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Angela Merkel in Kenia: Von Kolonien und Koalitionen

Hungernde Menschen bekommt die Kanzlerin in Kenia nicht zu Gesicht. Sie tagt in geschlossenen Räumen während sich fern von Nairobi ein Flüchtlingsdrama abspielt. Merkels Botschaft: Nicht mehr nur Entwicklungshilfe, sondern Geschäfte sollen Not lindern.

Ein Bus vor dem Tor zum schneeweißen Präsidentenpalast in Nairobi fällt aus der Reihe der ansonsten schwarzen Limousinen. Kurz vor dem Eintreffen der Bundeskanzlerin am Dienstagmorgen geht der Schlagbaum für einen vergitterten Transporter auf - die Aufschrift verrät: ein Fahrzeug der kenianischen Gefängnisbehörde. Häftlinge in gestreifter Kleidung werden auf das herrlich blühende Gartengelände von Präsident Mwai Kibaki gebracht, um die Anlage zu bewässern. Andere Helfer nageln noch irgendwie den roten Teppich für Angela Merkel auf den Asphalt. Ein kenianischer Fernsehreporter wertet ihren Besuch als Vertrauen Deutschlands in sein Land.

Vorbei an aus deutscher Sicht politisch nicht korrekten Türbogen aus Elefanten-Stoßzähnen zieht sich Merkel mit Kibaki zum Gespräch in den Palast zurück. Anschließend knüpft sie deutsche Investitionen an Korruptionsbekämpfung und Rechtssicherheit in Kenia. Der bald 80-jährige Präsident spricht von einer guten Partnerschaft mit Deutschland und lädt die deutsche Wirtschaft freundlich zu mehr Engagement ein. Er steht vor seiner Residenz mit dem Schriftzug "Hara Mbee", was so viel wie "alle gemeinsam" bedeutet und an die Solidarität der Menschen appelliert.

Derzeit schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt

Rund 400 Kilometer entfernt spielt sich im Flüchtlingslager Dadaab ein Drama ab, das das UN-Flüchtlingskommissariat die derzeit schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt nennt. Hier leben inzwischen 380.000 Menschen vor allem aus Somalia, die vor Dürre, Hunger und Tod aus ihrer Heimat geflohen sind. Gebaut worden war das Camp einst für 90.000 Menschen. Angela Merkel sichert eine Million Euro als Direkthilfe zu. Sehen kann sie das Leid nicht. Sie ist auf Afrika-Reise und hat drei Tage Zeit, um drei Länder zu besuchen: Neben Kenia noch Angola und Nigeria. Zu Gesicht bekommt sie Paläste und Tagungsräume, nicht unterernährte und verzweifelte Menschen. In den Zeitplan der Kanzlerin passt das nicht hinein.

Merkel, die sich um die Schuldenkrise in Europa, das Rettungspaket für Griechenland, den Ärger durch das Bekanntwerden des Panzergeschäfts zwischen Deutschland und Saudi-Arabien und die Probleme ihrer schwarz-gelben Koalition kümmern muss, will bei einer solchen Auslandstour nicht zwei Tage in einem Land bleiben, weil dann der Besuch eines anderen Staates ganz gestrichen würde.

Rechtssicherheit und Korruptionsbekämpfung

Premierminister Raila Odinga sagt mit Blick auf bittere Erfahrungen und blutige Unruhen in seinem Land: "Wir sind betrübt, aber klüger." Jedoch: "Kein Land weiß es besser als Deutschland, wie es ist, sich aus der Asche erheben zu dürfen." Er sichert Merkel zu, Kenia werde sich so um Rechtssicherheit und Korruptionsbekämpfung kümmern, dass die deutsche Wirtschaft unbekümmert investieren könne. Und er beruft sich auf den ersten deutschen Kanzler Konrad Adenauer und zitiert ihn mit den Worten: "Die Weltgeschichte ist auch die Summe dessen, was vermeidbar gewesen ist."

Die Bundesregierung schlägt mit ihrem im Juni beschlossenen Afrika-Konzept einen neuen Weg ein. Das klassische "Geber-Nehmer-Verhältnis" soll in eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" umgewandelt werden. In der Entwicklungszusammenarbeit stehe Deutschland gut da, in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit schlecht, heißt es. Bei dieser Reise von Merkel fällt auf, dass die großen Konzerne wie Siemens und BASF, deren Vorstandschefs die Kanzlerin üblicherweise auf Reisen begleiten, bei dieser Afrika-Tour fehlen. Sie haben mehr Interesse an Asien und da vor allem an China, heißt es.

Der Wettlauf hat begonnen

Nun will Deutschland Ausbildung und Technik liefern und dafür einen Zugang zu den afrikanischen Märkten bekommen. China hat dort längst Fuß gefasst. Kein europäisches Land könne etwa Straßen- und Schienenausbau so billig anbieten wie China, heißt es in deutschen Regierungskreisen. Aber die Geschäfte und Methoden seien inzwischen auch bei Afrikanern umstritten und das sei eine Chance für Deutschland, für seine Wertarbeit und seine sozialen und ökologischen Standards. Der Wettlauf nach Afrika habe begonnen.

Allerdings: Auf die Frage in der Pressekonferenz an Odinga, ob das chinesische Engagement Kenia irgendwie schade, schütten sich zuhörende Kenianer aus vor Lachen. Odinga macht deutlich, dass China schnell und unkompliziert in die Infrastruktur investiere - hier habe Europa Peking vor Jahren das Feld überlassen. Selbstbewusst fügt er aber hinzu: "Wir sind nicht die Kolonie eines Landes - welchen Landes auch immer."

Der Premierminister, der einst in Magdeburg Maschinenbau studiert hat, schmeichelt der Kanzlerin während ihres Gesprächs noch einmal. Kenia habe sich bei seiner Regierungsbildung Rat von den Deutschen geholt, als diese in einem Bündnis von Union und SPD regierten. "Die Koalitionsvereinbarung trägt die Handschrift deutscher Experten." Das sei eine Chance für Kenia. In der deutschen Delegation heißt es anschließend: "Noch nie ist die große Koalition so positiv besprochen worden wie in Kenia."

Kristina Dunz, DPA / DPA