VG-Wort Pixel

Liste von Beschwerden Achtjähriger in Handschellen, weil er einen Stock trug: Bericht zeigt Probleme der New Yorker mit ihrer Polizei

Sehen Sie im Video: Neues Video von Polizeigewalt sorgt für Entsetzen – Afroamerikaner wird brutal getasert.




Polizeigewalt in Fairfax County im US-Bundesstaat Virginia. 


Ein Polizist schießt mit einer Elektroschockpistole auf einen unbewaffneten Afroamerikaner. 


Zuvor fragt ein Beamter den offenbar verwirrten Mann, ob er zur Entgiftung ins Krankenhaus wolle. 


Der scheinbar orientierungslose Mann bejaht die Frage, macht aber keine Anstalten in den Krankenwagen zu steigen. 


Dann taucht ein weiterer Polizist auf und die Situation eskaliert.


Der Beamte kniet sich auf den Afroamerikaner und setzt die Waffe erneut gegen ihn ein. 


Der am Boden liegende Mann ruft immer wieder panisch: "Ich kann nicht atmen!" 


Den gleichen Satz, den der verstorbene Gorge Floyd kurz vor seinem Tod rief. 


Der Mann wird ins Krankenhaus gebracht und später wieder entlassen. 


Doch der Vorfall bleibt für die Gesetzeshüter nicht ohne Konsequenzen: 


Die beteiligten Beamten wurden vom Dienst suspendiert. 


Officer Tyler T., der den Elektroschocker benutzte, muss sich zudem wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten. 
Mehr
In New York hat eine Prüfstelle für Beschwerden einen Bericht über Anschuldigungen gegen Polizeibeamte vorgelegt. Die Ergebnisse veranschaulichen, warum so viele Amerikaner auf die Straße gehen und Polizeireformen fordern.

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz werden in den USA die Rufe nach Polizeireformen immer lauter. Die oppositionellen Demokraten brachten am Montag eine Gesetzesinitiative für eine stärkere landesweite Kontrolle der Polizeibehörden in den Kongress ein. Der Entwurf sieht unter anderem eine einfachere Strafverfolgung bei polizeilichem Fehlverhalten, den verstärkten Einsatz von Körperkameras und ein Verbot umstrittener Polizeimethoden wie Würgegriffe bei Festnahmen vor. Auch in mehreren US-Städten gibt es derartige Reform-Initiativen.

In New York hat jetzt die zivile Prüfstelle für Beschwerden gegen die Polizei einen Bericht über begründete Anschuldigungen gegen Polizeibeamte vorgelegt. Das City Civilian Complaint Review Board (CCRB) hat darin 112 vollständig untersuchte Beschwerden aus der Zeit von Januar 2018 bis Juni 2019 aufgeführt, mit Schwerpunkt auf Vorkommnissen, die die am stärksten gefährdeten Jugendlichen betreffen: junge Menschen im Alter von zehn bis 18 Jahren.

Der CCRB-Bericht beschreibt exemplarisch mehrere Fälle, in denen schwarze Jungen wegen harmloser Aktivitäten von der Polizei kontrolliert wurden. Hier sind drei davon:

Achtjähriger nach Spiel mit Stock in Handschellen gelegt

Im März 2018 lief eine Gruppe schwarzer und hispanischer Jungen im Alter von acht bis 14 Jahren nach Hause, unterhielt sich und lachte. Einige von ihnen spielten mit vom Boden aufgehobenen Stöcken. Während sie auf dem Bürgersteig gingen, näherten sich mehrere Polizeiwagen. Die Beamten stiegen aus ihren Autos aus, einer mit gezogener Waffe, und forderten die Jungen auf, sich an die Wand zu stellen. Alle Jungen kamen dem nach. Insgesamt acht bis zehn Polizeiwagen und zehn bis 16 Beamte erschienen an dem Einsatzort.

Alle Jungen wurden von den Beamten durchsucht, es wurden keine Waffen gefunden. Dem Vernehmen nach waren die Kinder fügsam und kooperativ und keiner der Jungen hatte einen Stock in der Hand, als er durchsucht wurde. Der Polizeileutnant am Einsatzort beschloss, den Achtjährigen und den 14-jährigen wegen ungebührlichen Verhaltens auf die Wache zu bringen, nachdem die anderen Beamten berichtet hatten, dass sie gesehen hätten, wie die Kinder mit Stöcken gerannt seien. Auf Weisung des Polizeileutnants wurden die beiden Jungen in Handschellen und unter Tränen dorthin transportiert.

