Alexander Litwinenko "Wie aus dem Lehrbuch der Militärschule"


Die Witwe und der Biograf des ermordeten Ex-KGB-Agenten Alexander Litwinenko sprechen im aktuellen stern.de über die Hintermänner des Polonium-210-Anschlags und das lange Sterben des Opfers.

Frau Litwinenko, vor einem halben Jahr ist Ihr Mann durch einen mysteriösen Giftanschlag ermordet worden. Radioaktives Polonium 210 hat Ihren Mann getötet. Auch Sie haben das Gift im Körper. Wie geht es Ihnen?

LITWINENKO: Am Anfang war nicht klar, wie stark belastet ich bin. Ich war verzweifelt. Mein Mann war vor meinen Augen gestorben. Ich musste mit der weltweiten Aufmerksamkeit fertig werden, statt mit meiner Trauer allein zu sein. Ich dachte: Jetzt wirst du auch sterben, und dein Kind wird keine Eltern mehr haben. Unser Sohn Tolik war damals zwölf. Dann stellte sich raus, dass man mit Polonium weiterleben kann. Meinem Körper geht es gut. Ich wache jeden Morgen auf und lebe noch.

Womit rechnen die Ärzte?

LITWINENKO: Niemand weiß, ob ich Krebs bekomme oder nicht. Niemand hat Erfahrung mit Polonium. Ich habe es sogar noch gut. Bei mehr als 100 Menschen in London hat man Spuren von Polonium gefunden, sagt die Polizei. Manche trauen sich nicht, davon zu erzählen. Viele denken, Polonium sei ansteckend. Auch meine Bekannten hören das manchmal: "Hast du keine Angst, dich mit ihr zu treffen? Sie ist doch verstrahlt."

Stehen Sie noch unter Polizeischutz?

LITWINENKO: Ich möchte das nicht. Wer die ganze Zeit Bodyguards um sich hat, isoliert sich. Mich interessiert auch nicht, ob wir verfolgt oder abgehört werden. Mir geht es um mein Kind. Ich möchte, dass Tolik ein normales Leben führen kann. Als er sechs war, musste er aus seiner Heimat fliehen.

Warum haben Sie Russland im Jahr 2000 verlassen?

LITWINENKO: Sascha, mein Mann, fürchtete um sein Leben. Er hatte den Geheimdienst öffentlich beschuldigt, Menschen umzubringen. Er selbst sollte den Unternehmer Boris Beresowskij töten. Man hatte ihn eingesperrt, dann freigelassen, er sollte vor Gericht. Der Prozess sollte nicht in Moskau stattfinden, sondern in der Provinz. Er sagte: "Ich habe Angst, dass ich nie am Gericht ankomme." Sascha fürchtete, seine Familie nicht beschützen zu können, wenn er im Gefängnis saß.

Wussten Sie, dass er ins Ausland wollte?

LITWINENKO: Ich hatte keine Ahnung! Er sagte mir: "Fahr in Urlaub, ich komme nach." Also flogen Tolik und ich nach Spanien. Sascha ließ sich in einem Land, das ich nicht nennen darf, einen Pass fälschen. Dann reiste er in die Türkei. Aus einem Hotel an der türkischen Südküste rief er an: "Wir fahren nicht wieder zurück." Ich hatte nur ein paar Sommersachen dabei. Wir hatten unsere Familien zurückgelassen, Freunde, alles.

Sie wollten ursprünglich in die USA.

LITWINENKO: In der amerikanischen Botschaft in Ankara wurde Sascha vom Geheimdienst überprüft. Er hatte um politisches Asyl gebeten. Aus Washington kam einen Tag später die Nachricht, dass man nichts für uns tun könne.

Sie flohen weiter nach London.

LITWINENKO: Unser Freund Alex Goldfarb half uns. Wir buchten einen Flug von Istanbul nach Moskau, über London. Bei der Zwischenlandung setzten wir uns ab.

Am 1. November 2006 feierten Sie den Jahrestag der Ankunft in England. Nachts ging es Ihrem Mann plötz- lich schlecht.

