HOME

Atomunfall im AKW Fukushima: Spuren von Plutonium entdeckt

Neue Hiobsbotschaft aus Fukushima: In Bodenproben von mehreren Stellen des Kraftwerkgeländes sind Spuren von Plutonium gefunden worden.

Im Boden rund um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima 1 sind Spuren von hochgiftigem Plutonium entdeckt worden. Dies meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Montag. Das äußerst gefährliche Schwermetall sei an insgesamt fünf Stellen nachgewiesen worden. Dem Kraftwerksbetreiber Tepco zufolge stamme das Plutonium aus Brennstäben der Anlage, die bei dem schweren Erdbeben am 11. März und dem anschließenden Tsunami schwerbeschädigt wurde. Aus welchem Block das Material stammt, war zunächst nicht bekannt.

Tepco hatte zuvor Bodenproben vom Gelände der havarierten Anlage von unabhängigen Spezialisten auf das hochgiftige Plutonium untersuchen lassen. In Fukushima gilt Block 3 als besonders gefährlich, weil es sich bei dessen Brennelementen um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt.

Das radioaktive Plutonium verliert auch nach Tausenden von Jahren nichts von seiner Gefährlichkeit. Gerät der Stoff in den Körper, kann Krebs entstehen. Dringt Plutonium in Wunden ein, verbindet es sich mit Eiweißen des Blutplasmas und lagert sich in Leber und Knochenmark ab. Dort kann Plutonium Leukämie auslösen.

Zuvor war am Montag erstmals außerhalb des Gebäudes vom Reaktor 2 stark radioaktiv verseuchtes Wasser entdeckt worden. In mehreren Kontrollschächten eines unterirdischen Kanals, der aus dem Turbinengebäude des Reaktors hinausführt, habe sich Wasser angesammelt, dessen Radioaktivität bei 1000 Millisievert pro Stunde liege, teilte ein Sprecher der Betreiberfirma Tepco mit.

Zum Vergleich: Die natürliche Radioaktivität in Deutschland liegt laut Gesellschaft für Reaktorsicherheit bei etwa 2,1 Millisievert - und zwar pro Jahr. Der Energiekonzern Tepco hatte nach Beginn der Katastrophe festgelegt, dass die Arbeiter am Atom-Wrack höchstens 150 Millisievert Strahlung pro Noteinsatz abbekommen dürfen.

Radioaktives Wasser möglicherweise direkt ins Meer geflossen

Die Kontrollschächte des Kanals, in dem Kabel und Abwasserleitungen verlaufen, befinden sich rund 60 Meter vom Meer entfernt, sagte der Sprecher. Möglicherweise sei verseuchtes Wasser in den Ozean gelangt. "Wir sind dabei zu prüfen, ob das Wasser direkt in Kontakt mit dem Meer gekommen ist", sagte der Sprecher. Bereits am Sonntag war ähnlich stark radioaktiv verseuchtes Wasser im Untergeschoss des Turbinengebäudes entdeckt worden. Bisher war jedoch außerhalb des Gebäudes kein Wasser entdeckt worden.

Am Montag war auch 30 Meter außerhalb der Reaktoren 5 und 6 stark radioaktiv belastetes Meerwasser entdeckt worden. Nach Angaben der Atomaufsichtsbehörde lagen die Werte radioaktiven Jods 1150 Mal über dem Normalwert. An den beiden Reaktoren wurden zur Zeit des Erdbebens und des anschließenden Tsunamis, der am 11. März Teile der Anlage beschädigte, Wartungsarbeiten vorgenommen. Zuvor waren die Messungen nur südlich des Kraftwerks, vor den Reaktoren 1 bis 4, vorgenommen worden.

Regierung räumt Kernschmelze ein

Zuvor hatte die japanische Regierung erstmals eingeräumt, dass es im Reaktor 2 eine teilweise Kernschmelze gegeben hat, die irgendwann im Lauf der vergangenen zwei Wochen eingesetzt habe. Man glaube aber, dass der gefährliche Prozess gestoppt sei, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die hohe Radioaktivität, die im Wasser in dem dortigen Turbinengebäude entdeckt wurde, sei auf diese teilweise Kernschmerze zurückzuführen, ergänzte der Sprecher. Seine Ausführungen ließen keine Rückschlüsse darauf zu, ob die Außenhülle des Reaktors beschädigt ist.

Der Betreiber des Unglückskraftwerks, Tepco, hat inzwischen seine Angaben zur Verseuchung des Wassers korrigiert. Das Unternehmen spricht jetzt noch von einer 100.000-fach höheren Radioaktivität als normal. Zuvor hatte der Energiekonzern erst gemeldet, die Strahlung sei zehn Millionen Mal höher als sonst - dann hatte Tepco diese Zahl zurückgezogen, ohne neue Werte zu nennen.