Während der CCRB-Untersuchung sagten zwei Beamte, dass sie die Gruppe angehalten hätten, weil über Funk gemeldet worden sei, dass eine Gruppe hispanischer Männer in den 20ern mit einer Machete und einem Stock andere Personen gejagt und bekämpft hätten. Die Beamten gaben jedoch widersprüchliche Erklärungen darüber ab, was die Kinder taten, bevor sie angehalten wurden, einschließlich der Frage, ob sie etwas bei sich trugen. Die Untersuchung ergab, dass keines der Kinder der Beschreibung der Männer in der Funkdurchsage entsprach, dass die Kinder den Anweisungen der Beamten Folge leisteten und dass mehrere der Kinder (die keine Stöcke hatten) ebenfalls angehalten wurden. Auf Grundlage der Untersuchung empfahl das CCRB eine Anklage gegen die Beamten und den Polizeileutnant. Die Verhandlung steht noch aus.

Die Eltern des Achtjährigen und des 14-Jährigen reichten beim CCRB Beschwerde ein. Die Mutter des Achtjährigen beklagte, dass ihr Sohn nicht richtig behandelt worden sei und dass sein Traum, Polizist zu werden, vorbei sei. Und die Mutter des 14-Jährigen führte an, dass die Polizisten extrem reagiert hätten, obwohl die Jungen nur unter sich selbst gespielt hätten, und dass die Kinder weder zu Hause anrufen durften, noch sie einen Anruf von der Polizei erhalten habe.

Elfjähriger nach "High five" durchsucht

An einem Frühlingsabend traf ein elfjähriger schwarzer Junge auf dem Weg zu seiner Mutter auf eine Gruppe erwachsener Männer, die er aus der Nachbarschaft kannte. Als der Junge einen der Männer mit einem "schnellen Händedruck/High five" begrüßte, verließen Kriminalbeamte in Zivil ihr Fahrzeug und näherten sich den Männern. Die Gruppe zerstreute sich. Ein Beamter näherte sich dem Jungen und fragte nach seinem Alter. Der Junge antwortete, dass er elf Jahre alt sei. Der Beamte durchsuchte daraufhin den Oberkörper und die Taille des Jungen. Ein unbeteiligter Beobachter sagte dem Beamten, er solle den Jungen nicht durchsuchen, da dieser unter 13 Jahre alt sei, aber ein Beamter antwortete, dass jüngeren Kindern Drogen gegeben werden könnten. Die Beamten stiegen dann wieder in ihr Fahrzeug und fuhren davon.

Die CCRB-Untersuchung ergab, dass der Beamte keine ausreichende Rechtfertigung hatte, um den Jungen anzuhalten und zu filzen. Der Ausschuss empfahl die Kommandodisziplin B, die für Fehlverhalten angewendet wird, das problematischer ist als eine schlechte Ausbildung, aber nicht bis zur Anklageerhebung reicht. Der Polizeikommissar stufte die Disziplin jedoch auf eine formalisierte Ausbildung zurück, heißt es im Bericht.

In seiner Stellungnahme gegenüber dem CCRB behauptete der Beamte zunächst, er habe sich an die Gruppe gewandt, um festzustellen, ob sie Alkohol trinken und Marihuana rauchen würde. Der Beamte konnte jedoch auf keinerlei Beobachtungen hinweisen, die ihn dazu veranlasst hätten, den Achtjährigen wegen dieses Verdachts anzuhalten. Der Beamte erklärte dann unter Hinweis auf seinen Einsatzbericht, dass der Junge "Schmuggelware" weitergegeben zu haben schien. Bei der weiteren Befragung durch das CCRB gab der Beamte jedoch zu, keine Beobachtungen gemacht zu haben, die zu diesem Verdacht geführt hätten. Schließlich behauptete der Beamte, er habe den Achtjährigen wegen einer Ausbuchtung in seiner Tasche angehalten. Eine Wölbung, wie sie der Beamte beschrieben hat, bietet jedoch ohne jegliche zusätzliche Faktoren keinen ausreichenden Anlass für den Verdacht, dass eine Person bewaffnet ist. Darüber hinaus wurde diese Ausbuchtung in keinem der Berichte der Beamten erwähnt.

Die CCRB-Untersuchung ergab, dass der Beamte keine ausreichende Rechtfertigung besaß, um den Achtjährigen anzuhalten und zu durchsuchen. Die Behörde empfahl eine Disziplinarstrafe gegen den Beamten wegen Amtsmissbrauchs. Der Polizeichef überprüfte den Fall und stufte die Strafe auf eine  Schulungsauflage herab.

17-Jähriger wegen Tragens eines Rucksacks angehalten

In einem anderen Fall ging ein 17-jähriger Junge, der einen Rucksack trug, mit einer Gruppe männlicher Freunde durch einen Sozialbaukomplex der Wohnungsbehörde, unterhielt sich dabei und hörte Musik. Als ein Polizeifahrzeug hinter der Gruppe auftauchte, trat diese zur Seite, um den Wagen passieren zu lassen. Als das Fahrzeug nicht vorbeifuhr, ging die Gruppe weiter. Ein Polizeileutnant und ein weiterer Beamter stiegen aus dem Auto. Laut Videomaterial von dem Vorfall ergriff der Beamte den Jungen und eine weitere Person und stieß sie gegen einen Zaun. Dem CCRB sagte der Polizeileutnant, dass er die beiden des kriminellen Waffenbesitzes verdächtigt habe, basierend auf seinen Vorkenntnissen über Bandenaktivitäten in der Gegend, seinen ersten Beobachtungen über ihr Alter, Aussagen, die sie und ihre Begleiter machten, als die Beamten ankamen, sowie der Tatsache, dass sie Büchertaschen trugen, "obwohl es dem Bericht zufolge lange nach dem Ende des Schultages war". Die Beamten beobachteten auch, wie die Gruppenmitglieder sich gegenseitig schubsten und hin- und herliefen und sich "irgendwie verdächtig verhielten".

Die CCRB-Untersuchung ergab,  dass diese Beobachtungen den Polizisten keinen begründeten Verdacht gaben, die beiden anzuhalten, und die Behörde empfahl eine Disziplinarstrafe gegen die Beamten. Der Polizeichef stufte die Strafe jedoch auf eine geringere Strafe zurück..

Fast ein Drittel der Beschwerden klar begründet

"Interaktionen mit der Polizei können traumatisch sein und lang anhaltende negative Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung haben", schreibt das CCRB in seinem Bericht. "Dies gilt vor allem für junge Menschen, insbesondere wenn es zu polizeilichem Fehlverhalten kommt." Die in dem Bericht aufgeführten Fälle verdeutlichten die angespannte Beziehung zwischen der Polizei und farbigen Jugendlichen und veranschaulichten, warum Menschen gegen systemischen Rassismus in der Polizei protestierten.

Nach Angaben der Behörde waren von den 112 untersuchten Beschwerden, die Jugendliche betrafen, 29 Prozent begründet. Das heißt, die Vorkommnisse fanden statt und das Verhalten der Beamten konnte aufgrund klarer Beweise als unzulässig belegt werden. Darüber hinaus seien 42 Prozent unbegründet gewesen, was bedeute, dass es nicht genügend Beweise gegeben habe, um festzustellen, ob ein Fehlverhalten stattgefunden habe. Bei 13 Prozent habe das Verhalten zwar stattgefunden, sei aber nicht unangemessen gewesen. Und zehn Prozent der Beschwerden seien unbegründet gewesen, weil das angebliche Verhalten nicht stattgefunden habe. Der Bericht enthielt auch mehrere Empfehlungen, darunter den Hinweis an die Polizeibehörde von New York City, ihre "öffentlichen Daten über den Einsatz von Gewalt nach Alter und Rasse aufschlüsseln", damit Aufsichtsbehörden die Interaktionen der Polizei mit Jugendlichen besser verfolgen können.

Quellen: Bericht des New York City Civilian Complaint Review BoardCNN


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker