HOME

"Was die Welt bewegt": Trotz Fleiß kein Preis für Hillary

Seit Hillary Clinton US-Außenministerin unter Barack Obama ist, verschwindet sie zunehmend aus dem Blickfeld. Für Krisenherde wie den Iran gibt es im Weißen Haus Spezialberater - sie sind dem Präsidenten allesamt näher als die Ex-First-Lady. Nun zieht sie ihre Halbjahresbilanz.

Von Katja Gloger

Wozu Ellenbogen in der Politik so herhalten müssen: Meistens werden sie eingesetzt, um Konkurrenten auf dem Weg nach oben beiseite zu räumen. In diesem Fall aber dienen sie als Entschuldigung bei Abwesenheit. Genauer gesagt: Es handelt sich um einen gebrochenen rechten Ellenbogen, und er gehört der, neben Madonna, wohl berühmtesten Frau der Welt: Hillary Rodham Clinton, Ex-First Lady, Ex-Senatorin, Ex-Präsidentschaftskandidatin, zurzeit Außenministerin der USA.

Das Gelenk brach sie sich ausgerechnet, als sie auf dem Weg ins Weiße Haus ausrutschte. Seitdem hält der Cubitus her, wenn sie wichtige Treffen absagt: so wie gerade auch Obamas außenpolitische Wandertour nach Moskau, Italien und Ghana.

Offenbar hat sie da nicht viel verloren. Obama lässt keinen Zweifel: Der Präsident ist der Chef. Der Präsident macht die Außenpolitik. Und dieser Präsident heißt eben Barack Obama.

Zwölf Länder in sechs Monaten

In den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit besuchte er schon mehr als ein Dutzend Staaten (Bush kam in der gleichen Zeit gerade mal auf drei). Dabei hielt er Reden von historischer Bedeutung, befreit jetzt gerade die Welt von der Geisel der Atomwaffen, und First Lady Michelle verzückt ohnehin Millionen.

Und schon fragt sich die Nation, mal besorgt, mal hämisch: Was macht eigentlich Hillary Clinton?

Müde sieht sie aus, die Haare schreien nach einem Friseur, und sie macht das, was sie meistens macht: Sie arbeitet hart. Seit Jahrzehnten verheiratet mit einem unberechenbaren politischen Superstar, der Entscheidungen aus dem Bauch fällte und lieber Saxophon spielte anstatt Akten zu studieren, bestand sie gegenüber Bill stets mit eiserner Disziplin und ihrer puritanischen Arbeitsethik. Sie wusste immer mehr als die anderen, war immer besser informiert, hatte immer alle Akten gelesen und die Vermerke dazu. So hatte sie ja auch ihre Karriere im Senat begonnen. Ein fleißiges Lieschen, immer gut vorbereitet, so arbeitete sie sich nach oben. "Ich bin ein Arbeitstier", sagte sie einmal, "ich habe das Verantwortungs-Gen."

Ihre außenpolitische Erfahrung war ungefähr so groß wie von Obama - nahe Null. Seit sechs Monaten frisst sie sich nun diszipliniert durch unliebsame Themen. Verhandelt komplizierte Details zur Kuba-Politik, die niemand versteht. Trifft sich mit dem gestürzten Präsidenten von Honduras, gerade geht es um den Bau einer Strasse entlang der kanadischen Grenze.

Clintons erste Grundsatzrede

Immerhin: Am Mittwoch hielt sie eine außenpolitische Grundsatzrede, eine Art Halbjahresbilanz. Als zentrales Thema hatte sie sich den Iran ausgesucht und vorsichtige Gesprächsbereitschaft mit dem Mullah-Regime signalisiert. "Die Zeit zu handeln ist jetzt. Die Möglichkeit dazu wird nicht ewig offenstehen", sagte Clinton vor dem renommierten Washingtoner Außenpolitik-Institut Council of Foreign Relations.

Zugleich verurteilte die Außenministerin das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten nach den Präsidentenwahlen im Iran als "bedauerlich und inakzeptabel". "Weder der Präsident noch ich haben irgendwelche Illusionen, dass ein direkter Dialog mit der Islamischen Republik einen Erfolg garantiert", sagte Clinton. Allerdings sei es auch falsch anzunehmen, dass die Ablehnung eines Gesprächs eine Bestrafung darstelle. "Solange eine Einbindung der iranischen Führung der Förderung unserer Interessen und Werte nützt, wäre es nicht weise, sie vom Tisch zu nehmen."

So sammelt man Fleißpunkte. Doch in den USA zählt die Nähe zum Chef. Ein Außenminister hat nur Gewicht da draußen in der Welt, wenn jeder weiß: der Minister hat das Ohr des Präsidenten. Es war die Tragik von Außenminister Colin Powell: Jeder noch so unwichtige Gesprächspartner wusste, dass Powell seinem Präsidenten nicht ins Ohr flüstern durfte.

Madeleine Albright klebte klug an Bill Clinton, und George W. Bush fuhr eigentlich nirgendwohin ohne seine Condoleezza Rice.

"Der Präsident lässt sie einfach stehen"

"Worin besteht Ihre Aufgabe?", fragte George Stephanopoulos neulich, als Hillary ihr bislang einziges Sonntags-TV-Interview gab. Da eierte sie rum: Sie sei der "Chef-Diplomat", sagte sie schließlich, der Präsident habe sie gebeten, sich um die internationale Lebensmittelsicherheit zu kümmern. "Der Präsident lässt sie einfach stehen", höhnt da der konservative Kampfsender Fox News.

Sie treffe den Präsidenten regelmäßig, heißt es aus dem Hillary-Camp, jeweils donnerstags. Neulich habe man sogar draußen gesessen, um die Weltlage zu besprechen, wusste die "New York Times" zu berichten. Der Präsident habe ihr den Gemüsegarten der First Family gezeigt. Und überhaupt: Hillary Clinton habe das Tauwetter mit Russland eingeläutet, und sie sei es auch gewesen, die auf eine härtere Position Obamas gegenüber dem Iran gedrängt habe. So groß scheint die Erklärungsnot, dass sich selbst Vizepräsident Joe Biden einmischt und, ganz gegen seine Art, sich selbst öffentlich geißelte: Er habe die Diskussion um eine Truppenerhöhung in Afghanistan verloren. Er sei dagegen gewesen. Doch dann habe sich Hillary durchgesetzt. Sie sagt: "Wir sprechen oft miteinander. Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich helfe, Politik umzusetzen."

Für jede Krise den eigenen Berater

Aber die Machtzentrale ist nun mal das Weiße Haus. Dort hat Obamas schweigsamer Nationaler Sicherheitsberater, der ehemalige Marine und Nato-Oberbefehlshaber Jim Jones, den Nationalen Sicherheitsrat zu einer globalen Schaltzentrale aus. Zu seinen Kompetenzen gehört nicht nur die Sicherheitspolitik, sondern auch Ökonomie und Klimafragen. Dennis Ross, Nahostexperte und Iran-Beauftragter, wechselt gerade aus dem Außenministerium ins Weiße Haus. So ist er ganz nah dran am Präsidenten. Um den Fortschritt der Demokratie im Irak soll sich seit neuestem Vizepräsident Joe Biden kümmern. Von Obama eingesetzte Sonderbeauftragte sollen seine Politik in Afghanistan und im Nahen Osten umsetzen.

Besonders schmerzlich für Hillary: UN-Botschafterin Susan Rice steht im Rang eines Kabinett-Mitglieds, und sie hängt ständig im Weißen Haus rum, lästert man schon in New York. Als außenpolitische Chefberaterin Obamas im Wahlkampf hat sie sicher das Ohr des Chefs.

Auch bei der Besetzung wichtiger Botschafterposten haben Hillarys Kandidaten das Nachsehen. Denn Obama muss Großspender versorgen - so wie alle anderen Präsidenten vor ihm auch. Wer viel Geld einsammelte, bekam zur Belohnung einen netten Posten im exotischen Ausland.

Und die Kandidatenliste liest sich wie ein "Who is Who" der amerikanischen Industrie und Finanzwelt: Da wollte Hillary etwa den Asienexperten und renommierten Harvard-Professor Joseph Nye nach Tokio schicken - den Job bekam der Anwalt John Roos, ein so genannter "Bündler", der besonders viel Einzelspenden für Obama bündele, also eintrieb. Der ehemalige Chef einer Trickfilmfirma Charles Rivkin kriegt den Posten in Paris, er schaffte mehr als 500.000 Dollar Spenden ran. Der ehemalige Citigroup-Banker Louis Susman soll fortan in London residieren. Und der schwerreiche einstige Goldman Sachs Banker der Philip Murphy ist als Botschafter für Berlin im Gespräch.

Entwicklungshilfe sei ihr besonders wichtig

Jetzt betont Hillary Clinton, wie wichtig ihr die Entwicklungshilfe sei. "Diplomatie und Entwicklung, diese beiden Worte spricht sie stets zusammen aus", sagt Strobe Talbott, ehemaliger stellvertretender Außenminister und ein enger Freund der Clintons. Sie wolle dieses Anliegen mit persönlichem Einsatz unterstützen. So ist es wohl, wenn man mit einem "Verantwortungs-Gen" geboren wurde.