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6. Januar 2021 Arbeitskollegen, Ex-Geliebte, Freunde: Sie haben die Kapitol-Erstürmer an die Polizei verraten

Anhänger des damaligen US-Präsidenten Trump stürmen das US-Kapitolgebäude
Sehen Sie im Video: Trump-Aktivisten wollten Kapitol "in die Luft jagen".




Bei der Erstürmung des Sitzes des US-Kongresses Anfang Januar haben sich nach Schätzungen der Kapitol-Polizei etwa 800 Anhänger von Donald Trump Zutritt zu dem Gebäude verschafft. Weit mehr als 10.000 Menschen seien auf dem Gelände des Kapitols gewesen, sagte die amtierende Chefin der Kapitol-Polizei, Yogananda Pittman, am Donnerstag bei einer Anhörung des US-Repräsentantenhauses. Anhänger des abgewählten - und inzwischen aus dem Amt geschiedenen - US-Präsidenten Donald Trump hatten am 6. Januar nach einer Kundgebung des Republikaners unweit des Weißen Hauses gewaltsam das Kapitol gestürmt, wo die Kongressabgeordneten zusammen gekommen waren. Die Sicherheitskräfte des Parlaments konnten den Angriff nicht stoppen. Mindestens fünf Menschen kamen bei den Krawallen ums Leben, darunter ein Polizist. Gegen zahlreiche Personen wird mittlerweile ermittelt - auch gegen 35 Polizeibeamte, wie Pittman erklärte. Sechs Polizisten seien zudem vom Dienst suspendiert worden. Im Verlauf der Anhörung sprach Pittman auch von weiteren Plänen der Trump Anhänger. O-TON Yogananda Pittman, Chefin der Kapitol-Polizei "Wir wissen, dass Angehörige der Milizen, die am 6. Januar dort waren, ihren Wunsch geäußert haben, dass sie das Kapitol in die Luft jagen und so viele (Kongress-)Mitglieder wie möglich umbringen wollen, in einem direkten, zeitlichen Zusammenhang zur Rede zur Lage der Nation. Das Datum steht aber, wie wir wissen, noch nicht genau fest."
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Einige der Menschen, die am 6. Januar das US-Kapitol erstürmt haben, waren bekannt - wie etwa der "QAnon-Schamane". Nach anderen musste die Polizei fahnden - verpetzt wurden sie von Arbeitskollegen, alten Freunden oder ehemaligen Partnern.

Sie wurden Grapevine-Man, Kabelbinder-Typ und Rednerpult-Dieb genannt, je nachdem wie und womit sie am diesem 6. Januar aufgefallen waren. Einige der Beteiligten hatten sich schon vorher einen Namen gemacht, wie etwa Jake Angeli, der "QAnon-Schamane", das Gesicht des Sturms auf den US-Kongress. Die allermeisten aber musste die Polizei länger suchen. Doch dank Handykameras und Social Media war kaum ein derartiges Ereignis so gut dokumentiert, wie dieses und entsprechend viele Fotos standen für die Fahndung zur Verfügung. Manch einer der Beteiligten dürfte nun seine Arbeitskollegen, Ex-Geliebte oder auch Freunde verfluchen.

Der Grapevine-Man, namentlich Larry Rendell Brock aus Grapevine in Texas, zum Beispiel wurde von seiner Ex-Frau verpetzt. Dem Magazin "The New Yorker" sagte sie, sie habe schon befürchtet, dass er bei so etwas dabei sein würde. Andere Teilnehmer waren offenbar eher unerwartet vor dem Kapitol aufgetaucht. Die "New York Times" berichtet von Bridgette Craighead, Frisörin aus Rocky Mount in Virginia, die auf Bildern zwei Polizisten auf Seiten der Aufständischen erkannte - mit ihnen hatte sie wenige Monate zuvor gemeinsam auf einer Black-Lives-Matter-Veranstaltung getanzt.

