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Teil 1: Die letzten Tage der Unglücks-Crew

Schon beim Probetraining in Wyoming hatten sie sich angefreundet. Sieben Menschen, auf dem Weg zu einer Weltraummission, die sie nicht überleben sollten. Wie war es dazu gekommen? Wer hat versagt? Eine Rekonstruktion.

Einmal haben sie den Satz ausgesprochen. Im Chor schrien sie ihn durchs Handy ins Kontrollzentrum nach Houston: "Die 'Columbia' ist sicher gelandet." Das war im Sommer 2001 in Wyoming, als die sieben den Gipfel des Wind-River-Berges erreicht hatten. Für zwei Wochen waren sie zum Überlebenstraining hergekommen. Es war Ricks Idee gewesen, er ist ihr Kommandant. Und ein Familienmensch. Das Team sollte alles voneinander wissen, Stärken und Schwächen kennen. Es darf keine Überraschungen geben im All, oben im engen Bauch des Raumschiffs. Die anderen hatten es ein bisschen übertrieben gefunden, dafür in die Wildnis zu fahren. Aber nun war es schön hier. Der freie Blick. Sie saßen eine Weile da, erschöpft und zufrieden. Dann fing Rick an zu singen. Er ist Bariton im Kirchenchor: 'Amazing Grace'. Einer nach dem anderen stimmte ein.

Mehr über den anderen erfahren

Und Rick hatte Recht. In den Bergen haben sie wirklich Dinge erfahren, die sie voneinander noch nicht wussten: Ilan kocht den besten Kaffee, das hat er von den Beduinen in Israel gelernt. Dave weiß nicht mal, wie man Spaghetti hinkriegt. Aber dafür kann er perfekt jonglieren. Er könnte auch auf einem Einrad fahren oder auf dem Seil tanzen. Er hat mal beim Zirkus gearbeitet. Und Laurel kennt wirklich von jeder Blume den Namen, auch den lateinischen. Willie könnte sofort als Animateur anfangen: Kommt, wir schaffen das, hat er die anderen angefeuert, wenn die schlappmachten. "Wer zuerst oben ist."

Geschichten an der Feuerstelle

Abends saßen sie um die Feuerstelle. KC erzählte von Indien. Da ist sie aufgewachsen. In einem kleinen Ort nördlich von Neu-Delhi. Eigentlich heißt sie Kalpana Chawla, aber das kann in Houston niemand richtig aussprechen, deshalb KC. Als sie vor 20 Jahren ein Stipendium für die USA bekam, wollten die Eltern sie erst nicht gehen lassen. Lehrerin hätte sie werden sollen oder Ärztin. Als Raumfahrtingenieurin findest du nie einen Mann, hatten sie gesagt. Doch den traf sie gleich an ihrem ersten Tag an der Universität von Texas in Arlington. Sie spricht noch immer mit starkem indischem Akzent. Wenn es ganz dunkel war, bestimmten sie Sterne und Galaxien. Dave zeigte ihnen einen der Jupitermonde. Tallyho, rief Rick mit seiner tiefen Stimme, wann immer ein Satellit vorbeiflog. In Amarillo, Texas, wo er herkommt, gibt es nicht viel zu sehen außer einem weiten, riesigen Himmel. Rick war vier, als er beschloss, Astronaut zu werden. Michael fünf. Sein Vater war bei der Air Force, die halbe Kindheit verbrachte er neben der Startbahn. Wenn er den Rasen mähte, trug er eine Schutzbrille. Als Pilot müsste er perfekt sehen können. Manchmal sagten sie eine Stunde lang nichts. Sie konnten gut zusammen schweigen. Dave blieb am längsten wach. Wenn die anderen schon schliefen, saß er noch lange mit dem Fernglas da.

Das Warten, die Freundschaft

Nur Rick, Michael und KC waren schon einmal im All, für die anderen wird es das erste Mal. Der Start wird ständig verschoben, es gibt immer neue technische Probleme. In dieser Zeit werden aus den Kollegen Freunde - eine große Familie mit zwölf Kindern. Sie wohnen nah beisammen, in Clear Lake, Houston, gleich bei der Nasa. Die Straßen heißen Apollo, Gemini, Saturn. Auf dem Spielplatz vor der Bücherei steht ein fünf Meter hoher Mini-Shuttle als Klettergerüst. Dann endlich, im Sommer 2002, gibt es ein Datum. Mission STS 107, bei der es um physikalische und medizinische Experimente geht, soll am 16. Januar starten. Auf der Weihnachtsfeier der Nasa tragen die sieben Papierkronen. Wer sich ihrem Tisch nähert, dem stempeln sie das "Columbia"-Logo auf die Stirn.

Überleben für die Columbia

Und dann stirbt Laurel fast bei einem Flugzeugabsturz. Nicht nur sie, sondern auch Jon, ihr Ehemann, und Iain, ihr achtjähriger Sohn. Jon, ein erfahrener Pilot, sitzt am Steuer seiner kleinen Privatmaschine. Plötzlich fallen alle Instrumente aus, 200 Meter über der Erde. Sie sind auf dem Weg zu Laurels Eltern nach Albuquerque, New Mexico, drei Tage vor Heiligabend. Die kleine Maschine fällt einfach vom Himmel. Jon denkt, das ist das Ende. Unten angekommen, in den Trümmern, merkt er, dass er noch lebt. Und Laurel lebt auch und Iain auch. Kein Kratzer. "Los, rennt", ruft Jon. Er hat Angst vor einer Explosion. Aber das Wrack liegt einfach nur da in der Staubwüste von Westtexas. Sie laufen in den nächsten Ort und mieten einen Wagen. Dann feiern sie Weihnachten bei den Eltern. Ich musste überleben, sagt Laurel: Sonst hätte die "Columbia" nicht starten können.

