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Beste Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis): Herr Mo holt die Fabrik

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Erschienen in DIE ZEIT vom 23.09.2004

Stefan Willeke

Geboren am 17. Oktober 1964. Ab 1986 studierte er Geschichte und Politik an der Ruhr-Universität Bochum, 1994 promovierte er im Fach Wirtschaftsgeschichte. Von 1987 bis 1995 schrieb er als freier Autor für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen, vor allem über Themen aus der Wirtschafts- und Arbeitswelt. Stefan Willeke war von 1996 bis 2003 Redakteur im "Dossier" der ZEIT, zuletzt als stellvertretender Ressortleiter, seit 2004 ist er Reporter der ZEIT. 2003 wurde Stefan Willeke mit dem Egon Erwin Kisch-Preis ausgezeichnet.

Herr Mo holt die Fabrik


Die modernste Kokerei der Welt zieht von Dortmund nach China, dorthin, wo die Löhne niedrig sind. 16 Monate lang haben chinesische Arbeiter 35 000 Tonnen Stahl zersägt und in Kisten und Container verladen. Beaufsichtigt wurden sie von Herrn Seibel, dem deutschen "Stillstandsverwalter". Wer die Globalisierung verstehen will, muss die Büros von Herrn Mo und Herrn Seibel besuchen

Der Tag, an dem die Globalisierung über den deutschen Angestellten Gerd Seibel hereinbricht, beginnt mit einem Donnern draußen auf dem Flur. Aktenordner prasseln auf Linoleumböden, vor seinem Büro sieht Gerd Seibel plötzlich Chinesen über den Korridor laufen. Die Chinesen schleppen Kartons weg und leeren sie in einer Abstellkammer aus. Gerd Seibel lehnt am Türrahmen, stemmt einen Arm in die Hüfte und sagt: "Ich glaube, jetzt geht es los." Er wollte ja dabei sein, wenn die Globalisierung Dortmund-Mitte erreicht. Er wollte ja darauf achten, dass die Globalisierung ordentlich verläuft. Deutsche Umweltgesetze, deutsche Unfallverhütungsvorschriften, alles kippen die Chinesen auf einen Haufen. Sie räumen das Büro leer, in dem früher der Umweltingenieur der Fabrik arbeitete. Chinesen machen sich nicht viel aus der Umwelt, hat Seibel sich sagen lassen, Chinesen ziehen ihren Plan schnell und preiswert durch. Gerd Seibel hat sich auf die Chinesen gefreut, er ist gespannt.

"Wollen Sie den Stillstandsbereich übernehmen?", fragte ihn vor etwa drei Jahren ein Vorgesetzter, und Seibel hätte problemlos nein sagen können. Er antwortete mit Ja, und später hat er gerätselt, was wohl dieses eigenartige Papierschild auf seinem Schreibtisch bedeuten könne. Die chinesischen Schriftzeichen sagen ihm nichts. Vielleicht steht da wirklich "Leiter des Stillstandsbereiches", vielleicht.

Vor vier Jahren wurde die Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl stillgelegt, seither muss laut Bundesberggesetz der Stillstand beaufsichtigt werden. Es ist eine Arbeit, die Seibel nicht sehr anstrengt. " Eigentlich ein Furz", sagt Seibel, "ein echter Furz." Er ist nicht gut darin, vornehm um den heißen Brei herumzureden. Am liebsten sagt er gleich, was er sieht und was er denkt. Gerd Seibel nennt sich selbst einen Praktiker, alles Theoretische erscheint ihm irgendwie verdächtig. " Ich brauche erst mal Fakten", sagt er oft, und wenn ihm niemand Fakten liefert, sagt er: "Wie, keine Fakten? Dann mache ich mir auch keinen Kopp." Seine Stimme klingt immer ein bisschen heiser. Man glaubt herauszuhören, dass er sich lange Zeit durchsetzen musste gegen das Getöse von Maschinen.

Schon eine Weile befasste sich Seibel mit dem Stillstand, als mit einem Mal Russen, Tschechen, Inder und Chinesen abwechselnd über seinen Industriefriedhof liefen und sich nach technischen Daten erkundigten. Schließlich verkaufte Seibels Arbeitgeber, der Essener Bergbaukonzern RAG, die brachliegende Kokerei an einen chinesischen Geschäftsmann in Bochum, der Geschäftsmann verkaufte sie weiter an einen chinesischen Bergbaukonzern, und der neue Eigentümer will das gesamte Werk nach China holen.

Vor anderthalb Jahren haben die Chinesen begonnen, das Werk zu zerlegen. Die Kokerei Kaiserstuhl - 16 000 technische Zeichnungen, zwei Laster voller Akten, 35 000 Tonnen Maschinen, Rohre, Stahltüren, Kabel; einzeln zu nummerieren, dann von dreihundert chinesischen Arbeitern zu zerpflücken, auf Frachtschiffe zu verladen, die in Rotterdam und Antwerpen ablegen, den Sueskanal durchqueren und nach dreißig Tagen im chinesischen Hafen Qingdao anlegen. Eine der größten Industrieumsiedlungen weltweit, die erste Verlagerung einer Kokerei weltweit.

Verkürzt man diesen Vorgang, dann passt er in einen Satz: Weil sich Chinesen die tote deutsche Fabrik schnappen, wird sie bald wieder leben. Leben und Sterben hängen in solchen Fällen stark vom Preis der Arbeit ab, von den Umweltkosten, vor allem von den Löhnen. In China verdient ein Arbeiter in einer Kokerei umgerechnet 100 bis 200 Euro im Monat. Da lohnt es sich sogar, eine ganze Fabrik anderswo erst abzubauen und später im Original wieder aufzubauen. Kein westliches Land zahlt so niedrige Löhne, dass sich ein derart gigantisches Vorhaben, das Hunderte Arbeiter und Angestellte über Jahre hinweg beschäftigt, rechnen könnte.

