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9/11-Report: "Mangel an Vorstellungskraft"

567 Seiten ist er dick, der Abschlussbericht der Untersuchungskommission für die 9/11-Anschläge. Die Präsidenten Clinton und Bush wurden nicht direkt kritisiert. Vielmehr habe ein "Mangel an Vorstellungsvermögen" die Attentate erst möglich gemacht.

Als Konsequenz aus den Terroranschlägen vom 11. September hat die zuständige Untersuchungskommission in den USA eine umfassende Umstrukturierung der Geheimdienste gefordert. Kernpunkt des am Donnerstag vorgestellen Abschlussberichts ist die Schaffung eines Nationalen Anti-Terror-Zentrums, dessen Direktor die mehr als ein Dutzend US-Sicherheitsdienste koordinieren und dem Präsidenten direkt unterstellt sein soll.

Die Veröffentlichung des 567 Seiten langen Berichts war mit Spannung erwartet worden. Der Kongress-Ausschuss ging 20 Monate lang den Ursachen der Anschläge vom 11. September 2001 nach, bei denen in New York, Washington und Pennsylvania mehr als 3.000 Menschen getötet wurden.

Keine direkte Kritik an Clinton und Bush

Die Kommission kam zu dem Schluss, dass ein "Mangel an Vorstellungsvermögen" die tödlichsten Anschläge in der US-Geschichte ermöglicht habe. Sie übt keine direkte Kritik an den Regierungen der Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton. Bei der Bundespolizei FBI und dem Geheimdienst CIA wurden "schwere institutionelle Schwächen" gerügt. Die Anschläge seien ein Schock gewesen, der die USA nicht unvorbereitet hätte treffen dürfen, sagte der Ausschussvorsitzende Tom Kean von Bushs Republikanern. Vor dem 11. September 2001 hätten die Regierung, der Kongress, die Medien und die amerikanische Öffentlichkeit eindeutige Warnungen erhalten, dass islamische Terroristen US-Bürger in großer Zahl töten wollten.

"Institutionelles Versagen"

Bush und Clinton hätten die Bedrohung durch das Terrornetzwerk Al Kaida und Osama bin Laden ernst genommen, hieß es in dem Bericht. Es habe aber nicht genug Ideen gegeben, die Präsidenten mit neuen Optionen im Kampf gegen den Terror zu versorgen. Dieser "Mangel an Vorstellungsvermögen" sei durch eine in den Geheim- und Sicherheitsdiensten verbreiteten Haltung verstärkt worden, die Herausforderungen der neuen Zeit mit den Mitteln des Kalten Kriegs lösen zu wollen. "Es hat ein tief gehendes institutionelles Versagen in unserem Regierungsapparat gegeben."

Der Direktor des neuen Anti-Terror-Zentrums soll vom Senat bestätigt und unterhalb eines Ministerrangs eingestuft werden. Nach den Vorstellungen der Kommission soll er Einfluss haben auf die Etats und die Führungen von CIA, FBI, Heimatschutzministerium und Verteidigungsministerium. Sie begründet das mit einer sich schnell verändernden Bedrohung durch Al Kaida, deren Zellen zunehmend schwerer aufzuspüren seien. Ein nationaler Geheimdienstchef sollte alle Bemühungen beaufsichtigen und koordinieren, einen Terrorangriff mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen zu vereiteln.

Bush dankt der Kommission

Auf lange Sicht könne der Kampf gegen den Terror nur erfolgreich sein, wenn alle Möglichkeiten der Politik eingesetzt würden: Diplomatie, Aufklärung, verdeckte Operationen, Justiz, Wirtschaftspolitik, Auslandshilfe, öffentlicher Druck und Heimatschutz. Wenn nur eines dieser Werkzeuge zu Gunsten eines anderen vernachlässigt würde, blieben die USA verwundbar, erklärte Kommissionsvizepräsident Lee Hamilton von den Demokraten.

Der Bericht wurde Präsident Bush am frühen Morgen vorab zur Verfügung gestellt. Der dankte dem zehnköpfigen Ausschuss für die "wirklich gute Arbeit". Die Regierung werde dort handeln, wo es nötig sei, versicherte Bush.

AP / AP / DPA