LITWINENKO: Ich hatte gekocht. Am Abend klagte Sascha, ihm sei übel. Ich wunderte mich, denn er hatte nie Magenprobleme. Außerdem hatten wir dasselbe gegessen, und mir ging es gut. Sascha übergab sich immer wieder sehr heftig.

Wann hatte er den Verdacht, dass er sich nicht bloß den Magen verdorben hatte?

LITWINENKO: Noch in der ersten Nacht oder am nächsten Morgen. Das Erbrochene sah komisch aus, grau. Sascha sagte: "Das erinnert mich an Vergiftungen mit Chemiewaffen. Wie aus dem Lehrbuch in der Militärschule."

Sie zogen einen russischen Arzt zurate.

LITWINENKO: Sascha erbrach sich alle dreißig Minuten. Nichts half. Sein Magen war längst leer, trotzdem quälten ihn Krämpfe. Sascha hatte inzwischen blutigen Durchfall. Der Arzt tippte auf einen Virus und ließ einen Krankenwagen kommen.

Glaubten die Ärzte an eine Vergiftung?

LITWINENKO: Nein. Sie testeten Sascha auf alles Mögliche. Dann sagten sie, man habe Bakterien im Darm gefunden. Sascha machte Witze: "Die Bakterien tragen Schulterklappen. Wieso sehen die Ärzte das nicht?"

Wurde sein Blut untersucht?

LITWINENKO: Man stellte fest, dass er fast keine weißen Blutkörperchen mehr hatte. Die Ärzte riefen bei der Firma Bayer an, um zu fragen, ob das eine Nebenwirkung des Antibiotikums sein könnte.

Haben Sie den Ärzten gesagt, wer Sascha ist?

LITWINENKO: Wir haben ihnen gesagt, dass wir politisches Asyl bekommen haben. Und dass es vielleicht Menschen gibt, die Sascha töten wollen. Wir baten, ihn auf Gift zu testen. Die Ärzte waren höflich, aber sie haben uns belächelt wie Idioten.
GOLDFARB: Sascha erzählte mir, sie wollten sogar einen Psychiater holen, weil er von Gift sprach.
LITWINENKO: Dann tippten sie auf Aids. Als ich nicht da war, kam ein Arzt zu Sascha und sagte: "Ich möchte mit Ihnen von Mann zu Mann sprechen. Könnten Sie sich bei einer anderen Frau infiziert haben?"

Haben Sie die Polizei eingeschaltet?

LITWINENKO: Die Polizei wird erst aktiv, wenn Gift gefunden wird. Aber nach Gift wird erst gesucht, wenn die Ärzte Hinweise von der Polizei bekommen. Also geschah nichts.

Schließlich glaubten die Ärzte es aber doch?

LITWINENKO: Am zwölften Tag streichelte ich Sascha über den Kopf. Auf einmal hatte ich ganze Haarbüschel in der Hand. Sein Rachen war mit Eiterpickeln übersät, er hatte starke Halsschmerzen und konnte kaum noch sprechen. Sein Knochenmark war zerstört. Er hatte alle Symptome eines Strahlenkranken. Die Ärzte überprüften ihn dann auf Schwermetalle.

Was fand man?

LITWINENKO: Spuren von Thallium, einem Nebenprodukt von Polonium 210. In den 50er Jahren hatte der KGB versucht, einen Agenten mit dem radioaktiven Stoff zu töten. Die Dosis, die man bei Sascha fand, war nur gering. Er bekam ein Gegengift.

Nun schaltete sich auch die Polizei ein?

LITWINENKO: Auf einmal brach Panik aus. Sascha wurde mit Blaulicht in ein anderes Krankenhaus transportiert, ich im Polizeiwagen. Beamte holten ohne mein Wissen mein Kind ab. Es sollte in Sicherheit gebracht werden, sagten sie. Das wollte ich aber gar nicht. Die Polizisten drohten: "Wenn Sie sich weigern, verhaften wir Sie." Dann schaltete sich Scotland Yard ein, und alles wurde ruhiger.

Wann fand man Polonium?

