haschisch, als sie die Wohnung von Leo Kirchs Sohn Thomas durchsuchten. Und ganz besonders hat der Freistaat den Freigeist Hans Söllner ins Visier genommen. Der bayerische Barde, der als Anhänger der Reggae-Gemeinde das Recht auf einen zünftigen rituellen Rausch fordert, hat seine treuesten Konzertbesucher bei der Polizei.

Tour-Kalender durch bayerische Gerichte: Eintritt frei

Immer wieder sitzen die Freunde und Helfer in seinen meist ausverkauften Sälen. Registrieren und notieren, ob er Gegenstände, die ein Joint sein könnten, um sich wirft. Ob er ein T-Shirt mit der Aufschrift »Hans Söllner - Haschisch Export und Import« trägt, »ein Pfeifchen rauchen geht« oder seinen nackten Hintern präsentiert, um den Drogenfahndern, die ihn gern detaillierten Leibesvisitationen unterziehen, freiwillig die notwendigen Einblicke zu offerieren. Inzwischen hat es der Liedermacher aufgegeben zu zählen, wie oft er im Laufe der Jahre durchsucht, angezeigt, zum Verhör vorgeladen oder angeklagt wurde. Unbeirrt veröffentlicht er im Internet eine Art persönlichen Tour-Kalender durch bayerische Gerichte: »Dienstag, 13.11., Amtsgericht Laufen, Eintritt frei«.

Fast alle Verfahren wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz endeten bisher mit Freispruch, oder sie wurden eingestellt. Aber manchmal sinniert Söllner, ob er einem prominenten historischen Vorläufer folgen sollte, dem Ötzi: »Der hatte auch Hanf im Gepäck. Wahrscheinlich ist er aus Bayern geflohen.« 30 Jahre dauert der Kreuzzug gegen Cannabis in der Bundesrepublik jetzt. 30 Jahre Betäubungsmittelgesetz, »war on drugs« im Gefolge der USA, wo Marihuana als »Killerdroge« mit plakativen Injektionsspritzen angeprangert wurde. 30 Jahre Verfolgung, in denen man die Strafen drastisch verschärfte. Die Kasernierung von Süchtigen forderte. Über Zwangstherapien nachdachte. Und der Erfolg?

Die meisten der 244 000 Rauschgiftverfahren, mit denen sich die Polizei im Jahr 2000 herumschlug, gingen nicht etwa gegen Dealer, die mit harten Giften handeln. Der größte Teil richtete sich gegen kleine Kiffer. Konsumenten, die mit ein paar Gramm Rauchstoff in der Tasche erwischt wurden. »Legalitätsprinzip«, stöhnen die Polizisten, die gar nicht wegsehen dürfen. Das Resultat: steigende Aktenberge. Frustrierte Beamte. Und ein Richter, der da nicht mehr mitspielen will.

Eigenverbrauch straffrei?

»Schon 1994 hat das Bundesverfassungsgericht gefordert, dass der Besitz einer geringen Cannabis-Menge zum Eigenverbrauch straffrei bleiben soll«, sagt Andreas Müller, Jugendrichter im brandenburgischen Bernau. Aber was ist eine geringe Menge? 30 Gramm, wie die Staatsanwaltschaft in Schleswig-Holstein meint? Bis zu zehn Gramm, wie in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz? Nur sechs Gramm, so Berlin und das Saarland? Und warum wird in Brandenburg ein 20-Jähriger, der mit 3,5 Gramm erwischt wurde, vor Gericht gezerrt? »Wir haben noch längst keine Vereinheitlichung, wie sie das Bundesverfassungsgericht gefordert hat«, klagt Richter Müller, der schon mit harten Urteilen gegen junge Neonazis Furore gemacht hat. Er hat den Fall des jungen Brandenburgers jetzt in Karlsruhe vorgelegt, weil er das generelle Hasch-Tabu im Betäubungsmittelgesetz für unverhältnismäßig und verfassungswidrig hält. Sollen die obersten deutschen Richter endlich ein Machtwort sprechen: »Höchste Zeit.«

Kollektiver Irrweg

»Das Verbot von Cannabis ist ein kollektiver Irrweg«: Dieses vernichtende Fazit stand nicht etwa in irgendeiner grünen Hanf-Postille, sondern im »Deutschen Ärzteblatt«. »Schäden, die Cannabis anrichtet, sind leicht, selten und flüchtig«, behauptet da Dr. med. Carl Nedelmann aus Hamburg. Er verriet nicht, ob er das im Selbstversuch erprobt hat. Aber sicher ist, dass er sich auf eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Studien berufen kann.

Entwarnung Nr. 1: Schon 1997 stellten die Professoren Dieter Kleiber und Karl-Artur Kovar in einer großen Untersuchung für das Bundesgesundheitsministerium fest, dass der Joint am Feierabend »weniger dramatisch und gefährlich« sei als überwiegend angenommen und »keineswegs zwangsläufig zu einer psychischen Abhängigkeit« führe - ein Ergebnis, das von der damaligen Bundesregierung schlicht ignoriert wurde.

Entwarnung Nr. 2: Schweizer Experten kamen inzwischen zur Überzeugung, dass Marihuana ein weit geringeres Suchtpotenzial hat als Alkohol oder Nikotin, von Heroin oder Kokain ganz zu schweigen.

Entwarnung Nr. 3: »Shit« oder »Gras« können nicht länger als klassische »Einstiegsdroge« für härtere Sachen gelten, wie holländische Forscher belegen. Viel öfter ist es der Suff, der ins Junkie-Elend führt.