Bis zu 27 000 Menschen arbeiteten früher auf dem Gelände der Westfalenhütte in Dortmund, ein Teil davon ist die Kokerei Kaiserstuhl. Als vor wenigen Jahren das Stahlwerk dichtmachte, nahmen Chinesen die Hochöfen mit, und seit es um die Kokerei geht, tauchen Arbeiter einer anderen chinesischen Firma auf. Die Welt bedient sich, und Deutschland hofft vor jedem Räumungsverkauf auf ansehnliche Preise. Im Sauerland bauen Chinesen gerade eine Maschinenstraße für Blattfedern auseinander. Hier wie da setzen sie stählerne Riesen in Bewegung, hier wie da verschwinden die Riesen in der einen Richtung.

Gerd Seibel schaut zu, wie die Arbeit aus Deutschland wegzieht. Die Chinesen dürfen nicht schludern, sonst wird Seibel böse. Er kennt sich hervorragend aus mit Kokereien, sein halbes Leben hat er mit solchen Anlagen zugebracht. Er fing ganz früher als Autoschlosser an, später Technikerschule, Koksmeister, Endgehalt, Schichtführer, Endgehalt, zuletzt Abteilungsleiter, "Ah-Tee" - ein Außertariflicher, ein besser Bezahlter. Dem einfachen Techniker Gerd Seibel ist die Karriere eines begabten Ingenieurs geglückt, immer sei er fleißig gewesen, habe früher nur Wechselschichten geschoben, drei Wochenenden Schicht, ein Wochenende frei, über Jahre hinweg. Inzwischen ist er 49. Niemand macht ihm noch etwas vor auf dem Gelände Kaiserstuhl. Seibel sagt: "Ich bin hier so was wie das Gesetz." Noch.

Schon im Jahr 2006 soll die Kokerei Kaiserstuhl in China wieder laufen. Die neuen Eigentümer wollen Koks auch ins Ausland verkaufen. Dann könnte es sogar passieren, dass die Chinesen Koks aus der ehemals deutschen Anlage Kaiserstuhl nach Deutschland liefern.

Zunächst ahnt Gerd Seibel nicht, wer auf dem Büroflur sein neuer Nachbar werden könnte. Es wird ein Chinese sein, das steht fest. Aber es sind so viele von ihnen gekommen, Hunderte, dass Seibel die fremden Gesichter zuerst nicht auseinander halten kann. Nach ein paar Wochen glaubt er zu wissen, welcher Chinese das Sagen hat. Wenn Seibel morgens die Treppe hinaufsteigt, hört er Gebrüll auf dem Korridor. Einer steht da immer im roten Polohemd, umringt von Männern in verschmierten Overalls, und die Arbeiter hören ihm demütig zu. Später erfährt Seibel, dass sein neuer Nachbar Mo heißt, Mo Lishi. Eine Dolmetscherin befestigt ein Schild mit der deutschen Aufschrift "Projektleiter" an der Tür des leer geräumten Zimmers, das jetzt Mos Zimmer ist. Auf seiner Visitenkarte steht "Vice General Manager", Mo ist im Vorstand eines Unternehmens für Kohlechemie in der ostchinesischen Provinz Shandong, einer Firma mit 28 000 Leuten. " Mir ist ganz egal, was der ist. Meinetwegen kann der Generaldirektor sein", sagt Seibel trotzig. Er hat nichts gegen den Fremden, aber der soll sich bloß nicht aufspielen.

Mo spricht nur Chinesisch, Seibel nur Deutsch. Mo soll die deutsche Fabrik ausweiden, Seibel das Skelett bewachen. So gesehen ist Mo die Zukunft und Seibel die Vergangenheit. Das sieht Seibel jedoch nicht so, weil er glaubt, dass die Chinesen nur Reste verwerten, die von Deutschen hinterlassen wurden. " Nach dem Krieg waren wir vielleicht auch mal so wie die", sagt Seibel. Von Beginn an spricht eigentlich alles für eine ziemlich komplizierte Nachbarschaft.

Mo hat Respekt vor Herrn Seibel. Er nennt ihn den "Mann, der uns Strom gibt"

Seibels Zimmer ist viel größer als das von Mo. Sechs, sieben Schritte muss man gehen, bis man vor Seibels Schreibtisch steht. Bei Mo muss man nur die Tür öffnen und fällt fast auf die Schreibtischplatte. Mo ist nicht wählerisch, er hat dieses Büro genommen, weil es niemand anders brauchte. Was sein Nachbar Seibel zu tun hat, weiß Mo nicht. Dieser Deutsche kommt ihm seltsam vor. Er besteht darauf, dass alle chinesischen Arbeiter unfall- und krankenversichert sind. Mo muss ein Dokument unterschreiben, das ihn zu einer "Aufsichtsperson" auf der Baustelle erklärt. Arbeiter, die hoch in die gemauerten Öfen klettern, sollen Sicherheitsgurte umschnallen. Mo nimmt an, dass Seibel über Macht verfügt, weil Seibel die Hauptschalter für Wasser und Strom kontrolliert. Eine Baustelle kann auf vieles verzichten, aber niemals auf Wasser und Strom. Nach und nach kriegt Mo Respekt vor Seibel. Mo nennt ihn den "Mann, der uns Strom gibt".

In ein weiteres Zimmer, gleich nebenan, schafft Mo ein Bett, über dem er ein Moskitonetz befestigt. Er trägt seinen blauen Hartschalenkoffer ins Zimmer und überlegt, wohin er seine Sachen legen soll. Staubige, ausrangierte Schränke, ein zerkratzter Furniertisch, ein abgenutzter Besen, ein paar Bügel, eine Rolle Klopapier - das ist Mos Wohn- und Schlafzimmer für die nächsten anderthalb Jahre. Seine Frau wohnt währenddessen allein in einem geräumigen Appartement neben dem öffentlichen Schwimmbad von Zoucheng.

