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Geänderte Wahrnehmung Sommer-Bilanz: Klimawandel macht aus schönster Zeit des Jahres die "Jahreszeit der Gefahren"

Verdorrte Sonnenblume auf einem Feld in der kanadischen Provinz Alberta
Eine verdorrte Sonnenblume auf einem Feld in der westkanadischen Provinz Alberta
© Brontë Wittpenn / San Francisco Chronicle / AP / DPA
Ausnahme-Sommer oder neue Realität – wie ist die warme Jahreszeit 2022 zu bewerten. Namhafte Klimaforscher bilanzieren, dass wir bereits in der Klimakrise leben. Und was die Auswirkungen betrifft, stehen wir ganz am Anfang.

Es war nicht nur in hiesigen Breiten ein extremer Sommer. Dürre gab es auch in China, stattdessen in Pakistan erst nie gekannte Hitze und dann tödliche Überschwemmungen. Auch die USA wurden von sintflutartigem Regen heimgesucht. Von einem bis zum anderen Ende der nördlichen Halbkugel ist diesen Sommer deutlich geworden, wie der Klimawandel die Welt verändert. "Dieser Sommer lehrt uns, dass wir mitten in einer Klimakrise stecken und die Auswirkungen schon da sind, direkt um uns herum", zieht Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) Bilanz.

"Wir bewegen uns auf eine Klimakatastrophe von planetarem Ausmaß zu, wenn wir nicht schnell und entschieden handeln", warnt der Klimaforscher einmal mehr. Einen Vorgeschmack davon habe es dieses Jahr zu Genüge gegeben. Schon im Frühling litt Indien unter einer Hitzewelle mit Temperaturen von über 45 Grad. Im Juni spannte sich eine sogenannte Hitzekuppel über rund 120 Millionen Menschen in Nordamerika, gefolgt von Gewittern und Überschwemmungen, die unter anderem im berühmten Yellowstone-Nationalpark große Schäden anrichteten.

Es folgten riesige Waldbrände in Spanien und Portugal, ein tödlicher Gletscherbruch in den italienischen Dolomiten und Rekord-Dürre in halb China, die den Pegel des für die Wasser- und Stromversorgung enorm wichtigen Jangtse-Flusses dramatisch sinken ließ.

Vorhersagen bestätigen sich, Europa für Hitzewellen besonders anfällig

Noch ist es zu früh, jedes einzelne Extremwetter-Ereignis als konkrete Folge der Erderwärmung zu verbuchen – wenngleich dies dem entsprechenden Forschungszweig immer häufiger gelingt. Dass extreme Dürren und Überschwemmungen zunehmen, entspricht aber den Vorhersagen der Klimaforscher. "Die Erhöhung der weltweiten Temperaturen, verursacht durch die Nutzung fossiler Energieträger, wurde seit den 1970er-Jahren korrekt vorhergesagt", hebt Rahmstorf hervor. 

Weltweit werden Hitzewellen länger und heißer, Dürren und zugleich übermäßige Regenfälle nehmen zu, wie es "vor drei Jahrzehnten vorhergesagt" worden sei, so der PIK-Forscher. Europa sei allerdings "ein Hotspot" der Hitzewellen. Sie nähmen hier drei bis vier Mal schneller zu als auf der restlichen nördlichen Halbkugel.

In Großbritannien wurde diesen Sommer erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen die Marke von 40 Grad Celsius überschritten. In Frankreich wurden die dortigen Hitzerekorde mitunter um vier bis fünf Grad übertroffen.

Folgen des Klimawandels verstärken diesen zusätzlich 

"Man kann sich fragen, ob die Trockenheit, die 2022 in der Nordhalbkugel geherrscht hat, nach Ausmaß und Intensität zu den schwersten in der modernen Geschichte gezählt werden kann", sagt Omar Baddour, Experte der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), der dazu eine wissenschaftliche Untersuchung für die UN-Klimakonferenz im November im ägyptischen Scharm el-Scheich erstellt.

Hitze und Trockenheit verstärken sich gegenseitig. Laut Weltklimarat IPCC nimmt mit jedem Grad, um das sich die Erde erwärmt, die Verdunstung von Wasser in der Atmosphäre um sieben Prozent zu. 

Auch zwischen dem Klimawandel und seinen Auswirkungen gibt es Wechselwirkungen. So hat China dieses Jahr seine Nutzung von klimaschädlicher Kohle erhöht, weil wegen der verbreiteten Trockenheit viele Wasserkraftwerke keinen Strom mehr erzeugen konnten. Waldbrände wie in Spanien, Portugal und Frankreich setzen ihrerseits CO2 frei und sorgen dafür, dass weniger von dem Klimagas absorbiert wird. Hinzu kommen weitere Auswirkungen. So registrierte die WMO beispielsweise in Afrika zuletzt, dass 2,5 Millionen Menschen aufgrund von Folgen des Klimawandels ihre Heimat verlassen mussten. Dürren, Fluten und steigender Meeresspiegel trieben die Menschen in die Flucht.

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Es fehlt am Willen, etwas zu unternehmen

Werden unsere Sommer also von jetzt an immer so heiß sein wie 2022 oder noch heißer? "Nein, wir werden noch kühlere Sommer als 2022 haben", sagt der IPCC-Wissenschaftler Jean Jouzel. "Aber diese heißen Sommer werden häufiger auftreten." Bis 2040, 2050 würden sie dann zur "Norm".

Dass die gefährlichen Wetterextreme des Sommers zu einem verstärkten Kampf gegen den Klimawandel führen, erwartet Xavier Arnauld de Sartre von der französischen Forschungsorganisation CNRS nicht. "Es war nicht so, dass nicht gehandelt wurde, weil die Realität des Klimawandels bezweifelt wurde", sagt er. Und ebenso wenig werde nun etwas passieren, nur weil die Wirkung der Erderwärmung so stark sichtbar sei. Das Problem sei "mangelnder Wille".

Die US-Organisation Union of Concerned Scientists glaubt zumindest, dass sich die Wahrnehmung ändern wird. Nach ihrer Überzeugung wird der Sommer zunehmend nicht mehr als die schönste Zeit des Jahres gelten, sondern als "Jahreszeit der Gefahren".

dho / Benjamin Legendre AFP DPA

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