Viele Dauerkiffer sind ausgebrannt und depressiv

So weit die guten Nachrichten für die Kraut-Freunde. Es gibt aber auch neue Studien, die alles andere als harmlos klingen. Zwar wollen manche Ärzte Cannabis inzwischen sogar als Medizin gegen bestimmte Krankheiten einsetzen. Aber andererseits melden sich bei Drogenberatungen immer mehr Dauerkiffer, weil sie ausgebrannt und depressiv sind. »Die Zahlen haben sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt«, sagt Andreas Gantner vom »Therapieladen« in Berlin, der auf Cannabis-Fälle spezialisiert ist. Neben 40 Erwachsenen sind dort auch schon 20 Jugendliche in ambulanter Behandlung, die mehrere Jahre gekifft haben. »Manche haben das Gefühl, ihr Gehirn weggebrutzelt zu haben«, sagt Gantner, »die haben ein richtiges Problem.«

»Wie bei einem senilen 80-Jährigen«

Sven zum Beispiel. 25 Jahre, wachsbleiche Haut, feuchte Hände, dunkle Augenschatten. Hat sich mit täglichen Joints ab 15 bis zum Abitur durchgepfuscht und studiert jetzt Politologie. Nur hat er vor einiger Zeit gemerkt, dass er bei Seite 2 im Lehrbuch nicht mehr wusste, was auf Seite 1 stand. »Mir ist schon früher aufgefallen, dass mir bestimmte Wörter nicht mehr einfielen, so wie bei einem senilen 80-Jährigen«, sagt Sven. »Später bin ich richtig paranoid geworden und dachte, dass alle über mich ablästern. War ein großer Kampf in mir, bis ich hier in der Therapie gelandet bin.«

Für den Psychologen Gantner hat die weiche Droge Cannabis eine ganz besondere Gefahr: Sie ist wie Watte. »Der ganze Gefühlsbereich wird in Watte gepackt. Keine Weiterentwicklung. Konfliktaufschub statt Abtrauern, wenn Beziehungen kaputt sind. Blockade und Depressionen.« Und manchmal ist ein Joint zu viel auch der »Trigger«, der eine Psychose auslöst.

Rätselhafte Agressionen

Lars war 18 Jahre alt und Gymnasiast in Hamburg, als er aus dem vierten Stock eines Mietshauses sprang. Eigentlich war er für seine Mutter ein »pflegeleichtes Kind« gewesen. Gitarre-Spieler und »Nirvana«-Fan, Computer-Kid und Che-Guevara-Leser. Seit einem Trip nach Amsterdam rauchte er, »nur gelegentlich«, wie er versicherte, »just for fun«. In einer Julinacht zog er mit seiner Clique einen Joint durch, wurde danach rätselhaft aggressiv und flippte in der Wohnung eines Freundes total aus. Im Blut seiner Leiche fand man »geringe Spuren von Cannabis« - keine Rauschmittel sonst.

Fünf bis zehn Prozent gehören zur Risikogruppe

Allein in Hamburg stranden rund 30 Cannabis-Psychosen pro Jahr in der Drogenambulanz, schätzen Ärzte des Uni-Krankenhauses. Beunruhigend auch, dass Göttinger Forscher bei Früheinsteigern Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsdefizite fanden und australische Wissenschaftler bei Altkiffern verminderte Gehirnfunktionen. Für die meisten Konsumenten besteht dennoch kein Grund zur Panik, meint Gantner: »Die überwiegende Mehrheit aller Menschen, die mit Cannabis in Kontakt kommt, kriegt damit genauso wenig Probleme wie die meisten moderaten Alkoholtrinker.« Die Risikogruppe schätzt er auf fünf bis zehn Prozent.

Deswegen Hunderttausende zu Kriminellen stempeln? Leute, die bloß so blöd sind, sich selbst zu beschädigen (was nach deutschem Recht im Prinzip straflos ist)? Und das in einer Event-Gesellschaft, in der jeder wie ein Selbstmörder schwarze Skipisten runterrasen und mit Freizeit-Tretern auf die höchsten Gipfel kraxeln kann? In der Endlosdebatte über die weiche grüne Droge gibt es einige harte Wahrheiten: Sicher ist, dass ihr Rauch mehr krebserregende Stoffe enthält als Tabakqualm. Sicher ist, dass Cannabis Psychoprobleme nicht heilt, sondern verschlimmert. Sicher ist aber auch, dass Dealer von dem Verbot nur profitieren und dass es keine »cleane« juristische Lösung gibt.

Holland macht es vor - andere ziehen nach

Völlige Freigabe statt der gescheiterten Repression - das können nur bekiffte Träumer fordern. Aber Holland hat keine schlechten Erfahrungen mit seinen 850 »Coffeeshops« gemacht, wo halblegal fünf Gramm Shit pro Käufer abgegeben werden dürfen. Old England marschiert jetzt in die gleiche Richtung - mehr als 30 Jahre nach einer ganzseitigen Anzeige der Beatles in der »Times« für eine Legalisierung. Die Schweiz will den Cannabis-Handel im nächsten Jahr unter staatliche Kontrolle stellen. Und Deutschland, wo selbst Staatsanwälte und Polizeiführer die Entkriminalisierung fordern und im Wahlprogramm der Grünen ein zartes Freigabe-Pflänzchen sprießt? Kimwillkiffen.de wehrt sich auf ihre Weise, solange sie nicht legal an der Tüte ziehen darf. Macht jetzt eine Kneipe auf. Mit Hanfbier. Alkoholgehalt: 5,6 Prozent.

Mitarbeit: Andreas Albes, Wiebke Brauer, Rupp Doinet, Hannes Ross, Detlef Schmalenberg, Julia Winkler

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