Gerd Seibel hat nichts dagegen, dass Mo hier auch übernachtet. Die Fenster in Mos Schlafzimmer sind 1,40 Meter breit und damit, sagt Seibel, als Notausstiege geeignet. Draußen, in einem Containerdorf im Schatten der Kokereischlote, wohnen die Arbeiter der Subunternehmer, die Mos Firma geheuert hat. Für die Arbeiter muss Mo erreichbar bleiben, pausenlos, so verlangt es sein chinesischer Konzern.

In einer Nacht klopft ein Arbeiter vorsichtig an Mos Schlafzimmertür. Mo ist sofort hellwach, er schläft nie sehr tief. Regenwasser läuft in abgeschraubte Schaltkästen und Motoren, Planen müssen gespannt werden. In einer anderen Nacht fährt Mo los und sucht hinter Unna nach einem gerade angereisten Trupp von Arbeitern, die ein Taxifahrer am falschen Bahnhof absetzte.

Neun braune Plastikfeuerzeuge hat er auf den Tisch vor seinem Bett gestellt. Seine Ration für die vielen Dortmunder Monate. Er steckt sich eine Zigarette nach der anderen an. Wo Mo ist, steigt Qualm auf. Es ist, als wolle er in seinem Zimmer seine eigene kleine Fabrik betreiben.

Gerd Seibel blickt aus seinem Fenster auf die chinesische Insel in Deutschland. Gelbe Wohncontainer mit Wänden aus Blech, Duschen, ein Klo. Die Arbeiter verdienen hier viel mehr Geld als zu Hause, 400 Euro im Monat, die Leitenden können es auf 600 Euro bringen, mit Leistungsprämien. Einfache RAG-Arbeiter, für die der Tarifvertrag des deutschen Bergbaus gilt, kämen hier auf rund 1800 Euro brutto im Monat plus Konti-Zulage plus Energiekostenbeihilfe plus plus, zusammen an die 2400 Euro. Keine gewaltige Summe, aber Mo sagt: "Unsere Arbeiter sind bescheidener." Sie verbringen die Nächte auf durchgelegenen Matratzen, fahren auf klapprigen Fahrrädern an den erkalteten Öfen vorbei, kochen unter einem Wellblech und essen im ehemaligen Labor Reisfleisch aus Blechdosen. Früher machten sich Menschen aus einem Hochlohnland keine Gedanken darum, ob ihnen Menschen aus einem Niedriglohnland bedrohlich nahe rücken könnten. Plötzlich treffen sie einander beim Händewaschen auf einer Dortmunder Werkstoilette, aus Augenwinkeln mustern sie sich vorsichtig im Spiegel, und eine Frage steht unausgesprochen im Raum: Was ist auf dieser Welt durcheinander geraten? Und warum?

"Irgendwie auch traurig", sagt Seibel, "jetzt reißen sie alles weg"

Wann die Chinesen mit ihrer Arbeit anfangen und aufhören, kriegt Seibel nicht mit. Wenn er um acht im Büro eintrifft, haben die Chinesen gerade begonnen. Fährt er am späten Nachmittag heim, sind die Chinesen noch eine Weile beschäftigt. Samstags arbeiten sie auch, bis zum Abend. Von der Bezirksregierung in Arnsberg haben sie sich die 60-Stunden-Woche genehmigen lassen. Gerd Seibel kommt auf 40 Stunden pro Woche, das heißt, er arbeitet meist ein bisschen mehr und nimmt später freie Tage. " Irgendwie auch traurig", sagt Seibel und blickt hinaus, "jetzt reißen sie alles weg."

So weit wäre es nicht gekommen, wenn die deutsche Stahlindustrie treu geblieben wäre. Wer Stahl in einem Hochofen kocht, braucht dafür unbedingt Koks. Autos, Fahrräder, Messer - alles aus Stahl, Millionen Tonnen Stahl, erzeugt mit Hilfe von Millionen Tonnen Koks. In einem langfristigen Vertrag war bis 1999 geregelt, dass die deutschen Stahlwerke deutschen Koks kauften. Als der Vertrag auslief, steuerten die Stahlbosse um. Sie entschieden, sich fortan viel mehr Koks auf dem Weltmarkt zu besorgen, in Polen, in China. Koks aus China war viel billiger als der aus Deutschland. So musste der Bergbaukonzern RAG eine Kokerei schließen, Kaiserstuhl, eine der modernsten und umweltfreundlichsten Anlagen weltweit, gerade mal acht Jahre alt, lächerlich jung, eine Fabrik, die mal 600 Millionen Euro gekostet hatte und noch vierzig Jahre gehalten hätte. Der Weltmarkt zerstörte einst die Kokerei Kaiserstuhl, Dortmund. Der Weltmarkt wartet jetzt auf die Kokerei Kaiserstuhl, Jining.

China ist hungrig nach Stahl und deswegen hungrig nach Koks, denn China wächst gewaltig. China braucht dringend Energie, China setzt Mo unter Druck. 60 Kokereien sind in China im Augenblick im Bau oder in der Planung, Kaiserstuhl soll eine der größten werden. Koks ist ein Wachstumshormon der Industriegesellschaft, und Mo kann dieses Präparat günstig besorgen.

Sechzehn Monate sind vergangen, seit Mo und seine Leute in Dortmund eintrafen. Es ist ein Nachmittag im Juni dieses Jahres, Mo hat inzwischen seine beiden Zimmer eingerichtet. Eine aufgerissene Walnusstüte, ein schmutziges Handtuch, ein Zollstock, ein Karton mit vergilbten Zeitungen aus China. Die Zimmer sehen noch immer aus, als habe Mo sich standhaft gewehrt, sich darin wohl zu fühlen.

Wenn es in Dortmund zu lange regnet, dann schreibt Mo Gedichte

Auf ein Fensterbrett hat er Werbebroschüren gestellt, eine dicht neben der anderen, alle von Mercedes. Schwerlaster vor abendroten Bergen, Schäfchenwolken. Wegen der Autos sieht Mo nichts von der mannshohen Gasleitung vor dem Haus. Er sieht nur Bäume und Büsche, darüber den Himmel. Es könnte überall auf der Welt sein. Eine Aussicht für jemanden, der nicht daran erinnert werden will, wo er gerade steckt. Wenn da nur nicht die deutschen Werbehefte stünden. Das sieht aus, als habe sich Mo für eine Niemandslandschaft Untertitel ausgedacht.

