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"Markus Lanz" Herumgekaspere zwischen Enkeltrick und Pommesbude – Lanz verirrt sich beim Duell der Generalsekretäre

"Markus Lanz"
Markus Lanz mit den Generalsekretären Paul Zimiak (CDU) und Lars Klingbeil (SPD)
Laschets Lachen, die Merkel-Raute von Scholz – Lanz alberte mit den Generalsekretären von CDU und SPD an Nebenschauplätzen herum. Samt Enkeltrick und Pommesbude. Ein süffisantes Scharmützel ohne viel Gehalt. Da blieb nur noch wenig Platz für die Themen, die für die Wähler in diesem Land wichtig sind.
Sylvie-Sophie Schindler

Wo ist man denn hier gelandet? Markus Lanz kündigte in der Nacht zum Donnerstag großsprecherisch "das Gipeltreffen der Staatssekretäre an", so als müsste man gleich mal eine andere Haltung auf der Couch annehmen, wenn CDU-Mann Paul Ziemiak und SPD-Politiker Lars Klingbeil in seiner Sendung aufschlagen – und dann wird die meiste Zeit mit ollen Boulevard-Kamellen vertrödelt. Als da wären: Warum hat Armin Laschet im Hochwassergebiet gelacht? Wieso "kapert" Olaf Scholz die Merkel-Raute? Vielleicht sollte man beim nächsten Mal, falls wirklich noch nicht alles dazu gesagt ist, einen Psychoanalytiker in die Runde bitten, um der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Den Bürgerinnen und Bürgern in diesem Land dürften ganz andere Themen unter den Nägeln brennen. Warum also diese schlecht kopierte Muppet Show?

Bilder, die im Gedächtnis bleiben

Das gebotene süffisante Scharmützel, mitunter Herumgekaspere, mag nette Unterhaltung sein; nix dagegen, wenn es amüsant zugeht. Aber es muss die Frage gestellt werden, ob absichtlich an allem, was kurz vor der Bundestagswahl politisch wesentlich ist, vorbeigeredet wurde? Insofern war das Interessanteste an dem Geplänkel das, was verschwiegen wurde. Allen voran plantschte Gastgeber Lanz in diesem seichten Gewässer. Es hätte an ihm gelegen, den eingeschlagenen Frauke-Ludowig-Kurs zu korrigieren – "Duzen Sie sich?"/ "Sind Sie Freunde?" begann er die Sendung – aber irgendwie schien er dazu keine rechte Lust zu haben. Zwar sagte Lanz noch, es sei unfair, immer auf "Armin Laschets Lachen" abzuzielen, um dann selbst den Bogen zu spannen und loszuschießen: "Dieses Lachen, kostet ihn das die Kanzlerschaft?" 

Er habe damals das Foto gesehen, berichtete Ziemiak, und sich gedacht, so was dürfe nicht passieren. Klingbeil erinnerte sich so: "Ich habe das sieben Mal angeguckt, und dann gedacht, das darf nicht sein." Die Dimension habe er erst am nächsten Tag erfasst: "Da habe ich den Müll rausgebracht, und ein Nachbar hat gesagt, 'hast du das gesehen'? – da wusste ich, dieses Bild bleibt hängen." Ziemiak ging dazwischen, dass sei ja eine "zu romantische" Geschichte und attackierte seinen Kontrahenten, er habe doch nur wenig später dazu getwittert. Ja, habe er, gab Klingbeil zu. Ziemiak sprang "seinem" Kanzlerkandidaten bei: "Ich weiß, wie die Flut und die Todesopfer ihn emotional gepackt haben." Und packte überraschend eine Geschichte aus, von der er selbst, wie er sagte, nicht wüsste, was da dran sei. Armin Laschet, der sich über den Auslöser seines Gelächters bisher bedeckt hält, habe wegen einer "netten Geschichte" gelacht über jemanden, der sein Obdach verloren habe, dem aber geholfen werden konnte. Aha. Ob's das jetzt besser macht?

Merkels Raute: Enkeltrick à la SPD

Nicht Lanz, sondern Klingbeil gab nach gut zehn Minuten den Hinweis, das Thema wechseln zu wollen. Er machte keinen Hehl daraus, sich unterfordert zu fühlen. Der Moderator könne die Laschet-Sequenz natürlich zeigen "solange Sie wollen", das sei nicht schlecht für die SPD. Klingbeil sprach von der "spannendsten Wahl seit 20 Jahren". Die Leute in seiner Partei seien hochmotiviert. Mitunter würden dabei allerdings Grenzen überschritten. Wenn in den sozialen Netzwerken "was drüber ist", würde er dafür sorgen, dass es gelöscht werde. Um Konkurrenz von den Grünen mache er sich keine Sorgen: "Annalena Baerbock ist raus." Zum Wahlkampf der CDU meinte er: "Das wirkt alles verzweifelt." Man solle endlich in den eigenen Reihen aufräumen. Unionsabgeordnete hätten sich durch die Maskenaffäre die Taschen vollgemacht: "Da gibt es kein Schuldbewusstsein."