LITWINENKO: Drei Stunden vor Saschas Tod. Polonium lässt sich nur durch komplizierte Analysen nachweisen. Sascha selbst hat es nicht mehr erfahren. Die Ärzte sagten: "Selbst wenn wir es in der ersten Minute gewusst hätten, wir hätten nichts machen können."

Wann war Ihr Mann das letzte Mal bei Bewusstsein?

LITWINENKO: Am Abend vor seinem Tod. Sascha bat mich, ihn auf die Seite zu legen. Er sagte: "Marinotschka, ich liebe dich so sehr." In der Nacht musste er wiederbelebt werden. Gegen die Schmerzen bekam er Medikamente, die ihn fast vollständig lähmten. Die Ärzte sagten, alle Schleimhäute im Körper seien voller Eiter.

Nach seinem Tod mussten Sie Ihr Haus verlassen.

LITWINENKO: Die Polizei kam mitten in der Nacht. Wir sollten das Nötigste für ein Wochenende packen. Das Haus sei verseucht. Wir konnten bis heute nicht dahin zurück. Ich durfte nur mal rein, um Sachen zu holen.

Wie ist Ihr Kind mit dem Tod seines Vaters fertig geworden?

LITWINENKO: Tolik hat sich sehr zurückgezogen. Dabei versucht er mir zu zeigen, dass er normal ist. Ich glaube, dass er mich schonen will.

Die Konflikte, die Ihr Mann mit dem Geheimdienst hatte, liegen Jahre zurück. Weshalb hat man ihn umgebracht?

LITWINENKO: Sascha hat sich gegen den Apparat aufgelehnt. Viele halten ihn für einen Verräter. Er ist aus Russland geflohen, er hat seine Familie mitgenommen. Deshalb wollten viele Rache nehmen.
GOLDFARB: Er ist in den Konflikt zwischen Putin und dem früheren Oligarchen Beresowskij geraten, der in England auch politisches Asyl erhalten hat. Der Kreml wollte Beresowskij den Mord anlasten.

Beresowskij und Litwinenko galten als Verbündete. Beresowskij unterstützte ihn in London auch finanziell.

GOLDFARB: Trotzdem glauben viele Russen, Beresowskij habe den Mord in Auftrag gegeben, um Putin in Verruf zu bringen. Moskau führt einen PR-Krieg.

Warum war es Beresowskij Ihrer Meinung nach nicht?

GOLDFARB: Er wäre gar nicht an das Polonium herangekommen, das in Russland unter Staatskontrolle hergestellt wird.

Wäre es für den Kreml nicht einfacher, gleich Beresowskij umzubringen?

GOLDFARB: Putin will ihn lebend bekommen. Beresowskij war einst sein Verbündeter, der jetzt gegen ihn arbeitet. Putin hasst Beresowskij. Er will mit ihm abrechnen.

Als Täter gilt heute der Moskauer Geschäftsmann Andrej Lugowoj.

LITWINENKO: Sascha hat schon im ersten Verhör gesagt, dass er Lugowoj verdächtigt. Er hatte sich mit Lugowoj am 1. November im Hotel Millennium getroffen.

Wie gut kannten sich Ihr Mann und Lugowoj?

LITWINENKO: Vom Sehen aus Moskau. Lugowoj leitete damals Beresowskijs Sicherheitsdienst. In London saßen wir mal alle an einem Tisch: Sascha, Lugowoj, Alex Goldfarb und ich. Danach trafen sich mein Mann und Lugowoj häufiger.

Was hatten Sie für einen Eindruck von ihm?

LITWINENKO: Einen merkwürdigen.
GOLDFARB: Lugowoj hat eine große Sicherheitsfirma in Moskau mit mehr als tausend Mitarbeitern. Er und Sascha planten, ein gemeinsames Unternehmen aufzumachen. Es sollte Engländern Informationen über russische Geschäftspartner beschaffen und russischen Unternehmern in England helfen.

Wer waren Lugowojs Auftraggeber? Litwinenko beschuldigte Putin.

GOLDFARB: "Polonium kaufen und Litwinenko in den Tee schütten" - solche Befehle gibt Putin nicht: Der stimmt vielleicht einer Spezialoperation zu. Für die Details interessiert er sich sicher nicht. Ich glaube, dass nur sehr einflussreiche Personen Polonium organisieren und Lugowoj zu dem Mord überreden konnten. Lugowoj ist Millionär, der macht so etwas nicht für ein paar Tausend Dollar.

