Algiers Taktik Schweigen und der "Kult des Geheimnisses"

Das beharrliche Schweigen der algerischen Behörden über das Geiseldrama in der Sahara gibt Spekulationen und Gerüchten über die Hintergründe der Entführung immer neue Nahrung.

Das beharrliche Schweigen der algerischen Behörden über das Geiseldrama in der Sahara gibt Spekulationen und Gerüchten über die Hintergründe der Entführung immer neue Nahrung. Gleichzeitig nehmen die Sorgen um das Schicksal der übrigen 15 Europäer zu, die in dem zerklüfteten Berggebiet von Tamelrik nahe der Grenze zu Libyen noch in der Gewalt der Entführer sein sollen.

Experten bezweifeln Tat der GSPC

Politische Beobachter in Algier ebenso wie europäische Journalisten fragen sich, ob die Geiseln tatsächlich in der Gewalt der islamistischen Terrorgruppe GSPC sind. Die Gruppe hat bislang vorwiegend im Norden und in der Kabylei im Nordosten Algeriens operiert. Beobachter sind skeptisch über diese plötzliche Verlagerung in den tiefen Süden. Auch waren bislang ausländische Touristen noch nie von den Terroraktivitäten betroffen. Wenn die GSPC tatsächlich verantwortlich sei, habe sie wohl "ihre Strategie radikal geändert", schrieb "Le Figaro".

Terrornetzwerk von El Kaida

Allerdings gibt es mehrere Hinweise auf eine Verbindung der GSPC zum Terrornetzwerk von El Kaida. Vor einigen Monaten haben Sicherheitskräfte in Algerien einen Jemeniten erschossen, der nach den Bombardierungen in Afghanistan in Nordafrika ein neues Netzwerk von El Kaida aufbauen sollte. Das Geiseldrama könnte nun der Regierung von Präsident Abdelaziz Bouteflika helfen, die Europäer für die fortbestehende Terrorbedrohung im Land zu sensibilisieren. Durch islamistische Gewalt sind in den letzten zehn Jahren über 100 000 Menschen in Algerien zu Tode gekommen. Bisherige Versuche Algeriens, im Westen moderne Technologie zur Terrorbekämpfung einzukaufen, sind zumeist auf taube Ohren gestoßen.

Das deutsch-algerische Verhältnis

Spekulationen ranken sich auch um das deutsch-algerische Verhältnis. Kurz vor der Militäraktion am Dienstag hatte Bundesaußenminister Joschka Fischer bei seinem Gespräch in Algier mit Bouteflika noch auf eine friedliche Lösung des Geiseldramas gesetzt. "Ist dieser Widerspruch Zeichen einer tief greifenden Differenz zwischen Algier und Berlin?", fragte die französische Tageszeitung "Le Figaro" am Donnerstag. "Haben sich die algerischen Behörden über die Bedenken und Vorsichtsgebote der Deutschen hinweggesetzt, oder hat Berlin hinter den Kulissen grünes Licht für die Militäraktion gegeben?"

Unbeantwortet blieb bislang auch die Frage, ob es Verhandlungen mit den Geiselnehmern gegeben hat. "Le Monde" zitierte einen algerischen Regierungsbeamten mit den Worten, es habe niemals Verhandlungen gegeben. "Le Monde" schrieb, dass die Entführer direkt mit Berlin über die Zahlung eines Lösegeldes verhandeln wollten. Berlin habe ein solches Ansinnen allerdings kategorisch zurückgewiesen, schrieb die Zeitung mit einem Hinweis auf "deutsche Sicherheitsquellen".

Schweigen hat Tradition

Was das beharrliche Schweigen der Regierung anbelangt, so hat es nach Ansicht politischer Beobachter Tradition. Auch algerische Journalisten beklagen diesen "Kult des Geheimnisses", der in Staatsangelegenheiten bereits seit der Unabhängigkeit des Landes 1962 zur Mentalität der politischen Führung gehört. Zwar hat sich in den letzten Jahren mit dem Erstarken einer freien Presse die Lage etwas gebessert, doch die wortkarge Informationspolitik der Regierung wird immer wieder in der französischsprachigen Presse aufs Korn genommen. "Die Behörden handeln und gehen erst nach Abschluss ihrer Aktionen an die Öffentlichkeit", sagt ein Journalist in Algier.


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