"Offen für Träume" steht auf einem Mercedes-Poster in seinem Rücken. Eine teure Limousine jagt auf einer Überholspur. " Mich ermutigt dieses Plakat", sagt Mo. Papierstreifen hat er darauf geklebt, die er beschriftet hat. Es geht um die "Sehnsucht des Menschen nach einem besseren Leben". Die Verse denkt er sich aus, wenn es zu lange regnet. Mo hat Heimweh, ihm ist dieses Deutschland noch immer fremd, er hat außer der Baustelle fast nichts mitbekommen, nur ein bisschen Dortmund, ein paar Flughäfen und Bahnhöfe, das Geburtshaus von Friedrich Engels in Wuppertal. Seit sechzehn Monaten hat er seine Frau nicht gesehen. Aber Mo käme nicht auf die Idee, für ein paar Tage nach Hause zu fliegen. Die Firma will, dass er erst eine Pause macht, wenn sein Auftrag erledigt ist. " Ich habe keine Wahl", sagt Mo.

Eine bunte Weltkarte hat Mo in sein Büro gehängt. Länder, in die er reiste, hat er mit Pfeilen versehen und darunter den chinesischen Ausdruck gekritzelt. In Österreich, Belgien, den Niederlanden und Italien war er für die Firma, in England, Frankreich, den USA, immer nur für ein paar Wochen. Einmal wollten sie Mo für einen langen Einsatz nach Venezuela schicken, aber Mo hat das Vorhaben clever abgewendet. Gegen Kaiserstuhl jedoch gab es keine triftigen Argumente. Im Vorstand seiner Firma ist Mo für die Produktion verantwortlich, Kaiserstuhl lief unweigerlich auf ihn zu. Kaiserstuhl ist Mos erster Auftrag, der ihn so lange im Ausland festhält. " Ich habe es hingenommen", sagt er, "ich habe an die Schwierigkeiten gedacht, aber mich auch gefreut. Ich dachte, wir holen ja eine neue Firma ab."

Es sind die Abende, die Mo zu schaffen machen. Zu Hause ging er mit seiner Frau abends in einen Park, beim Pokern im Freien trat er mit ihr gemeinsam gegen das halbe Viertel an. Zum Kartenspiel aber sind die chinesischen Arbeiter hier zu müde. Mo zieht sich in sein Zimmer zurück, eine Satellitenschüssel holt chinesische Fernsehnachrichten auf den Bildschirm seines Laptops.

Ist es trocken, geht Mo raus und joggt eine Stunde lang über das Trümmerfeld. Mo läuft auf die Allee mit den mächtigen Ahornbäumen, einst eine Prachtstraße der Stadt, heute eine vergessene Trasse zwischen gespenstisch leeren Hallen. Die Schornsteine, die weit in den Himmel ragen, werden bleiben. Was aus Stein oder Holz besteht, lassen die Chinesen in Dortmund zurück. Die Betonwannen der ehemaligen Kläranlage liegen da wie offene Gräber. So riesig ist die Brache, dass Mo sich am Anfang ein paar Mal verlaufen hat.

Mo läuft, sooft er kann. Er ist 55, sechs Jahre älter als Seibel. Eine Gymnastikanleitung, die ihm sein Arzt mitgab, hat Mo neben die Weltkarte im Büro geheftet. Mo geht in die Knie, legt die Hände flach auf die Wand und schiebt sich mit durchgedrücktem Rücken stufenweise an der Karte hoch. Als er sich oben reckt, hat er die Welt ganz dicht vor seinen Augen. " Hier", sagt er und zeigt auf einen gelben Fleck über den Vereinigten Staaten, "wird noch weniger gearbeitet als in Deutschland." In Kanada, wo er mal ein Leitsystem für den Zugverkehr aufbaute, hätten die einheimischen Kollegen schon nach sechs Stunden Arbeit aufgehört. Dort hätten sie ihm sogar weismachen wollen, dass man jede Menge Arbeitslosengeld bekomme, sobald die Firma pleite sei. In Kanada hat Mo sehr viel gelacht.

In Kanada ist Gerd Seibel noch nie gewesen. " Mich zieht es nicht raus", sagt er. Einmal reiste er nach Tunesien, vor beinahe 30 Jahren, später ein paar Mal nach Jugoslawien, in die Niederlande. Seit einigen Jahren bleibt er während der Ferien zu Hause. " Hier fühle ich mich am wohlsten." Ein Fachwerkhaus neben einer Bahnlinie hat Seibel für sich, seine Frau und seine zwei Töchter gekauft und mühsam umgebaut. Einen Pavillon hat er im Garten aufgestellt, einen Schäferhund angeschafft. Seibel will da sein, wenn seine Familie ihn braucht. Würde er plötzlich durch die Welt reisen, käme er sich ein bisschen wie ein Verräter vor. Beim Renovieren des Hauses hat ihm ein Schwager geholfen. " Der hat Zeit, der ist in Anpassung", sagt Seibel. Wer im Bergbau arbeitet, geht oft mit 53 Jahren, spätestens mit 55 Jahren "in Anpassung", das heißt, er hört dann auf zu arbeiten, erhält vom Bergbau und vom Bundesamt für Wirtschaft 90 Prozent des letzten Nettogehalts, so lange, bis er Rentner wird.

In Seibels Umgebung ist Stillstand ein großes Thema. Sein Arbeitgeber hat dafür eine Stabsstelle eingerichtet, eine Art Friedhofsverwaltung, die "Betriebsdirektion Sanierung von Stillstandsbereichen". Der deutsche Bergbau muss schrumpfen, soll aber niemanden entlassen, so ist es mit der Bundesregierung vereinbart. Deshalb sucht man andere Wege, um Leute loszuwerden, auf die sanfte Tour. " Wohin wollen Sie sich in Zukunft entwickeln?", wurde Gerd Seibel von Kollegen gefragt, die sich als Personalentwickler vorstellten. " Was sind Ihre Ziele?" - "Ich bin Koker", gab Seibel zu Protokoll, "ich will mit Koks zu tun haben." Damit war eigentlich alles über ihn gesagt. In Dortmund wurde Seibel geboren, in Dortmund wuchs er auf, aus Dortmund will er nicht weg.

