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DER VERLEGER: AXEL SPRINGER: Tänzer, Träumer und Tycoon

Er erfand »Bild« und war der mächtigste Verleger Europas. Als Axel Cäsar Springer sich in die Politik einmischte, wurde er zur Hassfigur. Ein ARD-Zweiteiler bringt ihn wieder ins Gespräch.

Es ist kurz vor Mitternacht. Die Straßen menschenleer, der Himmel sternenkalt. Er steht mit hochgeschlagenem Mantelkragen am Brandenburger Tor. Allein. Über ihm der Mond, vor ihm die Sektorengrenze, in ihm der Gedanke: Ich bin frei. Und da drüben sind sie unfrei.

Ja, er will nach Moskau, will mit Chruschtschow reden. Der hat den Stalin-Terror beim Namen genannt, nun wird er doch wohl der deutschen Vereinigung zustimmen. Der Nationalist Hans Zehrer, sein Freund und »Welt«-Chef, hatte die Idee in seinen Kopf gepflanzt. Hier vor dem Tor ist sie in seinem Herzen aufgegangen. Entfernt knallen Raketen, und Glocken läuten. Axel Springer fährt zurück nach Dahlem, zurück zu seiner Silvestergesellschaft. Das Jahr 1958 hat begonnen.

Mitte Januar fliegen der 45-jährige Springer und seine Frau Rosemarie mit Zehrer und Christian Kracht, seinem künftigen Generalbevollmächtigten, nach Moskau. Zwischenstopp in Kopenhagen. Sie schlendern durch die Stadt. Christian, sagt Springer, wir dürfen in Moskau nicht so auffallen. Wir sollten uns hier russische Pelzmützen kaufen. Er wolle aber eine aus Zobel.

Im Moskauer Hotel formulieren die drei Missionare Punkte zum Plan einer Wiedervereinigung. Aber der Kreml-Chef lässt den Zeitungs-Zar schmoren. Und so spazieren sie tagelang mit ihren Fellkappen durch die Stadt. Allmählich nervös und unlustig. Drinnen Wanzen im Telefon und draußen immer den KGB-Mann im Schlepptau. Und der nickt irgendwelchen anderen Schlapphüten an Straßenecken zu. Schluss! Springer will das Ganze abbrechen. Was soll das noch. Und wer ist er denn. Zehrer aber will den Polit-Thriller durchziehen. Er hämmert auf seinen Chef ein. Stündlich. Axel wird Cäsar und Retter Deutschlands!

Ich fand das unwürdig

, sagt Christian Kracht, der die Geschichte in seinem herrlichen Chateau hoch über dem Genfer See erzählt. Ich stritt mich so sehr mit Zehrer, dass ich meinen Koffer packte und nach Hamburg zurückflog. Endlich, nach 14 Tagen, wird Springer doch noch in den Kreml gebeten. Aber das Gespräch mit Chruschtschow ist eine einzige Enttäuschung. Wiedervereinigung? Wo denken Sie hin! Nie. Die DDR ist die Zukunft, sagt Chruschtschow und prophezeit dem Besucher sogar ein kommunistisches Gesamtdeutschland.

Tief verletzt und zornig ruft Springer bei Kracht in Hamburg an. Nichts habe geklappt, sagt er. Alles sei danebengegangen. Er habe in die Fratze des Unrechts gesehen. Kracht soll sofort eine Maschine chartern. Egal woher und was sie kostet. Er will nur weg aus Moskau, weg, weg. Diese Reise verändert Axel Springer. Von nun an ist dem Kommunismus der Kampf angesagt. In allen Redaktionskonferenzen gibt der Verleger höchstpersönlich strikte Anweisungen: keine freundlichen Töne mehr über Kreml, Zone und Sozialismus. Da begann er auf dem Klavier der Macht zu spielen, sagt Kracht.

Dabei hatte alles bei ihm unpolitisch und mit trockenem englischem Witz begonnen. Mein Name ist Axel Springer, Sohn reicher Eltern. So stellt er sich gern vor, der Bilderbuch-Siegfried von der Elbchaussee, der sich im Dritten Reich mit einer kaputten Bauchspeicheldrüse durchmauscheln kann, also nicht an die Front muss, der Sänger werden will und in den Wäldern bei Wedel seine Arien schmettert, der Feste feiert auf Sylt, tanzt und steppt und heiratet und beim Verleger-Vater das Geschäft lernt, der Hummer isst und schamrot wird, wenn er einen Juden mit gelbem Stern sieht, der heimlich BBC London hört und sich in braunen Zeiten very british kleidet.

