Ausschreitungen in Kirgistan Neue Unruhen fordern zahlreiche Todesopfer


Erneutes Aufflackern der Gewalt in Kirgistan: Bei neuen Ausschreitungen in dem zentralsiatischen Staat sind mehr als 40 Menschen gestorben, mindestens 600 wurden verletzt. Zentrum der Gewalt war die zweitgrößte Stadt Osch. Die Übergangsregierung verhängte ein Ausgangsverbot und schickte Panzer.

Ein brennendes Gebäude in der Stadt Osch: Zahlreiche Häuser wurden dort in Brand gesteckt

Zwei Monate nach dem Umsturz in Kirgistan sind bei neuerlichen Ausschreitungen am Freitag mehr als 40 Menschen getötet und mindestens 600 verletzt worden. Die Behörden verhängten wegen der Zusammenstöße zwischen ethnischen Kirgisen und Angehörigen der usbekischstämmigen Minderheit in der zweitgrößten Stadt Osch den Ausnahmezustand. Die Übergangsregierung entsandte Truppen und Panzerfahrzeuge nach Osch.

Was die Unruhen auslöste, ist noch unklar. Die Gewalt griff auch auf die Hauptstadt Bischkek über: Auf einem beliebten Markt wurden Angehörige der usbekischstämmigen Minderheit von wütenden Kirgisen angegriffen und ausgeraubt.

Zahl der Opfer könnte noch steigen

Es waren die schwersten Unruhen seit dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew im April. Viele Opfer hätten Schusswunden erlitten, sagte Gesundheitsministerin Jelena Bailinowa. Zahlreiche Häuser standen in Flammen. Mit Eisenstangen und Steinen bewaffnete junge Männer überfielen Geschäfte und steckten Autos in Brand. Besonders stark betroffen waren nach Angaben einer Nichtregierungsorganisation die Viertel der usbekischstämmigen Minderheit. Eine Straße sei vollständig zerstört, "Dutzende von Cafés und Gebäuden stehen in Brand", sagte ein Vertreter der Koalition für Demokratie und Bürgergesellschaft.

Ein Krankenhausarzt in Osch warnte am Freitagnachmittag, die Zahl der Opfer könnte noch steigen. Viele ethnische Usbeken wagten nicht, ihre Verletzten ins Krankenhaus zu bringen, sagte der Arzt: "Alle Betten in unserem Krankenhaus sind belegt, aber 90 Prozent der Patienten sind Kirgisen, weil die Usbeken Angst vor den Angehörigen der kirgisischen Opfer haben."

Appel der Übergangspräsidentin an die Frauen

Der Ausnahmezustand soll nach Regierungsangaben bis zum 20. Juni gelten. Von 20 Uhr bis sechs Uhr wurde ein Ausgehverbot verhängt. Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa rief in einer Fernsehansprache zur Ruhe auf. Sie appelliere vor allem an die Frauen: "Liebe Schwestern, findet die richtigen Worte für eure Söhne, Männer und Brüder. In der derzeitigen Lage ist es inakzeptabel, sich Gefühlen von Vergeltung und Wut hinzugeben."

Die Lage in Kirgistan ist seit dem Sturz von Präsident Bakijew Anfang April gespannt, bei Unruhen kamen damals 85 Menschen ums Leben. Am 27. Juni wird in dem zentralasiatischen Staat in einem Referendum über eine neue Verfassung abgestimmt, und im Oktober stehen Parlamentswahlen an.

Auf einer Sicherheitskonferenz im benachbarten Usbekistan zeigten sich der russische Präsident Dmitri Medwedew und der chinesische Staatschef Hu Jintao am Freitag besorgt über die Lage in Osch und sagten der Regierung Unterstützung zu.

DPA/APN/AFP DPA

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