Eine Woche vor dem Start

Die Quarantäne beginnt. Um zu verhindern, dass einer aus der Crew krank wird, darf nur noch zu ihnen, wer vom Arzt untersucht wurde. Kinder werden gar nicht mehr durchgelassen. Eigentlich. Aber Jon schafft es, Iain an einem Nachmittag zu seiner Mutter zu schmuggeln. Der Junge hatte seit Monaten gebettelt, dass Laurel nicht fliegt. Nicht weil er ihr Fortsein fürchtet, das ist er gewohnt. Sie war oft zum Training weg gewesen, in Sibirien, in Japan, in Deutschland. Es ging nicht um die 16 Tage. Er hatte einfach ein komisches Gefühl. Jon ließ Laurel und Iain für eine Stunde allein. Natürlich hatte er selbst oft über das Risiko nachgedacht. Jon Clark arbeitet auch bei der Nasa, als Flugarzt. Und er ist viel zu sehr Wissenschaftler, um nicht immer alle Möglichkeiten zu bedenken. Und eine Reise in einer Rakete ist nun einmal gefährlich, es reicht, von einem Meteoriten oder einem Stück Raumfahrtschrott getroffen zu werden. Aber auf 112 Flügen ist bisher nur eine Crew gestorben. Das waren auch sieben, 1986 an Bord der "Challenger". Seither ist alles gut gegangen. Und Jon ist Abenteurer, genau wie Laurel. Und seine Frau hat einen Lieblingsspruch: Ein Schiff gehört aufs Meer und nicht in den Hafen. Einige Tage später kommt Lynne, Laurels jüngere Schwester aus Kansas City. Sie arbeitet dort bei der Stadtverwaltung. Iain fragt Lynne, ob sie nicht für seine Mom fliegen kann. Er hat sie schon so oft gefragt, und auch seine anderen Tanten und Onkel. Lynne streichelt ihm den Kopf und sagt, es werde bestimmt alles gut gehen.

Noch 50 Stunden

Wie vor jedem Shuttle-Flug gibt es im Strandhaus der Nasa eine große Abschiedsparty. KCs Eltern sind aus Indien angereist, aus Israel ist Ilans Bruder gekommen. Die Eltern von Michael sind aus Spokane hergeflogen, Willies Eltern aus Las Vegas. Endlich lernen sich auch die Familien kennen, sie haben so viel voneinander gehört. Nasa-Busse fahren die 50 Gäste zum Strandhaus. Die Crew steht vor der Tür und wartet. Michael, Dave und Willie sehen noch ein bisschen verschlafen aus. Sie sind gerade erst aufgestanden. Seit Beginn der Quarantäne schlafen sie in zwei Schichten, so wie bald im All. Die drei sind das blaue Team, die anderen vier bilden das rote. In jeder Gruppe ist ein Arzt, Laurel bei den roten, Dave bei den blauen, für alle Fälle.

Rick hält eine kurze Rede. Er sagt, wie glücklich er sei, ihr Kommandant sein zu dürfen. Dann gibt es ein Barbecue. Das Raumschiff kann man von der Terrasse aus sehen. Es ist angestrahlt in der Nacht. Hinter den Dünen rauscht der Atlantik. Lani, die Frau von Willie, hat für alle bunte Blumenketten geflochten, sie tragen sie um den Hals, Hunderte Fotos werden gemacht. Für das rote Team wäre eigentlich schon Schlafenszeit, aber auf die paar Minuten kommt es heute nicht an. Das blaue Team, dem Michael angehört, frühstückt. Michael isst Eier und Toast. Irgendwann bringt er seine Eltern zum Bus. Er trägt ein Jeanshemd und helle Hosen. "I love you, Mom", sagt er, und sie drückt ihn an sich. "Ich dich auch. Nun mach deine Arbeit und komm zurück." Michael nickt und sagt: "Mach ich." Er winkt und lächelt.

"Wer weiß, was passiert"

Wenige Monate zuvor hat er sich einen neuen blauen Porsche gekauft. Warum er nicht damit warte, bis er aus dem All zurück sei, schließlich habe er noch gar nichts geleistet, hatte ihn Roz, die Sekretärin der Crew, aufgezogen. "Wer weiß, was passiert", hatte Michael geantwortet. "Also fang ich mit dem Genießen doch lieber gleich an." Roz hatte gelacht. Typisch Michael, immer für alles gerüstet. Die Ehepartner haben noch einen weiteren Abend mit der Crew. Den wirklich letzten Abend. Sie trinken Wein, den Ilans Bruder aus Israel mitgebracht hat. Dave hatte Ann eingeladen, seine Ex-Freundin. Vier Jahre waren sie ein Paar. Sie sind gemeinsam durch den Grand Canyon gewandert, waren tauchen, haben eine Nacht auf einem Flugzeugträger im Pazifik verbracht. Sie wollte ihn heiraten. Dave wollte sich nicht festlegen. Im September haben sie sich getrennt.