An einem schwülen Nachmittag im Sommer 1945 stellt der 33-jährige Axel Springer sich mit anderen Bewerbern in der Rothenbaumchaussee bei Major Barnetson vor. Der Engländer bewilligt Lizenzen, und Springer möchte eine Zeitung machen. Es ist Goldgräberzeit. Er muss lange warten. Kommt erst an die Reihe, als es schon dunkel wird. Der Major ist müde und kaputt. Hat nur Verfolgungsgeschichten angehört. Jeder Bewerber war offenbar ein Opfer der Nazis. Und von wem wurden Sie verfolgt, Herr Springer? Eigentlich nur von den Frauen, sagt der. Da ist das Gelächter groß.

Springer war ein genialer Mann, sagt Peter Tamm, einst Admiral auf des Verlegers Tanker. Wir sitzen an der Hamburger Elbchaussee oben in seinem Büro mit Blick aufs Wasser. Er zündet sich eine Zigarre an und erzählt vom Hof der alten Volksfürsorge an der Alster. Da haben sie im Oktober 1948 das »Hamburger Abendblatt« gemacht. Sieben Uhr früh Redaktionskonferenz. Zeile für Zeile gehen sie die Texte durch. Und ein Bild ohne Bildunterschrift ist kein Bild!, wettert der Boss. Steht Stunden am Setzkasten, ist bei jedem Umbruch dabei.

Und ewig zieht er Zettel aus den Taschen, Zettel mit Themen, Bitten, Botschaften. Der Strom seiner Mitteilungen fließt auch 30 Jahre später noch gnadenlos durch alle Redaktionen. Claus Jacobi, 1978 Chef der »Welt am Sonntag«, hat die an ihn geschickten aufgehoben. Darf ich zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass... Zwischenfälle an der Zonengrenze... auf die erste Seite gehören. Oder: Kann der Mensch 150 Jahre alt werden? - es muss ja nicht unbedingt Herbert Wehner sein - aber das Thema reißt die Leser doch vom Schlitten. Und bitte an Matthias Claudius denken. Der wird 100 und schrieb »Der Mond ist aufgegangen«.

Als Günter Prinz Chef der »Bild« wird, findet er im Schreibtisch seines Vorgängers Peter Boenisch lauter ungeöffnete Briefe des Verlegers. Peter, sagt der Verblüffte am Telefon, hier sind noch Briefe von Springer. Mach sie auf, wenn du willst, sagt der. Lies sie und wirf sie weg. Waren doch nur Reklamationen, sagt Boenisch heute und lacht. Da hatten die Zuträger dem Chef mal wieder was apportiert. Wenn Springer jemanden zu einer Tasse Tee nach Hause einlud, das war bedenklich, sagt Boenisch. Da wurde man im Zweifel entlassen. Aber Briefe? Da erwartete er keine Antwort.

Für Peter Tamm

ist Springer damals mit seinen großen Gefühlen und dem sicheren Instinkt für Themen wie eine Frau in Männergestalt. Und immer hatte er eine Botschaft. Seid nett zu Tante Erna und Onkel Otto. Springer wollte das Sprachrohr des kleinen Mannes sein. Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen, das war auch so ein Satz in den Konferenzen, sagt Tamm. Und dafür liebten wir ihn heiß. Und niemand fragte nach Arbeitszeit. 50 Mark verdient Tamm damals im Monat. Fünf Jahre später sind es 1200. Da waren wir schon eine Eliteeinheit, sagt er, hatten Erfolg gegen den Rest der Welt.

Christian Kracht, der als Reporter im Lokalteil des »Abendblatts« anfängt, sieht den jungen Springer noch heute mit weißem Kavalierstaschentuch in der Brusttasche. Immer elegant. Und jeden Tag, sagt er, sind wir eine halbe Stunde durch die Stadt gelaufen, also Leute angucken, Leuten zuhören, worüber reden die?

