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Christoph Kolumbus: Aufbruch in die Neue Welt

Vor 500 Jahren starb Christoph Kolumbus. Nach einem Leben voller Irrtümer: Er wollte nach Indien - und entdeckte Amerika. Die Geschichte des Mannes, der Europa in die Neuzeit stieß.

Von Christine Kruttschnitt

Kolumbus fühlte sich missverstanden. Nein, nicht wegen der Sache mit Indien. Er war ja nicht blöd. Er wusste, dass er nicht Indien, sondern eine "andere Welt" entdeckt hatte, die sich so überraschend wie unübersehbar zwischen Europa und das von ihm angepeilte Asien quetschte. Oder sich breit machte, er hatte keine Ahnung, er war ja nur an ihrem äußersten Rand entlanggeschrammt. Er war der größte Seefahrer seiner Zeit, dazu treuer Diener seiner königlichen Herrschaften und deren erfolgreichster Laufbursche; nach Gold und Gewürzen hatten sie ihn ausgeschickt, und mit einem neuen Erdteil kam er zurück. Sogar Vizekönig war er, zum "Don" geadelt, eine Berühmtheit - und nun schmorte er im stickigen Bauch einer Karavelle, die nicht von ihm, dem höchsten Admiral, befehligt wurde. Und er lag in Ketten! Kolumbus fühlte sich gründlich missverstanden.

Im Alter von 49 begann sein Niedergang

Warum wurde er wie ein Verbrecher zurück an den spanischen Hof geschleppt? War es etwa seine Schuld, dass es mit den Kolonien auf den frisch entdeckten Karibikinseln nicht klappte? Dass die spanischen Siedler ständig über den Wind klagten? Er hatte ihnen Sklaven für die Feldarbeit und auch fürs Vergnügen zur Seite gestellt; was konnte er dafür, wenn sie sich von den Indianern diese merkwürdige neue Krankheit, die Syphilis, einfingen? Und wenn er Rebellen aufknüpfen ließ, deren aufgedunsene Leichen tagelang in der Tropenbrise schwankten: War er nicht etwa Gouverneur und hatte für Ruhe und Ordnung zu sorgen?

Kolumbus war 49 Jahre alt, als sein Niedergang begann. Als er im Oktober des Jahres 1500 von seinem Posten als Gouverneur von Hispaniola, heute Haiti und Dominikanische Republik, entmachtet wurde, krümmte Arthritis seine Hände wie Vogelklauen, die Augen waren entzündet und schwach. Besonders verbitterte ihn, dass die Menge in Jubel ausgebrochen war, als Soldaten ihn an Bord der "Gorda" schleiften. Jubel! Vor acht Jahren noch hatte man ihn als Entdecker unermesslicher Reichtümer gefeiert, jetzt war er Gefangener der Krone und bangte um sein Leben.

Kolumbus - einer der rätselhaftesten Männer der Geschichte

Um seine Bezahlung bangte er sowieso. Unaufhörlich gnaddelte er, dass ihm Anteile auf alles zustünden, was aus "Indien" in die Alte Welt geschifft wurde. Das hatte ihm das Königspaar einst versprochen, 1493, als er mit Gold und lustigen bunten Vögeln von seiner ersten Reise zurückgekehrt war. Auf diese Weise nun, im schimmeligen Bauch der "Gorda", endete aufs Übelste seine dritte Fahrt gen Westen. Längst war er nicht mehr der Einzige, der das Abenteuer wagte, längst war das ein Abenteuer - und ein Geschäft.

Christoph Kolumbus, allem Anschein nach 1451 (das Datum ist umstritten) in Genua (auch da gibt es Diskussionen) als Sohn einer Wollweberfamilie geboren, ist einer der rätselhaftesten Männer der Geschichte: ein Pionier, der von seiner größten Tat kaum profitierte, womöglich nicht einmal eine Ahnung von ihrer Größe besaß. Ein Querkopf, der für das starre, stickige, von religiösen Kriegen zerfressene mittelalterliche Europa eine Tür in die Zukunft aufstieß - und von dieser Zukunft verdrängt wurde. Nicht nur, dass seine eigenen Finanziers, das Königspaar Ferdinand und Isabella von Spanien, seiner überdrüssig wurden, kaum dass er ihnen Amerika apportiert hatte. Auch die Nachwelt schwankte in ihrer Einschätzung zwischen Anbetung und Verdammung; sie tut es bis heute.

