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Ausbruch des Vesuvs Pompejis "Letzter Flüchtling" ausgegraben – fast hätte er es auf die rettende Flotte geschafft

Der Mann wurde zuerst schwer am Kopf verletzt, bevor er durch die Gaszungen verbrannte.
Der Mann wurde zuerst schwer am Kopf verletzt, bevor er durch die Gaszungen verbrannte.
© Commons
Der "Letzte Flüchtling" zeigt das Drama des Ausbruchs des Vesuvs. Der Mann hatte es fast bis zu den Rettungsbooten geschafft, als er von einem Balken niedergeschlagen wurde. Ganz in der Nähe fand man zuvor die Leiche eines Offiziers der Rettungsmission.

Der "Letzte Flüchtling" der Katastrophe des Vesuvausbruchs wurde am Strand der ehemaligen Stadt Herculaneum entdeckt. Es handelt sich um eine neue Ausgrabung, am gleichen Ort waren schon vor 25 Jahren etwa 300 Schutzsuchende entdeckt worden. Sie alle hofften, sich bereits gerettet zu haben. Viele Flüchtlinge warteten in den Fischerhütten am Strand der Altstadt von Herculaneum. Am Ufer landeten am Morgen die Rettungsboote der imperialen Flotte, doch viele Flüchtlinge schafften es nicht dorthin. Die Archäologen nehmen an, dass dieser Mann zwischen 40 und 45 Jahre alt war.

Tod in letzter Minute 

Es sei aber denkbar, dass er zu den Soldaten gehört habe, die am Strand ausgeschwärmt sind, um die Menschen zu bergen. "Er könnte ein Soldat mit einem Rettungsboot gewesen sein, der versuchte eine Gruppe von Menschen auf die hohe See zu bringen", sagte Francesco Sirano, der Leiter der archäologischen Stätten in Herculaneum. Oder eben einer der Flüchtlinge, der sich von der Gruppe und dem Schutzraum entfernt hatte, um das Meer zu erreichen, in der Hoffnung, eines der Rettungsboote besteigen zu können.

Da bislang keine Ausrüstungsgegenstände eines Soldaten gefunden wurden, wird der Tote der "Letzte Flüchtling" genannt. Da er allein lag, kann er derjenige aus einer Gruppe gewesen sein, der es nicht bis zu den Booten schaffte. Er wurde am Fuß der sehr hohen Lavasteinmauer gefunden, die heute die antike Meeresfront abschließt. Er lag mit dem Kopf zurück Richtung Meer und war von schwerem, verkohltem Holz umgeben, sogar von einem Dachbalken, der ihn am Kopf verletzt hatte. Die Knochen sehen leuchtend rot aus, so Sirano. "Es ist der Eindruck, den das Blut des Opfers hinterlassen hat", so der Archäologe. Das sei Folge eines ganz besonderen Verbrennungsprozesses, der in Herculaneum durch den Strom von Magma, Asche und Gas aus dem Vesuv verursacht wurde.

Keine Rettung vor den Gaszungen

Der Vesuv begrub Pompeji und die nahe gelegenen Städte Oplontis, Stabiae und Herculaneum am 24. Oktober 79 n. Chr. unter Asche, Schlamm und Felsbrocken. Viele der Opfer wurden von der Asche bedeckt und hinterließen so die charakteristischen Abdrücke, die die Jahrtausende überdauerten. Doch die meisten starben durch heiße Gaszungen, die sich blitzschnell verbreiteten. Vor ihnen gab es kein Entkommen. Derartige Gaswolken erreichen über 700 Kilometer pro Stunde und erhitzen sich auf bis zu 1000 Grad. Diese "Hölle auf Erden" sei in wenigen Minuten über die Menschen hinwegfegt, so Sirano. Sie verschlang den größten Teil der Stadt und tötete Menschen und Tiere mit solcher Hitze, dass die Leichen verdampften (Verdampfendes Blut und explodierende Schädel - so grausam starben die Opfer des Vesuvs).