Später, im neuen Verlagshaus in der Kaiser-Wilhelm-Straße, ruft Springer Kracht zu sich rüber: Christian, sehen Sie den Mann da drüben auf dem Balkon? Der sitzt und schneidet sich die Nägel. Düngt seine Geranien damit. Den Mann müssen wir erreichen. Und Springer verteilt kleine Blumensträuße auf U-Bahn-Stationen, setzt den Zebrastreifen in der Bundesrepublik durch und meldet sich am Telefon gern mit: Hier spricht der König.

1952 zieht Springer sich für ein paar Tage in sein Blankeneser Haus am Falkenstein zurück. Hockt mit Knieschonern, Kleisterpott, Schere und ein paar Ausgaben des »Daily Mirror« auf dem Boden und klebt eine neue Zeitung zusammen. Große Fotos, wenig Text und der mit Herz, Gefühl und Liebe.

Als Springer seinen engsten Mitarbeitern den Bilderzirkus zeigt, biegen die sich vor Lachen. Das soll eine Zeitung sein? Und haben Sie vielleicht auch schon einen Namen dafür? Natürlich, sagt Springer. »Bild«. Und die beiden Essentials heißen: Wir sind für die Wiedervereinigung und gegen das Hundeschlachten. Da brechen die Herrschaften vor Lachen zusammen. Fünf Jahre später druckt »Bild« bereits über drei Millionen.

Die Kasse klingelt

. Mit »Constanze«, »Hamburger Abendblatt«, »Kristall«, »Welt«, »Welt am Sonntag«, dem »Neuen Blatt« und dem allerersten Springer-Scoop, »Hör zu«, dem Goldesel des Verlags. Und nun kauft Springer noch Ullstein auf, den Traditionsverlag, den er auf Biegen und Brechen haben wollte.

Christian Kracht führt 1956 die Verhandlungen. Muss nur noch die Unterschrift unter den Kaufvertrag setzen lassen und den Scheck übergeben. Beim Notar. Kurfürstendamm am Abend. Ein Haus zwischen Trümmern. Und ich, sagt Kracht, mit einem Scheck über zig Millionen in der Brusttasche. Bin vor dem Termin da. Inspiziere den zerbombten Hausflur. Und dann kommen die Verkäufer.

Ich muss Ihnen das vormachen, sagt Kracht und springt auf. Der erste im Taxi. Stutzt. Hier soll das sein? Der zweite auf einem alten Fahrrad. Kettet das gute Stück an. Dann rollt ein Wagen vor. Der alte Ullstein, über 80, mit Plaid auf den Knien. Der Fahrer öffnet den Schlag. Und ich immer in meine Brusttasche gefasst: Ist der Scheck noch da? Das Geschäft wird bei Petroleumlicht gemacht.

Am nächsten Morgen erreicht Kracht den Verleger per Telefon auf dem Golfplatz. Haben Sie alles? Ja, sagt Kracht. Und fragt, wann wollen Sie kommen? Er will nicht kommen. Er scheut sich. In der »BZ« und der »Berliner Morgenpost«, die Springer miterworben hat, schreiben die Redakteure ja noch gegen ihn. Da muss erst gegangen oder umgedacht werden. Wie 1953 beim Kauf der »Welt«. Auch da haben viele Redakteure gekündigt. Ich komme mal vorbei und geh um das Haus rum, sagt Springer zu Kracht. Mit hochgeschlagenem Kragen guck ich mal an, was mir gehört.

Damals ist Axel Springer schon zum dritten Mal verheiratet. Nach Martha, der Jugendliebe, kommt Katrin, das Mannequin, kommt Rosemarie, die Dressurreiterin. Seine Tochter ist 26, Axel jun. 18, ein uneheliches Kind wird nach Inspektion aus der Schatulle des Königs versorgt. Rosemarie war vorher die Frau seines Nachbarn Alsen, des reichen Zementfabrikanten. Der heiratet zum Trost Helga, die 1962 ebenfalls über den Zaun springt, aber nur vier Ehejahre schafft.

Er ist nun mal ein Frauenheld. Raucht wenig und trinkt Champagner. Sieht glänzend aus und ist spendabel. Tanzt Rumba und Tarantella und zahlt bei Scheidung ein Vermögen. Kracht regelt das dann. Und die Mädchen schwärmen wieder aus, drängeln sich in den Lichtkegel. Und wissen nicht, dass der Verleger sagt: Frauen sind eigentlich dumm, aber ich brauche sie an meiner Seite in der Öffentlichkeit.