Warum wurde das Polonium überall verteilt, in London, aber auch in Hamburg?

GOLDFARB: Ich bin sicher, dass man Lugowoj nicht gesagt hat, was in der Kapsel ist. Bei solchen Operationen weiß jeder nur das Nötigste. "Hier ist eine Kapsel", sagt man. "Der Inhalt muss in ein Getränk." Hätte Lugowoj gewusst, wie gefährlich Polonium ist, hätte er sicher nicht seine Frau und seine Kinder gefährdet. Und das hat er, wie er selbst öffentlich sagte.

Wie hart sind die Beweise gegen Lugowoj?

GOLDFARB: Die Polizei ist zu 150 Prozent von seiner Schuld überzeugt, sagte sie uns. Vermutlich hat es in der Sushi-Bar am 16. Oktober bereits einen ersten Versuch gegeben, Sascha zu töten. Der ging schief. Vielleicht ging die Kapsel mit dem Polonium kaputt. Jedenfalls hat Lugowoj schon Mitte Oktober, zwei Wochen vor dem Mord, überall Spuren hinterlassen.

Was ist mit Dmitrij Kowtun, der lange in Hamburg gelebt hat?

GOLDFARB: Auch er hinterließ Spuren. Über ihn wissen wir zu wenig.

Woher weiß man, dass Lugowoj und nicht Kowtun schuldig ist?

GOLDFARB: Ich vermute, aus der Spurenanalyse. Ich darf dazu nicht alles sagen.

Russland deckt Lugowoj. Man wird ihn nicht ausliefern.

LITWINENKO: Wir hoffen, die Staatschefs üben in Heiligendamm Druck auf Putin aus, damit Lugowoj ausgeliefert wird.

Ihr Mann und Putin sind sich einmal begegnet. Was hat Ihr Mann erzählt?

LITWINENKO: Als Putin 1998 Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB wurde, haben das viele Mitarbeiter als persönliche Beleidigung aufgenommen. Beim FSB ist es üblich, die Karriereleiter bis nach oben zu steigen, bevor man Direktor wird. Putin war nur ein Oberstleutnant und ein Niemand. Woher er kam, wusste keiner.

Worum ging es bei dem Treffen?

LITWINENKO: Sascha brachte Putin ein großes Schaubild mit, auf dem er aufgezeichnet hatte, welche FSB-Leute wie mit welchen Banditen zusammenarbeiten. Es ging um Korruption, um Waffenhandel und Drogen. Beresowskij hatte das Treffen vermittelt. Sascha sah sofort, dass Putin ihn nicht unterstützen würde. Am nächsten Tag merkte Sascha, dass man sein Telefon abhörte. Es war gegenseitige Abneigung auf den ersten Blick.

Wie veränderte sich der Geheimdienst?

LITWINENKO: Mit Putin kehrte der alte KGB-Kult zurück. Plötzlich gab es wieder Büsten, Wandtafeln und Porträts der Geheimdienst-Helden. Jelzin wollte das Monster KGB zerschlagen. Aber es war wie im Märchen. Das Monster konnte noch laufen und war auf einmal mächtiger als zuvor.
GOLDFARB: Der KGB war nie selbstständig. Er stand immer unter Kontrolle der Partei. Viele im Zentralkomitee der KPdSU haben den Dienst gehasst. Dadurch gab es ein starkes Gegengewicht. Das existiert heute nicht mehr. Der Dienst hat praktisch den Staat übernommen.

Viele haben Litwinenko in den letzten Jahren nicht mehr ernst genommen. Er sah überall Verschwörungen, an allem war in seinen Augen der Geheimdienst schuld.

GOLDFARB: Er wusste, wie der Dienst arbeitet. Sein Tod hat ihm sogar recht gegeben. Keiner hat daran geglaubt, dass jemand ihn je vergiften würde. Es ist unlogisch. Es ist dennoch passiert.

Interview: Bettina Sengling print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker