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Oliver Pocher: Er will ja nur nerven!

Drängeln, sticheln, Mitmenschen beleidigen - und das mit bewundernswertem Fleiß. So wurde Oliver Pocher einer der erfolgreichsten Comedians des Landes. Nun spielt er die Hauptrolle in der Komödie Vollidiot. Nein, dieser Kinofilm ist nicht autobiografisch

Von Alexander Kühn

Um gleich mit einem Superlativ zu beginnen: Oliver Pocher ist einer der verhaltensauffälligsten Autofahrer der Republik. Seine Vorlieben: mit 90 Sachen durch die City flitzen, verstopfte Straßen durch einen Abstecher auf den Bürgersteig umgehen, schleichende Straßenbahnen mit der Lichthupe jagen. So fährt Pocher, wenn er es eilig hat. Pocher hat es immer eilig. Derzeitiger Punktestand in Flensburg: zehn. Wer Pocher kennenlernen will, sollte sich eine Tour mit ihm antun in seinem Audi Q 7. Weil der Typ sein ganzes Leben gestaltet wie eine Autofahrt: Gas geben, dicht auffahren, drängeln. Vielleicht muss man so drauf sein, wenn man bereits als kleiner Junge im tristen Hannover-Altwarmbüchen auf die Frage der Eltern, was man später machen wolle, verkündet: Leute zum Lachen bringen. Und das verdammt ernst meint.

Von der eigenen Witzigkeit, sagt Pocher, sei er stets überzeugt gewesen - "schwierig war es nur, den Rest der Welt auf meine Seite zu bringen". Es ist ein sonniger Wintermittwoch, Pocher hockt in der Maschine von Berlin nach München, fast hätte er den Flug verpasst. Um die Augen sieht er aus wie ein kleiner Papst Benedikt, die Nacht war kurz. Pocher flöht die bunten Blätter nach Meldungen über prominente Knallchargen - Futter für kommende Auftritte. Jemals Selbstzweifel gehabt? "Ganz ehrlich? Öhhh... Nö!" Seit zwei Jahren tourt er mit seinem Bühnenprogramm, einem Abend voll mit Brachialkomik. Das Publikum: viele 30- bis 40-Jährige - und Massen von Teenies. Wenn er dann vor ihnen steht, mit Schildkappe und Trainingsjacke, und Poster signiert, sind sie doch ziemlich baff: "Och, der is' aber klein!" Einsdreiundsiebzig. Für "Bravo"-Leser ist Pocher ein Popstar, Kategorie Lafee oder Tokio Hotel: sieht mit 29 aus wie 17, darf Sachen sagen, für die sie selber was auf die Finger bekämen.

Mariah Carey als Presswurst beleidigt

Pochers Ausflüge in die Welt der Erwachsenen stießen selten auf Gegenliebe. Sein Einsatz als Außenreporter bei "Wetten, dass..?" zog die Zahlung von 6000 Euro nach sich, weil er einer Frau zu einer Gesichtsoperation geraten hatte. In einer anderen Gottschalk-Show fragte er angesichts einer eng gewandeten Mariah Carey: "Was heißt eigentlich Presswurst auf Englisch?" Worauf Frau Carey zur Leberwurst mutierte, zur beleidigten. Die Werbung für Media Markt, "Lass dich nicht verarschen", machte ihn bundesweit bekannt. Für Pro Sieben ist er, neben Stefan Raab, das wichtigste Sendergesicht, zuletzt als Moderator des vergleichsweise mauen "Gameshow-Marathons". In der kommenden Woche könnte sich Pochers Eintritt in die Massentauglichkeit vollziehen. Dann läuft in den Kinos die Komödie "Vollidiot" an, mit Pocher als T-Punkt-Verkäufer auf der Suche nach Zweisamkeit, Anke Engelke spielt seine Chefin.

Pochers Grundausstattung mit Humor hat sein Elternhaus zu verantworten. Da gab es Bücher von Loriot und Heinz Erhardt. Und Platten von Otto Waalkes. Papa Pocher überspielte sie für Olli auf Kassette, unter Weglassung der nicht jugendfreien Passagen. Papa, also Gerd Pocher, ist nicht minder unterhaltsam als sein Sohn, füllt Stunden mit Anekdoten, bis man schließlich bei Olivers Großvater anlangt, der in den 1930ern als Variétékünstler durchs Land tingelte, mit zahlreichen Witzen und einer singenden Säge. Die frühen Auftritte des Oliver Pocher fanden im Wohnzimmer statt, vor der Videokamera. Da moderierte er große Shows, seine Schwester Susanne assistierte, er imitierte Freddy Quinn und erbrach Mutters Milchreis in einen Teller. Dann kam der 20. Hochzeitstag der Eltern, im Oktober 1993, man feierte beim Italiener. Pocher war 15 und spielte vor versammelter Verwandtschaft Szenen einer Ehe nach. Die Mutter rief: "Genau so isses bei uns!" Das war der Tag, an dem Gerd Pocher zu seiner Frau sagte: "Ich glaub, der kann das als Beruf machen."