Manchmal lässt er Blondinen für eine Nacht nach Sylt einfliegen. Und verabschiedet sich nicht immer am nächsten Morgen. Manchmal bleibt eine länger. Da springt dann schon mal als Morgengabe ein Nerz raus. Außen braun und innen weiß. Das Codewort dafür ist Huhn mit Gans.

Manchmal schickt er auch ein Collier mit ein paar Zeilen. Ein Hamburger Juwelier hat stets fertige Päckchen im Tresor. Bei Anruf wird nur noch die Adresse geschrieben. Michael Jürgs hat das in seiner glänzend recherchierten Biografie »Der Fall Axel Springer« beschrieben. Sie war auch die Basis für Regina Zieglers großen Zweiteiler »Der Verleger«, der in dieser Woche in der ARD lief.

Er war das charmanteste Genie, dem ich je begegnet bin, sagt Peter Boenisch, der Mann, der mit Mutterwitz und verbalen Molotowcocktails Springers »Bild« über fünf Millionen putscht. Er weiß noch, wie Springer und er auf Sylt mit ausgestreckten Beinen am Kamin sitzen und über eine Preiserhöhung der »Bild«-Zeitung reden. Zehn Pfennig geht nicht mehr. Ich bin für 20, sagt Boenisch. Unmöglich, sagt Springer. Er wolle wohl den kleinen Mann ruinieren. Nein, 15 Pfennig und nicht mehr. Und er wollte tatsächlich versuchen, ob man bei der Bundesbank nicht ein 15-Pfennig-Stück prägen könnte.

Wenn sie auf Sylt sind, spielen sie Golf auf Springers Privatplatz. Sein bestes Handicap war 22, sagt Boenisch. Aber das spielte er nie. Hat sich auch keine Mühe gegeben. Wenn der Ball schlecht liegt, holt er einen zweiten aus der Tasche und sagt zum besseren »Bild«-Chef: Du mit deinem argentinischen Rundschwung!

Was haben sie für Spaß gehabt. Springer hatte an ihre beiden Golfwagen eine Klingel und eine Hupe anbringen lassen. Also: schlechter Ball - Klingel. Guter Ball - Hupe. Und wenn er mal so richtig flog, rief er: Deutscher Adler, fliege! Einmal besiegt Springer ihn. Da lässt Boenisch ihm die Score-Karte rahmen. Antik natürlich. Legt eine Lupe dazu und schreibt: Damit Sie Ihren Triumph vergrößern können. So was mochte Springer.

Ein anderes Mal spielen sie mit Teddy Stauffer auf matschigem Platz bei Sturm in Regenmänteln. Wetten, dass ich einloche?, sagt der Swinger zu Springer. Für 5000 Mark loche ich ein. Unmöglich bei dem saumäßigen Grün. Stauffers Ball aber hubbelt - ins Loch. Und Springer heult: Mein schönes Geld! Aber er hat es ja. Und gibt es aus. Für Wohnungen in Israel und ganz Europa, für Häuser und Herrensitze, Antiquitäten, Fayencen, Gemälde, Autos, Maßanzüge. Springer, das ist Luxus mit Geschmack.

Wer weiße Socken trägt oder Hosenträger, ist unten durch. So was hasst er. Und warum ist der Junior bloß so fett geworden. Und trägt schon wieder keine Krawatte. Und kann jemand dem Boenisch mal sagen, dass er seine Koteletten abnehmen soll. Sieht ja schrecklich aus. Wer aber den Chef bewundert, darf das sogar mit Berliner Schnauze. Herr Springer, Sie haben ja ne dolle Schwinge an! Drei Wochen später liegt auf dem Platz des Lobers ein ähnliches Jackett - nach Maß.

So war er, sagt Kracht. Verschenkte Autos oder Weltreisen und erkaufte sich Gewogenheit. Wer rebelliert da schon. Es gibt auch Schecks und Fernseher für Redakteure. Und ein Paket mit Delikatessen zu Weihnachten. Das Fußvolk soll ja gehalten werden. Zu viele Gute sind schon zur Konkurrenz gewandert.