Herr Seibel mag nicht, wie sie die Kokerei zerlegen, diese Hast

"Ich brauche nicht weg, um die Welt kennen zu lernen", sagt er, " die anderen kommen doch immer zu uns." Italiener, Spanier, Türken, sie alle hätten auf der Kokerei ihr Geld verdient. Jetzt kämen, sagt Seibel, sogar die Chinesen. Dass nach den Chinesen keiner mehr kommen wird, sagt er nicht.

Auf dem Weltmarkt ist inzwischen die Hölle los. Seit Kaiserstuhl Stück für Stück in Frachtcontainern verschwindet, sind die deutschen Stahlwerke stärker von ausländischem Koks abhängig. Den meisten Koks auf der Welt, etwa die Hälfte der gesamten Menge, liefert China. Aber Chinas Wirtschaft dehnt sich rapide aus und verschlingt erheblich mehr Energie als gedacht. China braucht für seine eigenen Stahlwerke nun selbst viel Koks, kann deshalb weniger an andere Länder abgeben, Koks wird knapper. Der Preis, den deutsche Unternehmen dafür zahlen müssen, steigt und steigt.

"Herr Seibel", ruft ein chinesischer Übersetzer und tritt näher, "Sie haben ja eine neue Frisur." "Ein paar Zentimeter kürzer", antwortet Seibel. Dann überlegt er kurz und sagt: "Jetzt ist der andere Reifen eures Gabelstaplers auch noch abgefahren. Kümmert euch darum."
Der Chinese lächelt und schweigt.
"Wir können euch den Strom abstellen", sagt Seibel.
"So schnell schießen die Preußen nicht."
"Sie haben aber schnell Deutsch gelernt." Pause. " Ihr müsst euch den Gabelstapler angucken."

Nachdem der Chinese gegangen ist, sagt Seibel: "Die kapieren es nicht. Ich habe von Anfang an gesagt: Haltet die Vorschriften ein, sonst Schikane." Gerd Seibel ist schlechter gelaunt als gewöhnlich. Ein paar Mal schon hat er den Chinesen Wasser oder Strom abgedreht. " Die müssen ja Reis kochen. Die könnten sich natürlich auch ein eigenes Stromaggregat besorgen, aber die wollen ja kein Geld ausgeben." Ärger bahnt sich an. Davon erfährt Mo sehr schnell. " Die Deutschen sind sehr direkt", sagt Mo, "das ist gut, aber nicht immer."

Gerd Seibel hat aufgegeben, die Chinesen verstehen zu wollen. " Verstehen? Geht nicht." Gerd Seibel glaubt sehr oft zu wissen, warum etwas nicht klappen wird. Er fühlt Schwierigkeiten schon im Vorhinein, wie einen Wetterumschwung. Treten wirklich Schwierigkeiten auf, nennt Seibel sie "Erfahrungen".

Diese Erfahrungen beginnen damit, wie die Chinesen Kaiserstuhl zerlegen. Diese Hast, dieses ewige Improvisieren. Ein deutscher Facharbeiter, sagt Seibel, überlege erst einmal gründlich, er zerteile einen Vorgang gedanklich in mehrere logische Schritte, bevor er, zum Beispiel, mit einem Schraubenschlüssel eine Rohrverbindung auseinander nehme. Die Chinesen aber "wollen alles sofort vom Hof schaffen. Zeit ist Geld, meinen die", sagt Seibel. Die Chinesen nehmen gerne einen Schneidbrenner und durchtrennnen schnell das Rohr. " Wer weiß, ob die das in China alles wieder zusammenkriegen? Ich habe da meine Zweifel."

Wollen die Chinesen eine große Maschine aus einer Werkstatt holen, dann halten sie sich nicht lange mit zu niedrigen Türen und zu engen Fenstern auf. Sie schlagen mit einer Baggerschaufel ein riesiges Loch in die Hallenmauer und zerren die Maschine hindurch. Sie tun so, als sei Kaiserstuhl ein Restpostenlager. Für jemanden, dessen Leben dort spielte, kann es so aussehen, als zertrümmerten die Chinesen etwas von diesem Leben. Als hätten sie keinen Respekt vor den Errungenschaften eines Landes, in dem sie zu Gast sind. Aber Errungenschaften? Respekt vor einem erledigten Werk, das keiner kaufen wollte? Für die Chinesen sieht es so aus, als packten sie ein deutsches Problem ein, aber wenn sie es zu Hause auspacken werden, dann wird sich das Problem erledigt haben.

Brasilien, Indien, Südafrika - interessiert waren viele Länder an der stillgelegten Dortmunder Anlage, aber mehr als einen Spottpreis wollte damals niemand bieten. Kaiserstuhl ist eine Großkokerei, gemacht für zwei Millionen Tonnen Koks im Jahr. Kaiserstuhl ist deswegen auch ein Versprechen. Wer sich so eine Fabrik besorgt, muss sich ziemlich sicher sein, dass sein Land noch viel Energie benötigen wird, weil es noch lange nicht ausgewachsen ist. China ist so ein Land.

Einmal hat Gerd Seibel den Nachbarn Mo und die chinesischen Arbeiter zu einem öffentlichen Boxkampf eingeladen. Reisebusse bringen zweihundert Chinesen vor die Aula einer Dortmunder Schule, und während des Wettkampfes johlen und klatschen die Besucher begeistert. Ein gelungener Abend. Monate später wieder ein Boxkampf. Aber diesmal fahren keine Reisebusse vor, und jeder Gast muss selbst sehen, wie er zur Sportarena gelangt. Nur noch wenige Chinesen machen sich auf den Weg, weil sie von ihren 400 Euro Monatslohn nicht 3 Euro für eine Busfahrkarte ausgeben wollen. Seibel jedoch sagt: "Das ist schon Geiz, nein, das ist diese Sucht, mit Gewalt reich zu werden."