Der achtundzwanzigste Flug

Ann ist Ingenieurin, seit 16 Jahren betreut sie die 'Columbia'. Sie spricht fast zärtlich von der Maschine, so vertraut ist sie ihr. Wie ein naher Mensch. "Sie ist störrisch. Und sie macht auf dem Boden so viele Probleme, wie es nur geht", sagt sie. "Aber wenn es endlich losgeht, wartet sie keine Sekunde zu lang." Zwei Jahre ist Ann nach Kalifornien gependelt, dort war die 'Columbia' zur Inspektion. Es gab vieles auszubessern. Sie ist das älteste Raumschiff der Nasa. Dies wird ihr 28. Flug.

Jon Clark hat nicht das Gefühl von großem Abschied. Aber eine komische Sache ist passiert. Eine Freundin hat ihm für Laurel ein Gedicht mitgegeben. Es heißt: "Ein Engel fällt zur Erde". Laurel liest es und stutzt. "Was meinst du, was das bedeutet?", fragt sie ihren Mann. Jon zuckt die Schultern. "Ich hoffe, es heißt nicht, was ich denke." Dann nimmt er sie in den Arm und wünscht ihr eine gute Reise. Sie sieht glücklich aus. Er freut sich für sie.

Lani und Willie stehlen sich für ein paar Minuten an den Strand. Sie machen ein letztes Bild davon, wie sie sich küssen. Mit Selbstauslöser. Lani stammt aus Guam, einer kleinen Insel im Westpazifik. Da ist Willie zwei Jahre zur Schule gegangen, er ist Soldatenkind, sein Vater war dort stationiert. Als sie sich das erste Mal sahen, waren beide 15 und zu schüchtern, um etwas zu sagen. Ein Freund vermittelte schließlich. Ein Jahr später, 1977, zog Willie wieder fort, sein Vater war nach Lubbock, Texas, versetzt worden. Zum Abschied schenkte er Lani ein Foto. Es zeigt die beiden beim Abschlussball. Willie trägt ein Hawaiihemd und braune Schlaghosen, Lani ein Kleid, das mit Federn geschmückt ist. Hinten auf das Foto schrieb er: "Wäre ich älter, würde ich fragen, ob du meine Frau wirst." Viele Jahre später hat er sie gesucht. 1986 heirateten sie. Sie haben drei Söhne.

Donnerstag, 16. Januar

Um sechs Uhr früh wird die Crew von einem Kamerateam der Nasa am Frühstückstisch gefilmt, vor ihnen eine Schale mit Äpfeln. Sie tragen grüne T-Shirts und halten die Daumen hoch. Erst einen, dann zwei. Sie lachen. Später zeigt die Kamera, wie ihnen die schweren orangefarbenen Raumanzüge angezogen werden und die Helme. Groß im Bild Willie, der Pilot, kurz vor seinem ersten Flug ins All. Dann gehen sie los und winken.

Sie nehmen den Aufzug von der dritten Etage ins Erdgeschoss. Ein silberner "Astro-Bus" bringt sie zu ihrem Raumschiff. Es ist 7.35 Uhr. Rick klettert als Erster in das schmale Cockpit, legt sich auf den Rücken. Es ist eng, ein Nasa-Mitarbeiter hilft ihm beim Anschnallen. Der Zweite ist Ilan, er geht ins Unterdeck. Willie klettert neben Rick, dann steigt Michael ein. Sie beginnen mit dem Soundcheck, überprüfen die Instrumente im Cockpit. Alles bestens.

26.000 Kacheln gegen die Hitze

Ann, Daves Ex-Freundin, ist als Ingenieurin für die 26 000 Hitzekacheln zuständig, die das Raumschiff umhüllen. Seit sechs Uhr früh sitzt sie vor einem Monitor und überwacht, dass keine der Kacheln bei der Startvorbereitung beschädigt wird. Vor allem beim Schließen der Tür darf nichts passieren. Die Kacheln sind hoch empfindlich, ihre Außenhaut ist dünn wie eine Eierschale, darunter ist Luft. Sie sind lebenswichtig. Sie schützen den Shuttle vor der brutalen Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.

Vor 30 Jahren, als man sich das System ausgedacht hat, hielt man es nicht für ideal. Als die 'Columbia' 1981, nach ihrem ersten Flug, mit schweren Schäden am Hitzeschild wiederkam, war die Sorge groß. Aber ein besserer Schutz gegen die höllische Reibungshitze fiel niemandem ein. Also gewöhnte man sich daran, die Kacheln zu inspizieren, zu reparieren, zu ersetzen. Das dauert Monate nach jedem Flug. Rund 170 Leute sind damit beschäftigt. Jetzt jedenfalls sieht alles perfekt aus. Ann schaltet ihren Computer ab und geht hinaus, um den Start zu sehen.

"We are ready to go."

Der Launch-Direktor sagt: "Alle guten Dinge kommen zu Menschen, die warten. Viel Glück für dich und deine Crew." Rick bedankt sich. "We are ready to go." Laurels Schwester Lynne ist schon seit fünf Uhr vor der Besuchertribüne. Sie hatte Angst, einen schlechten Platz zu bekommen. Und schlafen konnte sie sowieso nicht mehr. Lynne fand es in der Schule manchmal anstrengend, die Schwester von Laurel zu sein, die immer alles mit Eins machte. Jetzt ist sie nur noch stolz. Ihre große Schwester fliegt ins All. Geplant war Laurels Astronautenkarriere nicht. Aber eigentlich war auch die Navy nicht geplant. Da hat sie angeheuert, weil sie Medizin studieren wollte. Und bei acht Geschwistern gab es dafür kein Geld. Bald verarztete sie Soldaten auf schottischen Unterseebooten. Und nun zu den Sternen.

