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Reaktionen in USA zu Nordkorea: "Wir haben keine Kontrolle mehr über die Atomwaffen"

Der Aufstieg Nordkoreas zur Nuklearmacht ist eine weitere Niederlage für die amerikanische Außenpolitik. Die Bush-Regierung wollte nicht direkt mit Nordkorea verhandeln. Jetzt fürchtet man Proliferation, die Weiterverbreitung von Nukleartechnik und Bombenmaterial.

Von Katja Gloger, Washington

Eigentlich ist Charles "Jack" Pritchard niemand, den man ausgerechnet in einer nordkoreanischen Atomanlage vermuten würde. Der Mann war schließlich einst Oberst der US-Armee. Doch er war auch acht Jahre lang für die Nordkorea-Politik der US-Regierung zuständig, er gilt als einer der besten Korea-Experten der USA, er traf Diktator Kim Jong Il persönlich. Charles Pritchard befürwortete stets eine harte Linie gegenüber Nordkorea – aber er befürwortete stets Verhandlungen, direkte Gespräche. Vor drei Jahren kündigte Pritchard entnervt, wie viele Experten. Denn sein damaliger Chef, Präsident George W. Bush, wollte nicht verhandeln.

Doch für die nordkoreanische Führung blieb Pritchard ein wichtiger Kontakt. Vor zwei Jahren lud man ihn ein. Zu seiner Überraschung wurde er wurde nach Yongbyon gefahren. Dort steht Nordkoreas Atomreaktor. Und dort lagern normalerweise die abgebrannten Brennstäbe, in denen auch Plutonium anfällt. Plutonium, das man für den Bau von Atombomben braucht. Zu diesem Reaktor hat eigentlich niemand Zutritt, schon gar kein Amerikaner.

Was Pritchard damals zu sehen bekam, beunruhigte ihn sehr. Er sah nämlich - nichts. Das Wasserbecken, in dem die atomaren Brennstäbe normalerweise kühlen, war leer, die 8000 Brennstäbe verschwunden. "Damals wollten sie mir zeigen, wie weit fortgeschritten ihr Atomprogramm wirklich war", sagt Pritchard. "Die nordkoreanische Führung hatte ihre Lektion aus dem Irak-Krieg gelernt. Die heißt: wer keine Massenvernichtungswaffen hat, der wird angegriffen. Und jetzt hat Nordkorea offiziell noch einmal bestätigt: das Land ist Atommacht."

Experten schätzen, dass Nordkorea heute über genügend Plutonium verfügt, um bis zu 13 Atomwaffen zu bauen. Und der Bombentest Sonntagnacht bewies: Diktator Kim Jong Il kann nun auf den Knopf drücken. Jetzt tagt der UN-Sicherheitsrat, man will weitere Sanktionen beschließen - Sanktionen, die vor allem die hungernden Menschen in Nordkorea wohl noch stärker treffen werden. Es sind hilflose Maßnahmen. Wer einmal Atommacht ist, der bleibt Atommacht. Nordkorea ist die Nummer Neun.

Es ist eine weitere Niederlage für die amerikanische Außenpolitik. Denn vielleicht hätte es die Chance gegeben, die Bombe zu verhindern, zumindest um Jahre zu verzögern.

Mit Hilfe der Atomwaffen will Nordkorea in der Weltwirtschaft mitspielen

Für Nordkorea war die Drohung mit der Bombe stets die Eintrittskarte für Verhandlungen. Sie war der Preis, mit dem sich das geächtete Land den Weg in die Welt erkaufen wollte. Anerkennung, Wirtschaftsbeziehungen, Sicherheit. Und vor allem einen Friedensvertrag für die koreanische Halbinsel, garantiert durch die Supermacht USA. Dort sind immer noch Zehntausende US-Soldaten stationiert. Man forderte direkte Gespräche mit den USA, immer trotziger, immer drohender.

Die Bush-Regierung war bislang nicht zu ernsthaften Gesprächen bereit. Der Präsident verhandelt nicht mit "Bösen", heißt es. Dabei hätte er vielleicht eine echte Chance gehabt.

Clinton plante Luftschlag gegen Reaktor

Denn es war sein Vorgänger Bill Clinton, der beinahe in den Krieg gegen Nordkorea gezogen wäre. Es war 1994, als die nordkoreanische Führung ankündigte, man werde nunmehr Plutonium produzieren. Dazu mussten die Brennstäbe aus dem Yongbyon-Reaktor entfernt werden. Heute weiß man: Dieser geplante Abtransport war die „rote Linie“ für die damalige US-Regierung. Clinton war fest entschlossen, dies nicht zu zulassen - auch um den Preis einer US-Militäraktion. Man plante einen Luftschlag gegen den Reaktor. Auch Südkorea gab damals sein Einverständnis - obwohl die Hauptstadt Seoul im Schussfeld der mächtigen nordkoreanischen Artillerie liegt.