"Die Deutschen könnten ein wenig fleißiger sein", meint der Chinese

Mo sieht die Sache ganz anders, und es kostet ihn Mühe, sich vorsichtig auszudrücken. " Die Deutschen sollten ein wenig aufpassen", sagt er. " Sie könnten ein wenig fleißiger sein. Wenn sie nicht aufpassen, haben wir sie bald eingeholt, in zehn oder zwanzig Jahren."

Meint Mo. Meint Seibel. Einerseits, andererseits, hin und her, Tür an Tür. Auf einem Korridor in Dortmund machen sich Deutschland und China miteinander bekannt und probieren aus, wo die Grenzen einer Verständigung liegen. Mo grübelt, Seibel scherzt. Herr Mo und Herr Seibel. Unabsichtlich haben sie die Globalisierung auf ein Kammerspiel reduziert.

Einmal im Monat setzen sich die Arbeiter im Containerdorf zusammen und stimmen darüber ab, wer der Beste gewesen sei. Nur selten schaut Mo bei dieser Gelegenheit vorbei, weil das hier Sache der Arbeiter ist, in die er sich nicht einmischen will. Dem Gewinner des Abends überreichen Kollegen ein Taschenmesser oder eine Plastikleuchte, eine kleine Aufmerksamkeit jedenfalls. Am Ende hängen sie dem Sieger eine künstliche Blume um den Hals, eine Blume aus weinroter Kunstseide. Ab und zu trägt der Sieger eines Abends seine Blume auch am Tag danach noch mit sich herum, während sein Bautrupp wieder Getriebe in Holzkisten verstaut. Als Gerd Seibel zum ersten Mal die Blumen eines Arbeiterhelden sieht, muss er lachen. " Richtig lustig" findet er diesen Anblick. Er sagt: "Die ärgern mich ja manchmal echt, die Chinesen. Aber meine Kinder ärgern mich manchmal auch. Deswegen habe ich sie trotzdem gerne. Und irgendwie mag ich auch diese Chinesen." Gerd Seibel will nicht lassen von der Vorstellung, Deutschland sei eine globale Werkstatt, in die China seine neugierigen Kinder zum Lernen schicke.

Begegnet ihm ein Dortmunder, dann grüßt ihn Mo leise auf Chinesisch

An einem Sommerabend fährt Mo mit seinem Assistenten zum Rombergpark, nur ein paar Kilometer entfernt. Sonntags, wenn die Baustelle ruhen muss, gehen sie öfter dort spazieren, der Weg dorthin ist ihm vertraut. Er muss nicht wieder fürchten, sich zu verirren. Mo verlässt den Stillstandsbereich, nickt kurz ins Pförtnerhäuschen und fährt vorbei an graubraunen Mietshäusern. Mo kennt die Menschen nicht, die dort wohnen. Begegnet ihm einer von ihnen, grüßt Mo ihn leise auf Chinesisch. " Da wohnen viele Türken", hat Mo seinen Arbeitern erklärt, "das sind die Leute, die Deutschland mit aufgebaut haben."

Mos Vorrat an Taishan-Zigaretten scheint unerschöpflich. Mühelos besorgt er sich Nachschub, ohne die Baustelle zu verlassen. Mysteriös erscheint einem das zunächst, aber die Lösung des Rätsels ist einfach. Im Grunde ist es das deutsche Arbeitszeitgesetz, dem Mo die Taishan-Zigaretten verdankt. Die Erlaubnis, 60 Stunden in der Woche arbeiten zu dürfen, wurde an die Bedingung geknüpft, dass die Arbeiter innerhalb von sechs Monaten die vielen Überstunden abfeiern. Deshalb werden Arbeiter, die sich sonst in Dortmund sechs Wochen am Stück ausruhen müssten, nach China zurückgeschickt, und Ersatzarbeiter machen sich auf den Weg. Die Neuen bringen Mo Zigaretten mit.

Mo ist vor einem Kinderwagen stehen geblieben und lacht das Baby an. Die Mutter des Säuglings und ihre Freundinnen verstummen irritiert. Ein Chinese steht da vor dem Baby, der Chinese raucht und lacht. Seine eigenen Kinder sieht Mo nur noch auf Papierbildern, die er in einer Schublade aufbewahrt. Vor anderthalb Jahren hat er sich von ihnen verabschiedet, wegen Dortmund, wegen Kaiserstuhl. Der 29-jährige Sohn ist selbstständiger Bauberater in Shanghai, die Tochter - fünf Jahre jünger - studiert in England. " Vielleicht kommt sie mal", sagt Mo.

"Das geht nicht", schimpft Gerd Seibel. Drei verschiedene Abfallcontainer haben die Deutschen aufgestellt. " Drei", sagt Seibel, Baumischabfälle, Holz, Pappe: "Drei!" In aller Ruhe habe er den Chinesen die Abfalltrennung erklären lassen, es klappt nicht. Holzbretter werden immer wieder mit Pappkartons vermischt, warum? Weil diese chinesischen Subunternehmer sich weitere Subunternehmer suchten, die neue Billiglöhner schickten, alles, um die Löhne zu drücken, "sub, sub, sub", chinesische Mentalität. Und wer müsse es ausbaden? Natürlich Gerd Seibel.

Einmal war Seibel zu einem Vortragsabend mit chinesischen Geschäftsleuten und Politikern in der Bochumer Handelskammer eingeladen. Auch Mo ist hingefahren. In dieser Hinsicht war es etwas Besonderes. Es ist fast nie vorgekommen, dass Mo und Seibel etwas gemeinsam unternehmen. Die räumliche Nähe hat sie nicht zusammengebracht, eher im Gegenteil. Fragt man Seibel, was Mo wohl für ein Mensch sei, dann fällt Seibel nichts ein. Umgekehrt ist es genauso.

