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Hitzewelle in Kanada Nach fast 50 Grad nun Waldbrände in Lytton: "Die ganze Stadt steht in Flammen"

Blick auf das Sparks Lake Wildfire unweit von Lytton
Das sogenannte Sparks Lake Wildfire oberhalb von Lytton in Kanada. Die Flammen breiten sich in der von Rekordhitze ausgedörrten Land rasend schnell aus.
© BC Wildfire Service / AFP
Auf die extreme Hitze folgen die Waldbrände: In Lytton, dem Ort, in dem mit fast 50 Grad ein neuer Hitzerekord für Kanada registriert wurde, treiben nun ausgedehnte Feuer die Menschen aus ihren Häusern. "Es ist schrecklich", sagt der Bürgermeister.

Nach tagelangen Hitzerekorden haben die Bewohner der kanadischen Ortschaft Lytton wegen lodernder Flammen aus ihren Häusern fliehen müssen. Bürgermeister Jan Polderman habe am Mittwochabend die Evakuierung des Ortes in der Provinz British Columbia angeordnet, berichtete der TV-Sender CBC. Im benachbarten Merritt wurde eine Aufnahmestation eingerichtet.

"Es ist schrecklich. Die ganze Stadt steht in Flammen", sagte er dem Sender. "Es dauerte etwa 15 Minuten von den ersten Rauchanzeichen bis zu dem Punkt, an dem plötzlich überall Feuer war." Zuvor hatte Lytton drei Tage in Folge Hitzerekorde  für Kanada verzeichnet.

Wetter im Ausblick: Steht uns ein Sommer der Extreme bevor? (Video)

West-Kanada: "Alles ist total trocken"

49,6 Grad Celsius hatte das Thermometer nach Angaben der Wetterbehörde am Dienstag in dem Ort mit etwa 250 Einwohnern angezeigt, ein "Allzeit-Temperaturrekord". Lytton liegt rund 260 Kilometer nordöstlich von Vancouver. Wegen der Brände mussten sich nun viele Bewohner teils ohne ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen, wie CBC berichtet. Die Feuerwehr meldete auf Twitter mehrere Brände in der Gegend. Angaben zu den genauen Ausmaßen lagen zunächst nicht vor.

"Alles ist total trocken und jeder hat Sorge vor den Waldbränden. Die ersten Feuer haben jetzt schon viel zu früh begonnen", erzählte Heike Schmidt, eine Wahl-Kanadierin aus Göttingen, schon vor Ausbruch des neuen Brandes der Nachrichtenagentur DPA . Gewöhnlich wüten die schlimmsten Brände am Ende eines heißen, trockenen Sommers, doch in den letzten Jahren ist die "Waldbrandsaison" im Westen Nordamerikas deutlich länger geworden, vor allem in Dürreperioden, mit wenig Winterniederschlägen, wie in diesem Jahr.

Nachts noch 30 Grad: "Wie in einem Ofen"

Die extreme Hitze an der Pazifikküste Kanadas und der USA ist für die Region mehr als außergewöhnlich. In den vergangenen Tagen wurden praktisch täglich neue Temperaturrekorde aufgestellt, die schon am nächsten Tag wieder übertroffen wurden. "Das war wirklich wie in der Wüste von Death Valley", erzählte Wahl-Kanadierin Schmidt. "Wir hatten in Victoria 46 Grad Celsius und nachts noch 30 Grad, wie in einem Ofen".

Die Stadtplanerin aus Göttingen lebt seit über 20 Jahren in Kanada, derzeit in Victoria, der Hauptstadt der Provinz British Columbia, auf Vancouver Island. Für eine derart "unnormale" Hitze, sei dort niemand gerüstet, sagt die zweifache Mutter. Kaum jemand hat Klimaanlagen, die Holzhäuser heizen sich auf. Die Nachbarn hätten im Garten geschlafen, sie selbst hätten sich mit Wasser besprüht und im Schatten Zuflucht gesucht. Ventilatoren in den Geschäften waren schnell ausverkauft. "Als dann Berichte kamen, dass Menschen sterben, wurde es echt gruselig", sagt Schmidt.

