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TV-Kritik

Anne Will: Wenn Giovanni di Lorenzo der SPD erklären muss, was zu tun ist

Bei Anne Will fällt Jürgen Trittin unangenehm auf, Manuela Schwesig klammert sich ans Thema soziale Gerechtigkeit und "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sagt der SPD, welche Sorgen der Bürger die Partei besser schnell ernst nehmen sollte.

Von Andrea Zschocher

Anne-Will-Gäste Giovanni di Lorenzo und Jürgen Trittin

Anne-Will-Gast Giovanni di Lorenzo (l.) neben Jürgen Trittin: schonungslose Wahl-Analyse

Ein spektakuläres Wahljahr, ein desaströses SPD-Ergebnis und zack, lag der Blick schon wieder auf der Zukunft: "Kraftprobe in NRW - Weichenstellung für den Bund?", hieß die Ausgangsfrage bei Anne Will - man könnte also auch sagen: Nach der Landtagswahl ist vor der Bundestagswahl. Aber klar, mit dem desaströsen Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen und dem Rücktritt von Hannelore Kraft stürzten sich ausnahmslos alle Gäste bei "Anne Will" sofort in den Lauf aufs nächste große Ziel.

Manuela Schwesig und ihre SPD wollten schließlich schnell in die Zukunft schauen, Wolfgang Kubicki (FDP) den Landes-Trend herüberreden auf die Bundesebene, Volker Bouffier (CDU) das große Ganze bewahren und Jürgen Trittin - ja, was wollte Jürgen Trittin eigentlich? Er fiel im Talkshow-Streit über Macht, Koalitionen und Wahlprogramme vor allem deshalb unangenehm auf, weil er immer wieder stur dazwischenquatschte. Es wirkte fast, als wolle er mit Lautstärke und Penetranz die eigene Niederlage wegreden. Zwischendurch gab er seinem Kollegen von der FDP noch vermeintliche Tipps an die Hand, wie der seine Macht in Schleswig-Holstein ab sofort ausnutzen könne.

Machthungriger Trittin

"Wir sind Angehörige kleiner Parteien", sagte Trittin, das Ziel für machthungrige Politiker sollte also sein, den großen Parteien Macht wegzunehmen. Und wenn das nicht gelänge, schlug er vor, dann könne man ja auch in die Opposition gehen und alles lahm legen. Fraglich, ob Politik im Bürgersinne wirklich so funktioniert. "Dieser Trittin ist unmöglich", entfuhr es FDP-Mann Kubicki. Anne Will hatte immer wieder Probleme damit, Trittin zum Schweigen zu bringen, ihren Talk zu leiten, ohne sich das Wort vom Grünen abnehmen zu lassen. "Nee, Herr Trittin", schritt sie immer wieder ein, mahnte, dass er nicht an der Reihe sei, keine Fragen stellen sollte. "Dann kriege ich morgen wieder Ärger mit meiner Mutter, dass sie wieder nichts verstanden hat", rang sie zunächst um Verständnis. Aber es half nichts, der Grünen-Politiker setzte sich durch und versuchte die Sendung zu nutzen, um gegen alle Parteien zu schießen. Sich selbst präsentierte er dabei aber leider auch nicht allzu gut.


Der Wahlkampf beginnt (bei Anne Will)

Klar, dass die Gemüter hochkochten, immerhin beginnt nun die heiße Phase in der Bundestagswahl. Und wenn Enttäuschte auf stolze Sieger treffen, ist Unterhaltung schon mal garantiert. Manuela Schwesig versuchte in quasi jedem Statement, inhaltlich zu punkten, mit ihrem Parteiprogramm, sie wiederholte immer und immer wieder, dass soziale Gerechtigkeit das große, wichtige Thema der SPD ist. Der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo, hatte dann einen kleinen Hinweis für Schwesig und die SPD parat. "Soziale Gerichtigkeit allein" werde den Wahlkampf nicht gewinnen - er analysierte knallhart: "Die Partei tut sich wahnsinnig schwer damit, Ängste von Bürgern und Bürgerinnen ernst zu nehmen, sich mit Fragen von Sicherheit zu beschäftigen." Was sei so schwer daran zu verstehen, dass Leute sich auf der Straße sicher fühlen wollten, vor Einbrüchen geschützt werden wollten? Manuela Schwesig saß da und schwieg dazu. Sie betonte anschließend lieber, ein zweites, zugegebenermaßen auch sehr entscheidendes Thema: Bildung. Und: Der "Markenkern" der SPD sei nun einmal Gerechtigkeit, weitere Themen würden dem untergeordnet. 

