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Bericht der IAEA: Iran baute an der Bombe

Die Atomenergiebehörde IAEA ist sich sicher: Der Iran baute an der Bombe. Ihr neuer Bericht gibt auch den Falken in Israel neue Nahrung - und schürt die Kriegsangst in Nahost.

Von Sophie Albers

So klar hatte es die IAEA noch nie gesagt: Der Iran hat an der Bombe gebaut, hieß es von der Internationalen Atomenergiebehörde am Dienstagabend in Wien. Man habe eine Reihe von Hinweisen darauf, dass das islamische Land bis 2010 verschiedene Projekte und Experimente zur Entwicklung eines atomaren Sprengkopfes durchführte und sei "ernsthaft besorgt", so der neueste Iran-Bericht der IAEA, aus dem mehrere Presseagenturen zitieren. Es sind Informationen, die die Kriegsangst im Nahen Osten zusätzlich verschärfen. Die Angriffsdrohungen Israels gegen die Atomanlagen des Iran sind noch ernster zu nehmen als ohnehin schon.

Der Iran ist nicht nur einer der größten Ölproduzenten der Welt, es ist ein Destabilisator der ganzen Region. Der letzte Verbündete Syriens, wo die Regierung das eigene Volk zusammenschießt. Ahmadinedschad ist ein berüchtigter Show-Prediger gegen die USA, die Welt und vor allem gegen Israel, dessen Zerstörung er propgagiert. Ist er fanatisch genug, eines Tages tatsächlich den roten Knopf zu drücken? Diese Frage treibt nicht nur Israel um. Die Regierungen dieser Welt blicken seit Jahren mit Sorge auf das iranische Atomprogramm, suchen es mit der Atomenergiebehörde zu kontrollieren und mit Sanktionen zu bremsen. Fortschritte: keine.

Laut Irans Regierung dient das Programm einzig der Energieversorgung und medizinischen Zwecken. Doch gab es schon vor dem neuen IAEA-Bericht Meldungen darüber, dass die Anreicherungsversuche weit darüber hinausgehen. Der stern hatte darüber berichtet und aktuell die "Washington Post", der zufolge ausländische Wissenschaftler Teheran beim Bau einer Atomwaffe unterstützen. Schon vor Veröffentlichung des IAEA-Berichts wollten gut informierte Quellen wissen, dass der Iran am Computermodell eines atomaren Sprengkopfes arbeitete.

Der verbale Krieg tobt schon

Weil Israel Kristallisationspunkt der Angst der Welt vor dem Iran und wohl erstes Atomziel der Mullahs wäre, befindet es sich in einem Krieg der Drohgebärden mit dem islamischen Staat. In der vergangenen Woche testete die israelische Armee eine Langstreckenrakete, Soldaten probten nahe Tel Aviv den Ernstfall eines Raketenangriffs. Und entsprechend der Menachem-Begin-Doktrin "Angriff ist die beste Verteidigung", drohen Israels Premier Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak dem Iran mittlerweile unverhohlen mit einem Militärschlag, für den sie angeblich fleißig Stimmen im Kabinett sammeln. Selbst der eher als besonnen geltende Präsident Schimon Peres schließt einen Angriff nicht aus: Eine militärische Lösung sei näher als eine diplomatische, sagte er der Zeitung "Hayom". In einem TV-Interview wurde er noch deutlicher.

Das Szenario für die Folgen einer solchen Militäraktion ist furchterregend. Einen Flächenbrand in der Region fürchten Experten. Iran ist nicht Irak. Er ist größer, besser gerüstet, hat Verbündete in der Hisbollah im Libanon und der Hamas, die entsprechend reagieren würden. Israel hätte mit einem Gegenschlag zu rechnen. Das Ausmaß: nicht vorherzusehen. Es könnte einen Krieg bedeuten, der im Extremfall Russland und China von USA und Europa abspaltet. Pro-israelisch ist die Stellung von Russen und Chinesen in dem Konflikt bislang jedenfalls nicht.

Russlands Präsident Dmitri Medwedew griff das Thema am Dienstag bei seinem Besuch in Deutschland auf und warf Israel "gefährliche Rhetorik" vor. Und damit nicht genug, fügte der Russe an: "Die Drohung mit einem Militärschlag kann in einen großen Krieg führen."

41 Prozent sind gegen einen Angriff

Aber Netanjahu schlägt auch daheim Kritik entgegen. In einem Land, in dem die Existenzangst Alltag ist, hatten martialische Politiker seiner Art bisher leichtes Spiel bei der Durchsetzung ihrer Abschreckungs- und Eroberungspläne. Doch die Ära der Sozialproteste hat ein kritisches Denken mit sich gebracht, das neu ist: In dieser Woche fanden in Tel Aviv und Haifa bereits - wenn auch kleinere - Proteste gegen einen möglichen Angriff statt. In einer Umfrage der Zeitung "Haaretz" zeigte sich Israel gespalten: 41 Prozent sprachen sich für einen Angriff aus, 39 Prozent dagegen. 20 Prozent enthielten sich. Die Frage, ob sie Netanjahu und Barak im Umgang mit dem "Iran-Problem" trauen, beantworteten 52 Prozent der Israelis mit Ja, 37 mit Nein.

Besonders heftig fiel ein Artikel von Ynet aus. Darin beschreibt Uri Bar-Yosef, Professor für internationale Beziehungen in Haifa, Netanjahu und Barak als "rücksichtsloses Duo" und zieht sogar den Vergleich mit dem faschistischen italienischen Diktator Mussolini. Die Gründe für Netanjahus Politik der Ignoranz seien "unklar", sein Handeln "fehlerhaft und rücksichtslos". Meir Dagan, ehemaliger Mossad-Chef, nannte die Pläne des Luftangriffs auf einen iranischen Reaktor schlicht "dumm". Vize-Premier Moshe Yaalon formulierte es im Militärradio etwas vorsichtiger: "Die militärische Option ist keine leere Drohung, doch sollte Israel sich nicht darauf stürzen".