"Festung Bagdad" Wo der Tod an jeder Ecke lauert


Wenn der Irak nicht vorher kapituliert, wird sich der Krieg in verwinkelten Nebenstraßen und zwischen den Dächern abspielen. Militärplaner schätzen, dass ein Truppenverband bei der Einnahme einer Stadt ein Drittel seiner Soldaten verliert - ein hoher Preis.

Militärstrategen vergleichen die Straßen- und Häuserkämpfe in einer Großstadt mit einer Messerstecherei in einer Telefonzelle. Einen ersten Eindruck von solch erbitterten Gefechten auf kleinem Raum erhielten britische und amerikanische Soldaten vor Basra, Umm Kasr und Nassirijah. Ungleich heftigere Kämpfe könnten am Ziel des Vormarschs in Bagdad auf sie warten.

Wenn der Irak nicht vorher kapituliert, wird sich der Krieg nicht im offenen Wüstensand, sondern in breiten Hauptstraßen, verwinkelten Nebenstraßen und zwischen den Dächern von Wohnvierteln abspielen. In der Theorie der militärischen Planspiele wird geschätzt, dass ein Truppenverband bei der Einnahme einer Stadt fast ein Drittel seiner Soldaten verliert. Einen so hohen Preis haben die Vereinigten Staaten seit Generationen nicht gezahlt.

Unvorhersehbares Verhalten

Alliierte Einheiten sind schon nach wenigen Tagen auf irreguläre irakische Kämpfer gestoßen, die kaum ausgebildet sind und deren Verhalten in den Städten unvorhersehbar ist. Amerikaner und Briten haben in kurzer Zeit die Außenbezirke der Stadt Basra erreicht, den Flugplatz besetzt und eine Brücke gesichert. Aber dann kam der Vormarsch zum Stillstand. Stattdessen liefern sich beide Seiten seit Tagen Kämpfe, ohne dass sich eine Bewegung der Fronten abzeichnet. Die Alliierten hoffen, dass die gegnerischen Kräfte in der 1,3 Millionen Einwohner zählenden Stadt aufgeben werden, bevor sie selbst in die Stadt eindringen. "Wir werden uns da nur dann hinein ziehen lassen, wenn es nicht mehr anders geht", sagt der britische Oberst Chris Vernon.

Basra ist nur ein Mikrokosmos in Vergleich zur Fünf-Millionen-Metropole Bagdad. Die Alliierten erwartet in der "Festung Bagdad", wie es US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld genannt hat, eine Vielzahl von unkalkulierbaren Gefahren. Der schlimmste Fall - Kämpfe von Haustür zu Haustür mit Einwohnern zwischen allen Fronten - könnte nach Einschätzung von Militärexperten zu vermeiden sein. Aber sicher werden die alliierten Truppen mit riskanten Vorstößen in feindliche Stadtteile rechnen müssen. Die Unterscheidung zwischen Kämpfern und unbeteiligten Einwohnern wäre in Bagdad noch weitaus schwieriger als es sich bisher schon im Süden Iraks gezeigt hat.

Erinnerungen an Mogadischu

Bei Straßenkämpfen in Bagdad wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu großen Verlusten in der Zivilbevölkerung kommen. In Washington erinnert man sich an ein 17-stündiges Gefecht in der somalischen Hauptstadt Mogadischu während der UN-Intervention im Bürgerkrieg von 1993. Dabei wurden mehr als 1.000 Somalier und 18 US-Soldaten getötet.

Der Militärexperte Daniel Goure vom Lexington-Institut erwartet, dass die Alliierten das Stadtgebiet in überschaubare Blöcke aufteilen werden, um die einzelnen Widerstandszellen voneinander zu isolieren. "Das wird schmerzhaft und schwierig. Aber es wird funktionieren."

Die Militärplaner hoffen, dass sie zunächst mit Luftangriffen die Elite-Einheiten der Republikanischen Garde am Rand von Bagdad entscheidend schwächen können. Zu Häuserkämpfen soll es wenn irgend möglich nicht kommen. "In der Stadt wird nur auf Sichtweite gekämpft", sagt der aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene Oberst Bob Work. "Man schaut um die Ecke und kann einen Häuserblock weit sehen. Die Gegner können von oben kommen, von unten. Sie können sogar aus den Abwasserkanälen kommen."

Bedeutende Guerilla-Kriege in der Geschichte

In zahlreichen Staaten der Welt haben Guerilla-Organisationen für staatliche Unabhängigkeit oder soziale wie politische Umstürze gekämpft. Einige Beispiele:

China

Im entscheidenden chinesischen Bürgerkrieg 1946-1949 bediente sich Kommunistenführer Mao Tse Tung im Kampf gegen die Nationalisten von Tschiang Kai-Scheck einer Partisanentaktik. Nach drei größeren Schlachten siegten 1949 die Kommunisten.

Kuba

In einem Guerilla-Krieg gegen den Diktator Batista bereitete Fidel Castro in den 50ern mit Che Guevara die Revolution vor, aus der 1961 die sozialistische Republik Kuba hervorging. Der Argentinier Che Guevara scheiterte 1967 mit revolutionären Plänen in Bolivien.

Vietnam

Im Vietnamkrieg spielte der Vietcong, der militärische Flügel der Nationalen Befreiungsfront von Südvietnam, eine große Rolle. Mit seiner Guerilla-Taktik unterstützte er die kommunistischen Truppen Nordvietnams im Kampf gegen die USA und Südvietnam.

Kenia

Zwischen 1952 und 1956 verbreiteten als Mau Mau bekannt gewordene Geheimbünde in der britischen Kronkolonie Kenia mit Überfällen Angst und Schrecken. Dem Aufstand von 1956, der von den Briten niedergeschlagen wurde, folgte erst 1963 die Unabhängigkeit.

Uruguay

Die 1963 in Uruguay gegründete Bewegung Tupamaro versuchte mit Bombenanschlägen, Entführungen und Ermordungen von Prominenten den Staat zu destabilisieren. Nach ihrer weitgehenden Zerschlagung 1973 organisierten sich die Tupamaros als legale Partei neu.

Nicaragua

Die nach dem früheren Guerillaführer Augusto Sandino benannte FSLN (Sandinistische Front der Nationalen Befreiung) war 1979 führend am Sturz des Diktators Somoza beteiligt. Bis 1988 waren die Sandinisten dann mit den US-unterstützten Contras im Bürgerkrieg.

Peru

Unter der Bezeichnung «Leuchtender Pfad» führte eine kommunistische Guerilla seit den 70er Jahren einen «Volkskrieg» mit dem Ziel der Weltrevolution. Nach ihrer Zerschlagung durch die Armee Anfang der 90er Jahre wich die Gruppe von ihrer extremen Politik ab.

Afghanistan

Islamische Gruppen sorgten seit der Regierungsübernahme durch Kommunisten 1978 für andauernde Kämpfe. Eine sowjetische Intervention gegen die rebellierenden Mudschahedin endete 1989 mit der Niederlage der technisch und zahlenmäßig überlegenen Sowjetunion.

Namibia

Die in mehreren Ländern Südafrikas aktive SWAPO-Guerilla erkämpfte in jahrelangen Auseinandersetzungen mit dem Staat Südafrika die 1990 erworbene Unabhängigkeit für Namibia.

Sri Lanka

Die Armee Sri Lankas steht seit 1983 in einem Bürgerkrieg mit der Unabhängigkeitsbewegung LTTE (Tamilentiger). Die Volksgruppe der Tamilen beansprucht Autonomie im Norden des Inselstaats.

Calvin Woodward

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