Ernteausfälle drohen: Die Brombeeren "verbrennen"

Nach Angaben der Behörden hat die gefährliche Hitze zu Hunderten Todesfällen beigetragen. Von Freitag bis Mittwoch seien in der Provinz British Columbia 486 plötzliche und unerwartete Todesfälle gemeldet worden, teilte die Gerichtsmedizin der Westküsten-Provinz mit. Diese Zahl werde vermutlich noch steigen. Sie liege 195 Prozent über dem Durchschnitt. Die Behörde geht davon aus, dass der starke Anstieg mit der extremen Hitze zusammenhängt. 

Das Ausnahmewetter bringt zudem weitere Sorgen. Auf Vancouver Island klagen Obstbauern über Ernteverluste. Die Brombeeren würden regelrecht "verbrennen", sagte ein Farmer. Zudem seien 80 Prozent seiner Himbeerernte vernichtet. 

USA: Rekordhitze in Seattle, frühe Waldbrände in Kalifornien

Auch im Westen der USA wurden in den vergangenen Tagen Rekordtemperaturen gemessen. In Seattle, der größten Stadt des Bundesstaates Washington, waren in der Vergangenheit nur an drei Tagen Temperaturen an die 100 Grad Fahrenheit (etwa 38 Grad) gemessen worden, nun wurde diese Marke an mehreren aufeinander folgenden Tagen übertroffen. Und das ohnehin häufig unter Trockenheit leidende Kalifornien wurde wieder früh von Busch- und Waldbränden erwischt.

Im Norden des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaates kämpften am Mittwoch fast tausend Feuerwehrleute gegen einen Waldbrand nahe der Ortschaft Weed. Die Flammen hatten sich in wenigen Tagen auf eine Fläche von 70 Quadratkilometern ausgebreitet. Das Feuer war durch einen Blitzschlag ausgelöst worden. Heftige Winde bei weiter trockenem und heißem Wetter verschärften die Lage. Über tausend Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser in der Gefahrenzone zu verlassen. 2020 hatte Kalifornien eine "historische" Katastrophe erlebt. Es war die flächenmäßig verheerendste Waldbrandsaison seit Beginn der Aufzeichnungen. Mehr als 30 Menschen kamen ums Leben, über 10.000 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.

Gegenüberstellung von grüner Wiese und einer verdorrten Wiese

"Der Klimawandel ist hier"

Nach Einschätzung von Wissenschaftlern verschärft der Klimawandel Trockenheit, Hitze und Wetterextreme, die zu heftigeren Waldbränden beitragen können. "Der Klimawandel ist hier", schrieb der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom auf Twitter. Es werde ständig heißer und trockener. Der Demokrat hatte zuvor mit anderen Gouverneuren an einem virtuellen Treffen mit US-Präsident Joe Biden teilgenommen. Diskutiert wurden Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen. Biden stellte unter anderem höhere Löhne und bessere Ausrüstung für Feuerwehrleute in Aussicht. Er warnte, dass dieses Jahr mit Blick auf die Waldbrände noch schlimmer als 2020 werden könnte.

Newsom hatte bereits im April einen Dürre-Notstand für die Mehrzahl der kalifornischen Bezirke ausgerufen. Niederschläge und die Schneedecke in den Bergen, die gewöhnlich die Wasserreservoire füllen, sind auf einem kritischen Tiefstand. In einigen Regionen ist Wassersparen bereits Pflicht. In Marin County, nördlich von San Francisco, mit der schlimmsten Dürre seit Beginn der Aufzeichnungen vor 143 Jahren, müssen Anwohner ihren Wasserkonsum drosseln. Autowaschen ist verboten, Gärten dürfen nur zweimal pro Woche bewässert werden, und das nur am frühen Morgen oder abends. Weitere Auflagen könnten bald folgen. 

dho DPA

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