Dass auch die SPD in der großen Koalition vieles nicht geschafft hätte, was sie nun angeblich verbessern wolle, diesen Vorwurf von Anne Will entkräftete Schwesig kaum. Sie würden sich zukünftig eben mehr bemühen und Angela Merkel wäre ja lange genug an der Macht gewesen, meinte die SPD-Frau. Man ertappte sich schon bei dem Gedanken: Echte Inhalte sehen irgendwie anders aus.

Landtag ist nicht Bundestag

Sowohl Schwesig als auch Volker Bouffier wurden nicht müde zu betonen, dass die Landtagswahl eben genau das war: eine Landtagswahl. Die Motive für diese Aussagen sind selbstverständlich verschieden. Während die SPD den Verlust in NRW nicht als Zukunftsprognose für die Bundestagswahl sehen will, möchte die CDU nicht zu viel Vorfreude schüren. Bouffier gab sich hoffnungsvoll, dass die Bürger auch weiterhin Merkel als Bundeskanzlerin wünschen: "Die Politik von Frau Merkel kennen die Wähler seit fast 12 Jahren. Die Politik von Herrn Schulz kennt niemand". Bouffier überließ an diesem Abend das Feld weitestgehend den anderen, sonnte sich im guten Ergebnis der NRW-Wahl und schoss nur hin und wieder recht selbstgefällig Richtung SPD. Manuela Schwesig versuchte gleichzeitig vage und verbindlich zu sein. Einerseits verwies sie immer wieder darauf, dass eine Landtagswahl eben eine Landtagswahl sei. "Wir erleben, dass die Stimmungen schnell schwanken", sagte Schwesig, um nur ja niemanden zu verunsichern. Anne Will hakte da mehrfach nach, wollte wissen, ob es nicht ein Problem sei, dass sich die SPD in Koalitionsfragen nicht klar positioniere. Für Schwesig war das kein Thema. "Wir machen keinen Koalitionswahlkampf sondern einen inhaltlichen Wahlkampf für die SPD", antwortete sie.

Ausloten von Koalitionspartnern

Andererseits gab sich Schwesig dann aber doch kämpferisch, verglich den Wahlkampf der CDU in Nordrhein-Westfalen mit dem der AfD, beide hätten "Wutbürgerwahlkampf" betrieben, der nun endlich vorbei sei. Außerdem befand sie: "Herr Schulz war die letzten Monate konkreter als Frau Merkel die letzten 12 Jahre." Da stimmte auch Wolfgang Kubicki von der FDP zu. Vordergründig würde er zwar auch die SPD für ihre fehlenden Wahlinhalte angreifen, aber nun, für die Bundestagswahl, da würde auch die CDU mehr zeigen müssen als nur Angela Merkel.

Zukünftig, so fürchtete Anne Will, bedeutet Bundespolitik vielleicht auch ein "Ausloten von Schnittmengen". Und in der Konsequenz könnte dies dann wieder ein großer Kompromiss werden. "Vielleicht gibt es am Ende doch wieder eine große Koalition", so die Moderatorin. In NRW dürfte das zwar auch ein Thema der Regierungsverhandlungen sein, vermutlich aber nur am Rande. Schwarz-Gelb hat eine (hauchdünne) Mehrheit - und kommt genau auf die nötigen 100 Sitze. 

Andrea Zschocher