Experte: Japan kann Krise nicht allein bewältigen

Auch jetzt gab es zunächst keine genauen Informationen zum Zeitpunkt der teilweisen Kernschmelze. Fachleute hatten schon seit Beginn des Unglücks vor gut zwei Wochen mehrfach vermutet, dass Reaktorkerne so stark überhitzt gewesen sein könnten, dass eine Schmelze begonnen haben könnte.

Nach Einschätzung des Atomexperten Najmedin Meshkati von der University of Southern California ist Japan nicht fähig, die Krise im Alleingang zu bewältigen. "Das ist deutlich mehr als das, was eine Nation alleine bewältigen kann", sagte er und forderte ein Eingreifen des UN-Sicherheitsrates. "Meiner Meinung nach ist dies wichtiger als eine Flugverbotszone über Libyen."

Tepco hat inzwischen einem Medienbericht zufolge französische Firmen um Hilfe gebeten. Es seinen Unternehmen wie EDF und Areva angesprochen worden, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Montag.

Regierung: Tepco-Schlampereien sind "inaktzeptabel"

Regierungssprecher Edano übte scharfe Kritik am Umgang des Betreibers mit den Strahlungs-Messwerten. Das Vorgehen sei "inakzeptabel". Die japanische Atomaufsichtsbehörde wies das Unternehmen zudem an, Maßnahmen zu treffen, damit es nicht wieder zu solchen Irrtümern wie am Wochenende kommt.

Tepco-Vizepräsident Sakae Muto entschuldigte sich für die folgenschwere Panne. Leider gebe es keinen konkreten Zeitplan, um klar zu sagen, in wie vielen Monaten oder Jahren die Krise vorbei sei, sagte er. Tepco-Aktien brachen in Tokio um fast 18 Prozent ein.

Die Schlampereien bei Tepco verstärken die Angst der Menschen in der Unglücksregion. Viele beklagen, sie seien nicht gut genug informiert über die Verstrahlung und die möglichen Folgen für ihre Gesundheit.

Greenpeace fordert Ausweitung der Evakuierungszone

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte zuvor eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um das Atomwrack gefordert. In dem Ort Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, gäbe es eine so hohe Strahlenbelastung, dass eine Evakuierung notwendig sei, erläuterte Greenpeace.

Vor allem für Kinder und Schwangere sei es dort nicht sicher, weil sie bereits innerhalb weniger Tage der jährlich erlaubten Strahlenbelastung ausgesetzt seien, erklärte Greenpeace. Um das Kraftwerk Fukushima 1 gilt derzeit eine 20 Kilometer weite Evakuierungszone. Die Regierung legte Bewohnern im Umkreis zwischen 20 und 30 Kilometern außerdem nahe, freiwillig die Gegend zu verlassen.

Arbeiter an der Atomruine setzten ihre Bemühungen fort, das hoch radioaktive Wasser aus den Gebäuden zu pumpen. Das ist notwendig, damit nicht noch mehr Arbeiter verstrahlt werden und die Stromversorgung zur Kühlung des Kraftwerks, das beim Erdbeben vom 11. März zerstört wurde, endlich in Gang kommt. Bisher wurden 19 Arbeiter bei der Rettungsaktion verstrahlt - sie waren einer Radioaktivität von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt.

Nachbeben der Stärke 6,1 erschüttert Sendai

Unterdessen versetzten Nachbeben die Menschen in der Katastrophenregion weiter in Angst. Am Montagmorgen erschütterte ein starker Erdstoß die Region. Er hatte nach japanischen Angaben eine Stärke von 6,5. Die US-Erdbebenwarte stufte die Stärke dagegen etwas zurück und sprach von 6,1. Das Zentrum des Bebens lag nach Angaben der nationalen Meteorologischen Behörde in Japan vor der Küste der Unglücksprovinz Miyagi in einer Entfernung von 163 Kilometern von Fukushima.

Von dem havarierten Kernkraftwerk wurden jedoch keine weiteren Schäden gemeldet. Eine von den Behörden zunächst ausgegebene Tsunamiwarnung wurde später aufgehoben. Der Bahnbetrieb auf den Hochgeschwindigkeitstrassen wurde nicht beeinträchtigt.

Die Region war vor gut zwei Wochen von einem verheerenden Erdbeben der Stärke 9,0 sowie einem Jahrhundert-Tsunami schwer zerstört worden. Mehr als 10.800 Menschen verloren im Nordosten des Landes ihr Leben, rund 16 000 Menschen gelten als vermisst.

Noch immer müssen gut 243 000 Menschen in Notunterkünften hausen. Die Behörden warnen die Bewohner für die nächste Zeit vor weiteren Nachbeben. Derweil wurden die Aufräumarbeiten am Montag fortgesetzt.

kng/Reuters/DPA/AFP / DPA / Reuters