Acht Jahre lang kratzt Kolumbus an den Thronen Europas

Ein genialer Navigator ist er, darüber sind sich alle einig. Ohne genaue Kenntnis der Längengrade und der Windsysteme über dem Atlantik segelt er rund 6000 Kilometer weit ins Unbekannte. Ist er der Erste, der den Einfall hat, einfach Richtung Westen zu halten, um dann auf Asien zu stoßen? In das Reich des Großen Khan, von dem Marco Polo schwärmte, es gäbe dort Gold allüberall und elegante Städte und die köstlichsten Gewürze? Gewiss nicht. Der Florentiner Arzt und Mathematiker Paolo Toscanelli schlug die Westfahrt schon 1474 dem portugiesischen König vor; ein Gelehrtengremium hat abgelehnt - nicht etwa, weil man noch glaubt, die Erde sei eine flache Scheibe, sondern weil der Atlantik als unbekannte Größe zu groß scheint.

Kolumbus ist anderer Meinung. Vermutlich 1479 heiratet er die Tochter eines portugiesischen Adligen; ein steiler Aufstieg für den jungen Handwerkersohn, der ihm Zugang zum Hof in Lissabon verschafft. Dort wirbt er für den großen Plan. Der König lehnt ab. Enttäuscht, aber nicht erschüttert schickt Christoph seinen jüngeren Bruder Bartolomeo nach London zu Heinrich VII. Gleiche Rede, gleiches Ergebnis. Paris ist als nächstes dran. Beständig kratzt Kolumbus an den Thronen Europas, acht lange Jahre lang.

Er ist Autodidakt, besitzt 2000 Bücher

Warum gibt er nicht auf? Aus Arroganz? Besessenheit? Frömmelndem Wahn? Will er das Christentum in die Welt tragen? Giert er nach Ruhm und Gold? All dies muss eine Rolle spielen. Schwer, den Mann psychologisch zu fassen: Er tickt sozusagen noch im Mittelalter, ist von Obrigkeitsdenken und Religiosität bestimmt, angetrieben jedoch von aggressiver Neugier und einer gesunden Egomanie, das macht ihn so "modern". Mit Kolumbus beginnt die Neuzeit, das Ich wird erfunden. Wille und Wissen verdrängen Glauben und Gehorsam; in Kolumbus, dem Pionier, rauschen all diese Instinkte und Sehnsüchte noch durcheinander.

Er ist Autodidakt, besitzt 2000 Bücher. Hat sich Latein selbst beigebracht, alles verschlungen über Geografie und Kartenkunde. Weil er dem Vater nicht ins Tuchgeschäft folgen will, heuert er auf einem Handelsschiff an, lernt als Matrose segeln und navigieren.

Im Herbst 1500 segelt er in Fesseln nach Spanien

Ohne mit der Wimper zu zucken verschleppt und tötet er als Admiral Eingeborene und skizziert in Briefen einen florierenden Sklavenmarkt. Dann wieder will er aus den Menschen in "Las Indias" gute Christen schmieden, um gemeinsam mit ihnen die Muselmanen aus Jerusalem zu vertreiben. Christus käme dann erneut hernieder, glaubt er, und alles werde gut.

Als er im Herbst des Jahres 1500 in Fesseln seiner spanischen Wahlheimat entgegensegelt, hat das Sterben der alten Gefüge schon begonnen: Europa erlebt einen ungeheuren Aufschwung der Wissenschaften, die Macht der Königshäuser wird neu verteilt, die Seefahrernationen Spanien und Portugal erblühen. In Amerika - das erst in sieben Jahren so heißen soll, benannt nach dem Gelegenheitsseefahrer Amerigo Vespucci - erlöschen währenddessen Kulturen, die zu erforschen und zu würdigen sich keiner seiner "Entdecker" so recht bequemt hat.