Zittern beim Countdown

Lynne hatte geglaubt, sie hätte keine Angst. Nicht wirklich. Aber jetzt ist sie so aufgeregt, dass sie kaum schlucken kann. Die Rakete ist sechs Kilometer entfernt. Selbst auf die Entfernung sieht sie riesig aus. Die Triebwerke haben so viel Kraft, dass sie 2000 Tonnen in die Höhe stemmen können. Auch die Geschwister von Michael Anderson sind gekommen. Sie sitzen neben den Eltern, alle drei Töchter und deren Ehemänner. Als Michael 1999 mit der 'Endeavour' ins All flog, waren fast 50 Andersons gekommen, aber das war ja auch das erste Mal.

Lynne starrt auf die Digitaluhr neben der amerikanischen Flagge. Noch zwei Minuten, noch 20 Sekunden, noch 15, noch zwei. Und dann nur noch Krach, ein ohrenbetäubendes Knattern. In dem weißen Ding jagt Laurel in die Luft. 10.39 Uhr, auf die Sekunde wie geplant. Der Boden vibriert, eine riesige Wolke aus Qualm bleibt zurück. Lynnes Herz rast. Und sie ertappt sich, wie sie ständig auf die Uhr sieht. Dann, nach 73 Sekunden, wirft sie jubelnd die Hände in die Luft. Es ist geschafft. Nach 73 Sekunden war die 'Challenger' explodiert. Und nun, nichts als blauer Himmel und diese feste Säule aus Feuer und Dampf. Pure Energie. Ihr laufen Tränen über das Gesicht vor Erleichterung. Ein paar Meter weiter hält Jon Clark seinen Sohn Iain fest. Der heult und heult und kann sich gar nicht beruhigen. Jon wird es langsam zu bunt. "Das ist doch cool", sagt er. "Nun guck doch, da oben fliegt deine Mom." Aber Iain will nichts hören. Sein Gesicht ist so verschwollen, dass man auch zehn Minuten später kein Foto von ihm machen kann. Er sagt kein Wort. Ein paar Meter weiter weint noch ein Kind. Die Tochter von Ilan und Rona Ramon. Was los sei, fragt Rona. "Ich habe meinen Vater verloren", sagt das Mädchen. Die Erwachsenen schauen in den Himmel, das Raumschiff wird immer kleiner.

81,7 Sekunden nach dem Start

Den Isolierschaum, der 81,7 Sekunden nach dem Start vom Außentank abgefallen ist, sehen sie aus der Entfernung nicht. Ingenieure werden ihn erst am nächsten Tag entdecken, bei der Routine-Auswertung des Startvideos. Es waren mehrere Stücke, die sich gelöst hatten. Eins davon traf das Raumschiff. Es prallte gegen die Vorderkante des linken Flügels. Ein Stück, so groß wie ein Koffer. Es wog 1,2 Kilogramm und hatte eine Geschwindigkeit von rund 1000 Kilometern in der Stunde. Da wird Hartschaum zum Geschoss.

Bei der Nasa hatte man sich daran gewöhnt, dass Isolierschaum vom Außentank abfiel. Es geschah bei jedem Flug. Meistens waren es nur kleine Stücke, nicht einmal handgroß. Nie war etwas passiert. Auch im Nasa-Hauptquartier in Washington wusste man davon. Bereits bei einem 'Columbia'-Flug im November 1997 war ein großes Stück der Tankisolierung abgebrochen und gegen das Raumschiff geprallt. Es mussten viele Hitzekacheln ausgewechselt werden. Im Oktober 2002, beim Flug der Raumfähre 'Atlantis', hatte sich wieder ein großes Stück gelöst.

Es wurde nicht als "Anomalie" klassifiziert, sondern als "innerhalb der Familie". Das ist der merkwürdige Begriff, den die Nasa verwendet, wenn das Risiko akzeptabel ist. Der Schaden wurde nach der Rückkehr repariert. Danach versicherte die Behörde sogar schriftlich, dass diese Vorfälle "kein Risiko für die Flugsicherheit" darstellen.

Zu viel gespart, zu wenig modernisiert?

Das Raumfahrtprogramm der Nasa war oft kritisiert worden in den vergangenen Jahren. Es werde zu viel gespart und zu wenig modernisiert, hieß es. Mehrfach musste die Flotte wegen Haarrissen und anderer Sicherheitsrisiken stillgelegt werden. Im Juli 1999 trat beim Start der 'Columbia' so viel Wasserstoff aus einer Leitung, dass sich beinahe die Motoren abgestellt hätten. Die Nasa wäre gezwungen gewesen, erstmals eine Notlandung zu versuchen. Kurz darauf entdeckte man gefährliche Kabelschäden. Zuletzt fand man winzige Risse in Treibstoffleitungen der 'Discovery', die zur monatelangen Stilllegung der ganzen Flotte führten. Im April 2002 sagte Richard Bloomberg, der Vorsitzende des Komitees zur Untersuchung von Missständen bei der Nasa, vor dem US-Repräsentantenhaus: "Ich war noch nie besorgter um die Sicherheit des Space Shuttles als jetzt." Im August schrieb der pensionierte Nasa-Ingenieur Don Nelson einen Brief an Präsident Bush. Er warnte vor einem "weiteren katastrophalen Shuttle-Unfall".