Beleidigungen sind im Eintritt inbegriffen

Als Olli irgendwann im Fernsehen zum ersten Mal "ficken" sagte, wandte sich die Mutter empört an den Vater: "Gerd, muss er das sagen?" Der meinte nur: "Jutta, lass ihn, das ist halt so." Und so blieb es. Zunächst bei Viva, wo Pocher von 1999 an moderierte. Und auch danach mühte er sich, das Niveau zu halten, ab 2003, in seinen Shows auf Pro Sieben: bei "Rent a Pocher", wo man ihn mieten konnte, als Babysitter, Postboten, Softballspieler, was auch immer, oder bei der Präsentation der "Bundesjugendspiele". Als Gast in der "Schillerstraße" auf Sat 1. Und auf seiner Tournee durch Deutschlands Mehrzweckhallen. Mit dem Erwerb einer Eintrittskarte für Pochers Bühnenshow ist das Recht verbunden, einen Abend lang Beleidigungen über sich ergehen zu lassen. "Wir sind hier im Venedig von Deutschland", trompetet Pocher in Dresden. Pause. "Wegen der Taubenscheiße." Die Sekretärin in Reihe eins wird veräppelt, das Pärchen in Reihe drei, ansonsten geht es um Sex im Altersheim, koksende Mainzelmännchen und die Frage, warum Micky Maus an jeder Hand nur vier Finger hat. Wenige Komiker schaffen es, 3000 Zuschauer so schnell für sich einzunehmen wie Pocher.

Ein Novemberabend in Hamburg. Pocher tritt in Saal 2 des Congress Centrums auf, in Saal 1 zelebriert Karl Moik, der Gottvater des "Musikantenstadls", seine Abschiedstournee. Als Moik Pause hat, macht der sich einen Spaß und marschiert, geleitet von einer Blaskapelle, zu Pocher auf die Bühne. Pocher: irritiert. Publikum: freudig überrascht. Moik: enthusiastisch. Pocher grölt: "Toll, Andy Borg!" Moik lacht. Pocher fragt: "Sind da hinter der Bühne noch mehr Arschgeigen?" Moik lacht und lacht und lacht.

Als Pochers Show längst zu Ende ist, wird bei Moik noch gejodelt. Gegenbesuch. Reaktion im Moiksaal: null. Stimmung wie auf dem Friedhof. Die Siebzigjährigen haben von Pocher noch nie gehört. Erst als er ruft: "Ich bin's, der Florian Silbereisen!", ist zaghaftes Applaudieren zu vernehmen. Dann wünscht er noch einen schönen Abend, "kommen Sie gut nach Hause - und Ihre Betreuer auch". Pocher selbst wird rund um die Uhr betreut von Tourmanager Sascha Rinne und Coach Dittmar Bachmann, selbst Comedian; er verhalf Pocher vor mehr als zehn Jahren zum ersten Bühnenauftritt. Sie rufen Pocher "feiner Herr", "Chef" oder "Lord Pocher". Drei Kumpels, wie auf der Fahrt zum Ballermann; ein Festival des Kalauertums. Kaum etwas ist unterhaltsamer als 24 Stunden Pocher. Und nichts anstrengender. Die Welt ist seine Probebühne; Kellnerinnen, Rezeptionisten, Autoverkäufer sind sein Testpublikum. Vielleicht ist das bei Pocher wie mit einer vollen Blase: Die Sprüche müssen raus, sonst zerreißt's ihn.

