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Analyse

"Herz und Faust und Zwinkerzwinker": Neue Rechte und alte Kritiker - darum geht es in Jan Böhmermanns neuem Video

"Das ist was für deinen Leistungskurs zum Interpretieren", rappt Jan Böhmermann in seinem neuen Video. Dann machen wir das doch mal: Darum geht es in "Herz und Faust und Zwinkerzwinker".

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann aka POL1Z1STENS0HN hat ein neues Video veröffentlicht: "Herz und Faust und Zwinkerzwinker"

ZDF

"Das ist keine Satire" ist am Anfang des Videos zu Jan Böhmermanns neuem Song "Herz und Faust und Zwinkerzwinker" zu sehen. Gefolgt von: "Böhmermann nervt." Beides sind Zitate aus verschiedenen Medien über seine Arbeit. Derartige Einsprengsel durchziehen das sechsminütige Video, das Jan Böhmermann am Donnerstag im "Neo Magazin Royale" unter seinem Pseudonym POL1Z1STENS0HN veröffentlicht hat.

Im November 2015 war der Satiriker erstmals unter diesem Namen in Erscheinung getreten. "Ich hab Polizei" hieß der Song, mit dem er Deutschrapper wie Haftbefehl oder Kay One persiflierte und gleichzeitig bewies, dass er auf ihrem Niveau mithalten kann. Das Stück erreichte die Top Ten in Deutschland, das zugehörige Video wurde auf Youtube mehr als 32 Millionen Mal aufgerufen. Die meisten Rapper wären froh über solche Werte - Böhmermann schüttelt so etwas mal eben aus dem Ärmel.

Nun hat sich der POL1Z1STENS0HN mit einem neuen Video zurückgemeldet. Das ist sowohl textlich als auch visuell deutlich komplexer als "Ich hab Polizei". Darauf weist der Schöpfer in seinem Text selbst hin: "Das ist was für deinen Leistungskurs zum Interpretieren", rappt er.

Eine Aufforderung, der man Folge leisten sollte: Denn tatsächlich enthält das Video zahlreiche versteckte Botschaften. Der Moderator reflektiert seine Rolle als öffentliche Person und die Reaktionen, die er provoziert - in den klassischen wie in den sozialen Medien. Böhmermann lehnt sich mit seinen Aktionen weit aus dem Fenster - und provoziert heftigen Gegenwind. In dem Video antwortet er einigen seiner Kritiker.

Jan Böhmermann im Museum

Der sechsmininütige Clip ist in einem Museum angesiedelt und eine Art Installation über Jan Böhmermann und seine Gegner. Davon gibt es viele. Neben den kritischen Schlagzeilen, die immer wieder eingeblendet werden, zeigt das Video Sandra Maischberger und Frank Plasberg, zusammen mit dem Buch "Mit Rechten reden" (Minute 1:22). Genau das wirft er den beiden Talkmastern - stellvertretend für die Zunft - vor: Dass sie in ihren Sendungen immer wieder Menschen mit rechtsextremen Gedankengut zu Wort kommen lassen und damit gesellschaftsfähig machen. 

Jan Böhmermann Video
ZDF

Es folgt der Schwenk auf drei Gemälde mit verschiedenen Trägern rechten Gedankenguts. Ganz rechts ist der brandenburgische AfD-Chef Andreas Kalbitz zu sehen. Das mittlere Bild zeigt Hans-Georg Maßen. An dem früheren Präsidenten des Verfassungsschutzes hat sich Böhmermann immer wieder abgearbeitet und sogar das fiktive "Bundesamt für Verfassungsschutzschutz" gegründet, das Maaßen beobachten soll. Ganz links hängt der frühere österreichische Innenminister Herbert Kickl von der FPÖ, der während seiner Amtszeit davon sprach, Asylbewerber "konzentriert an einem Ort zu halten". Die drei Bilder sind Porträts von Adolf Hitler nachempfunden, auf die der jeweilige Kopf montiert wurde.

