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Ölpest im Golf von Mexiko: Wir sind alle BP

An der Ölpest im Golf von Mexiko ist nicht nur BP Schuld. Es ist auch unser unstillbarer Öldurst, der die Konzerne dazu bringt, der Erde den letzten Rest des kostbaren Rohstoffs abzuringen.

Ein Kommentar von Niels Kruse

Mit zähem Öl verklebte Vögel, unter schwarzem Schlick begrabene Strände, Mangroven, in denen sich das Schmiermittel der Globalisierung für immer festzusetzen scheint: Die Bilder, die aus dem Mississippi-Delta um die Welt gehen, sind fürchterlich. Sie machen traurig angesichts der unvorstellbaren Schäden, die das ausströmende Öl anrichtet. Und sie machen wütend auf Ölmultis wie BP und ihre Partnerfirmen, die nicht in der Lage sind, Förderplattformen sicher zu betreiben.

Sich über die Ölpest zu empören, die dem Untergang der "Deepwater Horizon" folgte, gehört zum guten Ton, ist einfach, aber auch wohlfeil. Denn selbst wenn korrupte Behörden unerprobte Bohrtechniken genehmigen und Mineralölkonzerne nicht wissen, was im Fall des Unglückfalles zu tun ist - eine Mitschuld an der Tragödie vom Golf von Mexiko trifft uns alle.

Ob als Konsument, der im Supermarkt kiloweise Kunststoffe kauft. Als Urlauber, der tonnenweise Kerosin in die Luft bläst. Als Arbeitnehmer, der seinen Weg zum Job im Auto zurücklegt. Als Bürger, der seine Regierung nicht genug zu einer Energiewende drängt. Es ist schlicht unser Durst nach Öl, der die Nachfrage antreibt. Es ist unser Durst, der Firmen wie BP dazu anstachelt, dem Planeten immer mehr schwarzes Gold abzupressen - in immer größeren Tiefen, mit immer aufwändigeren Bohrungen, mit immer unkalkulierbareren Risiken.

14 Milliarden Liter Öl werden täglich verbraucht

Rund 86 Millionen Barrel Erdöl werden laut der Internationalen Energieagentur, einer Unterbehörde der OECD, jeden Tag weltweit verbraucht. Das entspricht einem Volumen von rund 14 Milliarden Litern täglich - notwendig für Benzin und Diesel, für Medikamente, Düngemittel und Textilien, für Verpackungen, Waschmittel und Farben. Allein für Kunststoffe wird in Deutschland ein Viertel des Öls verwendet. Die Kunststoffindustrie berichtet erfreut, dass ihre Umsätze seit 1950 im Schnitt um neun Prozent gewachsen sind - pro Jahr. Auch die aktuellen Zahlen deuten darauf hin, dass der Kunststoffhunger noch lange nicht gestillt ist.

Das hat direkte Folgen für den Ölverbrauch, der in Deutschland zwischen 2007 und 2008 um 4,7 Prozent gestiegen ist. In den USA, dem größten Ölschlucker der Welt, war der Konsum zwar zuletzt rückläufig, hat in den vergangenen Jahren aber insgesamt zugenommen. Das gilt auch weltweit: Die Internationale Energieagentur schätzt, dass der Bedarf um ein Prozent pro Jahr steigen wird.

Der Hauptgrund dafür ist, dass allein der Plastikkram, der den Alltag frisch, praktisch und bunt macht, all die Kaffeeverpackungen, der Leim und die Druckerschwärze für Bücher, Zahnpastatuben, Kugelschreiber, Panini-Bildchen, PET-Flaschen, CD-Rohlinge, Einkaufstüten und Blumentöpfe aus den Fabriken in die Supermärkte und von dort in die Stuben der Konsumenten, also zu uns allen gelangen muss. Mehr als die Hälfte des weltweit produzierten Erdöls wird von Autos und Lkw, von Bussen und Schiffen verbrannt - und die Gesamtmenge steigt gerade dann, wenn es der Wirtschaft gut geht und viele Menschen viele Waren kaufen. Wer eine blühende Wirtschaft will, muss auch eine blühende Erdölindustrie in Kauf nehmen.

Zwei, drei Mal im Jahr grassiert die Benzinwut

Die Kehrseite des gewünschten Wohlstands: ein steigender Ölpreis, den die Autofahrer am deutlichsten an der Zapfsäule zu spüren bekommen. Deutschland gerät zwei bis drei Mal im Jahr in Benzinwut, wenn, meistens zu Beginn der wichtigen Ferienzeiten, die Ölkonzerne die Spritkosten hochsetzen. Zwar mag die Preisgestaltung auf fragwürdige Weise zustande kommen - doch die Empörungswelle zeigt vor allem, dass Treibstoff als Grundnahrungsmittel betrachtet wird, wie Bier und Brot, dauerverfügbar und billig. Wer kann es den Ölkonzernen verdenken, dass sie diese Nachfrage stillen wollen?