Das Raumfahrtprogramm wurde nicht gestoppt

Nelson informierte das Weiße Haus über 3500 Kabeldefekte, die bei einer Routineuntersuchung gefunden worden waren, und über marode Wasserstoffleitungen. Vor allem fehlten Rettungseinrichtungen, um die Crew im Notfall in Sicherheit zu bringen, warnte er. Er bat den Präsidenten, das Raumfahrtprogramm bis auf weiteres zu stoppen. "Sonst werden wir mit Schrecken und Scham zusehen, wie unsere Astronauten den sicheren Tod finden." Der Brief erreichte den Präsidenten nicht. Die Antwort kam von John Marburger, seinem wissenschaftlichen Berater: Es sei unangebracht für den Präsidenten, sich einzuschalten - oder gar bis auf weiteres Starts von Raumfähren zu unterbinden. Die Nasa habe erklärt, Sicherheitsmaßnahmen hätten bereits höchste Priorität.

Den Zuschauern in Cape Canaveral versichert der Mann am Lautsprecher: "Eine Minute 26 Sekunden sind sie schon geflogen, alles sieht gut aus an Bord der 'Columbia', ein makelloser Start."

"Da ist immer die Ungewissheit"

Im Raumschiff wird die Crew hin- und hergeschüttelt, als säße sie auf Presslufthämmern. Michael Anderson betet. Start und Landung machen ihm Angst. "Es ist doch so, dass man versucht, eine Explosion zu kontrollieren", hatte er vor dem Start gesagt. Er ist Physiker. "Es gibt so viel, was danebengehen kann. Wir versuchen, nicht daran zu denken. Aber da ist immer die Ungewissheit." Weil es gefährlich ist, sind es die Besten, die ins All geschickt werden. Das Auswahlverfahren der Nasa ist streng. Rick, der hoch dekorierte Air-Force-Soldat, wurde erst im vierten Anlauf genommen. Jeder von ihnen hat rund 2000 Mitbewerber hinter sich gelassen. Tausende Stunden haben sie trainiert. Notfallszenarien, Reaktionsfähigkeit, Stressresistenz. Nach 8,5 Minuten sind sie oben. Es ist geschafft. Schwerelosigkeit. Kein Gewicht mehr, von einer Sekunde auf die andere. Bei KC und Laurel fliegen die Haare. Sie schnallen sich ab. Dave beginnt, seinen Sitz abzumontieren. Den braucht er erst zur Landung wieder. Jeder Handgriff ist in einem Zeitplan festgelegt, auf die Minute. Laptops aufbauen, Video-Equipment installieren, Schränke einräumen. Um 13.09 Uhr schweben Laurel und Ilan den Tunnel entlang, der die kleine Crewkabine mit dem Labor verbindet. Sie beginnen, die 80 Experimente aufzubauen, Eiweiße und Prostatakrebszellen auszupacken. Ilan bereitet sein großes Experiment zur Erderwärmung vor. Jeden Tag wird er dafür Staub über Israel und dem Mittelmeer analysieren. Laurel wird die Veränderungen der Knochendichte im All untersuchen. Um 14.39 Uhr geht das blaue Team ins Bett. Sechs Stunden später sind die anderen mit Schlafen dran. Sie teilen sich dieselben Kojen.

Freitag, 17. Januar, 5.39 Uhr

Das rote Team wird von Kinderstimmen wach. "America, the beautiful" singt der Texas Elementary Honor Choir, dem auch Ricks Tochter Laura angehört. Es ist eine alte Nasa-Tradition, dass die Familien der Astronauten die Weckmusik aussuchen. Die Crew ist fröhlich an diesem ersten Tag im All, auch ihrem kleinen Zoo geht es gut. Sie haben eine Ameisenkolonie aus New York dabei, Bienen aus Liechtenstein, Spinnen aus Australien und die Larven von Seidenraupen aus China. Es sind Experimente von Schülern; sie wollen wissen, wie sich die Tiere in der Schwerelosigkeit verhalten. Lani McCool findet in ihrem Haus in Houston einen Abschiedsbrief. "Der Liebe meines Lebens" hat Willie auf den Umschlag geschrieben. In den kommenden Tagen wird sie auch Fotos finden, die er für sie versteckt hat. 16 Bilder für 16 Tage. Er hilft ihr per E-Mail: Schau in der Cornflakes-Schale, hinter dem Aquarium, im Bücherregal. Es sind Fotos, die einen Willie zeigen, den auch die Crew nicht kennt. Mit schwarzer Fransenperücke; nackt im Zion National Park, mit weißen Flügeln auf dem Rücken; mit Fünftagebart und Python um den Hals. Die meisten Bilder sind harmlose Schnappschüsse. Willie, der seinem Sohn im Garten die Haare schneidet, den Kindern aus 'Der Herr der Ringe' vorliest, beim Tagebuchschreiben.