Jan Böhmermann Video

Etwas später zeigt die Kamera sechs gerahmte Fotos, auf denen den Porträtierten die Augen mit einem schwarzen Balken überklebt sind (1:50). Dabei handelt es sich um den Moderator Jörg Thadeusz, den Publizisten Jakob Augstein, den Medienkritiker Stefan Niggemeier, "Welt"-Chef Ulf Poschardt, den rechten Journalisten Matthias Matussek sowie einen nicht identifizierten Mann.

Mit den fünf namentlich genannten hat Böhmermann jeweils eine spezielle Verbindung: In einem umstrittenen Gastbeitrag für die "Berliner Morgenpost" hatte Thadeusz den Satiriker direkt attackiert und geschrieben: "Recht gilt nur so lange, bis ein deutscher TV-Fritze wie Jan Böhmermann (...) eine höher stehende Moral definiert." Publizist Jakob Augstein hielt lange Zeit große Stücke auf Böhmermann, mittlerweile wirft er ihm Selbstgerechtigkeit und Zynismus vor und bezeichnet ihn auf Twitter als Grillwürstchen. 

Niggemeier, Augstein, Polak

Stefan Niggemeier machte in einem Gastbeitrag in der von Jakob Augstein herausgegebenen Wochenzeitung "Freitag" öffentlich, dass der Comedian Oliver Polak in seinem Buch "Gegen Judenhass" Jan Böhmermann antisemitisches Verhalten vorwirft. Der Vorfall hat sich 2010 zugetragen, der Name Böhmermann fällt in dem Buch nicht. Erst Niggemeiers Recherche machte den Vorfall publik. Der Satiriker trägt ihm das offenbar nach.

Mit Ulf Poschardt kabbelt sich Böhmermann immer wieder auf Twitter, insgesamt ist der "Welt"-Chef jedoch ein harmloserer Gegner, ganz im Gegensatz zu Matthias Matussek, dem stark nach rechts abgedrifteten früheren "Spiegel"- und "Welt"-Journalisten. Der feierte seinen 60. Geburtstag unter anderem mit dem rechtskräftig wegen Körperverletzung verurteilten Neonazi Mario Müller  - was dem "Neo Magazin Royale" seinerzeit ein eigener Beitrag wert war.

Einen größeren Raum nimmt in dem Video der frühere österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache ein, der nach der Affäre um den Mitschnitt eines geheimen Gesprächs auf Ibiza zurücktreten musste. Viele Leute haben geglaubt, Böhmermann stecke hinter dem Leak. Strache wird als überlebensgroße Statue dargestellt, die in sich zusammenbröselt. Die Pressekonferenz, in der Strache Böhmermann namentlich erwähnt, wird ebenfalls kurz eingeblendet (3:01). Auch die AfD-Politiker Björn Höcke und Alexander Gauland - regelmäßig in Böhmermanns Sendung thematisiert - dürfen hier nicht fehlen.

Angela Merkel hat er nicht vergeben

Sogar Angela Merkel taucht kurz auf: Sie ist zusammen mit Friede Springer zu sehen, der Erbin des Axel Springer Verlags. Auch auf Merkel ist Böhmermann nicht gut zu sprechen: Er fühlte sich von der Bundeskanzlerin im Streit mit dem türkischen Präsidenten Erdogan allein gelassen. Merkel nannte Böhmermanns "Schmähgedicht" als "bewusst verletzend" bezeichnet und war dem Satiriker damit in der Auseinandersetzung um Kunst- und Meinungsfreiheit in den Rücken gefallen.

Sechs Jahre gibt es nun das "Neo Magazin Royale". Da kommt einiges an Feinden und Gegnern zusammen. Bei aller Vielschichtigkeit und Kunstfertigkeit des Clips - dass Böhmermann so nachtragend ist und viele seiner Opponenten hier erwähnt, verstört doch etwas. Möglicherweise hat der Entertainer doch keine so dicken Eier, wie er es uns in dem Video als POL1Z1STENS0HN glauben machen will.

Korrektur: In der ersten Version hatten wir geschrieben, dass Hans-Georg Maaßen in einer SS-Uniform dargestellt wird. Das ist nicht korrekt. Er trägt eine Uniform, die auch Adolf Hitler auf einem Porträt getragen hat.