In der Handelskammer verstand Gerd Seibel so gut wie nichts, aber er glaubte, trotzdem das Wesentliche zu begreifen. Als der Bürgermeister von Panjin auf Chinesisch von seinem Plan berichtete, demnächst eine demontierte deutsche Fabrik in Nordchina einzuweihen, beeindruckte Seibel der Tonfall. Wie dieser Bürgermeister seine Sätze peitschte, am Ende fast aufschrie und die letzten Silben ins Publikum schleuderte. " Höher, schneller, weiter" meinte Seibel herauszuhören. Seinen Nachbarn Mo hat Seibel nur einmal in dieser Verfassung erlebt. Das war ganz am Anfang, als der Abriss der Kokerei feierlich angekündigt wurde. Gäste in Anzügen standen in einer Werkstatt, chinesische Arbeiter auch, und Mo hielt eine laute Rede, die sehr leidenschaftlich klang. " Was heißt das?", fragte Seibel eine Dolmetscherin. - "Voran, voran", antwortete sie. Seibel musste grinsen.

An einem Abend im September steigt eine junge Frau auf dem winzigen Flughafen von Weeze am Niederrhein aus einer englischen Maschine. Sie trägt eine Nickelbrille, ein violett gemustertes Top, blaue Sportschuhe, sie zieht einen schweren Koffer hinter sich her. Der einzige Mensch, den sie in Deutschland kennt, wartet auf sie in der Halle. Mo lacht verlegen, greift nach der Hand seiner Tochter Ziwei, nimmt ihr den Koffer ab und sagt: "Komm mit mir." Es ist schon dunkel, als die beiden in Dortmund eintreffen. Ziwei hat keine Ahnung von Stahlhütten und Kokereien, sie studiert in Birmingham Finanzwirtschaft. Mo führt sie vor die Tore des Walzwerkes, Laternen stehen in einer Reihe und leuchten wie jede Nacht. Es ist ungewöhnlich still, das Trümmerfeld sieht man von hier aus nicht. "Ein friedlicher Ort", sagt Ziwei.

Als Mo der Tochter seine Unterkunft zeigt, anschließend sein Büro, erschrickt Ziwei. " Papa, warum tust du dir das an?" Vor einem Fenster baumeln Unterhosen, die Mo zum Trocknen aufgehängt hat. " Papa, du bist doch ein mächtiger Mann. Du hast viele Freunde in China, du hast eine schöne Wohnung." Mo hört schweigend hin. " Du hast zu Hause ein Büro mit edlen Sesseln. Du hast sieben Sekretärinnen. Du hast Putzfrauen, die jeden Tag dein Büro sauber machen. Du bist jetzt nicht mehr der Jüngste. Warum fliegst du nicht einfach nach Hause?"

"Ich bin nicht alt", antwortet Mo sanft, "ich habe noch etwas zu tun. Wenn ich alt wäre, hätte ich nichts mehr zu tun." "Du hast dein Leben lang hart gearbeitet", entgegnet die Tochter, "warum dieser Job?" "Kaiserstuhl ist moderne Technik", sagt Mo, "ich will diese Fabrik rüberbringen. Ich bin stolz darauf." Danach wechseln sie das Thema, sie wollen sich nicht streiten. Ziwei hat nur zwei Tage Zeit für Dortmund, dann muss sie wieder weg.

Plötzlich sagt der Chinese zu Gerd Seibel: "Mein Freund"

Auf dem karierten Papier der Deutschen Steinkohle AG hat Mo Gedichte für seine Tochter geschrieben, es muss wieder viel geregnet haben. Die Zettel hat er an der Wand auf seiner Weltkarte verteilt, die nördliche Hälfte der Erde ist jetzt in Mos Gedanken versunken. " Nur wer die Türen seines Raumes öffnet, stößt nicht mehr gegen Wände", hat Mo notiert.

Ziwei soll die Sprache der Zukunft lernen, hat Mo gesagt. Das mit England war seine Idee. Mo überweist seiner Tochter Geld, weil ihr Stipendium nicht für die hohen Studiengebühren reicht. Ziwei soll es einmal besser haben als ihr Vater, sie soll aus Europa mit Wissen heimkehren statt mit Koks.

"Was hat er vor?", denkt still Gerd Seibel, als Mo ihn auf einmal zu sich ins Büro bittet. Noch nie haben die beiden länger zusammengesessen, nun aber plaudert Mo schon eine Stunde lang vergnügt und sagt zu Seibel unvermittelt: "Mein Freund." Gerd Seibel schiebt den Aschenbecher von sich weg, er raucht nicht. Mo zündet sich wieder eine Zigarette an und sagt: "Sie sollten sich auch das Rauchen angewöhnen. In China wird gerne geraucht." - "Was will der?", rätselt Seibel, bis Mo ihn endlich fragt, ob Seibel eine Weile dabei helfen werde, Kaiserstuhl aufzubauen. Vor kurzem wurde schon der Grundstein gelegt, drüben, in China. " Ich? Nach China?", fragt sich Seibel irritiert. Mo will seinem Vorstand in der Firma sofort den Namen Gerd Seibel durchgeben, den Dortmunder Spezialisten für Kokereien. Mo will deshalb gleich wissen, wie man Seibels Titel ins Englische übersetzt, aber Seibel weiß es auch nicht, ruft einen Kollegen an, und sie einigen sich auf "Coking Plant Manager", etwas in dieser Richtung jedenfalls.

Darüber, wie die Besprechung der beiden ausgeht, gibt es zwei Auffassungen. " Er kommt vielleicht", sagt Mo später. - "Völlig unrealistisch", sagt Seibel. Vermutlich ist dieses Missverständnis entstanden, weil der sonst so geradlinige Gerd Seibel auf Fragen nach persönlicher Veränderung verblüffend ungenau antwortet. Mehrmals versuchte ihn ein früherer Chef für China zu begeistern, weil dort für einen deutschen Bergbaukonzern viel Neues zu entdecken sei. " Nehmen Sie Ihre Familie mit", hörte Seibel ihn sagen. Es rumorte in Seibel. China, er fühlte sich sehr unwohl bei diesem Gedanken. " Ich muss auch an meine Familie denken", sagte Seibel.

