Ariel Sharon Der Krieger tritt ab


Ariel Sharon ist eine Kämpfernatur. Doch auf die politische Bühne wird Israels Premier nicht zurückkehren. Selbst seine Feinde beginnen schon jetzt, ihn zu vermissen.

Vor fast einem halben Jahrhundert zog Ariel Sharon aus, um die Welt das Fürchten zu lehren; sein Erfolg war groß. Indes hat er zuletzt durch den Abzug der israelischen Truppen aus Gaza Freunde wie Feinde überrascht. Jetzt, da seine Ära zu Ende geht, vermissen ihn selbst jene, die ihn nie leiden konnten - so der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kurei, der von der "großen Leere" spricht, die er hinterlassen werde. "Ein lebender Sharon ist besser für uns - trotz all der Verbrechen, die er an uns begangen hat", fand auch der palästinensische Journalist Ghazi al-Saadi im arabischen Fernsehen.

Die israelische Zeitung "Haaretz" vergleicht den "geliebten Premier" gar mit Charles de Gaulle und Gaza mit Algerien: "Was einst ein Propagandaslogan war - nur Sharon kann es vollbringen -, ist Wirklichkeit geworden." Mit anderen Worten: Niemand kann den nationalen Großvater ersetzen, sein Stellvertreter Ehud Olmert ebenso wenig wie der Sozialist Amir Perez, geschweige denn der Rechtsaußen Benjamin Netanjahu.

Doch was hat Sharon eigentlich vollbracht? Hat er sich im Laufe seiner fünf Jahrzehnte währenden Karriere wirklich geändert? Oder ist es nicht eher die Welt, die sich dramatisch gewandelt hat, und insbesondere sein Land, und zwar auch seinetwegen? Immerhin hat er Wunder gewirkt: Dass der einst als "Mörder" und Palästinenserfresser geächtete Sharon jetzt als Friedensengel gehandelt wird, ist selbst dort, wo Jesus einst übers Wasser wandelte, eine Sensation.

Geboren wird der eigentümliche Mann 1928 im Dorf Kfar Malal nahe Tel Aviv. Schon als Kind trägt er stets einen Knüppel bei sich. Sein Vater, der ihm früh den Umgang mit Waffen beibringt, baut als einziges Mitglied der Siedlung einen Zaun um sein Grundstück und lehrt seinen Sohn, dass die Liebe zum Land gleichbedeutend ist mit Landbesitz. "Wenn einem das Land gehört", schreibt Sharon in seiner Autobiografie "Der Krieger", "dann hat man Macht." Das ist seine einzige Religion.

Als Politiker wird er später

vor allem eines tun - den Bau von Siedlungen in den besetzten Gebieten fördern, überall. So schafft er Fakten. "Was ist der Unterschied zwischen einer Siedlung und einer Armeebasis?", fragt er gern die Menschen, die er auf so genannte Sharon-Touren durch die palästinensischen Gebiete mitnimmt. "Eine Siedlung kann man nie wieder abbauen." Der Anblick eines Ölbaums kann den Mann zu Tränen rühren - vorausgesetzt, es ist ein jüdischer Ölbaum. Die der Palästinenser lässt er entwurzeln, zu Tausenden.

Der Journalist Shimon Shiffer erinnert sich, dass Sharon, damals Verteidigungsminister, auf einer Ägyptenreise Anfang der 80er Jahre jeden Abend bei seiner Mutter Vera anrief, die ihm jeden Abend sagte: "Bist du immer noch bei den Arabern? Glaub ihnen kein Wort." Daran hält er sich, bis zuletzt. Palästinenser sind für ihn keine Partner, sondern Feinde.

"Wie ihr sind wir Menschen, wie ihr wollen wir unser Haus bauen, einen Baum pflanzen, lieben, leben, an eurer Seite, in Würde und Frieden, als freie Menschen", sagte der ermordete israelische Ministerpräsident Yithzak Rabin einmal zu ihnen. Sharon, der Rabin in einem Atemzug mit Eichmann nannte, hat nie daran geglaubt; mittlerweile glauben es auch die meisten Israelis nicht mehr, dafür hat er gesorgt.

Als junger Mann wird Sharon Mitglied der jüdischen Untergrundarmee Haganah und bleibt auch nach dem Unabhängigkeitskrieg beim Militär. Der Krieger ist furchtlos, kaltblütig, abenteuerlustig, brutal. Der Politiker auch. Nicht nur gegenüber Feinden. Davon zeugt sein Umgang mit den Siedlern von Gaza, die er erst heilig sprach, um sie dann fallen zu lassen. Oder mit der Likud-Partei, die er mitgründete, um sie, vor kurzem, zu verlassen und damit fast zu zerstören. Eine Bemerkung gegenüber dem späteren Staatspräsidenten Ezer Weizmann spricht Bände. Als der nach dem Tod seines Sohnes vor Trauer gelähmt war, soll Sharon ihn angeherrscht haben: "Bist du eine Mimose? Auch ich habe einen Sohn verloren. Na und? Man muss weiterleben!"

Diese Härte macht Mitleid mit ihm fast unmöglich; aber Mitleid ist das Letzte, was er will. Sharon macht Schicksalsschläge mit sich allein aus. Sein Leben ist überschattet von Tragödien, über die er nicht spricht. Sein ältester Sohn ist zehn, als er sich beim Spielen mit einem geladenen Gewehr des Vaters tödlich verletzt; das Kind stirbt in Sharons Armen. Zuvor war seine erste Frau, Margalit, 1962 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er heiratet deren Schwester Lily. Nach ihrem Tod im Jahr 2000 lässt er seine große Liebe neben seiner Farm im Norden der Wüste Negev beerdigen, auf den Ruinen des palästinensischen Dorfes Kafr Houdj, dessen Bevölkerung 1948 vertrieben wurde. Und macht wenige Monate später auf dem Tempelberg in Jerusalem einen Spaziergang, der den Vorwand zur zweiten Intifada liefert.

Wo auch immer Sharon auftritt,

hinterlässt er gemischte Gefühle. Man braucht ihn, doch man liebt ihn nicht. Noch nicht. "Wenn er nur seine Schwäche überwinden könnte, nicht die Wahrheit zu sagen, wäre er ein vorbildlicher militärischer Führer", findet Israels Staatsgründer David Ben Gurion. Der langjährige israelische Außenminister Abba Eban sagt über ihn: "Er löst jedes Problem auf friedliche Weise - es sei denn, er findet einen anderen Weg."

Das gelingt ihm fast immer, mal zum Nutzen, mal zum Schaden seines Landes. Nach einem brillanten Panzerangriff im Sechs-Tage-Krieg 1967 ist er für viele "Arik, König von Israel". Als es ihm im Yom-Kippur-Krieg 1973 gelingt, mit seinen Panzern bis kurz vor Kairo vorzurücken, wird der General endgültig zum Volkshelden. Doch sein Draufgängertum macht auch Angst: Ihm wird unmissverständlich klar gemacht, dass er keinerlei Chancen auf den Posten des Generalstabschefs hat. Daraufhin verlässt der Einzelgänger die Armee. "Ich bin", sagt er, "von niemandem abhängig."

Das stimmt. Er dient keinem Herrn, auch nicht Menachem Begin, der ihn zum Verteidigungsminister macht. "Ich weiß immer, was er tut, davor oder danach", sagt der einmal über Sharon, der Israel 1982 in einen desaströsen Krieg gegen den Libanon stürzt, um die PLO unter seinem Erzfeind Jassir Arafat zu vertreiben und dem Nahen Osten eine "Pax hebraica" aufzuzwingen. 25 000 Menschen kommen innerhalb von drei Monaten ums Leben, Hunderte von wehrlosen Palästinensern werden in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila unter den Augen der israelischen Armee von christlichen Milizen massakriert. Für die Israelis stirbt in Beirut "der Mythos, dass wir eine andere Nation sind", so Avraham Burg, Abgeordneter der Arbeiterpartei. "Wir sahen aus wie unsere Feinde."

Doch zunächst wird aus dem "König von Israel" ein "Mörder", wie Zehntausende von Demonstranten in Tel Aviv skandieren. Sharon landet in der politischen Wüste. Bis zuletzt hält er an der Überzeugung fest, er habe damals "militärisch richtig" gehandelt. Der Libanonkrieg läutert ihn nicht, doch er lehrt ihn zwei Dinge, so sein langjähriger Weggefährte Reuven Rivlin: "Im Krieg muss Israel geeint sein und sich außerdem die Unterstützung der Amerikaner sichern."

Fast 20 Jahre später wird er genau diese Bedingungen erfüllen, als er 2001 Ministerpräsident wird. Seine Antwort auf den zweiten Palästinenseraufstand: gezielte Morde, Angriffe, Abriegelungen, Belagerungen, Bombardements aus der Luft und von See, Einmärsche tief ins palästinensische Gebiet. Indes, nichts hilft: Eine Welle von Selbstmordattentaten paralysiert Israel.

Dafür bestraft Sharon nicht die Schuldigen, sondern seinen alten Erzfeind Jassir Arafat, und mit ihm alle Palästinenser. Nachdem die gesamte Infrastruktur der Autonomiebehörde sowie "jedes Symbol der Hoffnung und der Souveränität zerstört wurde", so der Journalist Gideon Levy, verlangt Sharon von ihnen etwas, das seiner eigenen Armee nie gelungen ist: die Entwaffnung sämtlicher palästinensischer Milizen. Auch lässt er eine Mauer errichten, quer durch das Jordantal und palästinensisches Land. Die künftige Ostgrenze des Staates Israel wird mit Bulldozern gezogen, fernab vom Verhandlungstisch. Doch die Palästinenser schwenken nicht die weiße Fahne, sondern die grüne Flagge der militanten Hamas.

Macht nichts. George W. Bush, traumatisiert durch den 11. September, hat anderes zu tun, als sich um den Nahostkonflikt zu kümmern. Er lässt Sharon, für ihn ein "Mann des Friedens", gewähren. Der weigert sich, mit den Palästinensern zu sprechen, auch nach Arafats Tod. Sicher, er hat die israelische Armee aus Gaza abgezogen. Und ausgerechnet er, der Pate der Siedler, hat als erster Premier große jüdische Siedlungen räumen lassen. Das konnte vielleicht wirklich nur er - das Land teilen, ohne das Volk zu spalten. Doch ist er deswegen ein Gandhi?

"Sharons Gehirn war schon vor seiner Krankheit einer der sonderbarsten Orte auf Erden", schreibt der Kolumnist Akiva Eldar. "Keiner weiß, wohin er eigentlich wollte. Wo sah er Israels Platz in der Region? Was meinte er wirklich, wenn er von einem 'palästinensischen Staat' sprach? War der Abzug aus Gaza der Anfang eines Prozesses, um dem Land endlich Grenzen zu geben, oder nur eine schlaue Finte, um anderthalb Millionen Palästinenser zu einem guten Preis loszuwerden?" Sharon habe "nichts hinterlassen - nur politisches Chaos, daheim und bei den Nachbarn". Und eine verarmte Nation: Außer in den USA ist nirgendwo in der westlichen Welt der Abgrund zwischen Arm und Reich tiefer als im einst sozialistischen Israel; jeder vierte Rentner lebt jetzt unterhalb der Armutsgrenze.

Doch auch das wird Sharon verziehen, ebenso wie die Korruptionsaffären, in die er und seine Söhne verstrickt sind. Sharon ist Israel. Wer ihn finanziert, finanziert das Land. Die letzte Finanztransaktion wird einen Tag vor seinem zweiten Schlaganfall ruchbar, drei Millionen Dollar soll er von einem Kasinobesitzer angenommen haben. In diesen Dingen hat Sharon kein Unrechtsbewusstsein. Er ist von unbändiger Lebensgier. Einen Tag vor seinem ersten Schlaganfall vor vier Wochen beobachtet der Journalist Ben Caspit fassungslos, wie der 118 Kilo schwere Ministerpräsident während des Mittagessens "Kebabs, Steaks, Lammkoteletts, Fleisch am Grill und Salate" verputzt, um sich anschließend noch einen Schokoladenkuchen sowie ein Törtchen zu Gemüte zu führen.

"Einer, der nicht bei Rot hält", lautet der Titel einer nicht autorisierten Biografie über Sharon. Unter ihm hält auch Israel nicht mehr bei Rot. Für den Schriftsteller David Grossman ist er der Mann, der seine Landsleute verhexte. "Er hat sich in den Augen eines Großteils der israelischen Bürger in erstaunlich kurzer Zeit von einem der meistgehassten und gefürchtetsten Männer zum angesehenen, hochgeschätzten und sogar beliebten Staatsmann gewandelt, gewissermaßen zu einem großen, autoritären Vater, dem sie blind zu folgen bereit waren, wohin immer er sie führen würde. Wer dieses Rätsel löst, gewinnt tiefen Einblick in die israelische Seele, ihre Stärken und Schwächen, in die verborgenen jüdischen Ängste, die Sharon so geschickt anzufachen wusste, um dann ihre Linderung und Lösung zu versprechen. Er verstand die israelische Begeisterung für Stärke, die dem Wunsch entspringt, der ständigen Demütigung des armseligen, machtlosen, stets auf den guten Willen anderer angewiesenen Diasporajuden zu entkommen."

Seine Antwort darauf - die ständige Demütigung der Palästinenser, die stets auf den guten Willen Israels angewiesen sind - hat längst auch auf der anderen Seite zu einer fatalen, da hasserfüllten Begeisterung für Stärke geführt. Fünf Jahre lang hat Sharon seinen Landsleuten vorgegaukelt, dass eine Scheidung von den Palästinensern möglich ist, ohne zum Anwalt zu gehen. Die Alimente müssen seine Nachfolger zahlen.

Stefanie Rosenkranz Mitarbeit: Mira Avrech

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