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Tod eines Schwarzen in Minneapolis: Polizist, der auf George Floyds Nacken kniete, hat Historie von Beschwerden gegen sich

Der Afroamerikaner George Floyd starb, nachdem ein weißer Polizist in Minneapolis sich minutenlang auf seinen Nacken gekniet hatte. Gegen den Beamten waren zuvor offenbar bereits 18 Beschwerden eingereicht worden.

Neues Video aufgetaucht: Drei statt nur einem Polizisten knieten auf George Floyd

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in der US-Großstadt Minneapolis ist mehr über die beteiligten Einsatzkräfte bekannt geworden. Laut US-Medien war der mittlerweile entlassene Derek C., der mehrere Minuten lang auf Floyds Nacken kniete, bevor dieser starb, seit 19 Jahren bei der Polizei von Minneapolis beschäftigt. In dieser Zeit seien 18 Beschwerden bei der Abteilung für innere Angelegenheiten gegen ihn eingereicht worden, berichtet der US-Sender CNN. Nur zwei der 18 Beschwerden hätten eine Maßregelung zur Folge gehabt. In beiden Fällen habe C. laut öffentlich zugänglichen Dokumenten der Abteilung einen schriftlichen Verweis erhalten.

Festgenommener fleht um Hilfe

Floyds Tod sorgt in den USA seit Tagen für schwere Ausschreitungen. Auslöser für den Zorn und die Empörung war ein rund zehn Minuten langes Video von der Festnahme des 46-Jährigen am Montag. Darauf ist zu sehen, wie der weiße Derek C. sein Knie mehrere Minuten lang in den Nacken des am Boden liegenden und mit Handschellen gefesselten Afroamerikaners drückt.

Ein mittlerweile aufgetauchtes zweites Video zeigt, dass zeitgleich zwei weitere weiße Polizisten auf Floyds Körper und Beinen knien, während dieser wiederholt um Hilfe fleht. "Ich kann nicht atmen", presst Floyd mehrfach hervor und ruft nach seiner Mutter, bevor er das Bewusstsein verliert. Wenig später wird er in einem nahen Krankenhaus für tot erklärt.

An dem Einsatz waren insgesamt vier Polizisten beteiligt. Sie wurden entlassen, aber bislang weder festgenommen noch angeklagt. Neben Derek C. weist ein weiterer der involvierten Beamten eine Historie von Beschwerden auf. Gegen Tou T. seien sechs Beschwerden bei der Abteilung für innere Angelegenheiten eingereicht worden, berichtet CNN. Eine davon sei noch offen, die anderen fünf seien folgenlos geblieben.

Im Jahr 2017 war Tou T. zudem Beschuldigter in einer Klage wegen exzessiver Gewaltanwendung, wie der Sender weiter berichtet. Demnach wurde T. und einem weiteren Beamten von einem Mann vorgeworfen, sie hätten ihn im Oktober 2014 unrechtmäßig festgenommen und dabei einer "grausamen und ungewöhnlichen" Bestrafung unterzogen. Der Klage zufolge sollen die Polizisten "unangemessene Gewalt" angewendet haben, darunter "Faustschläge, Tritte und Kniestöße gegen Gesicht und Körper," während das Opfer wehrlos gewesen sei und Handschellen getragen habe. Der Festgenommene habe "herausgebrochene Zähne, Blutergüsse und ein Trauma" erlitten, zitiert CNN aus der Klageschrift. Die Stadt Minneapolis habe an das Opfer und seinen Anwalt schließlich 25.000 Dollar gezahlt, um den Rechtsstreit beizulegen, zugleich aber - ebenso wie die Beklagten - jede Haftungsverpflichtung von sich gewiesen.