Die Karibik - fast so schön sei wie "in Kastilien im Mai"

Vielleicht erinnert sich Kolumbus, als er vier Wochen lang gefesselt in seiner Kajüte hockt, wie er vor acht Jahren zum ersten Mal das fremde Land erblickte. Die fremden Menschen. Es ist der Morgen des 12. Oktober 1492, als der Kommandant der "Santa Maria" mit den Kapitänen und den Schwesterschiffen "Nina" und "Pinta" sich in einem mit Waffen bestückten Beiboot (man weiß ja nie) an den Strand rudern lässt. Bewegt hält er eine kleine Rede, entrollt die Flagge des spanischen Königshauses und rammt feierlich den Mast in den Boden, worauf alle Anwesenden ein bisschen weinen und eben jenen Boden küssen. Nein, nicht alle Anwesenden: Um den aufgeregten kleinen Tross stehen Einheimische, die noch nie solch ein Theater erlebt haben.

Es ist nicht ganz gewiss, auf welche Bahamas-Insel Kolumbus damals seinen Fuß setzt, die Historiker schwanken zwischen Watlings Island und Samana Cay, beides entzückende Inselchen in der Karibik, die den erschöpften Seefahrern wie das Paradies erscheinen. Weißweinfarbene Strände, tropische Pflanzen mit "leuchtend grünem Blätterwerk", Papageien, Früchte: Mehrmals beteuert Kolumbus seinen Geldgebern, dass es hier fast so schön sei wie "in Kastilien im Mai". Die Menschen nun: Sie seien freundlich und geradezu kindhaft friedlich, freuten sich über Spielzeug, kannten "keine Art Eisen" und ganz offensichtlich auch keine Kleidung.

Zwischen 57 und 112 Millionen Menschen lebten damals in Amerika - ein Fünftel der Weltbevölkerung

Taino nennt sich das entspannte Karibik-Volk, das so seltsame Dinge wie Maniok und Kartoffeln anbaut, in Kanus durchs türkisfarbene Wasser gleitet und sich zum Schlafen in die Hängematte wirft; die Europäer machen runde Augen. Von den Taino übrig geblieben sind ein paar Wörter: "huracan" zum Beispiel, so nennen die Amerikaner heute noch ihre Wirbelstürme. Das Volk hingegen ist vernichtet - durch Sklavenarbeit in den kolonialen Minen und auf den Feldern zerrieben, in Aufständen niedergeschossen, von Seuchen dahingerafft.

Während Kolumbus in den Antillen umhersegelt, sich hartnäckig nach Goldvorkommen erkundigt und Glasperlen verteilt, findet sozusagen hinter seinem Rücken das wahre Leben statt: Zwischen 57 und 112 Millionen Menschen, schätzen Historiker, leben zur Zeit ihrer "Entdeckung" in Amerika - das ist damals etwa ein Fünftel der Erdbevölkerung. Der Kontinent ist ein Tummelplatz der Nationen, Sprachen, Wissenschaften und Künste. Die Azteken-Metropole Tenochtitlán in Mexiko hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie die "Weltstadt" London. In den Anden gibt es Imperien so groß wie Frankreich.

Die Wildnis ist in Wahrheit ein über lange Zeit aufgebautes, funktionierendes Öko-System

Kolumbus hat von alldem natürlich keine Ahnung. Er lässt sich von den Taino zeigen, wie sie zählen, bis 20 nämlich, weil sie zehn Finger und zehn Zehen haben - und dabei rechnen einige hundert Kilometer weiter westlich die Maya seit dem vierten Jahrhundert mit der mathematischen Null: eine Meisterleistung, zu der sich Europa erst ein paar Jahrhunderte später aufgerafft hat. In den Städten der Azteken gibt es fließend Wasser und eine effiziente Stadtreinigung, während Kolumbus' Heimatmetropolen noch jahrhundertelang im Pesthauch ihrer Abfälle ersticken.

Historiker mutmaßten lange Zeit, dass erste "Amerikaner" vor 12.000 Jahren von Sibirien aus über die zugefrorene Beringstraße in den Norden des Kontinents eingewandert seien. Allerdings wurde kürzlich im chilenischen Monte Verde ein 12.500 Jahre altes Werkzeug gefunden - nun glauben die Wissenschaftler, dass die ersten Immigranten auf dem Seewege kamen, womöglich schon vor 30.000 Jahren. Zu jener Zeit, als Kolumbus einem staunenden Publikum zu Hause von seltsamen Gewächsen erzählt, die man rauchen kann, und von prallroten Früchten, die nach Sonne schmecken, wird auf dem amerikanischen Kontinent seit 3500 Jahren Mais in einer Perfektion kultiviert, die Historiker an moderne Genmanipulation erinnert. Die Wildnis ist in Wahrheit ein über lange Zeit aufgebautes, funktionierendes Öko-System. Das nach 1492 kollabiert.