So erzieht Springer sich ein schlagendes Heer von Überzeugten, Machern, Zynikern, Schweigern und Apporteuren. Hat Ernst Cramer, des Verlegers jüdischer Freund, Berater und Redenschreiber, der bei den Nazis im KZ saß, nicht unter so viel Reaktion gelitten? Der vorauseilende Gehorsam, sagt er, war schon groß. Und die Jasager haben alles gedruckt, wovon sie glaubten, es würde den Alten freuen.

Aber die Altnazis und SS-Barden

in besten Positionen, wie Wirsing, Mahnke und Zehrer? Na ja, sagt Cramer, er habe mal einen Vorstoß gemacht. Aber wohl nicht hart genug. Mahnke, sagt Springer zu ihm, sei überprüft. Der erzählte sogar, er sei im Widerstand gewesen. Und dann stellt sich heraus, er hat einen Kollegen denunziert. Damals im Dritten Reich. Wir waren entsetzt, sagt Cramer. Aber Springer sagte: Ich wollte, ich könnte von mir sagen, ich wäre im Widerstand gewesen.

Ich habe da offen mit ihm gestritten, sagt Peter Boenisch. Aber er hat sich immer geduckt. So ein bisschen nach dem Motto: Wer ein Nazi ist, bestimme ich. Boenisch kann sich mehr als andere leisten, weil er witzig ist und schlagfertig, vor allem aber erfolgreich. Einmal sagt Springer zu ihm: Nach der Wiedervereinigung werde ich auf einem Schimmel durchs Brandenburger Tor reiten! Würde ich Ihnen nicht raten, Herr Springer, sagt darauf Boenisch, Ihre Haltung auf dem Pferd ist nicht die dollste.

Ein andermal ist er eingeladen auf Springers Gut Schierensee in Holstein. Da sitzt also der Zeitungs-Zar mit dem kleinen »Bild«-Chef unter dem Riesengemälde von Katharina der Großen, sagt Boenisch, und der Diener kommt rein. Was darf er bringen? Weißkäse, sagt Springer. Er hatte ja so seine Schübe, sagt Boenisch. Religiöse Schübe, Weißkäseschübe, Horoskopschübe.

Es gab Zeiten, da lässt er sich von seiner Astrologin Ina Hetzel Horoskope für jede Stunde machen. Und Kracht muss sie dann bezahlen. Gewaltige Summen gingen in die Hamburger Scheffelstraße. Er glaubte auch, Jesus wäre der beste Chefredakteur für die »Bild«-Zeitung. Während seiner religiösen Meise, sagt Boenisch, habe ich mal zu Kracht gesagt: Wir müssen ihn jetzt ein bisschen bremsen, sonst geht er uns noch zu Fuß über die Alster.

Also Weißkäse. Ich möchte bitte ein Steak, sagt Boenisch zum Diener. Wäre schön, wenn es auch ein paar Pfifferlinge dazu gäbe. Angst hast du wohl gar nicht vor mir?, fragt Springer ihn und stochert dabei in seinem Käse rum. Angst müssten Sie vor der da haben, sagt Boenisch und zeigt auf das Bild der Zarin. Weißkäse in ihrer Gegenwart!

Hat Boenisch seinen Chef mal mit intellektuellen Frauen erlebt? Nicht, dass ich wüsste, sagt er. Seine Frauen mussten vor allem lustig sein. Mausi, die vierte, hat das allerdings mal missverstanden. Sie warf Springer in großer Gesellschaft beim Abendessen einen Pudding über den Tisch. Da wusste ich, sagt Boenisch, diese Ehe ist auch im Eimer.

Ich fand Axel Springer hinreißend, sagt Gabriele Henkel, er hatte diesen Charme fou, dieses ungeheure Strahlen. Es war ein Sommer auf Sylt. Irgendwann in den Sechzigern. Gabriele Henkel, die Frau des Waschmittelkönigs, wird ein paarmal von Springer eingeladen.

Sie fährt dann in Kampen auf dem Klenderhof vor und springt aus ihrem lang gestreckten Mercedes, diesem Schlachtschiff, und erlebt den Verleger inmitten seines Hofes mit Kronprinz Matthias Walden und Zehrer. Er war ein großzügiger, origineller Mann, witzig und schlagfertig. Mit seinem pan-erotischen Charme, sagt sie, bezauberte er ja auch Männer. Aber die Höflinge, daran erinnert sie sich, haben nie widersprochen.