Erste Bedenken

Bei der Video-Analyse in Florida entdecken Experten das Stück Isolierschaum, das den linken Flügel der 'Columbia' getroffen hat. Sie untersuchen Bild für Bild, immer wieder, prüfen Dutzende Filmrollen, mit Pfeilen markieren sie mögliche Einschlagstellen. So ein großes Stück ist noch nie auf ein Raumschiff geprallt. Ist es Schaum, ist es Eis oder beides? Niemand weiß das. Ein Team des Vertragspartners Boeing wird sofort mit der Untersuchung beauftragt. Es verwendet dafür ein Simulationsprogramm mit dem bezeichnenden Namen 'Crater'. Es ist 30 Jahre alt. Der Nasa-Ingenieur Don McCormack schreibt den ersten seiner täglichen Berichte in ein Logbuch: "Die Mission STS 107 verläuft nach Plan, und alle Subsysteme funktionieren zufriedenstellend."

Samstag, 18. Januar

Willie hat nicht gut geschlafen. In der Nacht zuvor auch nicht. Noch hat er sich nicht daran gewöhnt, im Schweben zu schlafen. Ihm wird schwindelig. Aber nun dröhnt Pink Floyd durchs Raumschiff, es wird ein guter Tag. Wie jeden Morgen sammeln sie Urin und Spucke ein. Zum Blutabnehmen ketten sie sich an. Sie wollen kein Risiko eingehen. Es ist etwas schummrig an Bord, es hilft, dass sie in Houston das Einführen der Nadeln mit Sonnenbrillen geübt haben.

Ilan hatte sich vorgenommen, heute sein eigenes Experiment durchzuführen. Wie man den Sabbat im All einhält. Er hatte sogar seinen Rabbi gefragt, wie er das machen soll, schließlich erleben sie bei ihrer rasenden Fahrt fast stündlich einen Sonnenuntergang. Der Rabbi riet ihm, er solle sich an die irdische Zeit halten. Aber der Sabbat muss warten bis nächste Woche. Es gibt viel zu viel zu tun.

CNN und CBS sind zugeschaltet. Ilan, KC, Rick und Laurel geben ihre erste Pressekonferenz. Sie sitzen nebeneinander, winken. Das Mikrofon fliegt immer wieder weg. Was er beim Flug über Israel gedacht habe, wollen die Reporter wissen. Ilan hat keine Lust, den Nahen Osten zu kommentieren. Das musste er vor dem Abflug schon ständig tun. Er sagt, er habe nicht viel sehen können. "Zu viele Wolken."

Sonntag, 19. Januar

Sie sind über Mittelamerika. Willie steht vor dem Spiegel und rasiert sich, Michael gleitet aus seiner Schlafröhre. Sie ist kaum breiter als sein Körper, mit Schaumstoff gepolstert. Dave filmt ihn und liefert den Kommentar gleich mit: "Das Schöne an der Schwerelosigkeit ist, du kannst in deinen Klamotten schlafen und sie werden nicht knittrig." An Michaels Bein hängen Messinstrumente, auch der Schlaf wird wissenschaftlich ausgewertet.

Das Unterdeck ist so etwas wie das Wohnzimmer des Raumschiffs. Hier sind die Schränke mit den getrockneten Essensrationen, ihre Toilette, die vier Kojen. Und hier steht das Trimm-Rad, auf dem sie täglich strampeln und ihre Atmung messen. Die Ergebnisse sollen helfen, Herz-Lungen-Maschinen zu verbessern. Auf dem Rad sitzt Willie und schneidet Grimassen. Laurel lacht. Sie hat mal gesagt, er sei ein Zehnjähriger im Körper eines Achtjährigen. Ilan schwebt über ihm und gibt Daten in seinen Laptop ein. Später wirft ihm Laurel ein Röhrchen mit Blut zu, es schwebt langsam in seine Hand. Unten Ägypten, das Rote Meer, die Sinai-Halbinsel, rechts Jordanien, darunter Saudi-Arabien.

Michael Andersons Eltern Barbara und Bobbie sind zurück in ihrem Haus in Spokane. Ständig klingelt das Telefon. Leute rufen an und sagen, sie hätten ja keine Ahnung gehabt, dass Michael Astronaut ist, nun sehen sie ihn im Fernsehen. Ach, sagen die Andersons, das sei doch nicht so wichtig. Auch ihren Sohn haben sie zur Zurückhaltung erzogen. Bobbie Anderson ist als Schwarzer in Mississippi aufgewachsen. Er hat Michael eingetrichtert, dass er alles schaffen kann, aber doppelt gut sein muss. Dass er sich nie einschüchtern lassen soll. Amerika biete ihm alle Möglichkeiten. Dass er sich bei der Nasa beworben hatte, erfuhren die Eltern erst, als er angenommen war. Seine blecherne Lunchbox mit Captain Kirk steht noch heute im Küchenschrank der Mutter.

Montag, 20. Januar

In Florida hört Ann, die Ex-Freundin von Dave, von dem Vorfall beim Start. "O Gott", denkt sie. So ein großes Stück. Sie weiß am besten, was das bedeuten kann. Mit Dave darf sie nicht darüber sprechen. Alles, was die Arbeit betrifft, muss vorher durchs Kontrollzentrum. Wenn sie doch nur den Roboterarm dabeihätten, dann könnte man wenigstens schauen, wie groß der Schaden ist. Er ist beweglich und an der Spitze mit einer Kamera ausgerüstet. Bei dieser Mission haben sie ihn zu Hause gelassen. Sie brauchen den Platz für die vielen Experimente. Die 'Columbia' ist eh schon leicht überladen.

