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Loveparade-Veranstalter Schaller: Fitmacher in Erklärungsnöten

Mit seiner Billig-Fitnesskette McFit machte Rainer Schaller Millionen. Dann wurde er Chef der Loveparade. Nun ist sein Gesicht auf ewig mit der Tragödie von Duisburg verbunden. Ein Porträt.

Von Katharina Miklis

Rainer Schaller steht unter Schock. Seine Stimme ist ganz ruhig, fast emotionslos. Die Worte, die der Loveparade-Chef weniger als 24 Stunden nach der Tragödie von Duisburg am Sonntagmittag auf der Pressekonferenz der Stadt finden muss, liest er monoton von einem Zettel ab. Der Blick in die Augen der Journalisten, die nach Antworten suchen, fällt ihm sichtlich schwer. Manchmal fehlen die Worte ganz. Seine Haut ist gebräunt, der Vollbart ergraut, seine dicken Ohrringe und Ketten hat er für diesen Anlass abgelegt. Im schwarzen Hemd versucht der 41-Jährige, sich den Geschehnissen zu stellen. Und bringt doch nur belanglose Floskeln über die schmalen Lippen.

Wie kann es sein, dass all diese Menschen, eine Million, vielleicht erheblich weniger, vielleicht erheblich mehr, Zigtausende in jedem Fall, durch diesen einen Tunnel geschleust wurden? Wer hat was versäumt? Kurz: Wer trägt die Verantwortung für den Tod von 19 Menschen? Das sind die Fragen, die dieses ungeheure Unglück nach sich zieht. Das sind die Fragen, die Schaller beantworten muss. Dabei war die Loveparade eigentlich ein Höhepunkt der steilen, hart erarbeiteten Karriere dieses Selfmade-Millionärs - und könnte jetzt doch ihr Ende bedeuten. Schallers Gesicht wird nun auf ewig mit der Tragödie von Duisburg verknüpft sein.

Vorbild Arnold Schwarzenegger

Wer ist dieser Mann, der einst die Loveparade rettete und nun mit brüchiger Stimme ihr Aus verkündete? Schaller, geboren 1969 in Bamberg, absolviert eine kaufmännische Ausbildung bei dem Lebensmittelunternehmen Edeka in der mittelfränkischen Provinz. Opa und Mutter arbeiten auch dort, der Vater bei Siemens. In der Schule sei er nicht der Hellste gewesen, sagt Schaller später über sich selbst, aber er ist fleißig, arbeitet hart. Während sein älterer Bruder studiert und Dirigent wird, leitet er mit 27 Jahren vier Edeka-Filialen in Süddeutschland. Das ist schon etwas. Schaller entscheidet sich trotzdem für das Risiko. Er will etwas Eigenes auf die Beine stellen: ein Fitnessstudio. Für seine erste eigene Muckibude in Würzburg spart der Hobby-Kraftsportler, dessen Vorbild Arnold Schwarzenegger ist, mit Müh' und Not das Geld für gebrauchte Geräte zusammen. Eine alte Möbelhalle renoviert er fast im Alleingang. Angestellte kann er sich nicht leisten, ist Mädchen für alles. Der Name des Unternehmens: McFit. 1997 wird das erste Studio eröffnet.

13 Jahre später ist Schaller Besitzer des millionenschweren McFit-Imperiums, welches das Prinzip im Namen trägt: Das Konzept des mitgliederstärksten Fitnessstudios mit Proll-Image sind extrem günstige Monatsbeiträge (16,90 Euro im Monat), für die der Kunde akzeptiert, dass auf Wellnessangebote wie Sauna oder Sportkurse verzichtet wird. Personal, Energie, Deko - alles was Geld kostet spart Schaller drastisch ein. Sogar Duschen kostet extra. Schaller hat die Fitnessbranche aldisiert. Alle 130 spartanisch eingerichteten Studios in Deutschland haben jeden Tag 24 Stunden geöffnet. McFit ist die Nummer eins auf dem Fitness-Markt. Und das obwohl die Kette oft als Unterschichten-Muckifabrik abgestempelt wurde. Vor einem Jahr eröffnete Schaller, der sich selbst als "Kampfschwein" bezeichnet, das erste Studio auf Mallorca - mit Meerblick und Open-Air-Bereich. Das Maskottchen von McFit, eine Banane in Turnschuhen, ist auch unweit des Ballermann gern gesehen. Und obwohl der unkonventionelle Unternehmer Schaller im vergangenen Jahr über 130 Millionen Euro umsetzte, besitzt er noch heute eine der vier Edeka-Filialen, mit denen seine Karriere einst begann.