Als sie ihm widerspricht, später in Berlin, in seinem Haus im Grunewald, ist sie über seine Reaktion ein bisschen entsetzt. Es geht um Günter Grass, der 1967 den Aufruf mit unterschrieben hatte, nicht mehr in Springers Zeitungen zu publizieren. Da wird er scharf. Hält sie für eine Linke - die ich nicht war, sagt Gabriele Henkel. Aber da merkt sie, dass er solche Gespräche nicht wünscht, dass er gefallsüchtig ist und eitel. Und nur geliebt werden will.

1960 hatte Springer sich entschlossen, nach Berlin zu ziehen. Berlin wird seine Mission. Er baut sein 19 Stock hohes Verlagsgebäude in der Kochstraße. Direkt an die Zonengrenze. Und setzt seinen Namen in Riesenlettern aufs Dach. Jeder soll

sehen, wo die Freiheit wohnt.

Bei der Grundsteinlegung

hatte Willy Brandt, Berlins Regierender Bürgermeister, Springer als leuchtendes Vorbild für alle gefeiert. Und der Patriot Springer mag den SPD-Mann mehr als Adenauer. Wählt ihn auch. Denn Brandt kämpft für Berlin. Und hat ihm klipp und klar erklärt, der Staat drüben sei weder deutsch noch demokratisch, noch eine Republik.

Als der Flüchtlingsstrom aus der DDR immer größer wird, treffen sich Cramer, »Bild«-Chef Karl-Heinz Hagen und der junge Politikchef Horst Fust bei Springer zu Hause am Falkenstein. Sie besprechen eine Strategie. Und Springer sagt: Sie sollen nur kommen. Jeder hat ein Recht auf Freiheit. Und wenn die Kommunisten eines Tages meinen Kopf auf den Block legen!

Kurz darauf wird die Mauer gebaut. Von nun an macht ein Moralist Politik. Ein Populist setzt die DDR in Gänsefüße. Ein Profi diktiert die »Bild«-Schlagzeilen: Der Westen tut nichts!... Oder: Wird Deutschland jetzt verkauft? Es beginnt die Zeit der Studentenrevolte: gegen Altnazis an Hochschulen, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Geschichtsverdrängung der Eltern. Beim Schah-Besuch prügelt der iranische Geheimdienst Demonstranten zusammen. Benno Ohnesorg wird erschossen, Rudi Dutschke als Symbol des linken Terrors beschimpft. Straßenkämpfe, Wasserwerfer, Steine fliegen.

Da werden Springers Kettenhunde losgelassen, schreiben über langbehaarte Affen, über Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den vielleicht vorhandenen Grips locker zu machen, wollen Unruhestifter ausmerzen, schreiben vom Polit-Gammler Dutschke. Und der rechte Kommentator William S. Schlamm findet, dass die linke Presse einer verschandelten Jugend grinsend den Hof macht.

Da wird am 11. April 1968 Rudi Dutschke auf dem Kurfürstendamm in Berlin angeschossen. Und der Schütze begründet seine Tat mit Schlagzeilen aus dem Hause Springer. Die Schlacht beginnt. In Berlin, sagt Peter Tamm, kam ich mir damals vor wie der Kampfkommandant an der Ostfront. Und die Studenten mit Rudi Dutschke waren für uns dumme Jungs. Bis zum Attentat. Bis Karfreitag 1968. Da beginnt der Marsch auf das Springer-Hochhaus. Der Verleger flieht in die Schweiz, begleitet von Christian Kracht. Springer hatte Angst vor der Masse, sagt Tamm. Masse war ihm körperlich unangenehm.

Also, Springer ist in der Schweiz, und Tamm kämpft in der Kochstraße. Er ist froh, dass ihm niemand reinredet. Verteidigt seine Zitadelle der Freiheit. Licht brauchten wir nicht, sagt er, es brannte ja die Kraftfahrzeughalle. Polizisten und Drucker schützen das Haus mit Knüppeln und Schlagstöcken. Fenster und Glastüren für 120.000 Mark gehen zu Bruch.

Nachts um zwölf, sagt Tamm, ruft Kracht an. Ob was los sei. Nein, sagt Tamm. Es stehen nur 10.000 Mann vor der Tür, und die Garagen brennen, und die Eingangshalle ist im Dutt. Und nun müsse er auflegen, sonst brenne morgen das ganze Haus!