Auf den Vorwurf, die SPD würde den linken Parteiflügel verstecken, reagierte Klingbeil genervt. Kevin Kühnert und Saskia Esken hätten ständig Auftritte: "Hier wird niemand versteckt." Doch, doch, meinte Lanz. Schließlich habe Norbert Walter-Borjans ihm selbst vor ein paar Tagen abgesagt, als er erfahren habe, dass das Verhältnis zur Linkspartei abgefragt werden sollte. Und Frau Esken habe am Sonntagabend bei "Anne Will" kurzfristig abgesagt, obwohl sie laut Talkgast Robin Alexander in der Nähe des Studios an einer Pommesbude gesichtet worden sei. Pommesbude als Versteck – darauf muss man ja auch erstmal kommen. Nein, nochmal, kein Versteck. Klingbeil wehrte sich wiederholt gegen das "Verstecknarrativ". Die CDU sei nur neidisch auf die Geschlossenheit der SPD. Zudem, Frau Esken habe Scholz an jenem Sonntagabend zum Triell begleitet. Ihr da was zu unterstellen, ihr, die 24 Stunden am Tag Wahlkampf mache, das sei "zutiefst frauenfeindlich". Diese Witze mit der Pommesbude, das gehe einfach nicht. Wie bitte? Man kennt das ja schon von den Grünen. Wer Baerbock kritisierte, wurde mitunter abgewiesen mit dem Argument, das sei misogyn. 

Ziemiak glänzte nicht gerade mit dem schon oft gehörten Argument der "politischen Erbschleicherei". Der Vorwurf ging an Olaf Scholz. Die SPD habe gesehen, dass die erfolgreiche Politik der Union und Merkel bei den Wählern ankomme, und nun kopiere sie das. Samt Merkel-Raute. "Das ist der klassische Enkeltrick", so Ziemiak. Lanz lachte: "Das wird ja immer bodenloser." Klingbeil: "Das regt mich wahnsinnig auf." Überhaupt, was bilde man sich bei der CDU ein: "Euch gehört das Kanzleramt nicht, euch gehört der Staat nicht." Zumal Angela Merkel Themen bei der SPD gekapert habe. Nein, ihr kapert doch. Nein, ihr. So ging es hin und her. Laut. Und durcheinander. Schließlich versuchte der CDU-Politiker noch kräftig auszuholen und sprach die "ganzen Finanzskandale" an, die Scholz mitzuverantworten habe: "Wollen wir so jemandem das Land anvertrauen." Doch er verstand es nicht, dieses Thema zu seinen Gunsten auszuschlachten, weshalb es sich schnell versendete.

Einziger richtiger Streitpunkt: Europapolitik

Noch etwas Politik gefällig? Immerhin gab es um die 15 Minuten Europa-Politik. Die Klingbeil nutzte, um Ziemiak "antieuropäische Ressentiments" vorzuwerfen. Dabei sei "Paul ein überzeugter Europäer." Dass er sich nun im Wahlkampf anders verhalte, "das ist nicht er, ich kenne ihn so nicht." Er empfinde "tiefstes Mitleid" mit ihm, dass er den "Anti-Europäer" geben müsse, um unbedingt Wähler zu mobilisieren. Paul sei "in Panik": "Und dann hetzt er gegen Arbeitslose in Rumänien." Klingbeil bezog sich auf Äußerungen des CDU-Generalsekretärs, wonach dieser die EU-Pläne von Scholz als "gefährlich" eingestuft habe. Die SPD habe laut Ziemiak vor, eine Transfer -und Schuldenunion zu schaffen; deutsche Steuerzahler sollen dann für die Sozialleistungen in anderen Ländern aufkommen. Und würden auch für die Schulden anderer EU-Staaten haften.

Im Netz erntete Ziemiak dafür bereits harsche Kritik, das sei billiger Populismus. Was sagen Sie dazu, Herr Klingbeil? Der wehrte sich entschieden gegen die Vorwürfe. Und lenkte den Blick woandershin. Es komme nun darauf an, Europa als Wirtschaftsraum stärker zu machen, um mit China und den USA mithalten zu können: "Europa ist die wichtigste deutsche Aufgabe." Ziemiak betonte, er sei "Fan von Europa" und wolle, dass Europa zusammengehalten werde. Dann legte er unbeirrt weiter nach. Man brauche für ein starkes Europa Verträge, an die sich alle halten. Dazu gehöre, nicht für die Schulden anderer zu haften. Das würde den Zusammenhalt schwächen. Die CDU hingegen würde den deutschen Steuerzahler schützen. Lanz meinte, letztlich seien CDU und SPD doch auf einer Linie: "Das ist ein Scheinkonflikt." Also bitte, dann einen anderen Hammer. In der letzten Minute wollte Klingbeil nochmal ausholen. "Wir haben noch gar nicht über Hans-Georg Maaßen geredet." Lanz amüsiert: "Nochmal einen rein." Das wäre aber jetzt "einer zu viel".


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