Im letzten Moment konnte Ex-Präsident Jimmy Carter vermitteln. Doch das Signal an Nordkorea war klar: man werde nicht zulassen, dass Kim Jong Il die Atombombe baut. Verhandlungen führten schließlich zu der so genannten "Rahmenvereinbarung" von 1994. Der Deal: Nordkorea würde den Reaktor von Yongbyon einfrieren, die USA im Gegenzug zwei Leichtwasser-Atomkraftwerke und Öl zur Energieversorgung liefern, daneben weitere Hilfsleistungen, etwa Lebensmittel für die Bevölkerung.

"Kim Jong II hat strategische Entscheidung getroffen

Es war eine komplizierte Vereinbarung, ständig kam es zu Störmanövern, Nordkorea kooperierte nicht. Da wollte man etwa Finanzhilfe aus Japan. Und testete zur gleichen Zeit eine Langstrecken-Rakete - und zwar genau über Japan. Man spionierte weiter gegen Japan und Südkorea. Vor allem aber begann man mit einem geheimen, zweiten Atomwaffenprogramm, die Technologie dazu kam aus Pakistan. Dennoch ist Charles Pritchard, damals der Nordkorea-Verantwortliche im Nationalen Sicherheitsrat, überzeugt: "Kim Jong Il hatte eine strategische Entscheidung getroffen. Die Arbeit am Waffenprogramm wurde zunächst gestoppt. Inspektoren der Atomenergiebehörde IAEA wurden ins Land gelassen."

Albright "tanzte mit Diktator

Und im Oktober 2000 reiste die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright nach Nordkorea, sie verhandelte mit dem grausamen Diktator, der Millionen seiner Landsleute ins Gulag steckte oder verhungern ließ. Der Mann war gut informiert, er sieht CNN und japanisches Fernsehen, und er wusste genau, was er wollte: Sicherheit für sein Regime: "Ich muss meinen Generalen Sicherheit geben können." Immerhin, er kündigte Wirtschaftsreformen an. "Sie tanzte mit einem Diktator", schäumen die Republikaner bis heute über die Realpolitik der damaligen US-Außenministerin. Die kontert kühl: "Kim Jong Il ist böse, er lebt in einer völlig irrealen Welt, sein Regime ist mörderisch und unmenschlich. Aber es gibt für uns keinen Grund, nicht mit ihm zu reden."

Bush ignorierte drohende Gefahr

Das sah - und sieht - US-Präsident Bush offenbar anders. Er erklärte Nordkorea zur "Achse des Bösen". Er könne kotzen, wenn er an Kim Jong Il denke, sagte er. Er sah keinen Anlass zu Gesprächen, gar weiteren Verhandlungen. "Nordkorea ist keine Krise", hieß es im Weißen Haus sogar noch, als Nordkorea 2002 die Atominspektoren aus dem Land warf und die 8000 Brennstäbe aus dem Atomreaktor an einen geheimen Ort abtransportierte. Damit war klar: die rote Linie war überschritten. Nordkorea würde nun das Material für die Bombe sammeln. Doch Bush ignorierte die drohende Gefahr. Amerikanischen Unterhändlern wurde verboten, direkte Kontakte aufzunehmen. Bei den Sechs-Parteien-Gesprächen in Peking saßen die Amerikaner am Katzentisch, sie hatten nie ein echtes Mandat.

Außerdem plante der US-Präsident damals den Krieg gegen den Irak. Erst in den vergangenen Monaten wurden im Weißen Haus und im US-Außenministerium erste Überlegungen angestellt, eventuell über ein Friedensabkommen für die koreanische Halbinsel zu verhandeln – unter Einschluss der USA.

Doch vielleicht ist es dazu zu spät.

USA hat Kontrolle verloren

Denn nachdem die UN-Waffeninspekteure das Land verlassen mussten, konnte Nordkorea sein atomares Arsenal innerhalb von nur zwei Jahren vervierfachen. Nach einem US-Geheimdienstbericht ist Nordkorea bereits jetzt in der Lage, jedes Jahr genug Plutonium für eine weitere Bombe zu produzieren. "Und in wenigen Jahren könnte Nordkorea mehr Plutonium besitzen, als es zur Abschreckung selbst benötigt", sagt der US-Nuklearexperte David Albright. "Dann könnte das stets bankrotte Regime Plutonium an Dritte verkaufen." Und genau das befürchtet man jetzt auch in Washington: Proliferation, die Weiterverbreitung von Nukleartechnik oder gar Bombenmaterial. Nordkorea verkaufte dem Iran, der vermutlich ebenfalls an der Atombombe bastelt, bereits Raketentechnologie. "Das Schlimmste ist", meint Charles Pritchard, "wir haben keine Kontrolle mehr, weder über Atomwaffen noch über das nukleare Material." Und Nordkorea weiß, womit es die Welt erpressen kann. Während der Sechs-Parteien-Gespräche in Peking drohten die Nordkoreaner schon mal, sie könnten ihre Bomben ja auch verkaufen.