Europas Fauna explodiert förmlich in dem separierten Biotop

Ratten, Klee, selbst Endivien und Spinat entwickeln sich in der Neuen Welt zur Plage. Kolumbus und seine Weggefährten schleppen Europas Fauna und Flora ein, die in dem seit Jahrmillionen separierten Biotop förmlich explodieren. Im Atem, Blut und Schweiß der Fremden und in ihren Milliarden Läusen leben Mikroben, die sich auf ihre neuen, völlig ungeschützten Wirte stürzen. Es herrscht Krieg: Nicht nur die Waffen der Eroberer massakrieren die Eingeborenen, schlimmer noch sind Masern und Windpocken, Typhus, Gelbfieber, Malaria.

Keiner hat das Land so gründlich zugeritten wie alle jene, die Kolumbus folgen. Es muss ihn wahnsinnig gemacht haben, dass Seefahrer nun wie von Schrotflinten geschossen an Amerikas Küsten eintreffen. 1500 landen die Portugiesen in Brasilien, kurz zuvor haben die Engländer Kanada erreicht.

Mit leeren Händen kehrt er 1504 zurück

Kolumbus, der sich an Land nie sehr wohl fühlt, verbringt nach seiner erzwungenen Heimreise zähe Monate in Spanien. Der Hof hält ihn auf Distanz. Isabella schließlich wird weich und schickt Kolumbus auf seine vierte und letzte Reise; vielleicht will man ihn loswerden. Im Mai 1502 sticht er in See, der Trip gerät zum Desaster. Nach einem Unwetter sitzt er fast ein Jahr lang auf Jamaika fest, bis endlich Rettung naht. Mit leeren Händen kehrt er im November 1504 zurück, ein kranker, grantiger, alter Mann.

Als er wenig später im Sterben liegt, schickt der Hof nicht einmal Grüße. Kolumbus ist 54, die Arthritis hat ihn zerfressen. Manche glauben, er habe Diabetes gehabt, andere: die Syphilis. Am 20. Mai 1506 geht es ihm rapide schlechter. Ein Priester wird gerufen, die Messe gelesen, und dann scheidet der Admiral aus der Welt.

Immerhin, er darf wieder reisen.

Seine Gebeine müssen mehrmals "umziehen"

Beerdigt in dem Ort, in dem er starb, dem spanischen Valladolid, wird er drei Jahre später exhumiert und nach Sevilla verlegt. Hier endet auch sein älterer Sohn Diego. Aber was heißt schon enden? Diegos Witwe lässt die beiden umbetten, nach Hispaniola, dort hat es Kolumbus immer so gefallen. Im 18. Jahrhundert muss er wieder weiter: Die Franzosen übernehmen den Ostteil der Insel, also vergraben die Spanier ihren inzwischen hochgeschätzten Helden in der Nachbarschaft, in Havanna. 1898 das gleiche Spiel: Kuba wird unabhängig, Kolumbus zieht um. Er liegt nun erneut in Sevilla. Heißt es.

In der Kathedrale von Santo Domingo auf Hispaniola stießen Bauarbeiter im 19. Jahrhundert auf eine Kiste, in der angeblich die wahren Überreste von Kolumbus liegen. Erst 100 Jahre später kommt jemand auf die Idee, den Sarg zu öffnen. Die Knochen, die darin liegen, gehören zu zwei unterschiedlichen Skeletten. Vater und Sohn? Neue Ausgrabungen werden angeordnet, DNA-Analysen. Nur von wessen DNA? Heute weiß niemand, wo welche Teile von Kolumbus gelandet sind, vermutlich ruht er an allen genannten Orten ein bisschen.

Und so endet seine letzte Reise, im Gegensatz zu seiner ersten, ganz und gar folgenlos.

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