Jon Clark sitzt an seinem Schreibtisch bei der Nasa in Houston. Um ihn herum summt und piept es, sein Büro ist voll gestellt mit Monitoren und Technik. Das einzig Bunte in diesem Raum sind die zwei Dutzend Bilder von Laurel an seiner Wand. Mit kurzen und mit langen Haaren, im Ballkleid, beim Zelten. Und im rosa Nachthemd mit dem neugeborenen Iain im Krankenhaus.

Jon hat Laurel heute Morgen mit Dudelsackmusik wecken lassen. Als sie in Schottland stationiert war, hat er sie gefragt, ob sie ihn heiraten würde, das war kurz bevor er in den ersten Golfkrieg zog. Ein Jahr vorher hatten sie sich kennen gelernt, 1989 beim Tauchtraining der Marine in Florida. Laurel war eine der wenigen Frauen im Kurs - und sie schwamm schneller als die Männer. Das hat ihn beeindruckt.

Nasa-Ingenieur Don McCormack schreibt ins Logbuch: "Die Mission STS 107 verläuft nach Plan, und alle Subsysteme an Bord funktionieren zufriedenstellend (...) Bezüglich des Einschlags am linken Flügel haben Spezialisten die Filmanalyse beendet. Sie verglichen, wie der Flügel vor und nach dem Aufprall aussah, um Hinweise auf den Schaden zu bekommen. Die Auflösung des Filmes reicht nicht, um einzelne Kacheln zu erkennen. Die Tatsache, dass die Helligkeit in der unteren Flügeloberfläche überall gleich ist, lässt jedoch vermuten, dass es keinen größeren Schaden gibt."

Dienstag, 21. Januar

Das rote Team bekommt einen Anruf aus Israel von Ministerpräsident Ariel Sharon. Ilan ist der erste Israeli im All. Er war schon weit über 40, als er erfuhr, dass er dazu ausersehen wurde. In seinem Land ist er bekannt, seit er 1981 als junger Pilot den Atomreaktor von Saddam Hussein bombardierte. Es war das Jahr, in dem die 'Columbia' auf ihren Jungfernflug ging. Ilan hält eine winzige Torah-Rolle in die Kamera. Die hat ihm ein 71-jähriger Atmosphärenphysiker mitgegeben, der sie als Kind im Lager Bergen-Belsen von einem Rabbi geschenkt bekam. Ilans Mutter und Großmutter haben Auschwitz überlebt.

Mittags legt Boeing in Houston eine erste Powerpoint-Analyse vor. Rund zehn Ingenieure sind bei diesem Treffen. Sie entscheiden, dass sie Satellitenfotos brauchen. Der Ingenieur Rodney Rocha schreibt seinem Chef: "Ohne bessere Bilder zu haben, wird es sehr schwierig, mit der Analyse zu beginnen. Das mögliche Spektrum könnte zwischen akzeptierbar, nicht akzeptierbar und furchtbar liegen, und es gibt keinen Weg, die Unsicherheit zu reduzieren." Den nächsten Satz markiert er fett: "Können wir um fremde Hilfe bitten - betteln?" Einige der Oldtimer erinnerten sich, "dass wir solche Hilfe in den frühen Achtzigern bekommen haben, wenn wir Sorgen wegen fehlender Kacheln hatten".

Im Kontrollzentrum in Houston sieht sich Leroy Cain das Video vom Start an. Er ist der Flugdirektor der Mission. Er wird in zehn Tagen für die Landung verantwortlich sein. Was er sieht, erscheint ihm "nicht als großes Problem". Er denkt nur, es ist etwas, "das wir uns anschauen müssen". Er kennt die Crew gut, Rick schon seit zehn Jahren. Seine beiden Töchter gehen mit den Kindern von Rick und Michael zur Schule.

Mittwoch, 22. Januar

Es ist heiß im Raumschiff. Im Labor ist die Kühlung ausgefallen. Sonst ist alles in Ordnung. Eine Rosenknospe ist aufgegangen. Die Spinnen der australischen Schüler beginnen, Netze zu spinnen. Laurel telefoniert mit ihrer Familie. Jon flachst, Iain trinke jetzt immer Bier, und in die Schule gehe er auch nicht mehr. Am Abend schreibt Laurel eine schnelle E-Mail an alle Freunde: "Noch drei Minuten bis zur Schlafenszeit. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, euch zu schreiben. Ich kann es nicht abwarten, bald alles Erlebte mich euch zu teilen. (...) Der Blick aus dem Fenster ist unbeschreiblich. Ich wünschte nur, ich hätte mehr Zeit zu schauen und Fotos zu machen. Das Essen ist klasse, und den langen Tunnel zum Labor runterzuschweben ist ein Riesenspaß. Jetzt bin ich aber wirklich spät dran und muss noch meine Zähne putzen! Alles Liebe und Küsse für alle, Laurel."

Ingenieur Rodney Rocha erfährt von seinem Chef, das vorgesetzte Mission Operation Team habe entschieden, man brauche keine zusätzlichen Fotos. Rocha schreibt eine E-Mail, die er als Entwurf in seinem Computer speichert. "Nach meiner bescheidenen Meinung ist es eine falsche (und nahezu unverantwortliche) Entscheidung, keine zusätzlichen Fotos von außen anzufordern. Ich muss noch einmal betonen, dass bedeutender Schaden an der kritischen Stelle große Gefahren darstellt. Für das Team der Ingenieure wird es sogar mit zusätzlichen Bildern schwierig sein, zu einer verlässlichen Antwort zu kommen. Ohne die Bilder garantieren wir jedoch, dass eine Schadensanalyse unmöglich ist. Erinnert ihr euch an die Nasa-Poster, die überall hängen: Wenn etwas nicht sicher ist, sagt es? So ernst ist die Lage." Rocha schickt diese Mail nie ab.

