Wetter Extremer geht's kaum


Im Sommer 2002 überschwemmte die Jahrhundertflut ostdeutsche Städte und Landschaften; der Sommer 2003 ist bisher einer der trockensten seit langem. Der niedrige Wasserstand der Donau brachte sogar Wracks von versenkten Wehrmachts-Schiffen hervor.

Wetter extrem in Europa: Ein Tornado hat in Frankreich mindestens vier Menschen in den Tod gerissen, in Teilen Italiens wird wegen anhaltender Dürre das Trinkwasser knapp. In Deutschland führten die Backofentemperaturen zu Todesfällen. Angesichts der Gluthitze bröckelt das Matterhorn in der Schweiz. Der niedrige Wasserstand der Donau brachte in Serbien Wracks von versenkten Wehrmachts-Schiffen zum Vorschein.

Rhein mit niedrigstem Juli-Wasserstand seit 27 Jahren

Auch der Rhein hat nach Angaben der Koblenzer Bundesanstalt für Gewässerkunde den niedrigsten Juli-Wasserstand seit 27 Jahren erreicht. Die Spree fließt zwischen Oberlausitz und Berlin wegen eines nie da gewesenen Wassermangels nur noch im Schneckentempo.

Dürre-Geschädigte sind Binnenschifffahrt und Bauern: Wo die Schifffahrt nicht ganz eingestellt ist, müssen Frachter nur mit verringerter Ladung fahren. Die Landwirte bringen die Ernte Wochen früher als sonst ein und müssen nach Angaben des Deutschen Bauernverbands mit 15 bis 75 Prozent weniger Erträgen auskommen.

Ostdeutsche Landwirte besonders betroffen

Betroffen seien vor allem die ostdeutschen Landwirte, hieß es. Im südlichen Brandenburg sei von Januar bis Juni 80 Prozent weniger Regen als im langjährigen Mittel gefallen. Die Brandenburger Bauern müssen nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Potsdam mit Schäden zwischen 180 und 200 Millionen Euro rechnen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern erwartet der Landesbauernverband Einbußen bis zu 50 Prozent einer normalen Ernte. In Thüringen stellt man sich auf 30 bis 40 Prozent weniger ein. In Sachsen bezifferte das Ministerium den Dürre-Verlust bei Wintergerste auf 62 Prozent und bei Raps auf 58 Prozent. In Nordrhein-Westfalen wird bis zu 40 Prozent weniger Getreide geerntet, wie Karl Macke vom Rheinischen Landwirtschaftsverband in Bonn erklärte.

"Der Wassermangel ist gravierend", erklärte Ernst Zunker vom agrarmeteorologischen Beratungsdienst im südhessischen Geisenheim. Betroffen seien zurzeit Zuckerrüben- und Maisfelder: "Die lassen schon die Ohren hängen."

Erste Auswirkungen auf die Binnenschifffahrt

Die dramatisch gesunkenen Wasserstände der Flüsse haben erste Auswirkungen auf die Binnenschifffahrt. "Große Schiffe können derzeit nur noch etwa ein Drittel ihrer maximalen Ladung transportieren", berichtete Erwin Spitzer vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg. Die Kapitäne erhielten bei niedrigen Pegelständen einen so genannten Kleinwasserzuschlag: "Die Schifffahrt kennt diese Niedrigwasserphasen", sagte Spitzer.

Sollte es aber in den nächsten vier Wochen keinen nennenswerten Regen geben, könne es sein, dass große Schubschiffe auf dem Niederrhein nicht mehr verkehren könnten. Auf der Oder wurde die Berufsschifffahrt bereits eingestellt. Auf der Elbe in Sachsen kam die Frachtschifffahrt zum Erliegen, lediglich die Weiße Flotte verkehrt noch eingeschränkt. Auch in Niedersachsen haben Schiffe auf der Oberweser nicht mehr freie Fahrt.

Forscher sieht globale Erwärmung als Ursache

Für den Hamburger Klimaforscher Mojib Latif ist die Häufung extremer Wetterlagen eine Folge der globalen Erwärmung. "Erfahrungsgemäß dauern solche extremen Wetterlagen immer sehr lange an. Wenn sich das einmal festgesetzt hat, löst es sich nicht so schnell wieder auf", betonte Latif.

