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"Hart aber fair" Das große Schreien um "Merkels Tote"

Hart aber fair
Hitzige Runde bei "Hart aber fair": Volker Kauder, Thomas Oppermann, Sahra Wagenknecht, Katrin Göring-Eckardt, Christian Lindner (v. l.)
© Screenshot ARD Mediathek
Bei "Hart aber fair" sollten Politiker einen Ausblick auf das Wahljahr 2017 geben. Dabei wurden unfreiwillige Übereinstimmungen in den Parteiprogrammen sichtbar.  
Von Andrea Zschocher

"Es britzelt", bemerkte Frank Plasberg, als Christian Lindner (FDP) und Thomas Oppermann (SPD) in der gestrigen "Hart aber fair"-Sendung plötzlich ganz ähnliche Positionen zum Thema Erbschafts- und Vermögenssteuer hatten. Oder als Oppermann und Volker Kauder (CDU) ähnliche Ideen präsentierten, was mit dem Haushaltsüberschuss von 6,2 Milliarden Euro geschehen soll. Ja, es gab auch Übereinstimmungen von Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Frauke Petry (AfD), auch wenn Erstere das nicht gern auf sich sitzen lassen wollte.

Diese Übereinstimmungen sind wohl im "Superwahljahr" 2017 nicht zu vermeiden, denn es gilt die Bürgerinnen und Bürger von der eigenen Partei zu überzeugen. Und viele Politiker scheinen zu glauben, dass ein möglichst weicher Kurs, dem möglichst viele Wähler folgen können, die richtige Wahl ist. Dabei ist wohl eher das Gegenteil der Fall, denn klare Linien sind wichtig. Die Wähler müssen doch erkennen, wofür eine Partei ganz konkret steht.

Verschiedene Parteien, gleiche Ideen

Dennoch war Plasbergs Sendung weit entfernt von einem Kuschelkurs. Stattdessen war es teilweise ein Schreikonzert bei dem derjenige gewann, der sich am wenigsten von Zwischenrufen irritieren ließ. Der Moderator schien darauf vorbereitet und bat für verschiedene Fragen um eine Antwort, die nicht länger als 20 Sekunden dauern sollte und bei denen die anderen nicht unterbrechen durften. Und genau bei diesen Antworten zeigte sich dann auch die Nähe der verschiedenen Parteien.

So wollen sowohl SPD als auch CDU nach der Wahl 2017 die Infrastruktur verbessern und SPD und Grüne in die "Generation Gerechtigkeit" investieren. Schulen müssen modernisiert werden, und Familien entlastet. Gerade bei der steuerlichen Entlastung der Familie war auch die AfD dabei, Frauke Petry warb für ein "Familiensplitting".

"Wenn ihr das wollt, warum macht ihr das nicht jetzt?", fragte Christian Lindner in Richtung der schwarz-roten Koalition. Er äußerte seinen Unmut darüber, dass immer nur von Entlastungen nach der Wahl gesprochen wird, mehrfach und lautstark. Dabei sprang im Petry zur Seite. Eine zufriedenstellende Antwort gab es nicht.

"Sie haben alle mehr zu verlieren als die AfD", warf Petry ein. Klar, denn bis jetzt sitzt diese Partei ja auch nicht im Bundestag. Auch die FDP sitzt dort zurzeit nicht. Katrin Göring-Eckardt erinnerte sich aber noch gut an die Zeit, als sie mit Christian Linder dort gemeinsam arbeitete. "Sie haben immer viel versprochen und nichts gehalten. Wenn ich irgendwas nicht vermisse, dann Sie im Bundestag", fiel sie Lindner ins Wort, als dieser sich über Besteuerung von Unternehmen in Deutschland ausließ.

Terror in Deutschland – Fakten vs. Meinungen

In dieser Sendung, in der jeder der Anwesenden mehr Redezeit für sich einforderte als für die anderen, musste Plasberg mehrfach darauf hinweisen, dass verschiedentlich die Fakten, die präsentiert wurden, so nicht überprüfbar seien. Das galt vor allem für die Diskussion rund um das Attentat in Berlin. Denn nicht alle Informationen über Anis Amri könnten belegt oder momentan überhaupt überprüft werden, warnte der Moderator.

Als Plasberg wissen wollte, ob man Angela Merkel eine Mitverantwortung für den Terror des vergangenen Jahres geben könnte, lehnten nur Lindner und Kauder diese Frage als "infam" ab. "Was wir 2015 gemacht haben war eine humanitäre Notwendigkeit", stellte der CDU-Mann erneut klar. Er wies aber auch darauf hin, dass er eine "inhaltlich gemeinsame Überzeugung" von Wagenknecht und Petry erkennen könne, die eben sehr wohl eine Mitverantwortung Merkels erkannten. Insbesondere die Linken-Politikerin wollte dies so nicht stehen lassen und versuchte mehrfach das Wort zu erlangen. Es blieb jedoch bei dem Versuch, weil Plasberg diese Diskussion nicht weiterverfolgen wollte. Stattdessen fragte er Frauke Petry nach mangelndem Taktgefühl, denn der Landesvorsitzende der AfD Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell, twitterte kurz nach dem Anschlag in Berlin, dass die Toten, "Merkels Tote" seien. Statt die Frage nach der Pietät zu beantworten, hielt Petry eine Rede darüber, wieviel Zeit zwischen dem Anschlag und dem Tweet vergangen sei und worüber CNN und das polnische Fernsehen berichtet hätten. Das Wort "Lügenpresse" schwebte unausgesprochen im Raum.

"Hart aber fair": Nicht nur schreien

"Ich finde es unerträglich, wie Sie hier argumentieren", warf Volker Kauder ein und damit entbrannte ein Streit in dem eigentlich kaum etwas zu verstehen war. Weil jeder versuchte den anderen zu übertönen. Lindner wünschte sich, dass zukünftig mehr über die Probleme in der Sache geredet würde und weniger drumherum. Das wünschten sich auch die "Hart aber fair"-Zuschauer. Sie mahnten auf Facebook, "nicht nur zu schimpfen und zu schreien".

Nur bei einer einzigen Frage Plasbergs herrschte Schweigen, wie es in heutigen Talkshows sehr selten vorkommt. Der Moderator verwies zu Beginn der Sendung darauf, dass im Studio Spitzenpolitiker aller Parteien sind, die 2017 sehr wahrscheinlich den Bundestag stellen werden und wollte wissen: "Wie fühlt es sich an?" Und kein Gast wollte dies kommentieren. Beharrlich schwiegen sie, auch auf Nachfrage blieb es ruhig. Beeindruckend und wohltuend in dieser Sendung, in der sonst viele Emotionen und Geschrei hochkochten und teilweise kein einziges Argument zu verstehen war.


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