Erst tanzen, dann Kapitol stürmen

Dem Blatt erzählte sie, dass es vergangenen Frühling in ihrem verschlafenen Heimatörtchen am Rande eines Bauernmarktes erstmals Solidaritätsproteste gegen Polizeigewalt gegeben hatte. Auf dem fröhlichen Fest hatten die Uniformierten beim "Electric Slide", ein Reihentanz, mitgemacht und danach noch Pizzen und Happy Meals ausgegeben. Wenn Black-Live-Matters-Aktivist und Polizisten zusammen Spaß hätten, sei das doch die beste Seite Amerikas, so Bridgette Craighead. Monate später reckten zwei der Polizisten im US-Kongress einer Kamera dann plötzlich den Mittelfinger entgegen. Via Facebook von der 29-jährigen Frisörin danach befragt, schienen die beiden stolz auf ihren Auftritt gewesen. Später wurden sie festgenommen.

"Chris, was machst du?"

"Ich beteilige mich an der Regierung"

"Warum? Geh gefälligst zu einer Bürgerversammlung"

Dieser Kurzdialog geht aus Gerichtsakten hervor, aus denen der TV-Sender CBS News zitiert. Anlass waren Instagram-Storys eines gewissen Christopher Ortiz aus dem Inneren des Kapitols am 6. Januar. Ein Schulfreund hatte die Bilder gesehen und seinen Kumpel gefragt, was er da treibe. Im Verlauf des Chats erwähnte der, dass die Kongress-Eindringlinge seiner Ansicht nach "Inlandsterroristen" seien und schloss mit den Satz: "Chris, ich liebe dich, aber das werde ich niemals verstehen." Chris, der später vom FBI festgenommen wurde, gehört ebenfalls zu der Reihe von Verdächtigen, die von Familienmitgliedern, Arbeitskollegen, alten Freunden oder ehemaligen Partnern an die Polizei verraten wurden.

Larry Rendell Brock
Larry Rendell Brock aus Grapevine in Texas ist ein ehemaliger Air-Force-Officer. Er war derjenige, der in martialischer Kampfausrüstung im US-Senat fotografiert wurde. Der 53-Jährige wurde offenbar von seiner Ex-Frau verpetzt.
© Win McNamee/Getty Images / AFP

CBS News hat ein paar Fälle der Petzen recherchiert und schreibt: "Viele der Hinweisgeber haben erzählt, wie sie Zeugen waren, dass jemand den sie kennen oder lieben, sich in der Zeit vor dem Kapitol-Sturm radikalisiert hat." Einige haben ihre Freunde live über ihre Tat informiert. Der Sender nennt etwa Richard Michetti, der seiner Ex-Partnerin Videos von grölenden Aufständischen aus dem Kongressgebäude geschickt hat. Gleichzeitig habe er versucht, ihr seine Gründe zu erläutern. "Muss die Abstimmung (im Senat, d. Red.) stoppen", schrieb er, weil schließlich Donald Trump die Wahl gewonnen habe. Laut FBI -Unterlagen habe er im Verlauf des Tages zahlreiche Nachrichten an seine Verflossene geschrieben. In einer heißt es: "Wenn du nicht erkennst, dass die Wahl gestohlen war, bist du ein Idiot." Am nächsten Tag meldete sie ihn bei der Polizei.

Selbst Familienangehörige haben offenbar nicht davor zurückgeschreckt, ihre Verwandten zu verpfeifen. So ist es etwa Zachary Alam ergangen, der dabei gefilmt wurde, wie er mit Hilfe eines Helms in den Flur der so genannten "Speakers Lobby" eingebrochen war. Laut Polizei hätten sich einige seiner Angehörigen den Mitschnitt "um die 20 Mal" angeschaut und dann seine Identität bestätigt. Nach dem Sturm aber schien Alam seine Tat bereut zu haben. Er habe anschließend Familienmitglieder angerufen und sich entschuldigt, so CBS News. Er wurde eine Woche später verhaftet.

