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Aufständische: US-Militär kämpft nun an zwei Fronten

12 US-Marines wurden bei einer Attacke irakischer Aufständischer in Ramadi getötet. Unterdessen dauern die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Besatzungstruppen und schiitischen Kämpfern an.

Irak droht drei Monate vor der geplanten Machtübergabe der Besatzer in einem blutigen Chaos zu versinken. Bei einem Angriff von Aufständischen in der Stadt Ramadi wurden am Dienstag nach Informationen aus dem amerikanischen Verteidigungsministerium zwölf US-Marineinfanteristen getötet. In Falludscha wurden am Abend bei US-Luftangriffen auf vier Häuser mehrere Dutzend Iraker getötet, darunter auch Frauen und Kinder, wie Augenzeugen berichteten.

Schwere Verluste auch auf irakischer Seite

Wie ein Gewährsmann in Washington unter Berufung auf Berichte aus Ramadi mitteilte, griffen Dutzende Iraker eine Stellung der Marines nahe des Gouverneurspalastes an. "Eine beträchtliche Zahl" von Marines sei dabei getötet worden, sagte der Informant, der anonym bleiben wollte. Erste Berichte deuteten auf bis zu einem Dutzend Getötete hin, sagte er weiter.

Die Angreifer sollen den Angaben zufolge ebenfalls schwere Verluste erlitten haben. Es war zunächst nicht bekannt, wer die Angreifer waren und ob der Angriff in Zusammenhang steht mit andauernden Gefechten im nahe gelegenen Falludscha.

Dutzende sterben bei neuen Gefechten in Falludscha

Bei neuen Gefechten in der westirakischen Stadt Falludscha waren in der Nacht zum Mittwoch nach Angaben von Augenzeugen und Ärzten 48 Iraker und mehrere US-Soldaten getötet worden. Ein irakischer Augenzeuge sagte, er habe in einem Viertel der Stadt auf den Straßen die Leichen von zehn amerikanischen Soldaten gesehen. Dafür gab es von der US-Armee zunächst keine Bestätigung. Ein weiterer Augenzeuge erklärte, er habe bei Falludscha den Absturz eines US-Armeehubschraubers beobachtet. Ärzte in Falludscha sagten, rund 100 Verletzte seien ins Krankenhaus gebracht worden.

Ein Augenzeuge erklärte, unter den Toten seien 25 Mitglieder einer Großfamilie, deren Haus von einer Rakete getroffen worden sei. Die Amerikaner griffen am Morgen mehrere Ziele in der Stadt aus der Luft an. Die US-Soldaten haben die Stadt mit ihren rund 300 000 Einwohnern, die als Hochburg der Aufständischen gilt, abgeriegelt.

Gefechte in Kerbela

In der Schiiten-Stadt Kerbela wurden am Morgen nach Augenzeugenberichten fünf iranische Pilger getötet, als polnische Soldaten das Feuer auf den Kleinbus der Iraner eröffnet hätten. Ein Ladenbesitzer aus Kerbela sagte, amerikanische und polnische Soldaten hätten neben seinem Geschäft zwei Iraker getötet sowie zwei Läden zerstört. In der Nacht zum Mittwoch waren in Kerbela drei Iraker bei Zusammenstößen mit Koalitionstruppen getötet worden.

Die US-Militäraktion in Falludscha im so genannten sunnitischen Dreieck ist eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod und die Verstümmelung von vier Amerikanern vor einer Woche. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld berichtete am Dienstag von mehreren Festnahmen. Mehrere Verdächtige seien getötet worden, als sie Widerstand geleistet hätten.

Amerikaner kämpfen nun gegen Sunniten und Schiiten

Neben den sunnitischen Widerstandskämpfern sehen sich die Besatzungstruppen mittlerweile auch radikalen Schiiten gegenüber. Der von den USA mit Haftbefehl gesuchte Schiitenführer Muktada el Sadr drohte mit einem Aufstand. Nach Angaben von Vertrauten verschanzte er sich in der heiligen Stadt Nadschaf. Der Schiitenführer, der im Zusammenhang mit der Ermordung eines gemäßigten Rivalen vor einem Jahr gesucht wird, hatte sich zwei Tage lang in einer Moschee in Kufa aufgehalten.

Anhänger El Sadrs lieferten sich in der Nacht zum Dienstag Gefechte mit britischen Soldaten in Amarah. 15 Iraker wurden nach Militärangaben getötet, acht verletzt. Bei Auseinandersetzungen zwischen italienischen Truppen und bewaffneten Kämpfern in Nassirijah wurden am Dienstag 15 Iraker getötet. 35 weitere Iraker und elf Soldaten wurden italienischen Angaben zufolge verletzt. Den Auseinandersetzungen mit den Schiiten fielen in den vergangenen Tagen schon insgesamt mehr als 100 Iraker und 20 Soldaten zum Opfer.

Bush will am Termin für die Machtübergabe festhalten

US-Präsident George W. Bush hat betont, dass er trotz der Gewalt am 30. Juni als Termin für die Machtübergabe festhalten werde. Auch der britische Premierminister Tony Blair bekräftigte am Dienstag die Entscheidung. Angesichts der verheerenden Sicherheitslage hat das UN-Flüchtlingshilfswerk die Rückführung irakischer Flüchtlinge aus Iran vorübergehend eingestellt.

Rumsfeld schließt Truppenverstärkung nicht aus

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat angesichts der schweren Kämpfe in Irak eine Verstärkung der US-Truppen nicht ausgeschlossen. In einer Konferenzschaltung mit dem auf seiner Ranch in Crawford weilenden Präsidenten George W. Bush, der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und anderen engen Mitarbeitern sagte er, die Entscheidung darüber liege bei der Militärführung vor Ort. Sollten sie mehr Soldaten anfordern, würden sie sie bekommen.

Die Konferenz erfolgte nach schweren Kämpfen an zwei Fronten, nämlich in sunnitischen und schiitischen Regionen, bei denen seit dem Wochenende Dutzende US-Soldaten und mindestens 100 Iraker getötet wurden. In der sunnitischen Hochburg Falludscha wurden US-Marineinfanteristen in Straßenkämpfe verwickelt, in denen schwere Waffen wie das für die Bekämpfung von Bodenzielen konzipierte Kampfflugzeug AC-130 und Panzer eingesetzt wurden. Gleichwohl zogen sich die US-Truppen nach einem Vorstoß ins Stadtzentrum wieder zurück. Ein Unteroffizier, Christopher Ebert, sagte, es sei das erste Mal, dass sich irakische Kämpfer eingegraben hätten und von ihrer Taktik des Angriffs und schnellen Rückzugs abgegangen seien.

Rumsfeld bezeichnete die derzeitige Truppenstärke in Irak von 135.000 Soldaten als ungewöhnlich hoch. Sie komme durch ein System der Rotationen und Neuentsendungen zu Stande, an deren Ende eine Truppenstärke von 115.000 Mann stehen sollte. "Die Kommandeure setzen die überzähligen Truppen ein, die im Stationierungsprozess gerade da sind", sagte er.

DPA, AP