Und der nächste Kampf bahnt sich bald an, der Kampf gegen die Ostverträge. Früher waren sich die Berlin-Freunde Brandt und Springer doch so einig. Die DDR sei ein erbärmlicher Satellitenstaat. Nun empfindet der Verleger des Bundeskanzlers Wandel durch Annäherung als Verrat.

Man kann doch nicht mit Moskau, Warschau und Ost-Berlin verhandeln, bevor die nicht abrüsten! Bevor die nicht Menschenrechte respektieren! Also heißt die Devise jetzt: Freiheit statt Sozialismus. Springers Astrologin Ina Hetzel hatte schon 1964 im Namen von Pluto und Uranus in souveräner Missachtung des Dudens empfohlen: Nun sorgen Sie um Himmelswillen dafür das Brandt abgelöst wird.

Es beginnt die Zeit der Ängste und der RAF. Springer steht auf der Todesliste. Er bekommt Personenschutz. Macht kaum einen Schritt mehr ohne Begleitung. Eine Bombe explodiert im Hamburger Verlag. 17 Menschen werden verletzt.

Springer hatte wirklich große Angst, sagt Kracht. Angst auch vor einem roten Putsch. Also werden Fluchtwege besprochen. Ein Schlauchboot wird im Gebüsch am Kaiser-Wilhelm-Kanal versteckt. Mit dem könnte er notfalls nach Skandinavien fliehen.

Wohnungen werden unter falschem Namen angemietet. Und was, wenn die Russen sonntags kommen und er niemanden erreichen kann? Dann muss er doch wissen, wie er wegkommt und wo die Schlüssel liegen. Und wo kriegt er Geld her? Er muss doch Geld haben, wenn er auf der Flucht ist. Also werden für die verschiedenen Domizile Gemüsedosen gekauft, geöffnet, geleert, mit Dollarnoten gefüllt, wieder verschweißt und in die Rücken der Sofas eingenäht. Und Springer geht in Begleitung die Wege ab und prägt sich alles ein.

Er flieht, sooft er kann

, nach Jerusalem. Israel ist das Land, in dem er sich in diesen Zeiten am wohlsten fühlt. Israel ist seine Liebe, seine zweite Heimat. In Israel will er wiedergutmachen und weiß, dass nichts wiedergutzumachen ist. Aber helfen kann er. Sein erster Scheck über eine Million führt 1966 noch zu einer Regierungskrise in der Knesset, weil man kein Geld von Deutschen nehmen will.

Später gibt es viele Millionen für Krankenhäuser, Museen, Bibliotheken, Und er wird Ehrenbürger von Jerusalem. Hier versöhnt er sich auch mit Willy Brandt. Und spaziert am See Genezareth, treibt »Bild« lesend im Toten Meer, hockt Stunden mit der Bibel auf Felsen über der Wüste. Wenn er nach seinen Ausflügen dann ins King David Hotel zurückkommt, legt er sich gleich ins Bett.

Ich habe Axel Springer mehr im Bett gesehen als draußen, sagt Ernst Cramer. Cramer ist immer in der Nähe, immer zur Stelle, hat auch eine Wohnung bei ihm. Wenn Springer nach Hause kam, sagt er, zog er sich aus und ging ins Bett. Er fror ja auch ewig. War auch oft kränklich. Ich habe dann alles Geschäftliche mit ihm am Bett besprochen. Und nachts kann Springer nicht schlafen. Hört früh um vier indische Nachrichten. Und um sieben, sagt Cramer, als er die »Welt« gelesen hatte, rief er an und fragte: Warum steht das nicht bei uns?

Axel Springer lebt nun mit seiner fünften Frau zusammen, mit Friede, seiner letzten großen Liebe. Alles ging von ihm aus, sagt die Unternehmerin, die inzwischen das Zeitungsimperium führt. Er bemüht sich um sie. Er ruft an. Lässt nicht locker. Umwirbt sie. Ernst Cramer hat das alles miterlebt, er ist Trauzeuge, als der 65-jährige Springer die junge Elfriede Riewerts 1978 heiratet.