Donnerstag, 23. Januar

Halbzeit. Eine Woche ist seit dem Start vergangen. Das Kontrollzentrum weckt die Crew mit "Burning down the fire". Sie sollen heute untersuchen, wie sich Flammen in der Schwerelosigkeit verhalten. Michael nimmt den Anruf entgegen. "Ein toller Tag", sagt er, "es gibt nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssen." Dave macht einen dreifachen Salto.

Bei der Nasa in Houston versammeln sich um sieben Uhr drei Dutzend Ingenieure. Das Boeing-Team legt eine zweite Powerpoint-Präsentation vor. Die wenigsten Anwesenden sind mit dem veralteten Analysewerkzeug 'Crater' vertraut. Sie wissen nicht, dass es kaum mehr ist als ein schlichtes Tabellenprogramm. Dass es reicht, um Mini-Schäden zu berechnen, aber nicht, um die Wirkung eines 50-Zentimeter-Brockens vorauszusagen. Die geschätzte Größe war in den Computer eingegeben worden, und 'Crater' lieferte ein Ergebnis: Es wird Schaden an den Kacheln geben, auch "signifikanten Schaden", aber keine Katastrophe. Im schlimmsten Fall würden eine oder mehrere Kacheln stark beschädigt oder herausgeschlagen. Ein komplettes Durchbrennen der Aluminiumhaut des Shuttles sei nicht zu erwarten. Man müsse mit längerer Reparatur am Boden rechnen, aber die sichere Rückkehr sei garantiert.

Unzureichende Berechnungen

Die Männer von Boeing belegen ihre Argumentation mit den Ergebnissen früherer Flüge, bei denen auch Hartschaum von der Rampe des Tanks abgefallen war. Sie weisen allerdings darauf hin, wie wichtig die Frage des Einschlagwinkels sei: "Eine kleine Veränderung im Energie-Input könnte den Schaden deutlich erhöhen." Obwohl niemand sicher sein kann, ob es sich bei dem Stück wirklich nur um Hartschaum handelt oder um ein Gemisch aus Schaum und Eis, wurde die Variable Eis nicht berechnet.

Auch um die Kohlefaser-Formteile, die die Vorderkante der Tragfläche bilden, so genannte RCC-Paneele, macht sich Boeing keine großen Sorgen. Sie würden höchstens oberflächlich beschädigt, heißt es. Die RCC-Paneele sehen auf den ersten Blick recht robust aus. Auf den zweiten sind in jedem kleine Löcher und Risse. Woher die kommen, ist nicht klar, vielleicht ist es ein Altersproblem. Sobald zu viele Löcher da sind, werden sie repariert. Bei der 'Columbia' sind bisher rund 20 Paneele und ebenso viele Dichtungen auf der linken Seite instand gesetzt worden. In der Powerpoint-Präsentation ist hiervon nicht die Rede.

Vielleicht wollten die Ingenieure es glauben

Zur Beruhigung erfahren die Ingenieure noch, in der Vergangenheit seien die Voraussagen des Programms akkurat gewesen. Mehr noch, es habe immer zu viel Schaden hochgerechnet. Es sei ein "konservatives" Programm. Auf dem Abschlussbild steht: "Eine sichere Rückkehr ist selbst bei signifikantem Kachelschaden zu erwarten." Vielleicht wollten die versammelten Ingenieure das auch glauben. Wer wollte der Crew sagen, dass ihr Shuttle vielleicht den Heimweg nicht überstehen würde? Den Familien erklären, dass man das Beste hoffe? Notmaßnahmen wären gefährlich gewesen. Es war kein Werkzeug zur Reparatur der Kacheln oder der RCC-Paneele an Bord. Die Internationale Raumstation war unerreichbar in einem anderen Orbit.

11.01 Uhr, Satellitenfotos unnötig

Ein Nasa-Mitarbeiter schreibt dem zuständigen Air-Force-Kommando, man brauche sich nicht um Satellitenfotos der 'Columbia' zu bemühen. In den vergangenen Tagen hatte es mehrere Bitten von Ingenieuren gegeben, solche Fotos anzufertigen. Das wiederum hatte die Nasa-Führung erfahren, und nachdem es nie eine offizielle Anfrage des Flugdirektors gegeben hatte, wurde das Unternehmen gestoppt. Man bedanke sich für die "enthusiastische Bereitschaft", hieß es in dem Schreiben. Man möge die kurzfristige Stornierung entschuldigen. "Ich kann Ihnen versichern, dass der Shuttle noch gestern Nachmittag in exzellenter Verfassung war." Beim nächsten Mal müsse man sichergehen, dass solche Anfragen durch die "richtigen Kanäle gehen".

Nun wird auch die Crew über den Vorfall beim Start informiert. Flugdirektor Leroy Cain schickt eine E-Mail an Kommandant Rick Husband, betont darin aber, es gebe keinen Grund zur Sorge. Nasa-Ingenieur Don McCormack schreibt ins Logbuch: "Die Mission STS 107 verläuft nach Plan, und alle Subsysteme des Raumschiffs funktionieren zufriedenstellend."

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