Ein Mann steht in der Nacht vor einem brennenden Gebäude

Eine Beschwerde gegen einen Polizeibeamten könne von jedermann eingereicht werden, unabhängig davon, ob sie berechtigt ist oder nicht, erklärte Mylan Masson, pensionierte Polizistin und langjährige Expertin für Polizeiausbildung am Hennepin Technical College in Eden Prairie, einem Vorort von Minneapolis, dem US-Sender NBC. Und Beamte, die häufig mit der Öffentlichkeit zu tun hätten, könnten auch häufiger Gegenstand von Beschwerden sein. Bei einem Gerichtsverfahren werde die Disziplinarakte eines Beamten aber auf jeden Fall geprüft.

Weiteres Video scheint Polizeiangaben zu widerlegen

Unterdessen ist ein weiteres Video der dramatischen Ereignisse vom vergangenen Montag aufgetaucht, das die Behauptung der Polizisten zu widerlegen scheint, George Floyds habe sich seiner Festnahme widersetzt. Die Aufnahmen aus einer Überwachungskamera eines Restaurants zeigen den ersten Kontakt zwischen den Beamten und Floyd. Zwar sind die Interaktionen der Beteiligten aus der Kameraperspektive nicht durchgängig zu sehen, dennoch deutet nichts darauf hin, dass der 46-Jährige sich körperlich gewehrt hat.

Tod von George Floyd: Erneut Debatte um Polizeigewalt in den USA

In dem Video nähern sich zwei Polizisten einem vor dem Restaurant geparkten Fahrzeug, in dem Floyd und zwei weitere Personen sitzen. Die Beamten scheinen Floyd neben dem Auto Handschellen anzulegen und dieser scheint zu fallen, bevor ein Beamter ihn hochhebt, auf den Bürgersteig führt und ihn an eine Wand setzt. Später hilft der Polizist Floyd wieder auf die Beine und führt ihn gemeinsam mit seinem Kollegen über die Straße zu ihrem Einsatzwagen. Floyds Gang wirkt unsicher, seine Beine scheinen ihm wegzuknicken und neben dem Fahrzeug scheint er erneut zu fallen, bevor ein zweites Polizeifahrzeug die Sicht der Überwachungskamera blockiert. An keiner Stelle des Videos scheint Floyd sich gegen die Beamten zu wehren.

Die Polizei hatte nach Floyds Tod erklärt, die Beamten seien an den Ort gekommen, um einen Betrugsfall zu untersuchen. Floyd habe Widerstand geleistet, doch die Einsatzkräfte "konnten den Verdächtigen in Handschellen bekommen und stellten fest, dass er medizinische Hilfe zu brauchen schien", hieß es. Die Beamten hätten daher einen Krankenwagen gerufen. Unklar blieb jedoch, ob die Polizei damit meinte, Floyd habe dem Anschein nach bereits medizinische Hilfe benötigt, bevor Derek C. ihm minutenlang sein Knie in den Nacken presste.

Fälle von tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze sorgen in den USA immer wieder für Empörung. Dazu trägt auch bei, dass derartige Übergriffe immer häufiger mit Smartphones gefilmt werden und so an die Öffentlichkeit gelangen.

Zuletzt hatte ein Handyvideo aus dem Bundesstaat Georgia für Aufsehen gesorgt. Es zeigt, wie der schwarze Jogger Ahmaud Arbery (25) von weißen Männern offenbar angegriffen und dann erschossen wurde. Nach der Tat im Februar hatte es zwei Monate gedauert, bis es in dem Fall erste Festnahmen gab. Erst die Veröffentlichung eines Videos der Tat hatte die Ermittlungen in Gang gebracht.

Der aktuelle Vorfall in Minneapolis erinnert an den ebenso auf Video festgehaltenen Tod des Afroamerikaners Eric Garner. Der damals 43-Jährige wurde 2014 von New Yorker Polizisten zu Boden geworfen; sie drückten ihm die Luft ab, später starb er im Krankenhaus. Die letzten Worte, die Garner in seinem Leben von sich gab, waren die gleichen, die auch George Floyd hervorpresste: "I can't breathe" ("Ich kann nicht atmen"). Sie wurden zu einem Slogan der Bewegung "Black Lives Matter". Diese setzt sich für Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen in den USA und gegen Polizeigewalt ein.

Quellen: CNNNBC