Rettungsaktion der Kriegsflotte 

Erst kürzlich wurde ein römischer Elitesoldat etwa 20 Meter entfernt an dem Strand entdeckt. Genau genommen hatte man die Überreste schon früher ausgegraben, aber erst später die richtigen Schlüsse aus den Fundstücken neben dem Toten gefunden. "Als ich 2017 in Herculaneum ankam, wurde mir klar, dass viel Forschung in die Skelette floss, aber niemand dachte daran, die Werkzeuge zu analysieren, die daneben gefunden wurden", so Sirano. Im Gegensatz zu den anderen Skeletten, die an dem Strand und den dortigen Hütten lagen, war der Mann ein Militär. Er trug einen reich verzierten Ledergürtel, einen verzierten Dolch und ein Schwert mit einem Eisengriff bei sich. Analysen zeigten, dass der Gürtel mit Bildern eines Löwen und eines Cherubs verziert war und die Scheide des Schwertes das Abbild eines ovalen Schildes zeigte.

Sirano nimmt vor allem wegen des Bildes des Schildes an, dass der Mann ein Mitglied der Prätorianergarde war. "Prätorianer trugen ovale Schilde", erklärt Sirano. Legionäre rechteckige. "Er könnte ein Offizier der Flotte sein, die an der Rettungsmission teilnahm, die Plinius der Ältere startete, um den Menschen in den Städten und Villen zu helfen, die an diesem Teil der Bucht von Neapel liegen", so Sirano. Der Beutel mit einem kompletten Monatslohn deutet darauf hin, dass Plinius seine Männer vor der gefährlichen Mission durch die Ausgabe einer Sonderzahlung motiviert hat. Neben dem Toten wurden kleinere Hack- und Grabwerkzeuge gefunden.

Plinius der Ältere, war ein Gelehrter der Naturwissenschaft und zu der Zeit Kommandant des römischen Marinestützpunktes in Misenum am Golf von Neapel. Und alles andere als ein Heros. Plinius war 55 Jahre alt, übergewichtig, asthmatisch und hatte keinerlei maritime Erfahrung und doch kommandierte er die wichtigste Flotte im Römischen Reich. Die Geschichte des Ausbruchs wurde durch die Berichte seines Neffen, Plinius des Jüngeren, überliefert. Demnach war der Onkel beunruhigt, als er eine seltsame Wolke aus dem Vesuv aufsteigen sah. Er befahl einer Galeere, sich bereit zu machen, um hinüber zu segeln und nachzuforschen.

Heroischer Tod eines Gelehrten

Kurz darauf erhielt er eine Nachricht von seiner Freundin Rectina, die ihn anflehte, sie aus ihrer Villa am Fuße des Berges zu retten. "Er änderte seine Pläne, und was er im Geiste der Untersuchung begonnen hatte, vollendete er wie ein Held. Er gab den Befehl, die Kriegsschiffe zu Wasser zu lassen, und ging selbst an Bord, in der Absicht, außer Rectina noch vielen anderen Menschen Hilfe zu bringen, denn dieser schöne Küstenabschnitt war dicht besiedelt."

Plinius nahm die größten Schiffe seiner Flotte, um über die Bucht zu gelangen. Die vollständige Zerstörung von Pompeji dauerte drei Tage, diejenigen, die die Stadt sofort verließen oder auf der Durchreise waren, überlebten. Wer zu Beginn zögerte, konnte später nicht mehr entkommen. Als die gewaltigen Schiffe mit ihren 232 Ruderern ankamen, war die Situation bereits katastrophal. "Es fiel bereits Asche, die heißer und dichter wurde, je näher die Schiffe kamen, gefolgt von Bimssteinbrocken und geschwärzten Steinen, die von den Flammen verkohlt und verbrannt wurden. Einen Moment lang überlegte mein Onkel, ob er umkehren sollte, aber als der Steuermann dazu riet, lehnte er ab."

Plinius konnte in Pompeji nicht anlegen, seine Schiffe dockten in Stabiae an. Nach dem Regen von Bimsstein und Asche tobten um Mitternacht heiße Gaszungen zuerst durch Herculaneum und am Morgen dann durch Pompeji. Sie töteten alle, die in der Stadt geblieben waren. Vermutlich starben dabei der "letzte Flüchtling" und auch der Prätorianer. Der unsportliche Plinius selbst gab seinen Männern ein Beispiel und landete mit an dem Strand. Dort fand auch er am Morgen den Tod.


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