Er ist eifersüchtig

auf jedes Telefongespräch, das sie führt, sogar auf das mit ihren Eltern. Er will sie für sich. Jeden Augenblick. Will, dass sie immer um ihn ist. Und ist sie mal nicht da, fragt er gleich: Wo ist die Kleine? Es stimme schon, dass er sie gemacht und geformt habe. Aber sie kenne ihn auch besser als jeder andere. Und deshalb, sagt sie, reißen die Biografien immer wieder alte Wunden auf. Das wird auch so sein, wenn ich den Fernsehfilm sehe. Drum nehme ich das alles zwar zur Kenntnis, sage aber nichts dazu.

In den letzten Jahren, sagt Peter Boenisch, haben die Jasager Springer verwaltet. Er war eben harmoniesüchtig, wollte immer nur Konsens. Er mischt sich auch kaum mehr ein. Schreibt höchstens mal an den »Bild«-Chef Fust: Der Verleger ist traurig. Oder, als Harald Juhnke anfängt, sich um den Verstand zu trinken, und in »Bild« steht: Der Mann säuft, aber er ist krank und muss zum Arzt, schreibt Springer: Wunderbar! Das ist der Weg. Und Bild kann helfen.

Ein paar Jahre später wird er dem Journalisten Ben Witter in einem »Zeit«-Gespräch sagen, er leide wie ein Hund, vor allem, wenn er morgens die »Bild«-Zeitung lese. »Bild«, sagt Kracht, war ihm entglitten. Das war nicht mehr seine Art, Zeitung zu machen.

In einer schneekalten Nacht im Januar 1980 erschießt sich Springers Sohn Axel jun. auf einer Parkbank im Hamburger Alstertal. Er ist 38 Jahre alt, Sohn aus zweiter Ehe, charmant, frech, witzig, begabt. Hat einen Stafettenlauf durch Europas Internate hinter sich, ist berühmt als Fotograf Sven Simon, lustvoll als Käufer von Modersohn und Spitzweg und, wie sich das bei so einem Vater gehört, voller Probleme. Und am Ende voller Schwermut.

Axel Springer ist über diesen Freitod nie hinweggekommen, sagt Peter Boenisch. Er hat sich zermartert und den Tod nach draußen als Willen Gottes verkauft. Aber ihn quälte das eigene Versagen, die eigene Kühle, die mit Geld und Geschenken verdeckt wurde. Wochenlang lässt er sich im Verlag nicht blicken.

Er ist müde geworden, der Tycoon. Er kränkelt. Das Herz ist nicht in Ordnung. Er ist melancholisch und depressiv. Fröstelt, fiebert, schläft schlecht. Nimmt Medikamente gegen die Unterfunktion der Schilddrüse, isst Haferflocken. Wo ist der Witz geblieben? Wo die Leichtigkeit? Und das Laufen fällt ihm auch so schwer.

Ich seh ihn noch, als er das Goldene Lenkrad vergibt, sagt Boenisch. Er sei damals schon Staatssekretär bei Helmut Kohl gewesen. Also weg aus dem Verlag. Sitzt nun in der ersten Reihe und hört seinem alten Verleger zu, der abliest. Schlecht. Seine Reden, sagt er, waren nur gut, wenn er erzählte. Und dann geht er vom Podium und stolpert. Boenisch hin und fängt ihn auf.

Ich seh in letzter Zeit so schlecht, Peter, flüstert er ihm ins Ohr. Aber viel schlimmer sei, dass er sich am Tag nur noch 20 Minuten konzentrieren könne. Aber das konnten Sie doch noch nie länger, flüstert Boenisch zurück. Da lacht Springer laut auf und sagt: Jetzt weiß ich, was mir die ganze Zeit gefehlt hat.

Letzter Auftritt. Im 19. Stock der Kochstraße tagt der neue Aufsichtsrat. Dem 73-jährigen Springer geht es miserabel. Hand in Hand mit seiner Frau kommt er in die Bibliothek. Er hält eine kurze Rede, zittert, muss sich an der Stuhllehne festhalten, trinkt einen Schluck Champagner auf das Wohl der Herren und des Hauses und verabschiedet sich von jedem. Das war am 4. September 1985.

Knapp drei Wochen später stirbt Axel Springer im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin. Seine Frau ist bei ihm. Sie hat die Kalenderlosung für den Tag mitgebracht: Du bist die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Sie weint, und er tröstet sie. Es gehe ihm doch gut. Er friere nicht, habe keine Schmerzen. Es könnte nicht besser sein, sagt er. Es sind seine letzten Worte.

Birgit Lahann