HOME

25 Jahre nach "Estonia"-Unglück: Europas schlimmste Schiffskatastrophe gibt noch immer Rätsel auf. Jetzt wird neu verhandelt

1994 versinkt die Fähre "Estonia" in der Ostsee. 852 Menschen sterben dabei. Noch heute ranken sich viele Mythen um den Untergang. Jetzt wird in Frankreich ein Prozess gegen die deutsche Meyer-Werft in dem Zusammenhang geführt.

Die abgebrochene Bugklappe der "Estonia"

Am 28. September 1994 ereignet sich das bislang schwerste Schiffsunglück Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die estnische Fähre "Estonia" ist mit 989 Menschen an Bord auf dem Weg von Tallin nach Stockholm. Dort kommt sie allerdings nie an. In der Nacht ereignet sich eine Katastrophe: Das Bugvisier der RoRo-Fähre fällt in der stürmischen See ab, das Schiff sinkt. 852 Menschen finden in der kalten Ostsee den Tod.

Jetzt – fast 25 Jahre später – beschäftigt sich wieder ein Gericht mit dem Fall "Estonia". In einem Vorort von Paris wird derzeit verhandelt, wer Entschädigungszahlungen an die 137 Überlebenden und deren rund 900 Angehörige zahlen muss. Beklagte sind zum einen die französische Klassifikationsgesellschaft Bureau Veritas, die die "Estonia" als seetüchtig eingestuft hatte, und die Papenburger Meyer-Werft, die die Fähre gebaut hatte, berichtet der NDR. Ein offizieller Untersuchungsbericht zur Katastrophe stellte fest, dass es Konstruktionsmängel an der Fähre gab, was die Werft zurückwies.

Prozess um Schadensersatz nach "Estonia"-Untergang

In dem Prozess geht es um mehr als 40 Millionen Euro Schadensersatz. Laut einem Anwalt werde nun festgestellt, "wer für die Nachlässigkeit bei Konzeption und Betrieb des Schiffes verantwortlich" sei, so der NDR. Opfer und Angehörige jedoch haben wenig Hoffnung, den Prozess zu gewinnen. Die Reederei EstLine, die die "Estonia" betrieben hatte, zahlte nach dem Untergang bereits 130 Millionen Euro Entschädigung. Die Schuldfrage wurde allerdings nie beantwortet.

Bis heute ranken sich viele Verschwörungstheorien um den Untergang der Fähre. Estland, Finnland und Schweden, jene Länder, die die meisten Opfer zu beklagen hatten, setzten eine offizielle Untersuchungskommission ein. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Estonia gesunken ist, weil die Verschlüsse des Bugvisiers, durch das die Fahrzeuge in das Schiff fahren, durch den starken Wellengang zerstört wurden. Dies geschah gegen 1.15 Uhr nachts. Auch seien diese Visieraufsätze zum Verschließen des Bugtores nicht für solche Belastungen ausgelegt gewesen, wie sie in jener verhängnisvollen Nacht aufgetreten waren. So hätten die Teile viel stärker sein müssen, befindet der Abschlussbericht.

"Estonia" versank in kurzer Zeit

Durch das fehlende Bugvisier drangen enorme Wassermassen ein, wodurch die "Estonia" eine extreme Schlagseite bekam. Das Problem: Die Besatzung auf der Brücke hatte anfangs nicht sehen können, dass sich das Bugvisier gelöst hatte und auch keine Alarmmeldung bekommen. So wurde auch die Geschwindigkeit des Schiffes nicht reduziert, obwohl man der Crew metallische Geräusche im Bug meldete. Der Untersuchungsbericht kommt zu dem Schluss, dass eine reduzierte Geschwindigkeit die Überlebenschancen deutlich erhöht hätten. Die Besatzung hätte außerdem nicht alle Maßnahmen getroffen, die sie in einer solchen Situation hätte treffen können. Um 1.22 Uhr funkte die "Estonia" Mayday.

Der Befehl zur Evakuierung des Schiffes kam erst Minuten später, es gab auch keine Informationen über Lautsprecher an die Passagiere. Gegen 1.30 Uhr schafften es erste Passagiere ans Deck des havarierten Schiffs. Um 1.45 Uhr lag die "Estonia" kieloben, was eine Evakuierung über Rettungsboote oder -inseln erschwerte. Viele Menschen sprangen in das kalte Wasser der Ostsee. Um 1.50 Uhr, 35 Minuten nachdem das Bugvisier abbrach, sank die "Estonia" und verschwand von den Radarschirmen. Sie zog hunderte Menschen mit in die Tiefe und wurde für sie zum Grab.

Untersuchungsbericht gibt Meyer-Werft Schuld

Gegen 2.12 Uhr erreichten erste Schiffe die Unglücksstelle und zogen Überlebende aus den Wellen der Ostsee. Später kamen auch Hubschrauber dazu, die die restlichen Überlebenden und auch die Körper der Menschen bargen, die in der Kälte starben. Die Untersuchungskommission kritisierte später das verzögerte Anlaufen der Rettungsaktion mit Hubschraubern.

