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RTL-Reporterin und Extremismusexpertin Antonia Rados: "Man erwartet ja alles, außer dass es im ruhigen Wien zu einem Terroranschlag kommt"

Antonia Rados ist eine mehrfach ausgezeichnete Auslandsreporterin der Mediengruppe RTL. 
Seit 25 Jahren berichtet Antonia Rados als Auslandskorrespondentin mitten aus Krisengebieten.
© Eva Oertwig / SCHROEWIG / Picture Alliance
Bei einem Terroranschlag in Wien sind am Montagabend vier Menschen getötet worden. Die österreichische Auslandskorrespondentin Antonia Rados befand sich in der Innenstadt, als das Attentat verübt wurde. Sie erzählt, wie sie den Abend erlebte. 

In der Wiener Innenstadt sind am Montagabend Schüsse gefallen. Vier Passanten wurden getötet, mindestens sieben Opfer schweben weiter in Lebensgefahr. Der Anschlag geht nach den Worten von Österreichs Innenminister Karl Nehammer auf das Konto mindestens eines islamistischen Terroristen.

Mit Krieg und Terror kennt sich Antonia Rados bestens aus. Seit 25 Jahren arbeitet die gebürtige Österreicherin als Auslandskorrespondentin für die RTL-Mediengruppe. Für ihren weltweiten Einsatz als Reporterin in Krisengebieten wurde die promovierte Politologin mehrfach ausgezeichnet.

Eigentlich leben Sie in Paris, sind aber momentan vor Ort in Wien. Wie haben Sie die Ereignisse am Montagabend erlebt?

Ich befand mich in der Innenstadt, als es zu dem Attentat kam. Innerhalb von kürzester Zeit wurde über WhatsApp allen die Frage gestellt, wo man sich befinde. Die Unsicherheit schlug teilweise in Panik um. Hinzu kam dann noch eine relativ schwierige Lage für die Polizei, weil es ja immer dunkler wurde. Ich wurde von einer Anti-Terror-Einheit kontrolliert. Sie wollte, dass alle, die ihr entgegenkamen, die Taschen aufmachten und Ausweise zeigten.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat die Tat als "Anschlag aus Hass" verurteilt. Das Land werde die möglichen Täter und Hintermänner "ausforschen, jagen und der gerechten Strafe zuführen". Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen sagte: "Der Hass wird in dieser Gesellschaft nicht auf fruchtbaren Boden fallen". Wie beurteilen Sie die Reaktionen der österreichischen Regierung?

Das ist sicherlich die größte Krise, die Kurz bewältigen muss. Hier muss er zeigen, was er kann. Die Worte, die er und van der Bellen gewählt haben, sind stark. Wir werden sehen, ob das Zusammenhalt schafft oder nicht.

Die Polizei Wien hat in den sozialen Medien schnell reagiert – mit klaren Botschaften in verschiedenen Sprachen. Wie haben Sie die Kommunikation der Polizei wahrgenommen?

Durch WhatsApp-Nachrichten, die mir übermittelt wurden. Es wird sich noch herausstellen, ob die sozialen Netzwerke ein Segen sind oder nicht. Es gab auch viele Gerüchte und die sind schwer aus der Welt zu schaffen.

Rund 700 Beschwerden über die Berichterstattung zum Attentat am Montagabend beim Österreichischen Presserat eingegangen. Wie nehmen Sie die aktuelle Berichterstattung über Wien wahr? 

Gut, außer bei einigen Medien, die glauben, sie könnten sich mit der Veröffentlichung von brutalen Bildern profilieren.

Erst Frankreich, jetzt Österreich. Muss sich Europa wieder auf häufigere islamistische Terrorattacken einstellen?

Es sieht danach aus, dass sich der IS in Grenzgebieten zwischen Irak und Syrien nun langsam wieder rekonstruiert. Sicherlich nicht in der alten Form mit eigener Staatsstruktur, aber nach zwei Jahren scheinen dort immer noch sehr viele Dschihadisten zu sein. 

Sie waren als Auslandskorrespondentin in dutzenden Kriegsgebieten überall auf der Welt im Einsatz. Was macht es mit Ihnen, wenn der Terror plötzlich vor der eigenen Haustür stattfindet?

Man erwartet ja alles, außer dass es im ruhigen Wien zu einem Terroranschlag kommt. Ungewöhnlich war das also sicher. Doch es ist dann immer dasselbe Muster: Man weiß nicht, woher die Gefahr kommt. Die Leute reagieren überall, egal ob in Afghanistan oder in Wien, daher auf dieselbe Art und Weise. Angst ist eben kein so guter Ratgeber. 

Meine Erfahrung sagt mir, dass in vielen Situationen Angst dazu führt, dass man Fehler macht. Daher ist man immer gut beraten, einfach dort zu bleiben, wo man ist beziehungsweise sich einen Fluchtweg freizuhalten. Das habe ich in Kriegsgebieten gelernt.


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