Seine 17-jährige Tochter, nur als Beispiel, wolle unbedingt Polizistin werden und kämpfe ums Abitur. " Kein Bock", antworte sie, wenn Seibel das Thema Nachhilfe anschneide. Und dann China? Undenkbar. Obwohl seine innere Stimme unmissverständlich war, druckste Seibel herum, als ihn sein früherer Chef zu einer Antwort drängen wollte. " Ich weiß noch nicht", sagte Seibel zum Schluss. Bis heute hat er keine Antwort gegeben, es fragt ihn auch keiner mehr danach. Gerd Seibel hat sich in dieser Angelegenheit geschickt in Vergessenheit gebracht.

Auf der Baustelle spült Regen schmierigen Sand auf die Wege, der Asphalt ist glitschig geworden. Mo kann nicht joggen, schon deshalb mag er den Regen nicht. Das erklärt einiges von seiner gedrückten Stimmung, lange nicht alles. Es ist etwas geschehen, das Mo nicht in Worte fassen kann. Wahrscheinlich will er auch nicht. Das Problem hat damit begonnen, dass Mos Vorstandskollegen in Zoucheng an manchen Tagen nicht mehr zurückrufen. Schickt Mo ihnen ein Fax, liegt es tagelang unbeantwortet herum. " Mo hat in seiner Firma nicht mehr viel zu sagen", berichtet ein chinesischer Geschäftspartner des Konzerns. Mo sei entmachtet worden. Kann ihn der Bruder nicht mehr stützen? Mos Bruder ist Vizechef des staatlichen Dachkonzerns Yankuang, deswegen nennen Freunde Mo den "zweiten Bruder".

Vielleicht hat sich das Problem auch nur entwickelt, weil Mo zu lange weg ist. Vielleicht hat man sich zu gut an seine Abwesenheit gewöhnt. Es ist bald Oktober, eigentlich sollte Mo schon zurück in China sein. Plötzlich heißt es, Mo müsse unbedingt noch wichtige Dokumente beschaffen und bis zum letzten Frachtgut auf der Baustelle bleiben.

Für Kaiserstuhl wird Mo bald nicht mehr verantwortlich sein, das steht schon fest. Sobald die Fabrik in China ausgepackt ist, übernimmt ein anderer den Laden, ein Chefingenieur, ein Mann namens Li. Die Reste der Kokerei sind in Kisten gesteckt, die Kisten in Container, die Container auf Schiffe. Alles läuft nach Plan, nur der Weltmarkt weiß nicht mehr, was er will. Durchgedreht ist er, so sehr, dass er auch deutschen Stahlbossen die Rechnung verdirbt. Als die Kokerei Kaiserstuhl vor vier Jahren aufgegeben wurde, weil der billige Weltmarkt lockte, kostete eine Tonne chinesischer Koks 60 Dollar. In diesem Sommer lag der Preis bei fast 500 Dollar, im Moment sind es 350. Koks ist plötzlich sehr knapp und begehrt. Im nächsten Jahr wird die Lage wohl noch schlimmer, weil China noch weniger Koks an andere Länder abgeben will. Erst steigt der Preis von Koks, danach der von Stahl, danach von Autos, Fahrrädern, Messern. Deutsche Metallbetriebe schlagen verzweifelt Alarm, die Preise, die Preise.

Etwas mehr als den Schrottwert, schätzungsweise 30 bis 50 Millionen Euro, zahlte der chinesische Unternehmer, der den Deutschen Kaiserstuhl abnahm. Käufer und Verkäufer haben sich darauf geeinigt, nichts über den Preis zu sagen. Die Deutschen mussten froh sein, dass einer den Ladenhüter einpackte. Heute käme in Deutschland niemand mehr auf die absurde Idee, eine Kokerei zu schließen. Sollte die Globalisierung einen Sinn für bittere Ironie haben, dann wäre in Dortmund-Mitte eine Pointe geglückt.

Fünf Zinnbecher als Andenken, viel mehr nimmt Mo nicht mit

Eilig hat sich auf der Industriebrache Herr Li angekündigt, der designierte Chef der neuen Kokerei Kaiserstuhl. Mit Kollegen aus der Konzernspitze will er noch schnell Mos Resultate besichtigen, bevor der deutsche Stillstandsbereich das Gerippe übernimmt. Bald wird Mo sein Dortmunder Büro und Schlafzimmer aufgeben, Seibel nur sein Büro. Bald wird Mo den silbrigen Mercedes-Kleinbus im Auftrag seiner Firma verkaufen, Seibel wird seinen kleinen schwarzen Mercedes noch eine Weile behalten. Mo wird fünf Zinnbecher, die er als Andenken auf einem Flohmarkt kaufte, und seine Gedichtblätter in seinen blauen Koffer stecken. Seibel wird zu einer Kokerei in Bottrop wechseln, der letzten, die der Bergbaukonzern RAG noch besitzt. Sie soll mit viel Aufwand erweitert werden, jetzt, da Koks auf dem Weltmarkt so wahnsinnig teuer und Kaiserstuhl abgeräumt worden ist.

In wenigen Tagen werden sich Gerd Seibel und Mo Lishi voneinander verabschieden, wahrscheinlich für immer. Auf mehr als einen flüchtigen Händedruck wird es wohl nicht hinauslaufen. Sobald er "in Anpassung" gehe, sagt Seibel, will er anfangen, sein Fachwerkhaus richtig schön auszubauen. Mo will nichts Besonderes mehr, er will endlich zurück nach Zoucheng. Ein wenig Deutsch habe er gelernt, sagt Mo: "guten Tag, "bis morgen", "Regen", "Entschuldigung", Entschuldigung". "Er wird sich schon durchschlagen, dieser Mo", sagt Seibel.

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