Laut dem Bericht wären also entweder die Werft und/oder diejenigen verantwortlich, die das Schiff auf seine Seetüchtigkeit überprüften. Etwas, was die Meyer Werft nicht akzeptierte. Sie setzte eine eigene Untersuchungskommission ein, die zu einem erstaunlichen Ergebnis gelangte: Die Bugklappe der "Estonia" hatte sich laut der Kommission nicht durch starke See, sondern durch mindestens zwei heftige Detonationen gelöst. Es wurden auf Unterwasservideos Päckchen und Löcher am Bug gefunden, die Experten einer Explosion bzw. Sprengstoff zuordneten, berichtete der "Spiegel". Eine Theorie, die die damalige offizielle Untersuchungskommission zurückwies. Allerdings bekräftigten Sprengstoffexperten, dass es Explosionen an Bord gegeben habe. Dies wurde später vom Bundesamt für Materialforschung aber widerlegt, nachdem die Journalistin Jutta Rabe ein Teil der "Estonia" dort zu Untersuchungen abgab, so der "Spiegel" weiter. 

Terroranschlag auf der "Estonia"?

Wurde die "Estonia" womöglich Opfer eines Terroranschlags? Und wenn ja, wer steckt dahinter? Nach der Veröffentlichung des offiziellen Untersuchungsberichtes wurde schnell Kritik daran laut. Es gebe zu viele Ungereimtheiten. Bis heute Ranken sich Mythen um die "wahren Gründe" des Untergangs. Für viele war es verdächtig, dass die schwedische Regierung rasch nach dem Untergang eine Betonhülle um das Wrack bauen wollte. Außerdem verboten Schweden, Finnland und Estland Tauchgänge zu dem Wrack. Es sollen sogar Schiffe an der Unglücksstelle abgedrängt worden sein, schreibt der "Spiegel". Offizielle Begründung: Bewahrung der Totenruhe. Doch viele sahen darin eine Vertuschung. Nach Protesten wurde der Plan vom Sarkophag eingestellt. Das Tauchen dort ist allerdings immer noch verboten.

Eine weitere Theorie: Schmuggel. Ein überlebender Augenzeuge sagte aus, er habe Militärangehörige am Hafen gesehen, die später kurz vor Abfahrt zwei Lastwagen an Bord fuhren. Es sollen damals Waffen und Militärtechnologie aus der ehemaligen Sowjetunion über Schweden in den Westen geschmuggelt worden sein. Später wurde bekannt, dass die "Estonia" zuvor für solche Transporte genutzt wurde. Der schwedische und britische Geheimdienst sollen dabei in die Waffentransporte involviert gewesen sein, schreibt die britische Zeitschrift "New Statesman". 

Verschwörungstheorien um die "Estonia"

Die Verschwörungstheorie besagt weiter, dass der Zoll in Schweden von der geheimen Ladung Bescheid wusste. Deshalb hätten die Schmuggler die Bugklappe geöffnet und versucht die Lastwagen in die Ostsee zu befördern, was aber scheiterte. Stattdessen habe man das Schiff mit Torpedos versenken wollen. Diese Theorie ist allerdings nie bestätigt worden. Andere Spekulationen besagen, dass der russische Geheimdienst die Explosionen verursachte, um den Schmuggel zu unterbinden.

Weitere Ungereimtheiten, die Vertuschungen vermuten lassen, sind die Umstände, dass Unterwasservideos von Tauchern der Untersuchungskommission geschnitten wurden. Dies berichtete der "Spiegel". Außerdem gab es vor dem Untergang der "Estonia" mehrere Übungen auf dem Schiff, die eine Bombendrohung inszenierten. Der Alarmcode, der dazu über Lautsprecher kam, lautete "Mr. Skylight". Überlebende berichteten, dass genau dieses Codewort vor dem Untergang über die Lautsprecher kam – das Kommando, welches auch bei Feueralarm genutzt wurde.

Waren Drogen an Bord?

Eine weitere Spekulation: Drogenschmuggel. Das zumindest legt ein Bericht eines Ex-KGB-Agenten nahe. In dem "Felix-Report" genannten Bericht heißt es, dass große Mengen Heroin und 40 Tonnen Kobalt in zwei Lastern geschmuggelt wurden. Waren es die zwei Laster, die Augenzeugen zuvor gesehen hatten? Eine weitere Ungereimtheit: Kurz nach der Katastrophe waren acht Besatzungsmitglieder als Überlebende gemeldet worden. Zum Teil waren sie sogar in Fernsehaufnahmen zu sehen. Seitdem gab es aber kein Lebenszeichen mehr von ihnen. Später wurden sie für tot erklärt.

Ob der Prozess in Frankreich mehr Licht ins Dunkel bringt, ist eher fraglich. Im Juli wird ein Urteil dazu erwartet, wer Schadensersatz zahlen muss. Die Fragen der Schuld und der Ursache des schwersten Schiffsunglücks seit dem zweiten Weltkrieg bleiben wohl unbeantwortet.

Quellen: NDR, offizieller Untersuchungsbericht, www.theferry.fandom.com, "Spiegel" (1)"Spiegel" (2), "Spiegel" (3), "Spiegel" (4), www.globalresearch.ca, "New Statesman", SVT, "Helsingin Sanomat", NRK