Vater driftet ab, aber "letzen Endes ist er Familie"

Die Tochter von Douglas Sweet aus Florida dagegen wusste zwar vom Treiben ihres Vaters, wollte ihn aber nicht verraten. Sie habe mitbekommen, wie er zuletzt zunehmend in rechte Kreise abgedriftet war. Dennoch sagte sie dem US-Sender: "Letzen Endes ist das Familie. Und mir kommt es so vor, dass er regelrecht einer Gehirnwäsche unterzogen wurde."

Sie waren am Sturm auf das Kapitol beteiligt:

Mit Derrick Evans war auch ein gewählter Parlamentarier unter den Aufständischen. Der 35-Jährige sitzt für die Republikaner im Abgeordnetenhaus des Bundesstaats West Virginia. Oder besser: wurde im November erst hineingewählt. Evans hatte live auf seiner Facebook-Seite übertragen, wie er ins Washingtoner Kapitol eindrang. Nach seiner Festnahme erklärte er seinen Rücktritt als Abgeordneter. Er hoffe, so den "Heilungsprozess" in den USA einzuleiten, wie er in seinem Abschiedsstatement schrieb. "Damit wir alle nach vorn gehen können und als 'eine Nation, unter Gott' zusammenkommen."

Adam Johnson
Adam Johnson
© Win McNamee/Getty Images / AFP

Adam Johnson gehörte zu den ersten Verdächtigen, die festgenommen wurden. Er soll das Rednerpult der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, entwendet haben. Auf Bildern ist zu sehen, wie er mit einer Trump-Wintermütze auf dem Arm und dem Pult in der Hand zufrieden in die Kameras lächelte. Johnson, 36, ist Vater von fünf Kindern und stammt aus Florida.

Richard Barnett
Richard Barnett aus Arkansas
© Saul Loeb / AFP

Richard Barnett ausArkansas wurde ebenfalls wenige Tage nach dem Kapitol-Sturm verhaftet. Bei ihm handelt es sich wohl um den Mann, der sich mit einem Fuß auf dem Schreibtisch stolz im Sessel der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, fotografieren ließ. Der 60-Jährige ist als Schusswaffen-Befürworter bekannt. "Ich wurde da hineingeschubst", sagte Barnett, der eine Facebook-Gruppe für das Recht auf Schusswaffenbesitz verwaltet, einem Radiosender. "Ich habe die Toilette gesucht." Er habe allerdings das Recht gehabt, in Pelosis Büro zu sein, so Barnett weiter. Dieses sei schließlich aus Steuermitteln bezahlt worden. "Das ist mein Schreibtisch. Ich bin ein Steuerzahler", sagte er. Bevor er das Büro verließ, nahm er nach eigener Aussage einen Briefumschlag mit und hinterließ Pelosi eine Notiz, in der er sie als "Nutte" bezeichnete.

Ob Cleveland Grover Meredith auch an der Erstürmung des Kapitols beteiligt war, ist noch unklar. Sicher ist: Er hatte an der Trump-Kundgebung in Washington teilgenommen und eine SMS versandt, in der er drohte, Nancy Pelosi "live im Fernsehen" eine Kugel in die "Birne" zu schießen. In seinem Wohnwagen fand die Bundespolizei eine Glock-Pistole, ein Sturmgewehr und Hunderte Schuss Munition. US-Medien zufolge, ist Meredith ebenfalls QAnon-Anhänger sowie polizeibekannt. 2018 soll er in Georgia ein Großflächenplakat mit dem Slogan "#QANON" aufgehängt haben. Zudem sei er wegen unerlaubten Waffenbesitzes angeklagt gewesen.

Quellen: CBS News, DPA, AFP, MSN.com, "New York Times", "The New Yorker", NBC, Conan Daily


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