Das Problem ist nur, dass der Rohstoff langsam ausgeht. Experten sind sich uneinig darüber, wann genau der "Peak Oil" erreicht ist, der Punkt, von dem an nicht mehr Öl gefördert werden kann. Einige glauben, er sei bereits 2007 überschritten worden und die Vorräte werden in den nächsten 30 bis 40 Jahren aufgebraucht sein. Die größten Rest-Ressourcen, so der aktuelle Stand, liegen kilometertief unter den Weltmeeren, vor allem im Golf vom Mexiko, vor Westafrika und der brasilianischen Küste. Wegen der politisch angespannten Lage in den klassischen Petrostaaten des Nahen Ostens bohren sich die Ölgesellschaften deshalb in 3000 Meter Tiefe vor, um dem Volk zu geben, was das Volk wünscht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Zahl der Autos steigt rasant, doch alternative Antriebe haben es weiter schwer. Die Politik greift nicht hart genug durch, doch die Benzinpreise sind sakrosankt

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Zugegeben: Der Bedarf steigt vor allem in den Schwellenländern. So wird die Zahl der Pkw in den nächsten sieben Jahren weltweit um 20 Prozent zunehmen, wie Polk Marketing, ein auf die Automobilbranche spezialisiertes US-Marktforschungsinstitut, errechnet hat. Vor allem in Ländern wie China, Brasilien und Indien, die einen großen Nachholbedarf haben. Aber selbst in Deutschland, wo schon jetzt auf jeden zweiten Bürger ein Auto kommt, wird es in Zukunft noch mehr Autos geben. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, steigt auch der Anteil der Fahrzeuge, die mit alternativen Techniken angetrieben werden - wenn auch längst nicht so stark, wie es Umweltschützer gerne hätten. Prognosen zufolge wird im Jahr 2020 nicht mal jeder dritte Wagen weltweit mit einem Elektro- oder Hybridmotor ausgestattet sein.

Höhere Benzinpreise darf niemand fordern

Letztlich sind an der nur schleppend vorankommenden Abkehr von Verbrennungsmotoren auch wir als Verbraucher Schuld. Denn die Automobilindustrie würde mehr Strom- oder Gasautos bauen, wenn die Nachfrage danach höher wäre. Allerdings gibt sich auch die Politik, als Wegbereiter und Wegweiser für die Durchsetzung neuer Techniken, nicht besonders viel Mühe, die Bedeutung des Erdöls zu reduzieren. Sie könnte etwa den Kauf von Elektrowagen subventionieren. Anders als etwa in Japan, China oder den USA sind die staatlichen Zuschüsse in Deutschland läppisch. Die Regierung könnte auch schlicht den Preis für Benzin erhöhen, um den Sprit unattraktiver zu machen. Das hatte übrigens im März der damalige Bundespräsident Horst Köhler gefordert und als Reaktion sofort die Schelte von sämtlichen Stammtischen dieses Landes geerntet.

Mit derartig unpopulären Forderungen wagt sich die Politik selten aus der Deckung. Zwar schreiben sich die Regierungen gerne den Slogan "Weg vom Öl" in ihre Programme, wie etwa die Große Koalition 2005. Doch sie wissen auch, dass solche ambitionierten und wohlklingenden Vorhaben spätestens am Streit über geeignete Energie-Alternativen scheitern. Und leider üben wir Bürger und Wähler nicht genug Druck auf die politische Führung aus, um dem Ölwahn ein Ende zu setzen.

Wahr ist aber leider auch, dass es bislang keinen echten Ersatz für Erdöl gibt. Um Autos auf Elektrobetrieb umzurüsten, braucht es Strom - der, je nach politischer Verortung, entweder aus Atomkraft, regenerativen Energien oder Kohle gewonnen werden könnte. Allerdings scheut die Politik bislang davor zurück, erdölintensive Industrien zu sanktionieren oder umgekehrt alternative Verfahren zu subventionieren.

Es ist an uns, den Öldurst zu vermindern

Ob Spielzeug oder Billigkleidung aus China, der Urlaub in Mallorca, die tägliche Fahrt zur Arbeit oder die Shoppingtour am Samstag - ohne Öl läuft nicht viel auf dieser Welt. Aber es gibt bereits Alternativen zu einem erdölverzehrenden Leben und zu den Konsequenzen, die damit einhergehen. Es ist an uns Verbrauchern, auf Plastikverpackungen zu verzichten. Es ist an uns Pendlern, statt im Auto mit der Bahn oder dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Und es ist an uns Bürgern, Politikern und Parteien dazu zu drängen, Anreize für ein ölärmeres Leben zu schaffen.

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