HOME

"Live8": Europas Stars rocken für Afrika

20 Jahre nach dem Erfolg des Live-Aid-Konzerts hat Bob Geldof erneut die Popelite für eine Konzertserie zugunsten der afrikanischen Staaten zusammengetrommelt. Doch an der Organisation gibt es massive Kritik.

Aus Protest gegen die Armut in Afrika und die Haltung der Industrieländer werden am Wochenende in neun Ländern Live-8-Konzerte stattfinden. Sie sollen die Regierungschefs der G8-Staaten dazu bewegen, bei ihrem Gipfeltreffen in der darauf folgenden Woche im schottischen Luxushotel Gleneagles eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe und faire Handelsbedingungen für die afrikanischen Staaten zu beschließen.

Schauplatz des größten Konzerts ist der Londoner Hyde Park. Organisator Bob Geldof konnte dafür eine Starbesetzung verpflichten: Mit dabei sind unter anderem Coldplay, Madonna, Elton John, Robbie Williams, U2, Pink Floyd und Paul McCartney, aber auch Newcomer wie die Scissor Sisters. Eine Wiedervereinigung der Spice-Girls, wie ursprünglich angekündigt, wird es aber nicht geben.

Brian Wilson in Berlin

Für das Event wurden 150.000 Karten verlost. Weitere 100.000 Fans können das Ereignis auf Leinwänden verfolgen. Parallel dazu wird in Berlin, Paris, Philadelphia, Rom, Barrie (Kanada), Tokio und Johannesburg gerockt. Als letztes Land der G8 hat sich kurzfristig noch Russland der weltweiten Kette von Benefizkonzerten angeschlossen. Das russische Live-8-Konzert mit den Pet Shop Boys als Hauptattraktion wird auf dem Roten Platz in Moskau steigen. In Berlin stehen am 2. Juli A-ha, Bap, Brian Wilson, Die Toten Hosen, Lauryn Hill und Peter Maffay vor dem Brandenburger Tor auf der Bühne.

Während Geldof, der frühere Leadsänger der Boomtown Rats, vor 20 Jahren "Give us your fucking money" (Gebt uns euer verdammtes Geld) in die Mikrofone brüllte, um eine Hungersnot in Äthiopien bekämpfen zu können, geht es ihm diesmal darum, den politischen Druck auf die Regierungschefs der führende Industrieländer zu erhöhen. "Dies ist erst der Anfang eines langen Marschs für Gerechtigkeit".

Kritik an der Organisation

Doch schon kurz nachdem Geldof seine Pläne bekannt gegeben hatte, wurde der Vorwurf laut, er ignoriere afrikanische Musiker und präsentiere nur das weiße Establishment. Andy Kershaw, der Moderator des Live-Aid-Konzerts von 1985, bemängelte: "Geldof sagt, 'Vergesst Afrika nicht' aber genau das hat er gemacht." Daraufhin verpflichtete Geldof auch farbige Rapper wie Snoop Dogg. Außerdem wurde zusammen mit Peter Gabriel in Cornwall ein alternatives Live-8- Konzert unter dem Titel "Africa Calling" organisiert, bei dem nur afrikanische Künstler auftreten werden.

Manche Kritiker sehen das Live-8-Konzert als Laufsteg für reiche, alternde Rockstars, die einen Tag lang Betroffenheit heucheln, um dann ungeheure Profite durch CD-Verkäufe einzustreichen. John O’Shea, Vorsitzender der internationalen Hilfsorganisation "Goal", sagt: "In Afrika wütetet ein Feuer. Wir brauchen jemanden, der dieses Feuer austritt - und niemanden, der Schokolade verteilt."

Phoenix überträgt Konzerte komplett

Mit Live-Übertragungen und Zusammenschnitten sind am Samstag zahlreiche deutsche TV-Sender bei den weltweiten Live-8-Konzerten dabei. Am umfassendsten werden die Zuschauer beim öffentlich-rechtlichen Ereignissender Phoenix bedient, der um 14 Uhr mit der Übertragung des Konzerts an der Berliner Siegessäule beginnt und später zu den anderen Schauplätzen in aller Welt umschaltet. Phoenix will das gesamte Live-8- Konzert von Tokio bis Philadelphia bis zum Ende des Musikmarathons weit nach Mitternacht übertragen. Insgesamt könnten die Live-8-Konzerte nach Angaben der Organisatoren von mehr als fünf Milliarden Menschen gesehen werden, das sind 85 Prozent der Weltbevölkerung die größte Live-Übertragung aller Zeiten.

Mehrere Dritte Programme sind einige Stunden lang live dabei. So überträgt der RBB von 14 bis 19.26 Uhr live und stellt für die ARD einen vierstündigen Zusammenschnitt her, der von 1.35 bis 5.25 Uhr ausgestrahlt wird. Live-Sendungen haben auch WDR, SWR und MDR ins Programm genommen, andere senden Zusammenfassungen der Höhepunkte. Im Internet ist Live 8 komplett bei AOL zu verfolgen, wo außerdem Wahlmöglichkeiten zwischen den Konzerten bestehen. Zahlreiche Hörfunksender bieten Sondersendungen an.

Veranstalter erwartet Verluste

Die Veranstalter der Konzerte rechnen nicht mit Gewinn, sondern möglicherweise mit finanziellen Verlusten. Im Gegensatz zum Live-Aid-Konzert in den 80er Jahren, bei dem mehrere hundert Millionen Dollar an Spenden als Hilfe für Afrika zusammengekommen waren, steht jetzt die politische Botschaft im Vordergrund. Organisator Bob Geldof möchte mit den Konzerten vor allem persönlichen Einsatz aktivieren und nicht nur Geld sammeln. "Wir wollen nicht euer Geld, wir wollen euch", lautete sein Aufruf.

Wie eine Sprecherin von Live 8 mitteilte, wird erwartet, dass die Einnahmen von der Ticketverlosung, von Merchandising und TV-Rechten gerade die Kosten für die Konzerte decken. Obwohl die Künstler umsonst auftreten, entstehen Kosten für Ton- und Lichtanlagen, Bühnenaufbau, Platzanmietung und Reinigung. Möglicherweise ist sogar mit Verlusten zu rechnen, die allerdings von den Organisatoren selbst gedeckt werden.

Carsten Heidböhmer mit Material von DPA