SPD-Umweltexperte Michael Müller sagte in Berlin, die Sommerhitze sei ein Alarmsignal des Klimas. Die neun wärmsten Jahre seit Beginn der direkten Temperaturmessung vor rund 140 Jahren seien nach 1980 registriert worden. "Das Jahr 2003 wird die Liste auf zehn erweitern." Das Klimasystem gerate immer stärker aus dem Lot, sagte der Vizechef der SPD-Fraktion im Bundestag. "Unbestreitbar verstärkt sich der Temperaturanstieg, verändert sich die Niederschlagsverteilung und nehmen durch die verstärkte Energiezufuhr in die Atmosphäre die Windgeschwindigkeiten zu."

Beleg für düstere Klimaprognosen

Bei der Münchener Rück werden die jüngsten Entwicklungen als weiterer Beleg für düstere Klimaprognosen angesehen, auf die sich der größte Rückversicherer der Welt schon seit langem einstellt. Der Chef der Abteilung "Georisiken", Gerhard Berz, erklärte, eine Erwärmung der Mitteltemperatur im Sommer um nur ein Grad erhöhe die Wahrscheinlichkeit von extremen Hitzephasen um das Zwanzigfache.

Am Ende der Hitzeperioden stünden zudem häufig Unwetter, die große Sachschäden auslösten. "Wir erwarten bei Überschwemmungen, Unwettern, Hitzeperioden und Stürmen, insbesondere auch bei großen Winterorkanen eine deutliche Steigerung", sagte Berz.

Konsequenzen der Klimaerwärumg

Er verwies auf die Ergebnisse einer von der UN eingesetzten Experten-Kommission, die bis Ende dieses Jahrhunderts eine Klimaerwärmung der Mitteltemperaturen zwischen eineinhalb und sechs Grad vorher gesagt habe. "Das bedeutet dass wir Ende des Jahrhunderts ein Klima haben werden, wie es die Menschheit noch nicht erlebt hat, mit Konsequenzen über die man nur spekulieren kann."

"Klimawandel verhindert Tourismus in Südeuropa"

Nach Ansicht des Meteorologen Latif wird der rasante Klimawandel in 50 Jahren den Tourismus in Südeuropa völlig zum Erliegen bringen. "Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie bei der derzeitigen Hitze in Italien dort künftig noch Erholungsreisen angeboten werden sollen", sagte der namhafte Klimaforscher.

Während der Süden des Kontinents bald noch häufiger von lang anhaltenden Dürreperioden heimgesucht werde, verschiebe sich in den Bergen die Schneefallgrenze immer weiter nach oben. "Skifahren in den Alpen ist doch schon heute unterhalb von 2000 Metern kaum noch sicher möglich", sagte Latif. Da auch der frostige Boden in höheren Gebirgslagen durch die globale Erwärmung immer mehr schmelze, müsse vermehrt mit Erdrutschen und Steinschlag gerechnet werden. "Die Berge werden dadurch insgesamt schlicht instabiler."

Menschen für "Häufung der Ereignisse" verantwortlich

Die verhältnismäßig kurzen Abstände zwischen Trockenheit und Hochwasser sind für Latif kein Widerspruch. "Das Klima wird sich auch weiterhin in extreme Richtungen entwickeln", sagte er. Dabei sei das Wirken des Menschen zwar nicht für jedes einzelne Wetterphänomen verantwortlich, wohl aber für die Häufung der Ereignisse.

Einer der Hauptgründe für die Klimakapriolen ist nach Einschätzung des Forschers vom Kieler Institut für Meereskunde der Ausstoß von Gasen wie Kohlendioxid, Methan und Fluorchlorkohlenwasserstoff. "Selbst mittlerweile getroffene Maßnahmen zur Verringerung dieser Emissionen beeinflussen die klimatische Entwicklung in den nächsten fünf Jahrzehnten sicher nicht mehr." Das Klimasystem habe einen "sehr langen Bremsweg" und reagiere nur träge auf äußere Einflüsse. Auch wenn weltweite Wetterszenarien in Zukunft nicht mit absoluter Sicherheit vorhergesagt werden könnten, ist Latif skeptisch. "Zumindest mittelfristig ist der Zug für eine halbwegs verträgliche Klimaentwicklung wohl abgefahren."


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