"Da lernst du es, Leuten auf den Sack zu gehen"

Er hat das ja trainiert, auf andere einzuquatschen. Bei der Ausbildung zum Versicherungskaufmann, die auf Wunsch der Eltern erfolgte. Und bei den Zeugen Jehovas, zu denen die Pochers 1982 konvertiert waren. Dreimal die Woche Kirche, kein Geburtstag, kein Weihnachten, das war nicht schön. Und Pochers Späße, die kamen bei den meisten auch nicht so doll an. Mit fünf konnte er lesen, und wenn der Vater bei einer Versammlung sagte: Olli, schlag mal Matthäus sieben auf, dann trug der das Kapitel vor, exakt so betont wie auf der Bibel-Kassette, die er zu Hause rauf und runter gehört hatte. Von den Hausbesuchen mit dem "Wachtturm" in der Hand zehrt er heute noch: "Man erfährt, wie es ist, nicht gemocht zu werden. 99 von 100 Türen gehen sofort zu. Da lernst du es, Leuten auf den Sack zu gehen."

Das Auf-den-Sack-Gehen perfektionierte er. Seine Zeit beim Krankenhausradio endete nach drei Monaten, weil er on air sein erstes Mal thematisiert hatte. Als Reporter vom kleinen Radio Flora in Hannover begann er vor den Backstreet Boys wie irre zu tanzen, die schauten ganz ratlos. Bei Pressekonferenzen von Jasmin Wagner, damals als unschuldiges Blümchen ein Teenie-Star, fiel er auf als nervender Stammgast. "Ich fand ihn echt komisch", sagt Jasmin Wagner heute. "Aber mir war nie so recht klar, was er eigentlich wollte." Pochers Erklärung: "Entjungfern wollte ich sie. Leider war ich nicht schnell genug." Den Musiksender Viva flutete er mit selbst gedrehten Filmchen. Viermal luden sie ihn zum Casting ein, jedes endete mit ablehnendem Bescheid. Heftigster Rückschlag: Pochers erster Fernsehauftritt, in der Talkshow von Bärbel Schäfer; das Publikum buhte. Dann aber, es war im September 1999, schleuste ihn sein Kumpel Micha, der für Hans Meiser arbeitete, als Gast in dessen Show ein. Thema: "Hans macht dich zum Viva-Star".

Seiner Göttin reicht er bis zur Schulter

Zu gewinnen gab es eine Woche Moderieren, sechs Kandidaten traten an, die Jury entschied sich für Pocher. Aus der einen Woche wurden drei Jahre Viva. Damals hängte Pocher sich gern an seinen Kumpel Elton, Stefan Raabs dicklichen Show-Praktikanten. "Auf Partys musste ich ihn immer allen vorstellen", erzählt Elton. "Er lief mir hinterher wie ein Hund. Der Olli hat das schon ganz schlau gemacht."

Dem grossen Rudi Carrell spielte er beim Mittagessen sein halbes Bühnenprogramm vor, "schuper!", sagte der. Otto Waalkes, den Gott seiner Kindheit, besuchte Pocher in dessen Villa in Florida, tagelang redeten die beiden über Gags und Timing. Auch von Harald Schmidt holte Pocher sich Rat, dem Gott seiner Jugend. Und dann gibt es da noch eine Göttin. Monica, 29, groß, blond, Model. Der Typ Frau, über den Pocher auf der Bühne Witze reißt. Seit zwei Jahren sind die beiden zusammen, ein drolliges Pärchen, er reicht ihr bis zu den Augen. Monica Ivancan kennt man als "Bachelorette", in der gleichnamigen Sendung suchte sie auf RTL den Kerl fürs Leben. Das Männermaterial taugte wenig, ein paar Monate später traf sie Pocher. "Große, schöne Männer hab ich genug kennengelernt in meinem Leben", sagt sie. Kurz nachgedacht. Gegrinst. "Jetzt hab ich halt den Olli." Hach, das muss wahre Liebe sein.

Der beiden höchster Genuss: spießige Zurückgezogenheit in der gemeinsamen Vierzimmerwohnung in Köln. Zu zweit auf dem Sofa. Mit Saftschorle. Sie macht den Haushalt und kauft bei Rewe ein, er bringt DVDs mit, "Stromberg", "The Office", "Sopranos". Seine Sammlung ist enorm. Und penibel geordnet: nicht gesehene und gesehene, Letztere getrennt in gute und schlechte, Comedy aufgeteilt in deutsche und internationale. Schon Kinder in Arbeit? "Wir sind uns noch nicht ganz einig über die Stückzahl", sagt Pocher. "Ich hätte gern 4000. Monica meint, 2000 wären genug." Noch große Träume? "Oh ja. Stürmer bei Hannover 96. Oder eine Show im amerikanischen Fernsehen, mit mir als German Gastarbeiter." Na, dann mal Vollgas.

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