Mit dem VW-Bus durch Pakistan

Der Muskelmacher feiert gern. Auf der Yacht im Mittelmeer. Oder im hippen Berlin, wo er in einer Männer-WG wohnt. Mit seinen Freunden guckt er gerne Fußball. Er hat eine Schwäche für schnelle Autos, Lamborghini, Corvette... Mit den Klitschko-Brüdern ist er per Du. Bei Stefan Raabs TV-Events "Stock Car Crash Challenge" oder der "Wok-WM" auf ProSieben steigert Schaller als Sponsor die Bekanntheit seiner Marke. Die "McFit FightNight", in der Stefan Raab gegen Regina Halmich in den Ring steigt, schalten zehn Millionen Zuschauer ein. Schaller hat ein Gespür für ausgefallene Marketingaktionen. Am liebsten, das verriet er der "Main Post" vor einem Jahr, sei er jedoch bei seiner Freundin in Unterfranken. Dort könne er ausspannen. Er liebe den Wein und die Ruhe. Wenn ihm in Deutschland trotzdem alles zu viel wird, setzt er sich mit Freunden in einen VW-Bus und reist durch Pakistan oder den Iran. Oder er umsegelt die Welt. Er stellt sich gerne als jemanden dar, der keine Herausforderung fürchtet. Dies war auch einer der Gründe, warum der Unternehmer mit der "Geht nicht, gibt's nicht"-Einstellung die totgesagte Loveparade rettete. Er saß 2005 mit seiner Freundin auf dem Balkon, als er vom drohenden Aus der Techno-Massenparty in der Zeitung las und erkannte sofort den Wert der Marke Loveparade. Seine Reaktion: "Dann machen wir es halt".

Marketing-Heuschrecke Schaller kauft Loveparade

Schaller kaufte die Markenrechte und übernahm die Organisation. Ein Raver ist er nicht. Er hört gerne elektronische Musik, hat als Kind Klavier gespielt. Als er 2006 erstmals die Loveparade in Berlin ausrichtet, öffnet er sie auch für andere Musikstile als Techno. Die Besucher lässt er im Internet abstimmen, welche DJs er einladen soll. Loveparade-Gründervater Matthias Roeingh alias Dr. Motte bezeichnete Schaller als "Marketing-Heuschrecke" und steigt aus.

Zunächst zusammen mit einem Freund, kümmert sich Schaller seit dem letzten Berliner Umzug von 2006 alleine um das Geschäft mit dem Rave. Schaller ist Geschäftsführer der ehemaligen Loveparade GmbH: der Lopavent GmbH. Lopavent sitzt in Berlin und der Malocher Schaller ist hier Chef von 40 Mitarbeitern. Auch den McFit-Hauptsitz (3000 Mitarbeiter) verlegt er nach Berlin, residiert im Prenzlauer Berg - zwischen StudiVZ und Til Schweigers Büro. Seine Technoparty im Ruhrgebiet wurde zuletzt in mehr als 50 Ländern im Fernsehen übertragen. Dass die Loveparade längst zum beeindruckenden Werbeinstrument für Schallers europaweite Expansionspläne mit McFit geworden sind, tut der fränkische Unternehmer als angenehmen Nebeneffekt ab. Der Reiz des Unmachbaren sei für ihn viel mehr ausschlaggebend gewesen, so Schaller. 2007 bringt er die Loveparade ins Ruhrgebiet. Er sei ein risikobereiter Typ, sagte er mal. Im unternehmerischen Sinne. Im Ruhrgebiet will Schaller die Parade in nie dagewesenen Dimensionen ausrichten. Die Ausgaben von 2007 (Essen) und 2008 (Dortmund) werden zum Erfolg. 2009 fällt das Rudeltanzen in Bochum wegen Sicherheitsbedenken aus.

Spenden für ein "Herz für Kinder"

Zeit für Rainer Schaller sich um andere Projekte zu kümmern: Anfang 2009 ersteigert der Fußballfan, der sagt, er habe mehr Geld, als er je ausgeben könne, für eine Million Euro ein Spiel des FC Bayern gegen die Promi-Mannschaft "McFit-Allstars", das bei Sat1 übertragen wird. Mit einer Million Euro aus eigener Tasche spendet er zusammen mit den Erlösen aus dem Spiel die Rekordsumme von 1.111.111 Euro für "Ein Herz für Kinder".

Auch in Duisburg will Schaller Rekorde brechen. Die Massenveranstaltung soll noch größer werden. Noch besser. Noch bekannter. McFit soll als "Hauptsponsor der größten Party der Welt" in den Köpfen der potenziellen Kunden bleiben.

Die Party ist vorbei. Am 24. Juli starben 19 Menschen bei der Loveparade in Duisburg. Loveparade-Erfinder Dr. Motte hat Schaller bereits als Mitverantwortlichen ausgemacht: "Die wollen nur Profit. Menschenleben sind denen doch egal." Ob Schallers Maxime größer, billiger, noch billiger, die ihn mit seiner Fitnesskette zum Millionär machte Schuld daran ist, dass Menschen sterben mussten, muss jetzt geklärt werden.