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Novartis-Grippemittel gestoppt: Droht Deutschland der Impfnotstand?

Millionen Grippe-Impfdosen werden aus dem Verkehr gezogen, weil sie verunreinigt sein könnten. Droht ausgerechnet vor einem schweren Grippewinter der Impfnotstand? Experten beruhigen.

Von Martina Janning und Lea Wolz

Grippeimpfstoff ist zurzeit Mangelware in Deutschland

Grippeimpfstoff ist zurzeit Mangelware in Deutschland

Seit Wochen schlagen Ärzte und Apotheker Alarm: Genau in dem Jahr, in dem manche Experten eine schwere Grippewelle erwarten, gibt es in Teilen Deutschlands nicht genügend Impfstoff. Nun spitzt sich die Situation zu. Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat vier Chargen des Grippe-Impfstoffs Begripal und eine Charge des Impfstoffs Fluad zurückgenommen. Der Grund sind Ausflockungen in den Mitteln. Deshalb hatten die Behörden in Italien, der Schweiz und Österreich den Verkauf der Novartis-Präparate bereits am Mittwoch gestoppt. Von womöglich gesundheitsgefährdenden Mängeln spricht das römische Gesundheitsministerium. Unerwünschte Nebenwirkungen seien zwar noch nicht gemeldet, aber möglich.

In Deutschland seien solche Ausflockungen zwar bisher nicht beobachtet worden, berichtet das PEI. Als "Maßnahme der Risikovorsorge" würden dennoch jene Chargen zurückgerufen, bei deren Produktionsvorstufen solche Ausflockungen aufgefallen seien. "Diese Maßnahme dient dem Schutz der Patienten vor möglichen Nebenwirkungen", teilt das PEI mit.

Wenig Impfstoff in Teilen Deutschlands

Das verschärft die Situation um Grippe-Impfstoffe in Deutschland: Schon seit einigen Wochen haben Ärzte in einigen Bundesländern Schwierigkeiten, ausreichend Wirkstoffe zu bekommen. In Schleswig-Holstein, Hamburg und Bayern fehlte der nötige Impfstoff zunächst ganz, weil der Hersteller Novartis ihn nicht liefern konnte. Der Engpass beim Grippe-Impfstoff war vor allem durch ein geändertes Bestellverfahren entstanden. Erstmals hatten die Krankenkassen sogenannte Rabattverträge für das exklusive Bereitstellen von Grippe-Impfstoff geschlossen – das sollte sicherstellen, dass die Ärzte den günstigsten Impfstoff verwenden. Es war in diesem Fall das Novartis-Präparat Begripal. Doch bei der Herstellung lief offenbar etwas schief, das Schweizer Unternehmen konnte jedenfalls nicht pünktlich liefern.

Inzwischen hat sich die Situation in Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg zwar etwas entspannt. Es fehle aber immer noch Grippe-Impfstoff, berichten Apotheker aus Hamburg und Schleswig-Holstein. Novartis habe nicht alle zugesagten Impfdosen geliefert und von anderen Pharmafirmen seien nicht genug Ersatzimpfstoffe zu bekommen.

Denn viele Hersteller hätten wegen der Rabattverträge weniger Serum produziert, weil sie die betreffenden Regionen aus ihrer Kalkulation herausgenommen hätten, berichtet der Geschäftsführer der Apothekenkammer Saarland, Carsten Wohlfeil. "Dadurch gibt es dieses Jahr insgesamt weniger Grippe-Impfstoff." Das PEI bestätigt diese Einstellung. "Die Hersteller haben dem PEI in diesem Jahr weniger Impfchargen zur Zulassung gemeldet", sagte eine Sprecherin.

Eine Umfrage der Apothekenkammer Saarland ergab, dass die dort ansässigen Großhändler keinen Impfstoff mehr vorrätig haben. Bundesweit gibt es aber offenbar noch Grippe-Impfstoff. "Derzeit können wir Anfragen noch bedienen", sagte ein Sprecher des Pharmagroßhändler Anzag.

Im Saarland spekuliert die Kassenärztliche Vereinigung derzeit darauf, dass im Dezember noch mal Impfstoff auf den Markt kommt. Diese Chargen müssten sich dann allerdings schon in der Herstellung befinden. Denn die Produktion von Impfstoff dauert laut PEI rund drei Monate. Bei einem Impfstoff-Engpass jetzt kurzfristig nach zu produzieren, sei nicht möglich, urteilt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des pharmakritischen Arznei-Telegramms. "Diese Impfstoffe wären dann erst im kommenden Jahr da." Zu spät für eine Schutzimpfung - denn die Influenza erreicht meistens zu Jahresbeginn ihren Höhepunkt.

Stärke von Grippewellen ist schwer vorhersagbar

Bedrohlich klingt die Impfstoffknappheit, weil in diesem Jahr angeblich eine schwere Grippewelle droht. Der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, Peter Wutzler, warnte vor einer harten Saison. Auf der Südhalbkugel seien besonders viele Influenzatote gemeldet worden. Andere Experten halten dies jedoch für Panikmache.

"Jedes Jahr wird reflexartig vor einer schweren Grippewelle gewarnt", kritisiert Becker-Brüser. Wie hart die Saison tatsächlich werde, lasse sich aber gar nicht vorhersagen. Der Verlauf der Grippewelle auf der Südhalbkugel sei nur ein Anhaltspunkt. "Auf dem Weg von dort zu uns kann sich das Virus verändern", urteilt der Arzt und Apotheker. "Die Schwere und der Verlauf der Grippesaison ist nicht vorherzusagen", sagt auch eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI). "Davon unabhängig ist für bestimmte Gruppen das Risiko für eine Erkrankung erhöht."

Die am RKI angesiedelte Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Grippeschutzimpfung in erster Linie älteren Menschen über 60 Jahre und chronisch Kranken, medizinischem Personal und Schwangeren. Damit sich der Schutz rechtzeitig vor Beginn der Influenzawelle aufbaut, gelten Oktober und November als die beste Zeit für die Impfung. Erfahrungsgemäß startet die Grippesaison aber frühestens im Dezember. Da es etwa zwei Wochen dauert, bis ein Schutz aufgebaut ist, reicht es daher auch noch, sich im November impfen zu lassen.

Wie sinnvoll die Impfung ist, ist ohnehin umstritten. Einen hundertprozentigen Schutz bietet sie nicht. "Für bestimmte Risikogruppen ist auch nicht geklärt, ob sie tatsächlich einen Nutzen bringt", sagt Becker-Brüser. Bekannt ist etwa, dass das Immunsystem bei älteren Menschen schlechter auf die Impfung anspricht. Doch gerade dieser Gruppe empfiehlt die STIKO die Spritze.

Wer sich trotz des teilweisen Verkaufsstopps von Begripal- und Fluad-Chargen impfen lassen möchte, sollte auf andere Produkte ausweichen, empfiehlt der Infektiologe Peter Walger. In Deutschland sind 16 verschiedene Impfstoffe gegen die saisonale Grippe im Winter 2012/13 zugelassen. "Die klassischen Impfstoffe sind alle extrem gut verträglich", sagte Walger.

Von Martina Janning und Lea Wolz (mit Agenturen)

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